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Peter Zadek

1976: Frühlings Erwachen von Frank Wedekind, Schauspielhaus Bochum, mit Herbert Grönemayer; 1976: Othello von Shakespeare (Übersetzung von Erich Fried), …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Herkunft, Ausbildung und persönliches Umfeld
  3. 3. Theaterarbeit und zentrale Entwicklungen
  4. 4. Ausgewählte Inszenierungen und Filme
  5. 5. Preise, Ehrungen und Schriften

Person und Bedeutung

Peter Zadek (* 19. Mai 1926 in Berlin; † 30. Juli 2009 in Hamburg) war ein deutscher Regisseur und Theaterintendant. Er leitete das Schauspielhaus Bochum von 1972 bis 1979 sowie das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg von 1985 bis 1989. Außerdem inszenierte er an nahezu allen bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. Besonders wichtig für die Theatergeschichte sind seine unkonventionellen Inszenierungen, vor allem von Shakespeare. Neben Shakespeare erhob Zadek auch Tschechow und Ibsen zu seinen „Theatergöttern“.

Seine Arbeitsweise war durch experimentelle Formen, überraschende Deutungen und wiederholte Verstöße gegen Theaterkonventionen geprägt. Zugleich konzentrierte er sich stark auf die Psychologie der Figuren und verlangte den Schauspielern intensive Arbeit ab. Seine Inszenierungen lösten sowohl kultartige Verehrung als auch entschiedene Ablehnung aus.

Herkunft, Ausbildung und persönliches Umfeld

Zadek stammte aus einer reformiert jüdischen bürgerlichen Familie. Sein Vater Paul Zadek war Kaufmann, seine Mutter Susanne Zadek, geborene Behr, stammte aus einer reichen, gutbürgerlichen Bankiersfamilie. 1933 brachte sein Vater die Familie unter einem Vorwand von Berlin nach London. Nach Beginn des Bombenkrieges zog sie in das ruhigere Oxford. Dort besuchte Zadek das St. John Baptist College der University of Oxford.

Während seiner Ausbildung zum Lehrer lernte er ein Amateurtheater kennen und entwickelte den Wunsch, Regisseur zu werden. Er begann eine Regieausbildung in London und besuchte die Old Vic Theatre School. Mit 21 Jahren wurde seine erste Inszenierung, Oscar Wildes Salome, in London aufgeführt.

Peter Zadek hatte zwei Kinder, Michele Zadek(-Ewing), geboren 1954, und Simon Zadek. Von 1960 bis 1967 war er mit der Schauspielerin Judy Winter liiert. Von 1980 an lebte er mit der Schriftstellerin und Übersetzerin Elisabeth Plessen zusammen. Sie verfasste unter anderem Neuübersetzungen für seine Shakespeare-Inszenierungen.

Zadek betrachtete einen festen Stamm von rund 15 bis 20 Schauspielern als seine „Familie“. Zu diesem Umfeld gehörten unter anderem Angela Winkler, Gert Voss, Ulrich Wildgruber, Eva Mattes, Susanne Lothar und Uwe Tukur. Er entdeckte unter anderem Rosel Zech; auch Herbert Grönemeyer bezeichnete Zadek als denjenigen, der sein Talent entdeckt habe.

Zadek sagte über sich selbst, er könne auf die Frage, wer er sei, nur antworten, dass er Jude sei; außer vielleicht „Peter Zadek“ falle ihm nichts anderes ein. Er starb im Alter von 83 Jahren in Hamburg. Nach der Einäscherung wurde seine Urne in Vecoli, einem Weiler im Hinterland von Lucca, bestattet. Auf dem Grabstein steht auf Italienisch: „Ich träume von einem Theater, das Mut macht.“

Theaterarbeit und zentrale Entwicklungen

Nach dem Studium inszenierte Zadek an zahlreichen Theatern in der britischen Provinz. In Swansea und Pontypridd in Wales verpflichtete er sich, wöchentlich eine neue Inszenierung herauszubringen. 1958 wurde er an das Theater am Dom in Köln eingeladen und kehrte damit erstmals seit seiner Emigration nach Deutschland zurück. Dort lernte er Kurt Hübner kennen, der ihn ans Theater Ulm holte.

In Ulm und später am Theater Bremen arbeitete Zadek eng mit dem Bühnenbildner Wilfried Minks zusammen. Unter Hübner sorgten Zadek und weitere junge Regisseure von 1962 bis 1973 für Aufsehen. Die Fachpresse bezeichnete ihr Schaffen als „Bremer Stil“. Kennzeichnend waren zeitkritische Interpretationen, neue Schauspielergesichter und innovative Bühnenbilder, die Anregungen aus zeitgenössischer Kunst und Kino aufnahmen. Die Zusammenarbeit von Zadek und Minks war so eng, dass am Ende einer Produktion teilweise nicht mehr klar war, wer Regie geführt und wer das Bühnenbild federführend entworfen hatte.

In Ulm erregte Zadeks erste Inszenierung von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig Aufmerksamkeit. Kritiker warfen ihm vor, seine bewusst gewählte Darstellung des Shylock führe zu Antisemitismus. Zadek antwortete: „Solange die Deutschen nicht die schlechten Seiten von Juden aussprechen, haben sie nicht begonnen, sich mit ihrem Antisemitismus auseinanderzusetzen.“

Als herausragende Bremer Arbeiten gelten Frühlings Erwachen von Frank Wedekind (1965), Die Räuber von Friedrich Schiller (1966) und Maß für Maß von William Shakespeare (1967), jeweils mit Bruno Ganz in der Hauptrolle und Bühnenbildern von Wilfried Minks. Bis 1967 war Zadek Schauspieldirektor am Theater der Freien Hansestadt Bremen. Die Bremer Bühne wurde in dieser Zeit zu einem besonders wichtigen deutschen Theater; auch Peter Stein und Rainer Werner Fassbinder gastierten dort.

1972 begann Zadeks erste Intendanz am Schauspielhaus Bochum. Bis 1975 leitete er das Haus allein. Danach entstand auf sein Drängen ein Dreier-Direktorium mit Lew Bogdan als Schauspieldirektor und Rolf Paulin als Verwaltungsdirektor. Ende 1976 kündigte Zadek an, das Direktorium zum 1. Februar 1977 auf eigenen Wunsch zu verlassen, seine Regieverpflichtungen für 1977 jedoch noch zu erfüllen. Zu seinen letzten Bochumer Arbeiten gehörte Hedda Gabler; im September 1977 hatte Hamlet in einer ehemaligen Fabrikhalle in Bochum-Hamme Premiere. Die Hauptrolle spielte Ulrich Wildgruber.

Die Bochumer Zeit begründete die langjährige Zusammenarbeit mit Wildgruber, der unter Zadeks Regie unter anderem König Lear (1974), Othello (1976), Hamlet (1977), Petruccio (1981) und Polonius (1999) spielte. Zadek entwickelte in Bochum außerdem eine in Deutschland neue Form der Theaterrevue und inszenierte 1973 erneut Der Kaufmann von Venedig; eine dritte Fassung folgte 1988 am Wiener Burgtheater.

Nach Bochum übernahm Zadek erst 1984 wieder eine Intendanz. Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg wirkte er ab der Spielzeit 1985/1986 als Intendant. Seine Inszenierung des Musicals Andi (1987) wurde zum Skandal, weil die Bühnenmusik der Einstürzenden Neubauten die gesamte Aktion auf der Bühne übertönte. Das Theater verteilte Ohrenschützer und wies jede Haftung für gesundheitliche Schäden zurück.

Mit Lulu von Frank Wedekind, 1988 erstmals in der Urfassung aufgeführt, erzielte Zadek in Hamburg seinen größten Erfolg. Er erhielt dafür den Fritz-Kortner-Preis; außerdem wurde die Aufführung zur Aufführung des Jahres gewählt, Susanne Lothar zur Schauspielerin und Ulrich Wildgruber zum Schauspieler des Jahres. 1989 schied Zadek im Unfrieden aus dem Hamburger Schauspielhaus aus.

Seit 1990 arbeitete er als freier Regisseur an nahezu allen bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. Zuletzt war seine Sicht auf Peer Gynt 2004 am Berliner Ensemble zu sehen. 2005 gründete er mit Tom Stromberg die Theaterproduktionsfirma my way Production; deren erste Produktion sollte Shakespeares Was ihr wollt sein. 2012 wurde das rund 35 Regalmeter umfassende Peter-Zadek-Archiv in der Akademie der Künste in Berlin öffentlich zugänglich gemacht.

Ausgewählte Inszenierungen und Filme

Zadeks Inszenierungslaufbahn reicht von Londoner Arbeiten wie Salome (1947), Die Zofen (1952/53) und der Uraufführung von Der Balkon (1957) über Ulm und Bremen bis zu den großen deutschsprachigen Bühnen.

Wichtige Beispiele sind Maß für Maß (Ulm 1960 und Bremen 1967), Der Kaufmann von Venedig (Ulm 1961, Bochum 1972 und Wiener Burgtheater 1988), Frühlings Erwachen (Bremen 1965 und Bochum 1976), Die Räuber (Bremen 1966), König Lear (Bochum 1974), Othello (Hamburg 1976), Hamlet (Bochum 1977 und Wiener Festwochen 1999), Baumeister Solness (München 1983), Ghetto (Berlin und Hamburg 1984), Lulu (Hamburg 1988), Iwanow und Der Kirschgarten (Wien 1996), Richard III. (1997), Rosmersholm (Wien 2000), Mutter Courage (Berlin 2003), Peer Gynt (Berlin 2004), Der Totentanz (Wien 2005), Nackt (Hamburg 2008) und Major Barbara (Zürich 2009).

Neben Theaterarbeiten führte Zadek bei Fernsehproduktionen und Kinofilmen Regie. Dazu gehören Rotmord (1968), Ich bin ein Elefant, Madame (1969), Der Pott (1971), Eiszeit (1975) und Die wilden Fünfziger (1983) nach Johannes Mario Simmel. Über seine Arbeit an Peer Gynt und Major Barbara entstanden 2005 und 2009 Dokumentarfilme.

Preise, Ehrungen und Schriften

Zadek erhielt zahlreiche Preise. Für Ich bin ein Elefant, Madame bekam er 1969 den Bundesfilmpreis beziehungsweise das Filmband in Gold und den Berliner Filmpreis. Für Rotmord erhielt er 1970 den Adolf-Grimme-Preis in Gold und den Preis der Stadt Florenz; für Der Pott 1972 den Adolf-Grimme-Preis in Silber. Weitere Auszeichnungen waren die Wahl zum Regisseur des Jahres 1983 (1984), das Große Bundesverdienstkreuz (2002), die Medaille für Kunst und Wissenschaft der Stadt Hamburg (2006) und der Nestroy für das Lebenswerk (2008).

Zadek wurde mehrfach von Theater heute zum Regisseur des Jahres gewählt. Mit 21 Einladungen zum Berliner Theatertreffen war er der Regisseur mit den meisten Einladungen. 2007 sollte er gemeinsam mit Robert Lepage den Europäischen Theaterpreis erhalten, sagte seine Teilnahme jedoch wegen Probenarbeiten und Erkrankung ab. Die Jury überreichte Preis und Preisgeld von 60.000 Euro daraufhin vollständig Robert Lepage. Kurz danach wurde Zadek in ein Berliner Krankenhaus eingeliefert; my way Production meldete Insolvenz an.

Nach seinem Tod würdigte Gert Voss Zadek als einen Regisseur, der Schauspieler davon befreit habe, sich zu verstellen, und sie dazu gebracht habe, sich zu enthüllen. 2010 wurde in Bremen ein Platz nach ihm benannt. An seinem Berliner Geburtshaus in der Offenbacher Straße erinnert eine Gedenktafel an ihn; in der Nähe des Bochumer Schauspielhauses trägt eine Straße seinen Namen.

Zadek veröffentlichte unter anderem Das wilde Ufer. Ein Theaterbuch (1994), My Way. Eine Autobiografie. 1926 bis 1969 (1998), Menschen Löwen Adler Rebhühner. Theaterregie (2003) und Die heißen Jahre: 1970–1980 (2006). Die Wanderjahre 1980–2009 erschien 2010 gemeinsam mit Helge Malchow.

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