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Königsberger Schulplan

wissenschaftspropädeutisch): Mathematik, Geschichte mit ein wenig Naturgeschichte, Sprachen (Deutsch, Griechisch, Latein). Dabei entwickelte Humboldt die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Ziel und Bedeutung des Schulplans
  2. 2. Bildung als Entfaltung des Menschen
  3. 3. Allgemeinbildung statt früher Berufsorientierung
  4. 4. Schulformen, Stufen und Unterricht
  5. 5. Einheitliches Schulideal und Lehrerbildung
  6. 6. Veröffentlichung und Wirkung

Ziel und Bedeutung des Schulplans

Der Königsberger Schulplan ist eine interne Denkschrift Wilhelm von Humboldts mit dem Titel „Ueber die mit dem Königsbergischen Schulwesen vorzunehmenden Reformen“. Sie entstand Ende Juli/Anfang August 1809, kurz nachdem Humboldt Sektionsleiter für Kultus und Unterricht im preußischen Innenministerium geworden war. Zusammen mit dem zeitlich und sachlich verbundenen Litauischen Schulplan sollte sie im Rahmen der Preußischen Reformen zur Erneuerung des Staates beitragen. Nach König Friedrich Wilhelm III. sollte Preußen seine physischen Verluste durch geistige Leistungen ausgleichen.

Humboldt reagierte auf Mängel, die ihm als amtlichem Schulvisitator an den Schulen Ostpreußens auffielen. Er entwarf ein gestuftes System allgemeiner Bildung und vertrat dabei Ideen des Neuhumanismus: Bildung sollte den Menschen als Menschen entwickeln, nicht ihn frühzeitig auf einen Beruf oder gesellschaftlichen Stand festlegen.

Bildung als Entfaltung des Menschen

Für Humboldt ist Bildung ein unabschließbarer Weg des Individuums zu sich selbst. Sie verbindet das Ich mit der Welt und zielt auf die „höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“, auf allgemeine Humanität.

Eine besondere Rolle hat die Sprache. Sie ist zugleich Mittel der Verständigung, des individuellen Ausdrucks und eigener Schöpfung. Wer ihre Form erfasst, gelangt nach Humboldt „in die Mitte des Menschlichen“. Deshalb gab er dem Studium von Sprachen, besonders der alten Sprachen, einen pädagogischen Vorrang.

Humboldt wandte sich gegen Bildung, die nur für einen späteren Beruf nützlich sein soll, und gegen eine Erziehung für einzelne Stände. Realistische Bildung in Mittel- und Realschulen, Bürgerschulen oder früh beruflich orientierten Schulen lehnte er daher ab. Schulen sollten grundsätzlich allen Menschen offenstehen. Zugleich wusste er, dass materielle Grenzen einen Schulbesuch für alle erschwerten; eine Einheitsschule, in der Kinder des Adels und einfacher Menschen gemeinsam lernen, lag außerhalb seiner damaligen Vorstellung.

Allgemeinbildung statt früher Berufsorientierung

Schulbildung sollte jedem Kind die Entfaltung seiner Menschlichkeit ermöglichen. Berufliche und gesellschaftliche Prägung sollte erst nach dem allgemeinen Unterricht erfolgen. Im Litauischen Schulplan formulierte Humboldt: „Alle Schulen aber, deren sich nicht ein einzelner Stand, sondern die ganze Nation oder der Staat für diese annimmt, müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken.“ Was ein Beruf erfordere, müsse „abgesondert und nach vollendetem allgemeinen Unterricht erworben werden“.

Die Vermischung von Allgemeinbildung und beruflicher Vorbereitung führe nach Humboldt dazu, dass man „weder vollständige Menschen noch vollständige Bürger einzelner Klassen“ erhalte. Seine Idee zielte auf eine gleiche Menschen- und Gemütsbildung für alle. Daher konnte nach seiner Auffassung auch Griechisch für einen späteren Tischler nützlich sein, ebenso wie praktische Arbeit für einen Gelehrten. Diese Vorstellung bezeichnet der Artikel als sehr utopisch.

Schulformen, Stufen und Unterricht

Humboldt unterschied drei aufeinanderfolgende Stufen, die allein nach Alter und Bildungszweck gegliedert sein sollten:

  • Elementarunterricht: entspricht ungefähr der Grundschule und orientiert sich an Johann Heinrich Pestalozzis „Methode“.
  • Schulunterricht: das humanistische Gymnasium.
  • Universitätsunterricht: nach einer obligatorischen Reifeprüfung.

In der Elementarschule sollten Leibesübungen den Körper entwickeln. Zeichnen und Musik sollten Auge und Ohr schulen. Zahlenverhältnisse, Rechnen, Größenverhältnisse und Elemente der Mathematik sollten den Verstand bilden. Die Muttersprache sollte dazu führen, dass Kinder mit jedem Wort einen bestimmten, klaren Begriff verbinden. Religionsunterricht und die Entwicklung natürlicher sittlicher Gefühle sollten Kopf und Herz bilden. Lesen und Schreiben galten als Ergänzung zum Sprach- und Zeichenunterricht.

Im Gymnasium sollte das „Klassische“ den Bildungsvorgang unterstützen. Dazu gehörten gymnastischer Unterricht, also Leibeserziehung, ästhetischer Unterricht mit Musik und Kunst sowie didaktischer, wissenschaftsvorbereitender Unterricht: Mathematik, Geschichte mit etwas Naturgeschichte sowie Deutsch, Griechisch und Latein. Mehr als die Hälfte der Unterrichtszeit war für alte Sprachen vorgesehen. Das Curriculum erstellte allerdings erst 1816 Humboldts Mitarbeiter Süvern.

Der Stoff war für Humboldt vor allem Mittel zur Übung der Fähigkeiten. Schulunterricht bedeute sowohl Lernen als auch „Lernen des Lernens“. Reif sei ein Schüler, wenn er bei anderen so viel gelernt habe, dass er nun selbstständig lernen könne.

Einheitliches Schulideal und Lehrerbildung

Neben der Elementarschule sollte es nach Humboldt nur eine weiterführende Schulform geben: das Gymnasium. Mittelschulen für Schülerinnen und Schüler, die keinen höheren Unterricht besuchen wollten, lehnte er ab. Die künftige Bestimmung eines Kindes bleibe oft lange offen; deshalb könnten Kinder zu lange in einer für sie unpassenden Schulform bleiben. Zudem vermischten Mittelschulen die allgemeine Übung der geistigen Hauptkräfte mit dem Sammeln beruflich notwendiger Kenntnisse. Solche Spezialkenntnisse sollten erst im Leben und an Spezialschulen vermittelt werden.

Humboldt erkannte jedoch die soziale Wirklichkeit: Dauer und Qualität des Schulbesuchs blieben vom Geldbeutel abhängig. Ganz arme Familien sollten die billigsten oder kostenlosen Elementarschulen nutzen, weniger arme bessere und etwas teurere Schulen; wohlhabendere Familien konnten gelehrte Schulen besuchen.

Auch Elementarschulen sollten speziell ausgebildete Lehrkräfte haben. Humboldt beauftragte Carl August Zeller, in Königsberg ein „Normalinstitut“ zu gründen. Gymnasiallehrer sollten nicht mehr vor allem gelehrte Theologen sein, sondern pädagogisch ausgebildete Lehrer aus besonderen Seminaren nach dem Vorbild Friedrich August Wolfs oder Friedrich Gedikes. Die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität sollte diese Ausbildung leisten; ihr Bildungskern sollte die Klassische Philologie sein. Auch die Universität sollte zunächst formale Bildung abschließen, bevor berufliche Spezialkenntnisse vermittelt würden.

Veröffentlichung und Wirkung

Eduard Spranger gab die bis dahin unveröffentlichten Schriften 1910 unter den Titeln Königsberger Schulplan und Litauischer Schulplan heraus und kommentierte sie. Erst dadurch entstand die Grundlage für den Begriff des Humboldtschen Gymnasiums im Sinne des Neuhumanismus; Humboldts engeren Mitarbeitern waren die Ideen jedoch bereits bekannt.

Viele Vorstellungen erschienen schon seinen Mitarbeitern zu utopisch. Nach Humboldts frühem Ausscheiden aus der Staatsfunktion wurden Kompromisse gemacht. Das vorhandene, häufig durch städtische Patronate finanzierte Schulsystem wurde nicht grundlegend umgestaltet, sondern vorsichtig reformiert. Latein blieb als übliche Wissenschaftssprache wichtiger als das von Humboldt bevorzugte Griechisch. Mittel- und Bürgerschulen blieben bestehen, und Volksschulen blieben streng von privaten Vorschulen für Gymnasien getrennt.

Das humanistische Gymnasium gewann für die Bildungselite hohes Ansehen. Seine Zugangsberechtigung zur Universität über die Reifeprüfung musste es nach den preußischen Schulkonferenzen von 1890 und 1900 mit anderen Gymnasialtypen teilen. Die Reifeprüfung wird umgangssprachlich auch Abitur genannt; amtlich heißt die nach erfolgreicher Abiturprüfung regelmäßig zusätzlich erteilte Berechtigung seit der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz von 1972 Allgemeine Hochschulreife. Die geringe Wertschätzung berufspraktischer und technischer Bildung gilt als ein Erbe Humboldts, dem die moderne Pädagogik Alternativen entgegensetzte.

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