Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Bellizismus
Die gegensätzliche ideologische Einschätzung des Krieges findet sich unter dem Antonym Pazifismus. Inhaltsverzeichnis. 1 Ideologische Grundzüge; 2 Literatur; 3 …
Inhalt4 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Bellizismus, auf Deutsch Kriegsverherrlichung, bezeichnet das dogmatische Befürworten militärischer Handlungen und Maßnahmen sowie eine übersteigerte kriegerische Gesinnung. Der Begriff wird auch im Sinn von Kriegstreiberei und Militarismus verwendet. Gemeint ist eine Ideologie, die Krieg grundsätzlich befürwortet und dazu neigt, internationale Konflikte mit militärischer Gewalt zu lösen. Die entgegengesetzte Haltung ist der Pazifismus, also die grundsätzliche Ablehnung des Krieges beziehungsweise das Eintreten für friedliche Konfliktlösungen.
Anhänger des Bellizismus heißen Bellizisten. Sie werden als Befürworter des Krieges oder als Kriegstreiber verstanden. Obwohl der Ausdruck im frühen 20. Jahrhundert unter dem Einfluss des gleichbedeutenden französischen Wortes „bellicisme“ entstand, wurde er erst in den 1990er Jahren in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen.
Krieg als sinnstiftende Kraft
Bellizismus beschreibt vor allem die Ursachen und Formen des Kriegsenthusiasmus in der Zivilgesellschaft, nicht innerhalb des Militärs. In bellizistischen Vorstellungen erscheint Krieg nicht nur als politisches Mittel, sondern wird als Förderer der Humanität verherrlicht. Neutraler formuliert handelt es sich nach Jörn Leonhard um eine „Sinn- und Erziehungslehre des Krieges“: Kriegserfahrungen werden in einen Zusammenhang eingeordnet, der ihnen einen höheren Sinn geben soll.
Das preußische Offizierkorps des späten 18. Jahrhunderts folgte der Vorstellung vom Krieg als „Reinigungsbad des Volkskörpers“ kaum. Diese Idee gehörte vielmehr zu einer gegen die Aufklärung gerichteten Reaktion von Intellektuellen auf die Vision eines ewigen Friedens.
Max Weber beschrieb eine wichtige Grundlage dieser Denkweise: Krieg als „die realisierte Gewaltandrohung“ erzeuge in modernen politischen Gemeinschaften ein besonderes Pathos, ein starkes Gemeinschaftsgefühl und eine bedingungslose Opfergemeinschaft der Kämpfenden. Als Massenerscheinung sei dies nach Weber nur mit bestimmten religiösen Heroengemeinschaften vergleichbar.
Radikalisierung von 1914 bis 1945
In der dritten bellizistischen Umbruchperiode von 1914 bis 1945 radikalisierte sich die Vorstellung der Nation. Der Konsens einer „Kriegsgemeinschaft“, also einer durch den Krieg zusammengeschlossenen nationalen Gemeinschaft, wurde zur Rechtfertigungsgrundlage staatlichen Handelns.
Frank Reichherzer bezeichnet den Bellizismus der 1920er und 1930er Jahre als eine für diese Zeit typische „Selbstmobilisierung und Aneignung des Krieges durch zivile Akteure“. Zivile Gruppen machten sich den Krieg demnach ideologisch zu eigen und unterstützten seine gesellschaftliche Deutung und Rechtfertigung. Deshalb war Bellizismus mehr als nur ein Bestandteil des Militarismus. Nationale Deutungsmuster und ihre öffentliche Vermittlung wurden zu einem unverzichtbaren Werkzeug aller kriegführenden Gesellschaften.
Zugleich geriet der Bellizismus zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg zunehmend in die Kritik. Dazu trugen die praktische Erfahrung sowie die lange Dauer und hohe Intensität der Kriege bei.
Politische und philosophische Ausprägungen
Bellizistische Positionen betrachten militärische Mittel nicht nur als legitime Möglichkeit zur Durchsetzung politischer Ziele. Im Zweifel geben sie ihnen auch den Vorrang vor friedlichen Mitteln. Darüber hinaus können sie den Krieg philosophisch überhöhen und ihn als reinsten Ausdruck einer angeblich kämpferischen Natur des Menschen darstellen.
Als Beispiele nennt der Artikel mehrere unterschiedliche Ausprägungen: Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke sah im Krieg „die edelsten Tugenden des Menschen“ entfaltet. Ernst Jünger vertrat in seinem Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ einen stark individualistischen und abenteuerlich geprägten Bellizismus. Erich Ludendorff prägte den Begriff des „totalen Krieges“ als vollkommenste Willensanstrengung eines Volkes. Georges Sorel, ein aufklärungsfeindlicher Syndikalist, erkannte im Krieg und im gewaltsamen Aufbegehren einer durch einen politischen Mythos gestärkten Masse den Sinn eines nicht-dekadenten Lebens. Damit beeinflusste er spätere Faschisten wie Benito Mussolini.
Diese Angaben sind im Artikel ausdrücklich als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet und müssen daher mit Vorbehalt betrachtet werden. Grundsätzlich geht Bellizismus über Theorien hinaus, die Kampf, Gewalt oder Krieg zwar als zentrale, aber zugleich höchst problematische Bestandteile menschlicher Beziehungen untersuchen. Als Vertreter solcher problemorientierten Einschätzungen werden Max Weber, Norbert Elias, Thomas Hobbes, Carl Schmitt und Carl von Clausewitz genannt.