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Josef Mengele

Mengele rückte erst während der frühen 1960er Jahre im Zuge der Ermittlungen zu den Auschwitzprozessen ins engere Blickfeld der Strafverfolger. Zuvor hatte er …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Ausbildung
  2. 2. Dienst in der SS und Verbrechen in Auschwitz
  3. 3. Menschenversuche und Forschung
  4. 4. Wissenschaftliche Einordnung
  5. 5. Flucht, Entdeckung und Nachwirkung

Einordnung und Ausbildung

Josef Mengele (16. März 1911 in Günzburg–7. Februar 1979 in Bertioga, Brasilien) war ein deutscher Mediziner, Anthropologe und nationalsozialistischer Kriegsverbrecher. Bekannt wurde er vor allem durch seine Tätigkeit als Lagerarzt im KZ Auschwitz-Birkenau. Dort nahm er Selektionen vor, überwachte Vergasungen und führte menschenverachtende medizinische Experimente an Häftlingen durch. Zu seinen Forschungsthemen gehörten Zwillingsforschung, Wachstumsanomalien, Sterilisation, Knochenmarktransplantation sowie Fleckfieber und Malaria.

Mengele stammte aus einem katholisch-konservativen und deutschnationalen, aber nach Einschätzung der Forschung nicht ursprünglich nationalsozialistischen Elternhaus. Sein Vater Karl war Ingenieur und Besitzer eines erfolgreichen Landmaschinenbetriebs. Josef Mengele trat 1924 dem antisemitisch orientierten Großdeutschen Jugendbund und 1931 dem Jungstahlhelm bei. 1937 wurde er Mitglied der NSDAP, 1938 trat er der SS bei.

Nach dem Abitur 1930 studierte Mengele Medizin, Zoologie und Anthropologie. 1935 promovierte er in München mit einer Arbeit über 123 Unterkiefer aus verschiedenen sogenannten „rassischen Gruppen“. Die Arbeit sollte zeigen, dass sich die Zugehörigkeit zu verschiedenen „Rassen“ anhand des Unterkiefers bestimmen lasse. Medizinhistoriker bewerten die Methodik als „Pseudo-Wissenschaft bzw. Wahn“.

1936 legte Mengele das medizinische Staatsexamen ab. Ab 1937 arbeitete er am Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt am Main unter Otmar Freiherr von Verschuer. 1938 promovierte er vermutlich auch zum Dr. med. mit einer Untersuchung zur Erblichkeit von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Er untersuchte 17 Familien, ermittelte 1222 Angehörige und suchte 583 davon persönlich auf. Durch die umstrittene Einbeziehung sogenannter „Mikromanifestationen“ errechnete er zunächst eine Erblichkeitsquote von 100 Prozent; später kam er auf eine Erblichkeit in 13 von 17 Familien. Beide Doktorgrade wurden ihm wegen seiner Verbrechen 1960 beziehungsweise 1961 aberkannt; die Entscheidung wurde am 23. September 1963 rechtsgültig.

Dienst in der SS und Verbrechen in Auschwitz

Mengele meldete sich 1940 zur Waffen-SS und absolvierte eine militärärztliche Ausbildung. Er wurde zunächst bei der nationalsozialistischen Umsiedlungs- und „Eindeutschungspolitik“ eingesetzt und später Truppenarzt der SS-Division „Wiking“. Für seinen Einsatz an der Ostfront 1941 und 1942 erhielt er das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse sowie weitere Auszeichnungen. 1943 wurde er zum SS-Hauptsturmführer befördert und mit Wirkung zum 30. Mai 1943 nach Auschwitz abgeordnet.

Von Mai 1943 bis Januar 1945 war Mengele Lagerarzt im KZ Auschwitz-Birkenau. Bis zur Auflösung im August 1944 war er leitender Lagerarzt des „Zigeunerlagers“ Auschwitz B II. Danach leitete er den ärztlichen Dienst im Häftlingskrankenbaulager B IIf; im Dezember 1944 wurde er Truppenarzt im SS-Truppenlazarett Birkenau. Am 18. Januar 1945 verließ er Auschwitz vor dem Vorrücken der Roten Armee.

Zu den Aufgaben der Lagerärzte gehörten Selektionen an der Rampe und im Lager. Durch einen kurzen Augenschein entschieden sie, wer sofort in die Gaskammern geschickt wurde und wer zunächst im Lager bleiben musste. Besonders Kinder, Alte, Kranke, Schwangere, Behinderte und geschwächte Menschen wurden zur sofortigen Ermordung bestimmt. Zeugen beschrieben, dass Mengele diese Aufgabe häufig übernahm und sich geradezu darum drängte. Bei einer Selektion konnte er mit einer Handbewegung Menschen in zwei Gruppen teilen. Für Selektionen in mehreren Lagerabschnitten wird eine Schätzung von rund 51.000 getöteten Frauen genannt; bei Krankenselektionen wurden jeweils 400 bis 800 Häftlinge ausgesondert. Die genaue Opferzahl Mengeles ist nicht feststellbar.

Besonders brutal ging Mengele gegen Krankheiten und Seuchen vor. Ende 1943 ließ er bei einer Typhusepidemie einen ganzen Block mit 600 Frauen vergasen und anschließend desinfizieren; dieses Vorgehen wiederholte er bei weiteren erkrankten Gruppen. Im Juli 1944 leitete er unter dem Vorwand einer Flecktyphusepidemie die Auflösung des Familienlagers Theresienstadt, bei der etwa 4000 Menschen ermordet wurden.

Im „Zigeunerlager“ waren von etwa 22.600 deportierten Sinti und Roma bis Ende 1943 rund 70 Prozent gestorben; 13.600 Insassen starben bereits vor der systematischen Liquidierung. Am 2. August 1944 wurde das Lager aufgelöst. Nach der Selektion der noch Arbeitsfähigen wurden die verbliebenen, je nach Angabe 2897 bis 3300 Menschen in den Gaskammern ermordet. Mengele befürwortete diese Liquidierung und beaufsichtigte ihre Durchführung.

Menschenversuche und Forschung

Mengele verband medizinische Gewalt mit Forschungsprojekten, die an rassenbiologischen Vorstellungen orientiert waren. Sein wichtigstes Arbeitsgebiet war die Zwillingsforschung, die auch das Spezialgebiet Verschuers war. Eineiige und zweieiige Zwillinge wurden verglichen, um den Einfluss von Erbanlagen und Umwelt zu untersuchen. In Auschwitz legte Mengele für jeden Zwilling eine 96 Punkte umfassende Personendatei mit Fotografien, Röntgenaufnahmen, wiederholten Untersuchungen sowie Urin- und Bluttests an. Die Gesamtzahl der untersuchten Zwillinge ist unbekannt; Benoit Massin schätzt sie auf mindestens 900. In einer Baracke sollen zeitweise bis zu 350 Zwillingspaare untergebracht gewesen sein, im Januar 1945 noch 72 einzelne Zwillinge. Nur sehr wenige überlebten Auschwitz.

Die Kinder erhielten zeitweise bessere Nahrung und wurden in einem sogenannten „Kindergarten“ mit Spielplatz untergebracht. Diese Sonderstellung bedeutete jedoch keinen sicheren Schutz. Bezeugt sind Bluttransfusionen, Injektionen von Fremdstoffen und Krankheitserregern sowie chirurgische Eingriffe ohne Narkose. Starb ein Zwilling eines natürlichen Todes, wurde der andere teilweise ebenfalls getötet, damit beide Körper vergleichend obduziert werden konnten. Über spezielle Versuchsreihen liegen jedoch nicht zu allen Berichten gesicherte Angaben vor. Nach der Auflösung des „Zigeunerlagers“ wurden die letzten zwölf dort verbliebenen Zwillingspaare getötet.

Mengele untersuchte außerdem Kinder und Erwachsene mit Heterochromie, also unterschiedlich gefärbten Augen. Flüssigkeiten wurden in die Augen geträufelt; dadurch kam es zu Schwellungen, Entzündungen, Erblindung oder Tod. Der Zusammenhang mit der Forschung der KWI-A-Biologin Karin Magnussen zur erblichen Bestimmung der Augenfarbe gilt als wahrscheinlich. Magnussen berichtete über 31 Augenpaare unbekannter Herkunft, die wahrscheinlich aus Auschwitz stammten. Auch präparierte Augen wurden nach Berlin geschickt.

Im Sommer 1943 untersuchte Mengele die Noma, den sogenannten „Wasserkrebs“, eine schwere bakterielle Infektion, die durch Unterernährung und schlechte Hygiene begünstigt wurde. Er ließ eine eigene Baracke einrichten und die Erkrankten durch die Häftlingsärzte Berthold Epstein und Rudolf Vítek untersuchen. Es gibt Berichte über Fotografien, Zeichnungen, Gewebeuntersuchungen und Injektionen von Absonderungen aus erkrankten Mündern. Der Zeuge Czesław Głowacki gab an, etwa 3000 Menschen, hauptsächlich Kinder, seien an solchen „Impfungen“ gestorben. Diese Zahl beruht auf seiner Aussage.

Weitere Versuche betrafen Sterilisation und Kastration, Säureinjektionen in die Eileiter, Röntgenbestrahlung, Hormongaben, Fleckfieber, Malaria und Elektroschocks. Bei einem Malaria-Versuch sollen 48 Häftlinge durch Injektionen getötet und ihr Blut entnommen worden sein. Eine Zeugin berichtete von Stromversuchen an etwa 70 bis 80 Häftlingen; die Überlebenden wurden anschließend vergast. Schwangeren Frauen wurde teilweise das Stillen verboten, um zu beobachten, wie lange Neugeborene ohne Nahrung überlebten. Überlebende von Operationen und Experimenten wurden häufig später ermordet.

Wissenschaftliche Einordnung

Mengele stand in engem Kontakt mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) in Berlin-Dahlem, das von Verschuer geleitet wurde. Er schickte dem Institut hunderte Präparate. Verschuer berichtete der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sein als Lagerarzt in Auschwitz eingesetzter Assistent führe dort anthropologische Untersuchungen durch und sende Blutproben an das Labor. Ein Projekt untersuchte sogenannte „spezifische Eiweißkörper“ und zielte möglicherweise auf einen serologischen Bluttest zur Bestimmung menschlicher „Rassenzugehörigkeit“.

Die Forschung ist sich uneinig, wie diese Blutuntersuchungen genau einzuordnen sind. Benno Müller-Hill verband sie mit Untersuchungen zu Tuberkulose, Flecktyphus und gezielten Infektionen. Achim Trunk rekonstruierte die Projekte dagegen als getrennte Vorhaben, bei denen Blutproben zu Substraten verarbeitet und Kaninchen injiziert wurden, um sogenannte „Abwehrfermente“ zu untersuchen.

Auch die Stellung Mengeles ist umstritten. Benoit Massin bezeichnete ihn als „Institutsdirektor“ einer „Außenstelle Auschwitz“ des KWI-A. Hans-Walter Schmuhl hält diese Bezeichnung für problematisch, weil keine formale Außenstelle bestand und sie Mengeles Abhängigkeit von Verschuer überbewerte. Sicher ist jedoch, dass Mengele in ein Netzwerk aus SS, Forschungseinrichtungen und möglicherweise der Industrie eingebunden war.

Einige Historiker sprechen von „Pseudowissenschaft“, andere von Experimentalmedizin, die unter rassistischen und gewissenlosen Bedingungen betrieben wurde. Die neuere Forschung betont, dass die entscheidende Ablehnung nicht davon abhängen darf, ob einzelne Methoden wissenschaftlich aktuell oder technisch nachvollziehbar waren: Die Experimente wurden an entrechteten und wehrlosen Menschen durchgeführt und waren mit Zwang, Gewalt und Mord verbunden. Die Verbindung zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse und nationalsozialistischer Rassenpolitik darf deshalb nicht verharmlost werden.

Flucht, Entdeckung und Nachwirkung

Nach der Räumung von Auschwitz arbeitete Mengele noch im KZ Groß-Rosen und nahm dort unter anderem Selektionen kranker und schwangerer Frauen vor. Nach Kriegsende wurde er im Juni 1945 von US-Truppen interniert, aber nicht als SS-Mitglied und KZ-Arzt erkannt. Er benutzte falsche Namen und wurde nach wenigen Wochen entlassen. Unter dem Namen „Fritz Hollmann“ versteckte er sich zunächst und arbeitete ab Oktober 1945 als Knecht auf dem Lechnerhof in Oberbayern.

1949 floh er über Italien nach Argentinien. Am 25. Mai bestieg er in Genua das Schiff North King; am 20. Juni 1949 traf er in Buenos Aires ein. Dort lebte er zunächst unter dem Namen „Helmut Gregor“. 1956 erhielt er sogar einen deutschen Pass auf seinen richtigen Namen, weil in Deutschland noch kein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Nach dem Haftbefehl vom 25. Februar 1959 tauchte er in Paraguay unter und erhielt im November desselben Jahres die Staatsbürgerschaft auf den Namen „José Mengele“. Nach der Entführung Adolf Eichmanns durch den Mossad 1960 floh er mit falschen Papieren nach Brasilien.

In Brasilien lebte Mengele unter wechselnden Identitäten und wurde von deutschen Unterstützern aufgenommen. Am 7. Februar 1979 erlitt er beim Schwimmen in Bertioga einen Schlaganfall und ertrank. Am 8. Februar wurde er als „Wolfgang Gerhard“ beerdigt. Die Gebeine wurden 1985 entdeckt und von brasilianischen, deutschen, amerikanischen und israelischen Experten identifiziert; eine DNA-Analyse beseitigte 1992 letzte Zweifel.

Die Aufklärung seiner Flucht wurde durch Briefe, Tagebücher und Journale ermöglicht. Der Nachlass umfasste insgesamt etwa 3500 Seiten; ein Teil wurde 2011 für 245.000 Dollar versteigert. Aufzeichnungen aus Auschwitz existieren nicht. In seinen späteren Selbstzeugnissen rechtfertigte Mengele sich mit nationalsozialistischer Propaganda und behauptete gegenüber seinem Sohn, er habe niemanden getötet und nur Befehle ausgeführt.

Seit den 1960er Jahren wurde Mengele durch Presseberichte und Filme häufig als „Todesengel“ oder übermenschlich gefährlicher Flüchtling dargestellt. Viele verbreitete Geschichten erwiesen sich als unbelegt oder falsch; die historische Forschung bemüht sich seit den 1980er Jahren um eine quellenkritische Einordnung. 1985 wurden die Aussagen von Überlebenden international bekannt, unter anderem durch C.A.N.D.L.E.S. und das „Mengele-Tribunal“ in Yad Vashem. Im September 2026 veröffentlichte das Schweizerische Bundesarchiv eine 217 Seiten lange Akte über Mengele. Seine Verbrechen wurden in zahlreichen Filmen, Romanen, Theaterstücken und Musikwerken verarbeitet; 2025 erschien der Film Das Verschwinden des Josef Mengele.

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