Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Paul Michael Lützeler
Paul Michael Lützeler (* 4. November 1943 in Doveren, damals Kreis Erkelenz) ist ein deutsch-amerikanischer Germanist und Vergleichender …
Inhalt5 Abschnitte
Person und Bedeutung
Paul Michael Lützeler, geboren am 4. November 1943 in Doveren im damaligen Kreis Erkelenz, ist ein deutsch-amerikanischer Germanist und Vergleichender Literaturwissenschaftler. Germanistik ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit deutscher Sprache und Literatur; Vergleichende Literaturwissenschaft untersucht Literatur über Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Lützeler ist Rosa May Distinguished University Professor Emeritus in the Humanities an der Washington University in St. Louis.
Bedeutend ist er vor allem durch seine Forschung zur deutschsprachigen Literatur, zur Exilliteratur und besonders zu Hermann Broch. Er gab Brochs Gesamtwerk heraus und schrieb dessen Biographie. Außerdem baute er an der Washington University wichtige Einrichtungen und Austauschprogramme für Germanistik, europäische Studien und deutschsprachige Gegenwartsliteratur auf.
Ausbildung und akademische Laufbahn
Nach dem Abitur im zweiten Bildungsweg studierte Lützeler Germanistik, Anglistik, Philosophie und Geschichte in Berlin, Edinburgh, Wien und München. 1968 wanderte er in die USA aus. 1972 promovierte er in Germanistik an der Indiana University Bloomington mit der Arbeit „Hermann Broch, Ethik und Politik: Studien zum Frühwerk und zur Romantrilogie ‚Die Schlafwandler‘“.
Nach der Promotion zog er nach St. Louis. 1973 erhielt er eine Professur an der Washington University in St. Louis. Dort war er von 1983 bis 1988 Chairman des German Departments und von 1993 bis 1995 Sprecher des Faculty Senate Council. 1983 gründete er das European Studies Program, das er 20 Jahre leitete. 1985 gründete er das Max-Kade-Zentrum für deutschsprachige Gegenwartsliteratur, das er bis 2022 leitete. Von 1985 bis 2022 lud er jährlich je einen deutschsprachigen Kritiker und einen deutschsprachigen Schriftsteller nach St. Louis ein, damit sie dort lehren und forschen konnten.
2002 begründete er „Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch“ und gab es bis 2020 als Editor in Chief heraus. Außerdem setzte er sich für Austauschprogramme zwischen der Washington University und europäischen sowie asiatischen Universitäten ein. Gastprofessuren hatte er unter anderem in Princeton, Tübingen, Graz, Greifswald, Mainz, Freiburg, Neu-Delhi, Peking, Madrid und Tokio. Kompakt-Seminare unterrichtete er an Universitäten in Melbourne, Pavia, Guadalajara, Jerusalem und Zadar.
Funktionen und Mitgliedschaften
Lützeler ist Vorsitzender des Internationalen Arbeitskreises Hermann Broch. Von 2012 bis 2019 war er Präsident der AFM, der Amerikanischen Freunde des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Von 2005 bis 2010 war er Vize-Präsident der Internationalen Vereinigung für Germanistik.
Er ist korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur sowie der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Außerdem ist er seit 2015 auswärtiges Mitglied der Academia Europaea. Von 2011 bis 2016 war er Mitglied der Strategiekommission des Wissenschaftsrates. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und seit 2015 Mitglied des Executive Committees der Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik.
Paul Michael Lützeler besitzt die amerikanische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Er lebt in St. Louis, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Forschung und Veröffentlichungen
Lützelers Forschungsschwerpunkte sind deutschsprachige Gegenwartsliteratur, der literarische Europa-Diskurs, deutschsprachige Exilliteratur, besonders in den USA, sowie deutsche und europäische Literatur der Romantik. Exilliteratur bezeichnet Literatur von Autorinnen und Autoren, die wegen politischer oder anderer Gründe außerhalb ihres Herkunftslandes leben oder lebten. Der literarische Europa-Diskurs meint die Auseinandersetzung mit Europa und europäischen Ideen in literarischen Texten.
Besonders bekannt ist Lützeler als Spezialist für den österreichisch-amerikanischen Exilschriftsteller Hermann Broch. Er gab Brochs Gesamtwerk heraus und verfasste dessen Biographie. Neben literaturwissenschaftlichen Themen veröffentlichte Lützeler auch zu historischen und politikwissenschaftlichen Themen, darunter Europäische Integration, Postmoderne, Postkolonialismus und Globalisierung.
Mehrere seiner Bücher und Editionen wurden in andere Sprachen übersetzt, unter anderem ins Englische, Spanische und Japanische. Er schrieb außerdem für Zeitungen und Zeitschriften wie „Die Zeit“, die „Neue Zürcher Zeitung“, „Die Welt“, den „Tagesspiegel“, die „Frankfurter Rundschau“, die „Neue Rundschau“ und den „Merkur“.
Auszeichnungen und Stipendien
Lützeler erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Dazu gehören der DAAD-Preis der German Studies Association für die Broch-Biographie, die SWR-Bestenliste für die Broch-Edition „Der Tod im Exil“, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, I. Klasse, der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, 1. Klasse, das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und die Goethe-Medaille des Goethe-Instituts.
Weitere Ehrungen sind der Outstanding Educator Award und die Honorary Membership der American Association of Teachers of German, der Outstanding Faculty Mentor Award der Washington University, der Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung, der Arthur Holly Compton Faculty Achievement Award der Washington University in St. Louis, der Award for International Exchange of the DAAD Alumni Association USA, der Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Dr. h.c. (Doctor of Humanities) der Washington University in St. Louis.
Stipendien und Forschungsaufenthalte erhielt Lützeler unter anderem von der Fulbright Foundation, der Woodrow Wilson Foundation, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, dem American Council of Learned Societies, der John Simon Guggenheim Memorial Foundation, der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart, dem Humanities Research Center in Canberra, dem Indiana Institute for Advanced Study in Bloomington, dem Alfried Krupp Wissenschaftskolleg in Greifswald, dem Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, dem Berlin Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, dem Internationalen Kolleg Morphomata der Universität zu Köln, dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien, dem Zentrum für interdisziplinäre Forschungen der Universität Bielefeld und dem Freiburg Institute for Advanced Studies der Universität Freiburg.