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Plattform-Unternehmen
Wichtige Merkmale eines Plattform-Unternehmens sind Netzwerkeffekte und eine hohe Digitalisierung für die Nutzung von Daten zur Erhöhung der Produktivität …
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Grundidee und Bedeutung
Ein Plattform-Unternehmen bietet eine digitale Basis für Leistungen verschiedener Individuen oder Organisationen. Diese Leistungen werden nach einem einheitlichen Standard um einen zentralen Kern organisiert. Damit unterscheidet sich das Plattform-Unternehmen von der Wertschöpfungskette eines konventionellen Unternehmens.
Wichtige Merkmale sind Netzwerkeffekte und ein hoher Digitalisierungsgrad. Netzwerkeffekte bedeuten, dass die Nutzung der Plattform durch weitere Beteiligte ihren Nutzen erhöhen kann. Die Nutzung von Daten soll die Produktivität gegenüber konventionellen Unternehmen steigern. Zum Geschäftsmodell gehört außerdem die schnelle Skalierung um einen zentralen Kern.
Die größten beziehungsweise umfassendsten weltweiten Plattform-Unternehmen werden als Big Tech bezeichnet. Nach einer Untersuchung des Center for Global Enterprise existierten 2016 insgesamt 176 Plattform-Unternehmen mit einem Marktwert von über einer Milliarde US-Dollar. Plattform-Unternehmen gelten als neuer Typus des Kapitalismus; dafür werden die Begriffe Digitaler Kapitalismus und Plattformkapitalismus verwendet.
Die vier Plattformmodelle
Plattformen werden grundsätzlich nach ihrer Funktionsweise gegliedert, nicht nach ihrer scheinbaren Branche. Es gibt vier große Modelle: Transaktion, Innovation, Integration und Investition. Weitere Modelle lassen sich meist einem oder mehreren dieser Typen zuordnen.
Transaktionsplattformen werden auch als two-sided-, multisided- oder matchmaking-Märkte bezeichnet. Sie verbinden zwei oder mehrere Parteien über eine Technologie oder Dienstleistung. Vermittelt werden können Waren, Dienstleistungen, Informationen und andere Dinge. Die Plattform ist typischerweise nicht selbst Anbieter, sondern fungiert als Vermittler. Beispiele sind YouTube, Fiverr und Kleinanzeigen.
Innovationsplattformen bilden eine Grundlage, auf der Unternehmen und Individuen neue Produkte, Dienstleistungen oder Wissen entwickeln. Die Beteiligten sind meist lose in einem Innovationsökosystem verbunden. Die Plattform stellt Entwicklungsgrundlagen bereit, sammelt Wissen und unterstützt den Austausch. Dadurch sollen gleiche Ansätze in unterschiedlichen Ausprägungen nicht den Fortschritt verhindern. Wichtige Bereiche sind technische Entwicklung und Ideenaustausch. Beispiele sind Linux und GitHub.
Integrationsplattformen verbinden die beiden erstgenannten Modelle. Der Betreiber wirkt durch Regeln und Prüfungen mit und beteiligt sich aktiv an den Inhalten. Andere Parteien werden dazu angeregt, Beiträge zu erstellen und zu verbessern oder eigene Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Diese Angebote müssen mit denen des Betreibers konkurrieren. Dadurch können externe Anbieter für Nutzer nicht immer klar erkennbar benachteiligt werden. Dieses Modell ist meist eine Weiterentwicklung einer bereits bestehenden Plattform. Beispiele sind Amazon und Zalando.
Investitionsplattformen treten meist als Muttergesellschaften von Plattformen auf und halten Anteile an ihnen oder besitzen sie vollständig. Sie ermöglichen die Entwicklung weiterer Plattformen oder nutzen ähnliche Grundstrukturen, um laufende Kosten zu senken und die Margen einzelner Plattformen zu erhöhen. Die Tinder-Muttergesellschaft Match Group hält beispielsweise Anteile an 24 weiteren Dating-Apps. Weitere Beispiele sind Alphabet Inc. als Muttergesellschaft von Google und YouTube sowie Meta Platforms als Muttergesellschaft unter anderem von Facebook und WhatsApp. Vergleichbare Strukturen gibt es auch außerhalb der klassischen Plattformwirtschaft, etwa bei Volkswagen in der Automobilbranche und Nestlé im Konsumgüterbereich.
Plattformarbeit und ihre Verbreitung
Bei Plattformarbeit werden Angebot und Nachfrage nach bezahlter Arbeit über eine Online-Plattform zusammengebracht, in der Regel unter Nutzung von Groupware. Die Arbeit ist sehr heterogen. Sie unterscheidet sich unter anderem im Umfang der Aufgaben, in Art und Format der Dienstleistung, in den erforderlichen Qualifikationen und in der Form des Matchings zwischen Arbeitskraft und Kunde.
In Deutschland haben 12,3 % der erwerbsfähigen Personen schon einmal Plattformarbeit ausgeübt. Für die überwiegende Mehrheit ist sie ein Nebenverdienst; nur für 1,5 % stellt sie die Hauptbeschäftigung dar. In der Europäischen Union arbeiten mehr als 30 Millionen Menschen für „Plattformfirmen“. Nach Einschätzung der EU-Kommission sind darunter rund 5,5 Millionen Scheinselbständige.
Gleichstellung und soziale Absicherung
Der 2021 veröffentlichte Dritte Gleichstellungsbericht der Bundesregierung stellt fest, dass eine beruflich selbständige Tätigkeit auf einer Plattform häufig mit einer geringfügigen Beschäftigung verbunden wird. Dies betrifft vor allem Frauen und kann zu Lücken in der Sozialversicherung führen, etwa bei der gesetzlichen Rente und beim Mutterschutz.
Eine im Bericht zitierte Studie von Fairwork Deutschland aus dem Jahr 2020 kommt zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der auf Plattformen Beschäftigten Migrationserfahrung oder eine Migrationsgeschichte hat. Für Migranten ohne Zugang zum regulären Arbeitsmarkt kann Plattformarbeit als Alternative erscheinen.
Die Sachverständigenkommission des Gleichstellungsberichts fordert, Plattformarbeit „besser abzusichern und in die sozialen Sicherungssysteme einzubeziehen“. Erforderlich seien „Regelungen, die eine eigenständige und existenzsichernde soziale Absicherung unabhängig vom Status der Plattformarbeitenden gewährleisten“. Außerdem stellte die Kommission fehlende Mitbestimmungsstrukturen und einen fehlenden Schutz vor algorithmischer Diskriminierung fest.
Kontroversen und Regulierung
Plattform-Unternehmen und die von ihnen angestrebten Monopole werden unterschiedlich bewertet. Peter Thiel lobt Monopole als Möglichkeit, dauerhaften Wert zu schaffen und zu sichern. Dagegen kritisiert Professor Lutz Becker die von digitalen Plattformen erzeugte „Marktfiktion“. Internet-Giganten könnten wirtschaftliche und gesellschaftliche Übereinkünfte, Regeln und Verfahren in ihre Geschäftsmodelle übernehmen und dadurch die Spielregeln von Angebot und Nachfrage, Märkten und Branchen, Kultur und Gesellschaft sowie von Arbeit und Kapital grundlegend verändern. Wenn Plattformen zur faktischen Voraussetzung für die Teilnahme an Markt oder Gesellschaft würden, könne dies zu einer digitalen „Kolonialisierung“ von Märkten und Gesellschaften führen.
Auch der Roman Der Circle und seine Verfilmung The Circle kritisieren ein fiktives Plattform-Unternehmen, das durch Totalüberwachung und die vollständige Abschaffung der Privatsphäre nahezu alle Probleme der Welt lösen will.
Weil Plattform-Unternehmen Leistungen dynamisch und produktiver anbieten wollen, greifen sie in vielen Ländern etablierte Geschäftsmodelle disruptiv an. Dadurch entstehen Diskussionen über die gesetzliche Rechtmäßigkeit ihrer Leistungen sowie über Änderungen der Regulierung, etwa bei Uber und Airbnb in Berlin, oder über Verbote, etwa Uber in Hamburg. Forschende der Humboldt-Universität zu Berlin schlugen 2023 vor, den im Koalitionsvertrag des Kabinetts Scholz vereinbarten Aufbau von Kundenbeiräten ähnlicher „Plattformräte“ zu stärken.