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Offene Volkswirtschaft
Eine offene Volkswirtschaft ist in der Makroökonomie dadurch gekennzeichnet, dass das Ausland in den Wirtschaftskreislauf einbezogen ist.
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Begriff und Grundidee
Eine offene Volkswirtschaft ist in der Makroökonomie eine Volkswirtschaft, in der das Ausland in den Wirtschaftskreislauf einbezogen ist. Das bedeutet: Inländische Wirtschaftssubjekte, also Unternehmen, Privathaushalte und der Staat, stehen nicht nur miteinander in Beziehung, sondern handeln und finanzieren sich auch über Grenzen hinweg mit Wirtschaftssubjekten im Ausland. Der Gegensatz dazu ist die geschlossene Volkswirtschaft, bei der das Ausland im Modell nicht vorkommt.
Außenwirtschaftliche Beziehungen bestehen zu Devisen-, Geld-, Güter-, Kapital- und Kreditmärkten sowie zu Faktormärkten im Ausland. Genutzt werden diese Beziehungen zum Beispiel durch Export und Import sowie durch Interbankenhandel. Eine offene Volkswirtschaft ist deshalb wichtig, weil sie zeigt, wie stark Produktion, Einkommen, Nachfrage, Vermögen und Wirtschaftspolitik durch internationale Verflechtungen beeinflusst werden können.
In den Wirtschaftswissenschaften werden Modelle oft schrittweise aufgebaut. Zunächst werden vereinfachende Annahmen getroffen, zum Beispiel dass alle Zahlungsströme aus dem Ausland oder ins Ausland ausgeklammert werden. Eine solche Betrachtung entspricht einer geschlossenen Volkswirtschaft. Im Wege der abnehmenden Abstraktion kann diese Annahme später aufgehoben werden. Dann nähert sich das Modell der Wirklichkeit an, indem der Faktor „Ausland“ in der offenen Volkswirtschaft berücksichtigt wird.
Sparen, Investitionen und Nettoexporte
In einer geschlossenen Volkswirtschaft entspricht das nationale Sparen S den Investitionen I:
S = I.
Das Sparen ist der Anteil an der Produktion Y, der nicht durch den Konsum der Unternehmen U, der privaten Haushalte C und der öffentlichen Haushalte G verbraucht wird:
S = Y - U - C - G.
In einer offenen Volkswirtschaft kommt der Faktor Ausland hinzu. Er wird durch die Gegenüberstellung der Exporte EX mit den Importen IM dargestellt. Die Differenz heißt Nettoexporte NX:
NX = EX - IM.
Dadurch gilt für die Nationaleinkommensidentität in einer offenen Volkswirtschaft:
S = I + NX.
Diese Gleichung zeigt: Das Sparen einer offenen Volkswirtschaft hängt nicht nur mit den inländischen Investitionen zusammen, sondern auch mit dem Außenbeitrag, also dem Saldo aus Exporten und Importen. Sind die Exporte größer als die Importe, sind die Nettoexporte positiv. Sind die Importe größer als die Exporte, sind die Nettoexporte negativ.
Geldvermögen und Auslandsposition
In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist das Geldvermögen aller Wirtschaftssubjekte zusammen stets „Null“. Der Grund ist: Jeder Forderung eines Wirtschaftssubjekts steht eine Verbindlichkeit in gleicher Höhe bei einem anderen Wirtschaftssubjekt gegenüber. Für die gesamte geschlossene Volkswirtschaft heben sich Forderungen und Verbindlichkeiten also auf. Deshalb entspricht das Reinvermögen, auch Volksvermögen genannt, dem Sachvermögen.
In einer offenen Volkswirtschaft ist das anders, weil Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland entstehen. Inländer können Forderungen an Ausländer haben, bezeichnet mit F_A. Gleichzeitig können Inländer Verbindlichkeiten gegenüber Ausländern haben, bezeichnet mit V_A. Da Forderungen und Verbindlichkeiten der Inländer untereinander gleich groß sind, ergibt sich das Geldvermögen einer offenen Volkswirtschaft GV_A aus:
GV_A = F_A - V_A.
Dieses Geldvermögen heißt Auslandsposition. Das Reinvermögen einer offenen Volkswirtschaft ergibt sich damit aus dem Sachvermögen und der Auslandsposition. Eine positive oder negative Auslandsposition zeigt also, ob die Forderungen gegenüber dem Ausland größer oder kleiner sind als die Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland.
Gesamtwirtschaftliche Nachfrage und Offenheitsmaß
Im Modell der offenen Volkswirtschaft entspricht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in einem bestimmten Zeitraum, meist einem Kalenderjahr, der Summe aus privatem Konsum, Investitionen, Staatsausgaben und Nettoexporten. Die Produktionsverwendungsgleichung lautet:
Y^n = C + I + G + (EX - IM).
Dabei gilt:
NX = EX - IM
und
Y^n = Y.
Die Größen bedeuten: Y^n ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, also das Volkseinkommen der Verwendungsseite. Y ist das gesamtwirtschaftliche Angebot, also das Volkseinkommen der Entstehungsseite. C steht für privaten Konsum, I für Investitionen, G für Staatsausgaben, EX für Exporte, IM für Importe und NX für Nettoexporte.
Das Maß einer offenen Volkswirtschaft wird durch den Anteil der Nettoexporte am Volkseinkommen bestimmt:
|EX - IM| / Y^n.
Der Betrag |EX - IM| zeigt, dass für dieses Maß die absolute Größe des Außenbeitrags zählt, unabhängig davon, ob die Nettoexporte positiv oder negativ sind. Je größer dieser Anteil am Volkseinkommen ist, desto stärker fällt der Außenhandel im Verhältnis zur gesamten Volkswirtschaft ins Gewicht.
Kleine offene Volkswirtschaft
Ein Spezialfall ist das Modell der kleinen offenen Volkswirtschaft. In diesem Modell wird das Ausland als „black box“ betrachtet. Das bedeutet: Das Ausland wird nicht als eigenes komplexes ökonomisches System untersucht. Stattdessen wird nur betrachtet, wie es auf das Inland einwirkt.
Dabei spielt Kapitalmobilität eine Rolle. Kapitalmobilität meint, dass Kapital international bewegt werden kann. Das Modell vereinfacht also die Analyse, indem es die Wirkung des Auslands auf das Inland berücksichtigt, ohne die inneren Strukturen und Abläufe des Auslands genauer zu untersuchen.
Weltwirtschaft und wirtschaftspolitische Folgen
Wenn die gesamte Welt als eine gemeinsame Volkswirtschaft betrachtet wird, also als Weltwirtschaft, liegt zwingend eine echte geschlossene Volkswirtschaft vor. Diese Sichtweise wird zum Beispiel bei der Berechnung des Weltwirtschaftswachstums verwendet. Sie ist der größtmögliche Aggregationsgrad. Da die Weltmarktintegration aber unvollständig ist, gibt es keinen wirklichen einheitlichen Weltmarkt und keine echten „Weltmarktpreise“.
Der Welthandel kann durch Handelshemmnisse, Boykotte oder einzelne Autarkiebestrebungen bedroht werden. Autarkie bedeutet hier eine Ausrichtung auf wirtschaftliche Selbstversorgung. International gibt es daher teilweise eine latente Neigung zu geschlossenen Volkswirtschaften. Besonders Industriestaaten setzen auf einen hohen Selbstversorgungsgrad, etwa bei Agrarprodukten oder Energieträgern, sowie auf einen hohen Versorgungsgrad. Dadurch können Importe reduziert und Exporte geschwächt werden. Ziel ist es, eine monostrukturelle Abhängigkeit vom Ausland zu verringern, wie Lieferengpässe während der COVID-19-Pandemie gezeigt haben.
Güter- und Finanzmärkte sind international stark verflochten. Deshalb können zunächst lokale Finanzkrisen, zum Beispiel Unternehmenskrisen oder Bankenkrisen, über Contagion-Effekte auf andere Staaten übergreifen und dort wirtschaftliche Schocks auslösen. Contagion-Effekte sind Ansteckungseffekte zwischen Volkswirtschaften oder Finanzmärkten.
Die monetäre Außenwirtschaftstheorie untersucht unter anderem Stabilitätspolitik in offenen Volkswirtschaften. Offene Volkswirtschaften müssen zusätzlich das Staatsziel des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts erfüllen. Das erschwert besonders die Geldpolitik. Nach der Theorie des Zahlungsbilanzausgleichs kann beispielsweise eine Zinssenkung bei vollkommener Kapitalmobilität und festem Wechselkurs nicht stattfinden.