Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Pagode
Mit der Verbreitung des Buddhismus wurden dann auch andernorts Stupas aufgestellt, um Sarira aufzubewahren. Noch später wurden auch die Sarira der …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff, Bedeutung und Ursprung
Eine Pagode ist ein markantes, mehrgeschossiges, turmartiges Bauwerk. Die einzelnen Geschosse sind meist durch vorspringende Gesimse oder Dächer getrennt. Pagoden gibt es unter anderem in Vietnam, China, Nepal, Myanmar, Kambodscha, Japan und Korea. Sie sind wichtig für das Verständnis ostasiatischer Kultur, weil sie mit Religion, Geschichte, Ästhetik und Philosophie verbunden sind.
Ursprünglich bewahrten Pagoden Überreste erleuchteter buddhistischer Mönche auf. Ihre zwei wesentlichen Ursprünge sind der indische Stupa und das traditionelle chinesische Wohngebäude. Ein Stupa war zunächst ein Grab für Sarira, die bei der Verbrennung von Siddhartha Gautama verbliebenen sterblichen Reste. Indische Stupas sind halbkugelförmige Erdhügel. In China verbanden sich diese religiöse Funktion und die Bauformen mehrgeschossiger Holzgebäude mit Doppeldächern. So entstand eine eigenständige ostasiatische Architektur.
Die Herkunft des Wortes „Pagode“ ist nicht endgültig geklärt. Im Chinesischen heißt das Bauwerk Ta (塔, Pinyin tǎ). In Vietnam kann „Pagode“ als Übersetzung von Chùa auch den gesamten Tempelkomplex meinen. Stupa und Pagode werden in Südostasien oft verwechselt; die Weiterentwicklung des Stupa heißt in Thailand Chedi.
Entwicklung und regionale Bauweisen
Mit dem Buddhismus gelangte die Pagode während der Östlichen Han-Dynastie nach China. Zunächst entstanden hölzerne Stockwerkpagoden. Weil Holz leicht brennt und schlecht erhalten bleibt, entwickelten sich später Dichtdachpagoden aus Ziegeln. Von den frühen Pagoden ist keine erhalten; die Pagode des Songyue-Tempels in Henan gilt als älteste noch erhaltene Ziegelsteinpagode. Die älteste erhaltene Pagode stammt aus dem Jahr 466, aus der Nördlichen Wei-Dynastie; sie war aus Stein.
In der Sui- und Tang-Dynastie entstanden vielfältigere Formen. Tang-Pagoden waren häufig quadratisch, innen hohl und besaßen meist weder Sockel noch große Dekorationen. Aus dieser Zeit sind über hundert Pagoden erhalten. In den Fünf Dynastien und Zehn Reichen kamen sechs- und achteckige Grundrisse, Wendeltreppen, Treppenhäuser und Außenplattformen hinzu.
Song-Pagoden waren meist sechs- oder achteckig, reich dekoriert und mit Plattformen, Geländern und weit ausladenden Dächern versehen. Zugleich verlor die Pagode im Tempel ihre frühere zentrale Stellung an die Haupthalle. Liao-Pagoden waren gedrungener, oft achteckig und überwiegend als Dichtdachpagoden aus Ziegel- oder Haustein gebaut. Sie ahmten Holzbauteile wie Balken, Rippen, Fenster und Türen besonders aufwändig nach; Fassaden konnten Sutras sowie Buddha-, Vajra-, Rikishi- oder Bodhisatvastatuen tragen. Die Jin-Dynastie übernahm überwiegend ältere Formen; eine Pagode in Zhengding ist die erste Vajrasitz-Pagode.
Unter der Yuan-Dynastie wurde die indische Stupa-Bauweise wiederbelebt, auch weil die mongolische Oberschicht viele Anhänger des Mizong hatte. Seit Ming und Qing wurden viele Fengshui-Pagoden errichtet. Sie sollten örtliche Fengshui-Defizite korrigieren oder böse Geister bannen. Diese Zeit brachte kaum neue Konstruktionsweisen, aber besonders vielfältige Formen: schmale stiftartige ebenso wie breite turmartige Pagoden. Nach dem 14. Jahrhundert wurden Pagoden zunehmend auch profan genutzt.
In Japan kamen Pagoden über China und Korea an. Wegen häufiger Erdbeben bestehen sie meist aus Holz, haben quadratische Grundrisse, niedrigen Unterbau, kleine Grundfläche, geringe Höhe und weit auskragende Dächer. Charakteristisch ist ein besonders stabiler zentraler Holzpfeiler.
Aufbau, Formen und Ausstattung
Anders als der indische Stupa ist die chinesische Pagode zugänglich. Im Erdgeschoss befindet sich meist das Hauptbildnis Buddhas. In den übrigen Stockwerken stehen Figurengruppen oder eine durchgehende Säule, in die Reliquien eingemauert sind. Auf den Galerien kann diese Säule umschritten werden.
Unter der Pagode liegt oft der Erdpalast, auch Drachenpalast genannt. Er wird vor dem Bau ausgehoben und kann quadratisch, sechs- oder achteckig oder rund sein. Dort wurden Steintruhen und kleine Steinpagoden mit Sarira sowie Sutras, Buddhastatuen und weitere Gegenstände vergraben. Darüber bildet ein Sockel die Basis. Häufig ist dies ein Sumerusockel, der den Berg Sumeru als Zentrum der buddhistischen Welt symbolisiert. Der Pagodenkörper ist der Hauptteil und unterscheidet die Baustile. Jede Pagode besitzt eine Spitze als Symbol für das Himmelreich Buddhas. Diese Spitze ist oft selbst eine kleine Glockenpagode.
Geläufige Formen sind Stockwerk-, Pavillon-, Dichtdach-, Glocken-, Vajrasitz-, Torbogen-, Sutraschachtel- und Schatztruhenpagoden. Schnitzereien dienten zunächst der Verbreitung des buddhistischen Glaubens und zugleich als Schmuck. Sie zeigen etwa Löwen, Drachen, Lotosblüten, Buddhas oder Gebäude. Fengshui-Pagoden tragen dagegen oft nichtbuddhistische Glücksbringer. Buddhastatuen können innen oder außen stehen; am häufigsten wird Siddhartha Gautama dargestellt. Nischen, besonders seit der Liao-Zeit verbreitet, nehmen Buddhastatuen auf und können auch Fenster oder Türen formen.
Weitere Ausstattung sind Miniaturpagoden, Inschriften und Glöckchen aus Kupfer oder Eisen unter den Dachkanten. Letztere sollen Vögel vertreiben und so das Bauwerk schützen. Lampennischen dienen bei Zeremonien zum Aufstellen entzündeter Öllampen. Verputze sind häufig weiß, cyan, gelb oder andere Farben; sie hängen von lokalen Traditionen, Boden und buddhistischer Schule ab. Glockenpagoden sind stets mit Kalk verputzt und heißen daher auch Weiße Pagoden.
Baumaterialien und Konstruktion
Frühe Pagoden bestanden aus Stampflehm und Holz; später kamen Backstein, Haustein, Majolika und Metall hinzu. Stampflehm eignet sich wegen der hohen, schlanken Form statisch nur schlecht und ist besonders in feuchten Gebieten schwer zu erhalten. Erhaltene Stampflehmpagoden liegen daher vor allem im trockenen Nordwesten Chinas und sind meist kurze, kompakte Glockenpagoden.
Holz war in China das bevorzugte Material. Holzpagoden orientierten sich an zeitgenössischen Palästen: Tragende Teile wie Dougong, Balken, Träger und Säulen sowie Türen, Fenster und Geländer ähneln deren Bauweise. Frühe Holzpagoden hatten einen Kern aus Stampflehm oder Backstein; später ersetzte ihn eine große Holzsäule. Diese begrenzte allerdings die mögliche Höhe. Die Pagode des Fugong-Klosters in Shanxi, die älteste erhaltene Holzpagode aus der Liao-Zeit, verwendete stattdessen auf jeder Etage einen Kreis von Säulen. Dadurch wurde sie höher und statisch stabiler.
Die meisten erhaltenen Pagoden sind aus gebrannten Tonziegeln. Ziegel sind haltbarer als Holz und Stampflehm, lassen sich vor Ort in verschiedenen Formen herstellen und mit Skulpturen versehen. In der Ming- und Qing-Zeit wurden fast alle hohen Pagoden aus Backstein errichtet. Ziegelbauten ahmten oft Holzstrukturen nach. Weil sich Pagoden nach oben verjüngen, müssen Ziegel im Inneren unregelmäßig geschichtet werden; nur die äußere Schicht wird ordentlich gefügt. Kalkzusätze im Mörtel erhöhten seit Song und Liao die Stabilität, in der Ming-Zeit nutzte man ausschließlich Kalkmörtel.
Haustein eignet sich für schlanke Bauten, doch hohe Steinpagoden waren wegen fehlender Erfahrung in der Steinbearbeitung selten. Majolika ist bei solchen Bauwerken hauptsächlich wasserabweisende Fassadendekoration auf einer Backsteinpagode und war teuer sowie genehmigungspflichtig. Metallpagoden aus Eisen, Kupfer, Silber oder Gold sind meist klein; Korrosion und starke Ausdehnung bei Wärme erschwerten ihren Einsatz. Miniaturpagoden aus Räucherstäbchenmehl sind keine Bauwerke, sondern zeremonielle Gegenstände des Lamaismus.
Verwendung, kulturelle Rolle und Gefährdung
Pagoden standen meist in Klöstern, gelegentlich außerhalb. Das Sprichwort „Wo eine Pagode ist, da ist auch ein Kloster“ verweist darauf, dass viele Klöster später zerstört wurden, ihre Pagoden jedoch bestehen blieben. Ursprünglich waren Pagoden buddhistische Verehrungsorte und Behälter für Sarira oder Buddhastatuen. Vor der Song-Dynastie waren sie das zentrale Gebäude eines Klosters. In Pagodenwäldern, etwa beim Shaolin-Kloster, dienen meist kleine Pagoden als Gräber renommierter Mönche. Im Erdpalast der Famen-Si-Pagode wurden vier Fingerknochen des Buddhas gefunden.
Daneben übernahmen Pagoden weltliche oder volksreligiöse Aufgaben: als Fengshui-Bauten, zur Verehrung von Glücksstern und Wenchangdijun (文昌帝君), zum Vertreiben böser Geister, als Orientierungspunkt an Küsten und auf dem Land sowie als Aussichtsplattform. Im Feng Shui können sie einen Berg ersetzen oder dessen Wirkung verstärken. In China sind Stockwerkszahlen im Unterschied zu Indien stets ungerade, weil der chinesische Buddhismus die Fünf-Elemente-Lehre übernahm und ungerade Zahlen als Glückszahlen ansah.
Besonders bedroht sind Pagoden durch Erdbeben, Witterung, Blitz, Feuer, Pflanzenbewuchs, Grundwasser und menschliche Zerstörung. Die schlanke Form ist bei Erdbeben anfällig; Spitzen können abbrechen, Erdpaläste einstürzen. Ziegel erodieren vor allem bei trockenem Klima, starkem Wind, Wüstenbildung und Sandwanderung. Pflanzenwurzeln dringen durch Ritzen ein und können die Konstruktion zerstören. Blitze trafen Pagoden häufig, weil sie hohe Gebäude mit oft metallenen Spitzen waren; heute besitzen fast alle Blitzableiter. Feuer schädigt auch Backstein, da Ziegel durch Hitze springen und ihre Tragfähigkeit verlieren können. Steigendes Grundwasser gefährdet insbesondere Erdpaläste. Historisch wurden Pagoden in antibuddhistischen Bewegungen zerstört oder als Steinquelle abgetragen.
In Europa entstanden ab dem 18. Jahrhundert in Chinoiserie-Moden pagodenähnliche Staffagebauten oder Follies ohne religiöse Bedeutung, etwa der Chinesische Turm im Englischen Garten in München. Umgangssprachlich heißt auch die Mercedes-Benz-Baureihe W 113 von 1963 bis 1971 „Pagode“, weil ihr konkav gewölbtes Hardtop von hinten an ein Pagodendach erinnert.