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Pierre van Hauwe

Pierre van Hauwe (* 12. Januar 1920 in Terneuzen; † 25. Juni 2009 in Delft) war ein niederländischer Musiker und Musikpädagoge flämischer Abstammung.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Musiker und Musikpädagoge
  2. 2. Orff-Schulwerk und Spielen mit Musik
  3. 3. Aufbau und Lernweg der Methode
  4. 4. Gemeinsames Musizieren und Orchester
  5. 5. Chor und kompositorisches Schaffen
  6. 6. Wirken nach der Pensionierung

Musiker und Musikpädagoge

Pierre van Hauwe (* 12. Januar 1920 in Terneuzen; † 25. Juni 2009 in Delft) war ein niederländischer Musiker und Musikpädagoge flämischer Abstammung. Seine besondere Bedeutung liegt in der Verbindung des Orff-Schulwerks mit der Methode von Zoltán Kodály zu einem umfassenden Unterrichtskonzept für Kinder.

Seit 1946 lebte und arbeitete van Hauwe in Delft. Dort unterrichtete er an Schulen und wirkte als römisch-katholischer Kirchenmusiker an der später abgerissenen St. Hippolytus Kirche. Von 1960 bis zu seiner Pensionierung 1982 leitete er die Städtische Musikschule Delft. Sein Ziel war eine musikalische Bildung, die Singen, Notenlesen, Rhythmus, Blockflötenspiel, Orff-Instrumente und gemeinsames Musizieren miteinander verbindet und Kinder schrittweise auf den Instrumentalunterricht vorbereitet.

Orff-Schulwerk und Spielen mit Musik

Van Hauwe gehörte zu den wichtigsten Förderern des von Carl Orff entwickelten Orff-Schulwerks. Dessen musikalische Ausgangspunkte bearbeitete er zunächst in den vier Büchern „Musik für die Jugend“, die 1961 erschienen.

Durch die Verbindung des Orff-Schulwerks mit der Unterrichtsmethode des ungarischen Komponisten und Pädagogen Zoltán Kodály entwickelte er für die Niederlande die Methode „Spielen mit Musik“. An der Städtischen Musikschule Delft diente sie der allgemeinen musikalischen Bildung und erwies sich als gute Vorbereitung auf den anschließenden Instrumentalunterricht. Bis weit in die 1990er-Jahre verwendeten auch alle Kindergärten und Grundschulen in Delft die Methode. Lehrkräfte der Musikschule unterstützten die Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinbildenden Schulen dabei beratend. Viele niederländische Gemeinden übernahmen dieses Modell.

In den 1970er-Jahren wurde „Spielen mit Musik“ in zahlreiche Sprachen übersetzt und im In- und Ausland nachgeahmt. Ausgaben erschienen unter anderem auf Deutsch, Russisch, Litauisch, Tschechisch, Polnisch, Hebräisch, Norwegisch, Dänisch und Portugiesisch; eine spanische Fassung war für Mexiko und verschiedene südamerikanische Länder bestimmt. In Baden-Württemberg und Bayern wurde die Methode häufig in Kindergärten, Grundschulen und Musikschulen eingesetzt.

Aufbau und Lernweg der Methode

Der Kern von „Spielen mit Musik“ besteht aus einem vierteiligen Handbuch für Lehrkräfte und vier Arbeitsbüchlein für Kinder. An Musikschulen war folgender Ablauf vorgesehen: zwei Jahre lang jeweils zwei Stunden allgemeiner Musikunterricht pro Woche, danach ein drittes Jahr mit einer Wochenstunde allgemeiner musikalischer Bildung und einer ersten Einführung in den Instrumentalunterricht. Nach diesen drei Jahren hatten die Kinder alle vier Arbeitsbüchlein bearbeitet. Bei einem Beginn in der Grundschule in Klasse 2 oder 3 war das vierte Büchlein erst für Klasse 8 vorgesehen; Liedauswahl und schwierigere Modi, also unterschiedliche Tonordnungen, waren auf dieses Alter abgestimmt.

Die Kinder lernen mit den Büchern zu singen, Noten zu lesen und Noten durch Schreiben oder nach Diktat zu üben. Dabei arbeiten sie sowohl mit einer Rhythmuslinie als auch mit dem fünfzeiligen Notensystem. Von Anfang an verwenden sie das „Relativsingen“ oder die Solmisation: Tonbeziehungen werden mit Tonsilben gesungen. Ausgangspunkt ist die Rufterz so–mi, später kommt la hinzu. Diese drei Töne werden zunächst zu einer pentatonischen Fünftonskala, danach zu einer hexatonischen Sechstonskala und schließlich zur vollständigen Dur-Tonleiter erweitert. Außerdem wird in anderen Modi gesungen.

Parallel beginnen die Kinder sofort mit dem Blockflötenspiel. Auch hier dient die Rufterz als Ausgangspunkt, nun mit den Tönen g und e. In der Methode „Gemeinsam Blockflöte spielen“ greifen die Kinder bereits am ersten Tag mit beiden Händen. Van Hauwe hielt dies für eine gute Spielhaltung für besonders wichtig. Es unterscheidet die Methode von Ansätzen, die zunächst nur Töne der linken Hand behandeln und die rechte Hand erst später einführen.

Orff-Instrumente werden ebenfalls von Beginn an rhythmisch und melodisch eingesetzt, sowohl beim Singen als auch beim Blockflötenspiel. Van Hauwe verfasste zudem ein Werk zur Bordunlehre. Ein Bordun ist eine einfache, anhaltende oder wiederholte Begleitstimme. Seine Harmonielehre zeigt, wie Lieder und Melodien besonders mit Orff-Instrumenten und mithilfe der Pentatonik auf elementare Weise mehrstimmig begleitet werden können.

Gemeinsames Musizieren und Orchester

Die Orchesterarbeit der Delfter Musikschule folgte einem inklusiven pädagogischen Grundgedanken: Jeder Musikschüler sollte vom Alter der allgemeinen musikalischen Bildung bis zum jungen Erwachsenen und auf jeder Entwicklungsstufe einen Platz im Orchester erhalten. Streicher und Bläser bekamen Stimmen, die ihrem Leistungsstand entsprachen. Klavierschüler konnten über Orff-Instrumente mitwirken. Den festen Kern bildete ein großer vier- oder fünfstimmiger Blockflötenchor, weil alle Schülerinnen und Schüler während der musikalischen Allgemeinbildung zunächst Blockflöte gelernt hatten.

In den 1970er- und 1980er-Jahren reisten die Musikschulorchester aus Delft in Länder, in denen „Spielen mit Musik“ verwendet wurde. 1978 fuhr das Jugendorchester mit dem Zug nach Lublin in Polen und Vilnius in Litauen, 1979 und 1980 mit dem Bus nach Portugal und einige Jahre später mit dem Flugzeug nach Madeira und Israel. Auftritte in Schulen, Kirchen und großen Konzertsälen sollten hörbar und sichtbar machen, was sich mit den pädagogischen Grundlagen der Methode erreichen ließ. Musikschulen oder Musikschulorchester in Inning in Bayern, Prag und Porto wurden nach Pierre van Hauwe benannt.

Chor und kompositorisches Schaffen

Seit Anfang der 1950er-Jahre wurde van Hauwe in Europa als Dirigent des von ihm gegründeten Delfter Madrigalchores bekannt. Der Chor bestand aus Mädchen ab zwölf Jahren bis zu einem Alter von ungefähr 20 bis 25 Jahren und probte damals täglich. Berühmt war er besonders für polyphone Musik, also mehrstimmige Kompositionen mit selbstständig geführten Stimmen, darunter zahlreiche Werke von Claudio Monteverdi. Van Hauwe bearbeitete außerdem viele niederländische und ausländische Volkslieder für das Ensemble. 1964 löste er den Chor auf, weil ihm seine internationalen Aufgaben als Musikpädagoge nicht mehr genügend Zeit dafür ließen.

Van Hauwe schrieb zahlreiche pädagogische Werke und Kompositionen. Zu seinen Unterrichtswerken gehören neben „Musik für die Jugend“ und „Spielen mit Musik“ auch „Gemeinsames Blockflötenspiel“, „Metrum und Rhythmus“ und die „Allgemeine Bordunlehre“. Seine Kompositionen umfassen Volksliedbearbeitungen, Chor- und Kirchenmusik, Stücke für Blockflöten und Orff-Instrumente sowie viele Werke für Schulorchester. Beispiele sind „Bolero“ von 1964, „Suite fantasia Mexicana“ von 1976, „Slavische Suite“, „Das Weihnachtsevangelium“, „Missa Festiva“, „Missa Christus Rex“, „Suite Madeira“ und „Shalom Israël“. Die häufig variabel besetzten Schulorchesterwerke waren auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Lernenden ausgerichtet.

Wirken nach der Pensionierung

Auch nach seiner Pensionierung 1982 unterrichtete van Hauwe international weiter. Bis kurz vor seinem Tod gab er Kurse für Erzieherinnen, Grundschullehrer, Musiklehrer und Studierende an Konservatorien. Seine letzte Tätigkeit in einem Kurs war am 28. Dezember 2008 in Inning am Ammersee eine Improvisation mit vielen Orff-Instrumenten. Dort trägt die Musikschule seinen Namen.

Dutzende seiner Kompositionen für Schulorchester in variablen Besetzungen wurden veröffentlicht und werden laut Artikel besonders in Portugal, Tschechien und Deutschland weiterhin häufig aufgeführt. 2001 erhielt van Hauwe das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Er starb am 25. Juni 2009 an seinem Wohnort Delft. Die Städtische Musikschule Delft gehört inzwischen als Musikabteilung zur Vrije Akademie, dem Centrum voor de Kunsten der Gemeinde Delft.

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