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Patua
Die Patua praktizieren einen muslimischen Volksglauben, der Elemente aus dem Hinduismus enthält. Dadurch gelten sie als randständig und verfügen über einen …
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Wesen und Bedeutung
Patua, auch Potua, Patu, Patudar oder Patidar, sind eine ethnische Gruppe im Süden Westbengalens. Traditionell ziehen sie als professionelle Bilderzähler umher: Sie zeigen bemalte Bildrollen und erzählen dazu Geschichten der Volksliteratur, meist im Wechsel von Liedgesang und rhythmischem Sprechen. Ziel der Aufführungen ist nicht nur Unterhaltung und Belehrung. Mit rhetorischem Geschick ermuntern die Patua ihr Publikum, religiös verdienstvolle Spenden zu geben.
Seit den 1970er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt von der Vorführung auf die Herstellung und den Verkauf von Bildrollen, Einzelbildern und kunsthandwerklichen Produkten. Die Tradition gilt daher seit etwa 100 Jahren als vom Verschwinden bedroht, ist aber in veränderter Form weiterhin lebendig. Die Bildrollen behandeln unter anderem Krishna und Radha, die Schlangengöttin Manasa, den heiligen Chaitanya und Episoden aus dem Ramayana. Auch soziale und politische Ereignisse können dargestellt werden.
Herkunft und Wandel der Tradition
Erzählende Bilder sind in Indien mindestens seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. belegt. In buddhistischen, jainistischen, brahmanischen und literarischen Quellen werden Bilderzähler von Schauspielern, Tänzern und einfachen Geschichtenerzählern unterschieden. Genannt werden unter anderem mankha, yama pata, yama pattika und chitra kathak. Die Bildrollen konnten religiöse Legenden, den Lebenskreislauf oder die von Gott Yama beherrschte Welt mit Belohnungen und Höllenstrafen zeigen. Die Vielzahl literarischer Erwähnungen weist darauf hin, dass Bildervorführungen mit Gesang und belehrenden Erzählungen in der altindischen Zeit verbreitet waren.
Die Tradition verbreitete sich auch außerhalb Bengalens. In Bengalen sind die ältesten erhaltenen Fragmente aus dem 17. Jahrhundert bekannt. Einen Höhepunkt erreichte die Bildrollerzählung vermutlich am Ende des 16. Jahrhunderts im Umfeld der Bhakti-Bewegung und der vishnuitischen Gaudiya-Vaishnavas. Die Bildrollen griffen religiöse Versdichtungen und Erzählungen wie Mangalkavya auf.
Wann die besondere bengalische Form entstand, ist unklar. Im 19. Jahrhundert wurden bengalische Bildrollen teilweise vom höfischen Stil der Mogulmalerei beeinflusst. Nach dem Niedergang Murshidabads zogen Künstler und Handwerker nach Kalkutta. Dort entstand im Viertel Patuapara nahe dem Kalitempel die Kalighat-Malerei, deren volkstümliche Götterbilder auch an Europäer verkauft wurden. Ihre Blütezeit lag zwischen 1850 und 1890; bis etwa 1930 wurden die handgemalten Aquarelle weitgehend durch billige Lithografien ersetzt.
Im 20. Jahrhundert förderten Kunsthistoriker und Volkskundler die Sammlung und Erforschung der Patua-Kunst. Gurusaday Dutt prägte die Vorstellung, die Patua seien Nachfolger der altindischen Chitrakar. Seit der Volkszählung von 1951 wurden Patua und Chitrakar als Bezeichnungen für ihre kunsthandwerkliche Tätigkeit teilweise synonym verwendet. Den Titel Chitrakar führen viele Patua weiterhin als Bestandteil ihres Namens und als Bezug auf ihre Herkunftserzählung.
Regionale Formen der Bilderzählung
Bilderzählungen existieren in mehreren Regionen Süd- und Ostasiens. In Rajasthan zeigen die Bhopas lange Stoffbildrollen, sogenannte phad, zum Beispiel Pabuji ki phad über den heilig verehrten Rajputenprinzen Pabuji. Der Erzähler begleitet seinen Vortrag auf der Spießlaute ravanahattha.
In Maharashtra verwenden die chitrakathi aus Paithan und aus Dörfern bei Sawantwadi Papierbilder oder Bildstapel statt Bildrollen. Die Vorführung kann von Gesang, Dialogen und einem Musikensemble mit Sanduhrtrommel, Langhalslaute oder Harmonium und Zimbeln begleitet werden; dafür werden fünf bis sechs Personen benötigt. Diese Gruppen führen außerdem Marionetten- und Schattenspiele auf.
Im westindischen Gujarat zeigen die Garoda bemalte Papierrollen von über drei Metern Länge und 35 Zentimetern Breite. Ihre Erzählungen handeln von Göttern, Volkssagen sowie Yama und Höllenstrafen. Die Garoda sind zugleich Priester der Volksreligion, Astrologen, Handleser und Horoskopmaler.
Weitere Formen sind kalamkari in Andhra Pradesh, tibetische thangka-Rollbilder, die Phra-Wet-Bildbahnen in Nordostthailand und das javanische wayang beber. Die japanischen Emakimono, tibetische lama-mani-Vorführungen und chinesische Bild- und Gesangstraditionen werden von Forschern mit älteren indischen Bilderzählungen in Verbindung gebracht; solche Zusammenhänge sind teilweise als wissenschaftliche Auffassungen formuliert.
Soziale Stellung und heutige Tätigkeit
Patua gelten sowohl für die hinduistische als auch für die muslimische Mehrheitsgesellschaft als randständig, weil ihr Volksglaube Elemente beider Religionen verbindet. Ihr Sozialstatus ist niedrig. In den Distrikten Medinipur und Birbhum sowie in Purulia, Bankura, South 24 Parganas, Murshidabad und Haora leben beziehungsweise arbeiten viele Patua.
Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zogen sie mehrere Tage oder Wochen durch Dörfer. Eine Vorführung dauerte höchstens etwa eine halbe Stunde. Danach erhielten sie als dan oder bhiksha Reis, ein Mittagessen, Kleidung oder Geld. Heute sind nur noch wenige traditionelle Bilderzähler unterwegs. Die meisten Patua arbeiten überwiegend als landwirtschaftliche Tagelöhner oder in anderen Tätigkeiten der niedrigsten sozialen Schichten. Sie verkaufen auch Flechtwaren, Feuerwerkskörper und Lehmfiguren oder treten als Jongleure, Schlangenbeschwörer und Magier auf.
Chitrakar vermarkten sich heute besser. Sie bemalen neben Bildrollen auch Papierbilder, T-Shirts und Töpferwaren mit volkstümlichen Motiven. Die Behauptung, Patua verwendeten natürliche Farben, gehört zur Inszenierung einer bedrohten alten Kunstform. Bereits 1953 wurde jedoch festgestellt, dass sie ihre Farben nicht selbst herstellten, sondern importierte Farben einkauften.
Eine wichtige Ausnahme ist das Dorf Naya im Distrikt Medinipur. Dort lebten 2011 insgesamt 53 Patua-Familien, die Bilder malen, verkaufen und ihre Hausfassaden mit denselben Motiven schmücken. Seit den 1980er Jahren wurde Naya durch staatliche Workshops, NGOs, ethnologische Forschung und Filme zu einem Modell- und Besuchsort. Frauen, die zuvor nicht an der männlich dominierten Bildproduktion beteiligt waren, nahmen ab 1986 und 1991 an Workshops teil. Seit einem NGO-Workshop von 1992 werden regelmäßig neue Maltechniken und nicht-narrative Motive vermittelt.
In Naya entstehen auch aktuelle Bildrollen. Die Laden pata behandelt die Terroranschläge vom 11. September 2001. Sie besteht aus sechs Bildern, die unter anderem Osama bin Laden, George W. Bush, den Anflug auf die Hochhäuser und spätere Kampfszenen zeigen. Das neue Thema wurde zunächst in Liedversen erzählt und anschließend nach den für mythologische Erzählungen verwendeten Bild- und Darstellungsprinzipien gestaltet.
Religion und religiöse Praxis
Die Patua praktizieren einen muslimischen Volksglauben mit hinduistischen Elementen. Befragungen von 1991 ergaben jedoch ein uneinheitliches Bild. Die Mehrheit bekannte sich zum Islam und nannte Beschneidung, islamische Eheschließung nach dem Recht der Nikah, schriftliche Scheidung, das Glaubensbekenntnis Schahāda, islamische Bestattung und die Feier des Prophetengeburtstags als Bestandteile ihrer Praxis. Beim hinduistischen Hauseinweihungsritual griha pravesh rezitieren sie aus Koran und Hadithen. Ihre Häuser schmücken sie mit Darstellungen der Moscheen von Mekka und Medina sowie anderen islamischen Motiven.
Eine hinduistische Minderheit verehrt Kali, Lakshmi und Shashthi als Hausgottheiten, stellt hinduistische Tempel und Götter dar, pflegt den heiligen Tulsi-Busch und bläst morgens und abends ein Schneckenhorn. Bei Hochzeiten wird teilweise die bengalische Zeremonie gaya holud praktiziert, bei der Braut und Bräutigam ein bis zwei Tage vor der Trauung mit Kurkumapulver eingerieben werden. Einige Patua konnten sich keiner Religion eindeutig zuordnen. Allen Gruppen war eine geringe Kenntnis der kanonischen Schriften ihrer Religionen gemeinsam.
Eine Ursprungserzählung erklärt die Sonderstellung damit, dass ein Patua heimlich Shiva gemalt und aus Angst vor dessen Zorn den Pinsel in den Mund genommen habe. Shiva habe daraufhin verfügt, dass die Patua weder Hindus noch Muslime sein sollten: Sie sollten muslimische Gesetze übernehmen, aber hinduistische Götterbilder malen dürfen. Eine historisch plausiblere Erklärung sieht in einem allmählichen Übertritt niedrigkastiger Hindus zum Islam den Versuch, die Dschizya zu vermeiden, materielle Förderung zu erhalten oder Schutz muslimischer Herrscher zu gewinnen. Die Patua kehrten im 20. Jahrhundert teilweise zum Hinduismus zurück, behielten aber später oft ihren muslimischen Glauben und den Namen Chitrakar.
Jadopatia und Aufführungspraxis
Die Jadopatia sind eine von den Patua unabhängige, vermutlich aus ihnen hervorgegangene Gruppe. Sie leben an den Rändern von Santal-Dörfern in Westbengalen, Jharkhand und angrenzenden Gebieten. Ihre schmalen Bildrollen umfassen nur knapp ein Dutzend Erzählungen. Die meisten behandeln Geschichte und Gesellschaft der Santal; weitere zeigen Krishna, Manasa oder Karna. Die Jadopatia treten öffentlich meist als Hindus auf, einige befolgen zusätzlich islamische Vorschriften. Die Patua aus Birbhum verneinen jede Verwandtschaft mit ihnen.
Jadopatia gelten bei den Santal als „magische Bilderzähler“, verstehen sich selbst jedoch als religiöse Lehrer und verwenden lieber die Bezeichnung Chitrakar. Ihre wichtigsten Themen sind Yama und die Höllenstrafen für Verstöße gegen die moralischen Regeln der Santal. Außerdem führen sie ein Totenritual durch. Dabei fertigen sie nach einer Vision eine Skizze des Verstorbenen ohne Iris an und erklären den Angehörigen, der Verstorbene irre blind im Jenseits, bis Geschenke überreicht würden. Im anschließenden chakshudan-Ritual malen sie die Iris ein. Dieses Vorgehen wurde als „spirituelle Erpressung“ bezeichnet; zugleich beruht es auf Vorstellungen über Schuld, Strafe und das Jenseits, die sich bei Santal und Jadopatia überschneiden.
Bei den traditionellen Patua richtet sich die Aufführungszeit nach hinduistischen Feiertagen und Erntezeiten. Günstig sind die Monate November bis Mai sowie Durga Puja Ende September oder Anfang Oktober. Die Erzähler ziehen je nach Form wenige Tage oder bis zu drei Wochen umher. Mythologische Geschichten verbinden sie mit dem Appell, durch eine Spende religiöses Verdienst zu erwerben. In Birbhum enden Bildrollen häufig mit Höllenszenen: Yama bestraft unter anderem Ehebruch, Lüge, schlechtes Wasser, Gewalt gegen fremde Kinder und das Verweigern von Almosen. Wer dem Patua gibt, soll solchen Strafen entgehen. Dabei wird das gewöhnliche Almosen bhiksha mit der religiösen Gabe dan gleichgesetzt, einer selbstlosen Schenkung, die als gute Tat (punya) gilt.