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Opferverhältnis (Wirtschaft)
Arbeitslosenquote, 5.8, 7.1, 7.6, 9.7 ; Inflationsrate, 13.3, 12.5, 8.9, 3.8 …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Das Opferverhältnis, englisch sacrifice ratio, ist ein Begriff aus der Makroökonomie. Es gibt an, wie viel Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes oder wie viele Beschäftigte beziehungsweise wie viel Arbeitslosigkeit „geopfert“ werden müssen, um die Inflation um einen Prozentpunkt zu senken.
Der Begriff beruht auf der 1960 erweiterten Phillips-Kurve nach Phillips, Samuelson und Solow. Diese Kurve beschreibt den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation. Kurzfristig besteht demnach ein trade off: Eine Volkswirtschaft muss zwischen hoher Inflation und hoher Arbeitslosigkeit abwägen. Eine sinkende Inflationsrate wird mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote erkauft; umgekehrt kann eine Senkung der Arbeitslosigkeit mit höherer Inflation verbunden sein.
Berechnung
Die Opferverhältniszahl wird aus der erweiterten Phillips-Kurve abgeleitet. Wenn ein Rückgang der Inflation, also Disinflation, um β mit einer Steigerung der Arbeitslosenquote um 1 verbunden ist, lautet die Formel:
Opferverhältnis = 1 / β
Konkret wird das Opferverhältnis so angegeben:
Opferverhältnis = Jahresprozentpunkte an Überschussarbeitslosigkeit / Rückgang Inflation
Jahresprozentpunkte an Überschussarbeitslosigkeit sind die Differenz zwischen tatsächlicher und natürlicher Arbeitslosigkeit über eine bestimmte Zeit. Die natürliche Arbeitslosigkeit wird häufig als langfristige Arbeitslosenquote verstanden; die tatsächliche Arbeitslosigkeit ist die aktuelle Arbeitslosenquote. Liegt die natürliche Arbeitslosenquote bei 8 % und die tatsächliche Arbeitslosenquote vier Jahre lang bei 10 %, ergeben sich (10 − 8) · 4 = 8 Jahresprozentpunkte an Überschussarbeitslosigkeit.
Der Rückgang der Inflation wird in Prozentpunkten gemessen. Eine Verringerung der Inflationsrate von 10 % auf 6 % bedeutet zum Beispiel eine Disinflation von 4 Prozentpunkten.
US-Beispiel 1979 bis 1985
Im Artikel wird das Opferverhältnis am Beispiel der US-Wirtschaft von 1979 bis 1985 berechnet. Für die Berechnung der kumulierten Arbeitslosigkeit wurde die Summe der Jahresprozentpunkte an Überschussarbeitslosigkeit seit 1980 verwendet. Die natürliche Arbeitslosenquote wurde mit 6,0 % festgelegt. Die kumulierte Disinflation ergibt sich aus der Differenz zwischen der Inflationsrate eines Jahres und der Inflationsrate von 1979.
Die Inflationsrate sank in diesem Zeitraum stark: 1979 lag sie bei 13,3 %, 1980 bei 12,5 %, 1981 bei 8,9 %, 1982 bei 3,8 %, 1983 und 1984 bei 3,9 % und 1985 bei 3,8 %. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosenquote zunächst deutlich: von 5,8 % im Jahr 1979 auf 7,1 % 1980, 7,6 % 1981, 9,7 % 1982 und 9,6 % 1983. Danach fiel sie auf 7,5 % 1984 und 7,2 % 1985.
Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts schwankte: 1979 betrug es 2,5 %, 1980 −0,5 %, 1981 1,8 %, 1982 −2,2 %, 1983 3,9 %, 1984 6,2 % und 1985 3,2 %. Das berechnete Opferverhältnis lag 1980 bei 1,25, 1981 bei 0,59, 1982 bei 0,66, 1983 bei 1,04, 1984 bei 1,12 und 1985 bei 1,32.
Deutung des Beispiels
Für die US-Wirtschaft von 1979 bis 1985 zeigt das Beispiel, dass Disinflation eng mit hoher Arbeitslosigkeit verbunden war. Das Opferverhältnis pendelte sich ungefähr um 1 ein. Das bedeutete in dieser Darstellung: Etwa 10 % Disinflation erhöhten die Arbeitslosigkeit um 10 Jahrespunkte.
Außerdem zeigt der Zeitraum 1980 bis 1982, dass das Opferverhältnis bei schneller Disinflation geringer war als bei langsamer Disinflation. Für eine langsamere Disinflation wird im Artikel der Zeitraum 1983 bis 1985 genannt.
Kritik und Grenzen
Am Opferverhältnis wird kritisiert, dass Einkommensverluste nur nominal betrachtet werden. Sie werden also in Geldeinheiten berechnet, ohne die Kaufkraft des Geldes zu berücksichtigen.
Außerdem werden mögliche Umverteilungseffekte der Inflation außer Acht gelassen. Tarifverträge können zum Beispiel verhindern, dass einer Preissteigerung automatisch eine Lohnerhöhung folgt. Zusätzliche Einnahmen durch Preiserhöhungen können dann bei Unternehmern bleiben. Dadurch kann das Opferverhältnis zu Missverständnissen führen.
Auch die Laufzeit von Tarifverträgen wird nicht berücksichtigt. Tarifverträge können verhindern, dass Arbeiter zugunsten der Disinflation entlassen werden. Nach dem Artikel ist das Opferverhältnis in Volkswirtschaften mit kurzen Tarifvertragslaufzeiten geringer als in Volkswirtschaften mit längeren Tarifvertragslaufzeiten, weil die Volkswirtschaft bei kurzfristigen Tarifverträgen in einer Disinflation schneller oder früher reagieren kann.
Gesamtzusammenhang
Das Opferverhältnis beschreibt die Kosten einer Inflationssenkung in Form zusätzlicher Arbeitslosigkeit oder verlorener Produktion. Die Grundidee lautet: Wenn die Inflationsrate sinkt, steigt kurzfristig die Arbeitslosenquote. Die zusätzlichen Arbeitslosen nehmen nicht am Produktionsprozess teil; ihre mögliche Produktivität wird daher verschenkt oder „geopfert“.
Ausgangspunkt ist die Annahme, dass der Staat die Arbeitslosigkeit durch fiskalpolitische und geldpolitische Maßnahmen beeinflussen kann. Kurzfristig muss er zwischen zwei unerwünschten Zuständen abwägen: hoher Arbeitslosigkeit oder hoher Inflation. Langfristig führt eine höhere Inflation laut Artikel jedoch nicht zu einer Beschäftigungszunahme beziehungsweise nicht zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit.