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Platform Capitalism

Das Buch thematisiert aus US-amerikanischer Sicht die Digitale Transformation des Kapitalismus seit der globalen Finanzkrise in 2007/2008 und die durch …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Kernthese
  2. 2. Historische Voraussetzungen
  3. 3. Fünf Plattformtypen
  4. 4. Wettbewerb und Zukunft
  5. 5. Kritik und begriffliche Abgrenzung

Gegenstand und Kernthese

„Platform Capitalism“ ist ein 2016 bei Polity erschienenes Sachbuch des britischen Autors Nick Srnicek; die deutsche Ausgabe „Plattform-Kapitalismus“ erschien 2018 bei der Hamburger Edition. Das Buch untersucht aus US-amerikanischer Sicht, wie sich der Kapitalismus besonders seit der globalen Finanzkrise 2007/2008 digital verändert hat.

Srniceks Kernthese lautet: Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts stützt sich zunehmend auf Daten, um Wachstum zu erzeugen und die Schwäche des traditionellen Produktionssektors auszugleichen. Daten dienen etwa dazu, Produktionsabläufe zu optimieren, Kundenwünsche zu erkennen und Märkte zu kontrollieren. Weil herkömmliche Geschäftsmodelle für ihre Gewinnung und Nutzung schlecht geeignet sind, entstand die Plattform als neuer Unternehmenstyp.

Eine Plattform ist eine digitale Infrastruktur, die Interaktionen zwischen zwei oder mehr Gruppen ermöglicht, etwa zwischen Kunden, Werbetreibenden, Dienstleistern, Produzenten, Lieferanten oder physischen Objekten. Indem sich die Plattform zwischen diese Gruppen stellt, wird sie zum Ort ihrer Aktivitäten und erhält privilegierten Zugang zu den dabei entstehenden Daten. Plattformbesitzer bestimmen außerdem die Regeln, nach denen Produkte, Dienstleistungen und Interaktionen gestaltet werden.

Kennzeichnend sind Netzwerkeffekte, Quersubventionierung und eine Tendenz zur Monopolisierung. Ein Netzwerkeffekt bedeutet, dass eine Plattform für ihre Nutzer wertvoller wird, wenn weitere Nutzer hinzukommen. Bei der Quersubventionierung finanziert ein rentabler Teil des Geschäfts einen anderen, beispielsweise kostenlose oder sehr günstige Angebote zur Gewinnung neuer Nutzer. Da die Plattformen Software, Hardware und zunehmend gesellschaftlich wichtige Infrastrukturen besitzen, konzentrieren sie Eigentum und Kontrolle. Häufig verschieben sie wirtschaftliche Angebote außerdem vom Verkauf eines Produkts zur fortlaufenden Bereitstellung einer Dienstleistung.

Historische Voraussetzungen

Srnicek erklärt den Plattformkapitalismus aus längerfristigen Entwicklungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Kapitalismus bleibt für ihn eine durch Konkurrenz und Profitstreben geprägte Wirtschaftsform; die digitale Wirtschaft ist daher keine vollständig neue Ordnung, sondern setzt historische Trends fort.

Erstens wurden der Fordismus und die tayloristische Arbeitsorganisation seit den 1970er-Jahren zunehmend durch Toyotismus, schlanke Geschäftsmodelle, Outsourcing und flexible Beschäftigung ersetzt. Internationaler Wettbewerb, Überproduktion und Preisdruck führten zu niedrigen Löhnen, stärkerem Managementdruck und unsichereren Arbeitsverhältnissen.

Zweitens schuf der Internet-Boom der 1990er-Jahre hohe Aktienbewertungen, zahlreiche Gründungen, Risikokapital und eine umfangreiche Telekommunikationsinfrastruktur. Das Streben nach Monopolen prägte den Internetsektor bereits damals. Srnicek bezeichnet das anschließende Wachstumsmodell niedriger Zinsen und steigender Vermögenspreise als „asset-price Keynesianism“: Die Wirtschaft sollte ohne defizitäre Staatsausgaben angekurbelt werden. Die Spekulation mündete 2000 in die Dotcom-Blase. Die fortgesetzte Niedrigzinspolitik begünstigte danach sinkende Hypothekenzinsen und eine Immobilienblase.

Drittens platzte diese Blase im September 2008 und löste die globale Finanzkrise aus. Staaten erhöhten ihre Defizite zur Krisenbekämpfung, während später Sparpolitik die staatlichen Handlungsmöglichkeiten einschränkte. Sechs große Zentralbanken senkten international koordiniert ihre Leitzinsen. Das dauerhaft günstige Kapital wurde zu einer wichtigen Voraussetzung der heutigen digitalen Wirtschaft. Steueroasen, Steuervermeidung und Unternehmenseinsparungen schwächten zugleich die steuerpolitischen Möglichkeiten und erhöhten die Bedeutung unkonventioneller Geldpolitik.

Für Beschäftigte bedeutete diese Entwicklung mehr prekäre und informelle Arbeit, Langzeitarbeitslosigkeit, sinkende Löhne und Ersparnisse sowie wachsende Verschuldung. Der Zwang, ein Einkommen zu erzielen, erhöhte nach Srnicek die Anfälligkeit für ausbeuterische Arbeitsbedingungen.

Fünf Plattformtypen

Srnicek unterscheidet fünf Plattformtypen. Ein Unternehmen kann mehrere Typen verbinden; die Einteilung ist deshalb analytisch.

• Werbeplattformen bieten meist kostenlose Dienste an, um viele Nutzer zu binden und Netzwerkeffekte zu erzeugen. Einnahmen entstehen, indem sie Nutzerdaten auswerten und Werbeflächen versteigern. Verkauft werden nicht einfach persönliche Daten, sondern die Möglichkeit, Werbetreibende mit wahrscheinlich passenden Nutzern zusammenzubringen. Im ersten Quartal 2016 erzielte Google 89 % und Facebook 96,6 % seiner Einnahmen mit Werbung. Kritiker betrachten Nutzer als unbezahlte Arbeiter, deren Daten und Inhalte wirtschaftlich verwertet werden.

• Cloud-Plattformen stellen digitale Infrastruktur auf Abruf und meist im Abonnement bereit. Amazon entwickelte 2006 Amazon Web Services (AWS), zunächst zur Bewältigung seiner eigenen wachsenden Logistik. Heute können andere Unternehmen darüber IT-Infrastruktur mieten, ohne eigene Soft- und Hardware aufzubauen. Der Besitz einer für andere Branchen notwendigen Infrastruktur verschafft Cloud-Anbietern eine mächtige und rentable Stellung. Zugleich kann das Auslagern von IT-Aufgaben Fachkräfte verdrängen und Tätigkeiten automatisierbar machen. Weitere Anbieter sind Google, Microsoft, IBM und Adobe Inc.

• Industrielle Plattformen verbinden im Internet der Dinge (IoT) Sensoren und Aktoren, Fabriken und Lieferanten sowie Software und Hardware. Ein gemeinsamer Kommunikationsstandard soll Interoperabilität, also das Zusammenarbeiten verschiedener Systeme, ermöglichen. Ziel sind Produktionsoptimierung, Effizienzsteigerung und Kostensenkung. General Electric und Siemens entwickelten dafür Predix beziehungsweise MindSphere. Solche Plattformen vermitteln spezielles Produktionswissen und können große Teile der globalen Fertigung überwachen.

• Produktplattformen bieten materielle oder immaterielle Waren als Dienstleistung an. Zipcar vermietet eigene Autos; Spotify und Pandora stellen Musik per On-Demand-Streaming gegen Abonnements bereit. Auch Rolls-Royce, GE und Pratt & Whitney verkaufen Strahltriebwerke nicht mehr nur als Produkte, sondern berechnen deren Nutzung und übernehmen dafür Wartung und Ersatzteilversorgung. Sensoren liefern Daten für Produktverbesserungen und Wettbewerbsvorteile. Zur Verbreitung dieses Modells trugen stagnierende Löhne und sinkende Ersparnisse bei.

• Schlanke Plattformen wie Uber und Airbnb besitzen scheinbar kaum Waren: Uber keine Autos und Airbnb keine Unterkünfte. Ihr entscheidendes Kapital besteht jedoch aus Software, Datenanalyse und Kontrolle über die Plattform. Arbeitskräfte gelten meist als unabhängige Auftragnehmer oder Freelancer; Reputationssysteme ermöglichen dennoch Kontrolle. Investitions-, Versicherungs-, Instandhaltungs- und Abschreibungskosten werden auf sie verlagert. Das fördert prekäre Arbeit, unfreiwillige Selbstständigkeit und Mikrotasking. Trotz niedriger Löhne und ausgelagerter Kosten sind viele dieser Unternehmen wenig rentabel und von Investitionen abhängig. Srnicek hält sie deshalb für ein möglicherweise vorübergehendes Phänomen, sofern sie keine Monopolstellung und nachhaltige Gewinne erreichen.

Wettbewerb und Zukunft

Monopole beenden den kapitalistischen Wettbewerb nach Srnicek nicht, sondern verändern ihn. Datenbestände, Netzwerkeffekte und Pfadabhängigkeit – die Bindung späterer Entwicklungen an frühere Entscheidungen – erschweren den Angriff auf marktbeherrschende Unternehmen. Wettbewerbsfähigkeit hängt deshalb nicht mehr nur von der Differenz zwischen Kosten und Preisen ab, sondern stark von Erhebung, Analyse und Kontrolle der Daten. Plattformen müssen diese Tätigkeiten ausbauen und in ihre Infrastruktur investieren.

Daraus ergeben sich drei Haupttendenzen. Erstens wird die Datenerfassung ausgeweitet, etwa durch das Consumer Internet of Things mit Geräten wie Amazon Echo und Smart-TVs. Dabei geraten Unternehmen zunehmend an gesellschaftliche und rechtliche Grenzen. Zweitens besetzen Plattformen als Gatekeeper Schlüsselpositionen: Google bildet beispielsweise mit seiner Suchmaschine eine zentrale Schnittstelle zum übrigen Internet. Drittens entstehen geschlossene Systeme, die Nutzer und Daten binden und Konkurrenten ausschließen. Apple verknüpft seine Geräte und Dienste eng miteinander; auch Facebook und Amazon streben Systeme an, die Nutzer möglichst nicht verlassen müssen. Mit Smartphones verschiebt sich die Internetnutzung von offenen Webseiten zu geschlossenen Apps. Srnicek hält deshalb eine Fragmentierung des Internets für möglich.

Weiterhin bestehen wirtschaftliche Risiken. Der Produktionssektor leidet unter globalen Überkapazitäten. Schlanke Plattformen sind in Krisen wenig widerstandsfähig und benötigen eine dauerhafte Einnahmequelle. Werbeplattformen hängen stark von Werbeeinnahmen ab und könnten bei deren Rückgang etwa Micropayments ausweiten oder Quersubventionierungen aufgeben.

Srnicek erwartet, dass erfolgreiche Plattformen weiter expandieren, Monopolmacht und Reichtum anhäufen und gesellschaftliche Abhängigkeiten schaffen. Ungleichheiten bei Einkommen und Vermögen könnten dadurch zu Ungleichheiten beim Zugang zu digitaler Infrastruktur werden. Als Gegenmodelle nennt er kooperative oder öffentliche Plattformen, die den Menschen gehören, von ihnen kontrolliert werden und als öffentliche Versorgungseinrichtungen dienen. Er beurteilt sowohl diese Ansätze als auch eine wirksame staatliche Kontrolle jedoch als schwer durchsetzbar.

Kritik und begriffliche Abgrenzung

Eine allgemein anerkannte inhaltliche Definition von „Plattformkapitalismus“ existiert laut Artikel bislang nicht. Kritiker sehen dennoch eine weitreichende Veränderung der Produktion, Vermittlung und Lieferung von Waren und Dienstleistungen. Plattformen erscheinen Nutzern oft flach und partizipativ, können ihren Status aber nutzen, um Gesetze zu umgehen, Steuern zu vermeiden oder Klagen abzuwehren. Netzwerkeffekte fördern monopolistisches Wachstum und lassen wenig Raum für Alternativen. Befürworter wenden ein, dass erst eine starke Marktstellung die großen Investitionen in Innovation und Weiterentwicklung ermögliche.

Besonders umstritten sind die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen, prekäre Beschäftigung und die unklare wirtschaftliche Nachhaltigkeit vieler Plattformen. Sascha Lobo grenzt Plattformkapitalismus von der „Sharing Economy“ ab: Diese sei nur ein Teil der neuen digitalen Wirtschaftsordnung. Nach seiner Kritik verschleiere die Rede vom Teilen häufig das Streben nach Kontrolle und Ausschaltung von Konkurrenten. Plattformen bestimmen als Vermittler Regeln und Zugänge und lösen die Grenze zwischen professionellen Anbietern und gelegentlichen Amateurangeboten auf. Problematisch seien vor allem fehlende Monopolregulierung, ein veränderter Arbeitsbegriff, die mögliche Untergrabung von Arbeitsrechten und Dumpinglöhne. Uber und Airbnb werden unter anderem wegen Einschränkungen beim Zugang zu Mobilität und Wohnraum, Sicherheitsrisiken sowie der Umgehung von Steuern und Arbeitsrechten kritisiert; Uber hat deshalb in vielen Ländern rechtliche Probleme.

Srniceks Unternehmensplattformen sind von der deutschen Plattform Industrie 4.0 zu unterscheiden. Seine Plattformen verfolgen datenbasierte Geschäftsmodelle zur Gewinnerzielung. Die Plattform Industrie 4.0 ist dagegen ein gemeinschaftliches Projekt aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden, Gewerkschaften und Politik. Sie untersucht die Umsetzung von Industrie 4.0 in Deutschland und in der Arbeitswelt, entwickelt Handlungsempfehlungen und stößt industrielle Standards an. Ihr Ziel ist, die internationale Spitzenposition Deutschlands in der produzierenden Industrie zu sichern, den digitalen Strukturwandel voranzutreiben und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Der Artikel wirft allerdings die offene Frage auf, ob diese staatlich unterstützte Umstellung wegen ihres Ziels höherer Profitabilität dennoch in einer Kontinuität zum Plattformkapitalismus steht.

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