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New Age
New Age (engl. für „Neues Zeitalter“) war eine im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gebräuchliche Bezeichnung für diverse Strömungen in der Esoterik.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Entwicklung
„New Age“ bezeichnete im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts verschiedene Strömungen der Esoterik. Der Begriff war zunächst ungefähr gleichbedeutend mit dem astrologisch verstandenen „Wassermannzeitalter“, wurde aber bald unabhängig davon sehr frei für unterschiedliche Ideen, Praktiken und Gruppierungen verwendet. Eine klare Definition oder einheitliche Organisation entstand nie. Nach Kocku von Stuckrad kann deshalb empirisch-soziologisch nicht von einer einheitlichen Bewegung mit übereinstimmenden Ansichten gesprochen werden. Christoph Bochinger bezeichnete New Age vor allem als einen durch Buchverlage geprägten Sammelbegriff für moderne, aus dem kirchlichen Rahmen gelöste Religion.
Die Ursprünge des damit verbundenen Milieus reichen mindestens bis zum Okkultismus des 18. Jahrhunderts zurück. Als „Proto-New-Age-Bewegung“ bezeichnete Wouter J. Hanegraaff die UFO-Kulte der 1950er Jahre, die UFO-Sichtungen mit einer bevorstehenden Apokalypse verbanden. In den 1960er Jahren kamen alternative Lebensgemeinschaften wie Findhorn hinzu. Nachdem die erwartete Apokalypse ausblieb, entstand dort die Vorstellung, das neue Zeitalter habe bereits begonnen und könne durch eine veränderte Lebensweise und innere Haltung verwirklicht werden.
In den 1970er Jahren verbreitete sich der Begriff im englischen Sprachraum und wurde mit vielen alternativen Zielen verbunden. Der Schwerpunkt verlagerte sich von Großbritannien nach Nordamerika, besonders in die kalifornische Gegenkultur. In den 1980er Jahren fasste New Age auch im deutschsprachigen Raum Fuß; seine größte Verbreitung hatte die Bezeichnung dort etwa von 1985 bis 1988. Die zunehmende Kommerzialisierung führte jedoch zu einem negativen Beigeschmack. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam „New Age“ als Selbstbezeichnung aus der Mode und wird häufig sogar als Schimpfwort verwendet.
Zentrale religiöse Vorstellungen
Trotz der großen Vielfalt erkannte Hanegraaff fünf grundlegende Tendenzen der New-Age-Religiosität:
- eine Ausrichtung auf das Diesseits oder auf ein ähnlich vorgestelltes Jenseits,
- Holismus, also die Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt,
- Evolutionismus: Die Evolution gilt als gerichtet oder kreativ und umfasst das menschliche Bewusstsein, die Gesellschaft und den gesamten Kosmos,
- die Psychologisierung der Religion und die Sakralisierung der Psychologie: Bewusstseinsentwicklung, Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis werden miteinander verbunden,
- die Erwartung eines neuen Zeitalters.
Das Verständnis von Gott oder dem Göttlichen reichte von Pantheismus, nach dem alles göttlich ist, bis zu einem moderaten Atheismus. Daneben gab es monotheistische, polytheistische und neopagane Vorstellungen sowie den Glauben an Engel, Naturgeister und andere nicht körperliche Wesen. Diese Unbestimmtheit hing mit der Betonung persönlicher spiritueller Erfahrung gegenüber festgelegten Glaubensinhalten zusammen. Das Göttliche sollte innerlich erfahren werden; die Vorstellung eines richtenden und strafenden Gottes außerhalb der eigenen Erfahrung wurde überwiegend abgelehnt.
Der Tod galt meist als Übergang zu einer anderen Existenzform. Als sterblich wurde der Körper, als unsterblich die Seele betrachtet; damit war häufig der Glaube an Wiedergeburt verbunden. Im Mittelpunkt stand jedoch nicht wie in traditionellen jüdischen, christlichen und islamischen Vorstellungen ein zukünftiges besseres Leben, sondern die Verbesserung des gegenwärtigen Lebens und die Verwirklichung des „höheren Selbst“. Das hinduistische oder buddhistische Karmagesetz wurde zwar aufgegriffen, aber als verbindliche Regel weitgehend abgelehnt.
Nach Paul Heelas betrachtet der New Ager sein eigentliches Selbst als grundsätzlich gut, sogar göttlich, und folgt eher einer inneren Stimme als äußeren Geboten. Ziel ist wie im traditionellen Christentum die Überwindung oder Veränderung des gewöhnlichen Egos, doch die Beziehung zum Göttlichen wird im New Age stärker im eigenen Inneren verortet. Hinduismus und Buddhismus wurden aufgenommen, jedoch stark idealisiert und an moderne westliche Denkweisen angepasst. Hugh Urban betonte außerdem, dass es keine strenge Grenze zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern gibt: Jeder kann sich aus religiösen, philosophischen und psychologischen Ideen eine individuelle, eklektische Weltsicht zusammenstellen.
Das Neue Zeitalter und Kulturkritik
Die zentrale Vision war das Neue Zeitalter oder Wassermannzeitalter. Gemeinsam war den verschiedenen Darstellungen die Vorstellung, dass sich die menschliche Kultur im Niedergang befinde und ein neues Zeitalter einen Aufstieg und eine grundlegende Verbesserung bringen werde. Über den Beginn herrschte jedoch keine Einigkeit. David Spangler datierte ihn auf Weihnachten 1967, ein anderes häufig genanntes Datum war der 16./17. August 1987. Auch die Jahrtausendwende oder mehrere Jahrhunderte in der Zukunft wurden als Beginn genannt.
Die erwarteten Veränderungen reichten von einem äußeren, radikalen Umbruch bis zu einer unsichtbaren Veränderung auf einer „ätherischen Ebene“. In besonders radikalen Vorstellungen sollten sich sogar physikalische Parameter wie die Schwerkraft oder das Spektrum des Sonnenlichts verändern; manche Autoren versprachen das Ende des gewöhnlichen körperlichen Daseins und einen „Himmel auf Erden“. Häufiger waren nach Heelas Vorstellungen, in denen die Menschen durch Bewusstseinsveränderung und eine neue Lebensführung selbst zur Verwirklichung des neuen Zeitalters beitragen. Hanegraaff unterschied daneben ein „Pathos der Veränderung“, bei dem vor allem Gefühle des Wandels ausgedrückt wurden, ohne konkrete Veränderungen zu benennen.
Die wichtigste Aktivität zur Überwindung der Menschheitskrise war die „innere Arbeit“, verstanden als Evolution des Bewusstseins. Eine „kritische Masse“ spirituell veränderter Menschen sollte eine Kettenreaktion auslösen. Als Bezugspunkte dienten unter anderem Lyall Watsons Darstellung des „Hundertsten Affen“ und Rupert Sheldrakes Hypothese der morphischen Resonanz. Die Schätzungen für eine solche kritische Masse reichten von 10 Personen bei David Peat bis zu 50 Millionen bei George Trevelyan.
New Age war zugleich Kulturkritik. Die moderne westliche Gesellschaft wurde wegen ihrer dualistischen und reduktionistischen Tendenzen für die Krise der Welt verantwortlich gemacht. Kritisiert wurden besonders der als dogmatisch verstandene christliche Dualismus sowie Rationalismus und Szientismus, also die Vorstellung, wissenschaftliche Methoden seien die allein maßgebliche Grundlage des Weltverständnisses. New Age verstand sich als dritte Möglichkeit, Religion und Wissenschaft auf einer höheren Ebene miteinander zu verbinden.
Säkularisierte Esoterik und wichtige Vertreter
Inhaltlich knüpfte New Age vor allem an die westliche Esoterik des 18. und 19. Jahrhunderts an, jedoch in säkularisierter Form. Persönliche innere Erleuchtung und Offenbarung wurden höher bewertet als reine Vernunft oder konfessioneller Glaube. Zugleich verband man diese Elemente mit modernen Vorstellungen wie Evolution und Psychologie. Nach Hanegraaff war die religiöse Substanz bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert vorhanden; neu war in den 1970er Jahren vor allem das Bewusstsein, einer gemeinsamen Bewegung anzugehören.
David Spanglers Revelation: The Birth of a New Age (1971) wurde zu einem grundlegenden Text der frühen New-Age-Subkultur. Spangler berief sich auf gechannelte Botschaften und war stark von Alice Baileys Theosophie beeinflusst. George Trevelyans A Vision of the Aquarian Age (1977) vertrat eine idealistisch-spirituelle, theosophisch und anthroposophisch geprägte Sicht.
Marilyn Fergusons The Aquarian Conspiracy: Personal and Social Transformation in the 1980s (1980; deutsch Die sanfte Verschwörung, 1982) wurde von Hanegraaff als „Manifest“ des mittleren New Age bezeichnet. Ferguson erwartete einen gesellschaftlichen Wandel durch Netzwerke von New-Age-Anhängern. Nachdem dieser Wandel nicht eingetreten war, wurde der Titel bei einer Neuauflage in den frühen 1990er Jahren von „in the 1980s“ zu „in our time“ geändert.
Fritjof Capra verkündete in The Turning Point (1982; deutsch Wendezeit, 1983) einen Übergang vom mechanistischen, newtonisch-cartesischen Paradigma zu einem holistischen, systemtheoretischen und ökologischen Paradigma mit spiritueller Dimension. Das Buch wurde im deutschen Sprachraum zum meistverkauften New-Age-Standardwerk. Shirley MacLaines autobiografische Bestseller und Fernsehsendungen ab Out on a Limb (1983) galten dagegen als typisch für die Kommerzialisierung und Banalisierung des späteren New Age.
Markt, Heilen und Seminare
Der New-Age-Markt umfasste 1989 nach Kategorien der Zeitschrift esotera „Neues Denken und Handeln“, „Esoterische Lebenshilfen“, „Ganzheitliche Gesundheit“, „Paranormale Erscheinungen“, „Urwissen der Menschheit“ und „Spirituelle Kreativität“. Untersuchungen in New-Age-Buchläden in den Niederlanden sowie Stichproben in Deutschland, Frankreich und England ergaben für 1990–1992 die Schwerpunkte Channeling, alternative Heilweisen, „New Age Science“, Neopaganismus – besonders Wicca –, sowie das Wassermannzeitalter und die New-Age-Bewegung. Ein weiterer wichtiger Bereich waren Seminare.
Beim Channeling fungiert eine Person als Channel, also als Vermittler oder Medium für Informationen und Botschaften. Diese sollen von höheren, nicht verkörperten Wesen wie Gott, Jesus, Engeln, antiken Gottheiten, dem kollektiven Unbewussten oder Naturgeistern stammen, teilweise auch von Außerirdischen oder Tieren wie Delfinen und anderen Walen. Das Medium befindet sich oft, aber nicht immer, in Trance. Die Botschaften werden meist mündlich übermittelt und sollen Wissen und Handlungsanleitungen vermitteln.
Heilen bezog sich im weitesten Sinn auf den Planeten, die kapitalistische Arbeitswelt, die Persönlichkeit und Krankheiten. Im Mittelpunkt stand nicht das Kurieren einzelner definierter Krankheiten, sondern der ganze Mensch mit subjektivem Erleben, spiritueller Dimension und sozialem Umfeld. Krankheit erhielt häufig eine spirituelle Bedeutung; Heilung sollte aus dem eigenen Erleben einer natürlichen Ordnung als Ganzheit kommen. Hanegraaff unterschied die Human-Potential-Bewegung, die Ganzheitliche Medizin, die Transpersonale Psychologie und das schamanische Bewusstsein. Gemeinsame Themen waren die Entfaltung des unterdrückten Selbst, Körperarbeit, Bewusstseinserweiterung, die Bedeutung psychischer Faktoren wie Stress sowie die Annahme, dass jeder Mensch für Gesundheit und Krankheit verantwortlich sei. Beliebt wurden auch traditionelle chinesische Medizin und japanisches Reiki.
Die Seminar-Spiritualität verband spirituelle Entwicklung zunehmend mit materiellem Erfolg. Werner Erhard gründete 1971 das „Erhard Seminars Training“ (est). Paul Heelas schätzte 1996 mindestens fünf Millionen Teilnehmer an est und ähnlichen Seminaren. In den 1980er Jahren wurden Managerseminare wichtig; die amerikanische Wirtschaft gab dafür schätzungsweise 4 Milliarden Dollar jährlich aus. est lehrte, dass jeder Mensch seine eigene Realität erschaffe und daher allein für seine Lebensumstände verantwortlich sei. Teilnehmer wurden durch drastische Methoden mit persönlichen Ängsten und Problemen konfrontiert; viele berichteten später von einer Lebensveränderung, konnten diese aber nicht genau beschreiben.
New Age Science und Rezeption
„New Age Science“ bezeichnete Deutungen moderner Naturwissenschaft, vor allem der theoretischen Physik, die einen Übergang zu einer ganzheitlichen und spirituell offenen Weltsicht zu erkennen glaubten. Das akademisch-rationale Wissenschaftsverständnis wurde häufig als materialistisch, reduktionistisch und unmenschlich kritisiert. Kritiker ordneten New Age Science den Grenzwissenschaften oder der Pseudowissenschaft zu; ihre Vertreter verstanden sich als wissenschaftliche Avantgarde. Hanegraaff schlug vor, sie trotz der Bezeichnung „science“ eher als Naturphilosophie zu betrachten. Zu den fünf Hauptströmungen zählte er das holographische Paradigma, das Paradigma der Selbstorganisation, Sheldrakes Hypothese der formbildenden Verursachung, die Gaia-Hypothese sowie Capras „Parallelismus“.
Zur Zahl der Anhänger gibt es keine belastbaren Daten. Schätzungen für die USA von den späten 1970er bis zu den frühen 1990er Jahren reichen von 20.000 bis 6 Millionen. In den 1980er Jahren wurde New Age zu einer erfolgreichen Kategorie im Buchhandel. Der fünfstündige TV-Film Out on a Limb von Shirley MacLaine, 1987 von ABC ausgestrahlt, machte das Thema in Nordamerika erstmals einem breiten Publikum bekannt. Die Konzentration der Massenmedien auf triviale Aspekte verstärkte jedoch die Distanzierung früherer Vertreter; Anfang der 1990er Jahre ersetzten Verlage die Kategorie durch andere Bezeichnungen.
Christliche Reaktionen waren überwiegend ablehnend, teilweise ambivalent und gelegentlich positiv. Autoren wie Constance Cumbey sowie Dave Hunt und T. A. McMahon stellten New Age als organisierte, mit Weltregierung, Satanismus oder Nationalsozialismus verbundene Bedrohung dar. Die großen Kirchen äußerten sich meist zurückhaltender. Ein 2003 veröffentlichtes Positionspapier des Vatikans stützte sich auf wissenschaftliche Quellen und kam zu dem Urteil, dass New-Age-Vorstellungen insbesondere im Verständnis Jesu Christi mit der katholischen Kirche unvereinbar seien.
Mitte der 1990er Jahre öffnete sich das zuvor eher links-liberale und weitgehend unpolitische Milieu durch Verschwörungstheorien teilweise rechtsextremem Gedankengut. Helmut Reinalter verwies auf die Ablehnung der Aufklärung, die Vorstellung einer „natürlichen Ordnung“ und eine mythisch-mystische Naturmetaphorik. Als Verbindung ökospiritueller und rechtsextremer Konzepte nannte Matthias Pöhlmann die Anastasia-Bewegung. Das frühere New-Age-Milieu und seine Themen bestehen nach von Stuckrad weiterhin fort, werden heute jedoch meist als moderne Esoterik bezeichnet.