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Oskar N. Sahlberg
Er forschte über perinatale und pränatale Psychologie sowie zuletzt über Religionspsychologie. Er legte zahlreiche Veröffentlichungen, Rundfunksendungen und …
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Person und Bedeutung
Oskar N. Sahlberg (* 10. August 1932 in Niesky; † 23. August 2005 in Berlin) war ein deutscher Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker und Psychotherapeut. Er beschäftigte sich mit Literatur, Kunst, Religion und Psychotherapie, besonders mit perinataler und pränataler Psychologie. Pränatal bedeutet: vor der Geburt; perinatal meint die Zeit um die Geburt herum. Zuletzt forschte er auch religionspsychologisch, also zu seelischen Deutungen religiöser Erfahrungen.
Sahlberg veröffentlichte Bücher, Essays, Beiträge in Sammelbänden und Zeitschriften sowie Hörfunksendungen. Seine Themen reichten von Alchemie, Buddha und Jesus bis zu Goethe, Picasso, Edgar Poe, Karl May und Gottfried Benn. Zuletzt arbeitete er als Studienrat und freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.
Lebensweg und Arbeitsfelder
Sahlberg wurde 1932 im schlesischen Niesky geboren. Seine Kindheit war durch Nazidiktatur, Krieg und Flucht geprägt. Später kam er nach München und studierte Romanistik, Germanistik, Anglistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Nach Angaben des Artikels hielt er es im Klima der bundesdeutschen Adenauerzeit nicht mehr aus und reiste nach Paris und Italien, Kairo und Kalkutta, Afrika und Asien sowie in späteren Jahren auch nach Amerika.
Nach seiner Promotion über den Dichter Théophile Gautier lebte Sahlberg seit den 1970er Jahren in Berlin. Dort arbeitete er zu literarischen und künstlerischen Phantasiewelten, etwa zu Gottfried Benn in „Wo Lust und Leiche winkt“ (1977), zu Baudelaire in „Baudelaire und seine Muse auf dem Weg zur Revolution“ (1980), zu Karl May in „Der Großmystiker Karl May“ (2004) und zu Picassos „Guernica“. Außerdem untersuchte er Meditation als Weg der Selbsterfahrung, zum Beispiel im Zen und bei indischen Gurus.
Neuzeugungstherapie und religiöse Erfahrung
Als Höhepunkt seines Schaffens nennt der Artikel Sahlbergs 2004 erschienenes Werk „Reisen zu Gott und Rückkehr ins Leben. Tiefenpsychologie der religiösen Erfahrung“. Darin untersuchte er religiöse Erfahrungen tiefenpsychologisch. Tiefenpsychologie ist eine Richtung der Psychologie, die unbewusste seelische Vorgänge erklären will.
Im Vorwort deutete Ludwig Janus Sahlbergs Ansatz so: Freud habe religiöse Phänomene vor allem als frühkindliche Projektionen verstanden und dabei die Vaterbeziehung betont; bei Jung sei auch die Mutterbeziehung wichtig gewesen. Sahlberg knüpfte an Überlegungen an, nach denen religiöse Erfahrung auch mit vorgeburtlichem und geburtlichem Erleben zusammenhängt. Am Beispiel von Jesus und Buddha verband er ihre Lebensgeschichten mit frühen unbewussten Beweggründen und Visionen. Janus beschreibt diese Deutung als „Röntgenbilder des Unbewußten“, die Gefühle der uterinen Phase erkennen lassen. Uterin bedeutet: im Mutterleib.
Therapeutische Szenarien
Sahlberg betonte, sein Buch stamme aus der therapeutischen Praxis und ziele wieder auf sie. Er sah Jesus und Buddha nicht nur als historische oder theoretische Figuren, sondern als Geschichten, die Menschen in einer Therapie helfen könnten, eigene unbewusste Phantasien zu klären. Besonders dachte er an ungewollte Kinder, die als Erwachsene unter Selbstmordzwängen leiden und Erlösung suchen.
Der therapeutische Weg führe nach Sahlberg zuerst zum Trauma der Empfängnis, das vollständig durchlitten werden müsse. Der Selbstmordwunsch werde dabei nicht real ausgeführt, sondern im geschützten Raum der Therapie vorgestellt. In der bejahten Todeserfahrung werde die Empfängnis innerlich rückgängig gemacht, sodass sich Schmerzen lösen könnten.
Danach könne ein neues Gefühl entstehen: ewig, unendlich und allmächtig zu sein, „wie Gott“. Sahlberg verband dies mit Imitation und Identifikation, etwa mit der christlichen „Imitatio Jesu Christi“ oder dem buddhistischen Ziel, ein Buddha zu werden. Anschließend beschrieb er den Weg „tantrisch-alchemistisch“ als Neuzeugung: Die Empfängnis werde im Innersten als gut entdeckt, nur vom Trauma überschattet. Dabei verwendete er Begriffe wie „konstruktive Aggression“ aus der Dynamischen Psychiatrie Günter Ammons, Thanatos als Todestrieb und Eros als Lebenstrieb. Ziel sei, Vater und Mutter im eigenen Inneren zu vereinen und zu versöhnen.
Eigene Therapie und Deutung
Im Nachwort zu „Reisen zu Gott und Rückkehr ins Leben“ erklärte Sahlberg, das Buch sei in der Schlussphase seiner eigenen Psychotherapie entstanden. Er habe innere Gestalten untersucht, die sein Leben geprägt hätten, teils zerstörerisch, teils heilend. Dadurch habe er ein Muster von Trauma und Heilungsversuch erkannt: einen Ursprung im Kind und eine Wiederholung im Erwachsenen.
Sahlberg verband seine eigene Lebensgeschichte mit seiner Theorie. Er nennt Kindheit und Jugend, seinen Weg zur Therapie, die Entstehung des Buches und die „Neuzeugungstherapie“. Diese verstand er als Wiederholung der Schöpfung, um die Seele zu heilen und sich mit der „Energie des Ursprungs“ zu verbinden. Heilung des Selbst und Selbsterkenntnis fallen nach dieser Darstellung zusammen. Außerdem erwähnt der Artikel seine Bezüge zu Rebirthing, Bioenergetik, Bhagwan, Günter Ammon sowie zur Internationalen Gesellschaft für prä- und perinatale Psychologie und Medizin.
Einschätzung und Werke
Harald Eggebrecht beschrieb Sahlberg nach dessen Tod als Literaturwissenschaftler, Historiker, Psychotherapeut und Weltreisenden mit einer sehr breiten Bibliothek und Themenvielfalt. Seine Interessen reichten von Kulturgeschichte und Psychotherapie über Politik, Kunst, Religionen, Literatur und Musik. Eggebrecht sah einen Schwerpunkt von Sahlbergs Denken in der Phantasie als Kraft künstlerischer Kreativität und seelischer Heilung, in Sahlbergs Formulierung: „die Selbsterschaffung des Genies“.
Zu Sahlbergs Monographien als Autor gehören „Thematik und Symbolik von Théophile Gautiers ‚Émaux et camées‘“ (Dissertation, München 1970), „Gottfried Benns Phantasiewelt – ‚Wo Lust und Leiche winkt‘“ (1977), „Baudelaire und seine Muse auf dem Weg zur Revolution“ (1980) und „Reisen zu Gott und Rückkehr ins Leben. Tiefenpsychologie der religiösen Erfahrung“ (2004). Als Herausgeber veröffentlichte er unter anderem Werke von Charles Baudelaire, François-René de Chateaubriand und Théophile Gautier.
Seine Beiträge in Zeitschriften und Sammelbänden behandelten unter anderem Nationalsozialismus, Gottfried Benn, Goethe, Picasso, Karl May, Bhagwan Shree Rajneesh, Psychotherapie, Dynamische Psychiatrie, pränatale und perinatale Psychologie sowie psychohistorische Forschung. Dazu kamen Hörfunkbeiträge über Buddha und Jesus beim Sender Freies Berlin am 29. Dezember 1994.