Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

Epik. Bearbeiten. → Hauptartikel: Epik. Unter dem Begriff Epik fasst man literarische Texte zusammen, in denen etwas erzählt wird (i. d. R. von einem Erzähler) …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Abgrenzung
  2. 2. Entwicklung des Fachs
  3. 3. Zentrale Begriffe und Methoden
  4. 4. Epochen der deutschsprachigen Literatur
  5. 5. Literarische Gattungen
  6. 6. Kanon und Studium

Gegenstand und Abgrenzung

Die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft (NDL), auch Neuere deutsche Literaturwissenschaft (NdL), ist ein Teilgebiet der Germanistik. Sie untersucht deutschsprachige Literatur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Dazu gehören literarische Texte selbst, aber auch ihre historischen, medialen und kulturellen Kontexte, ihre Produktion, Verbreitung und Rezeption sowie Verfahren der Analyse und Interpretation.

Die zeitliche Abgrenzung zur germanistischen Mediävistik ist nicht einheitlich geregelt. In der Fachliteratur und auf Universitätsseiten finden sich verschiedene Angaben: Literatur ab dem 16. Jahrhundert, „von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“, „vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart“ oder „vom Barock bis zur Gegenwart“. Eine genaue Grenze ist schwierig, weil keine exakte Grenze zwischen Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch gezogen werden kann. Außerdem ist nicht abschließend geklärt, ob frühneuhochdeutsche Texte ganz, teilweise oder gar nicht zum Forschungsgegenstand zählen. In der Praxis überschneidet sich die NDL daher teilweise mit der germanistischen Mediävistik.

Die NDL ist stark interdisziplinär. Sie berührt unter anderem Philosophie, Politik- und Gesellschaftswissenschaften, Geschichte, Psychoanalyse, Linguistik und Mediävistik. Bei Werken wie Faust spielen philosophische Einflüsse eine wichtige Rolle; bei politisch oder sozial geprägten Texten sind die gesellschaftlichen und historischen Bedingungen für die Interpretation wichtig. Seit der Entwicklung der Psychoanalyse durch Freud werden auch Figuren, Figurenkonstellationen, Handlungen, Gedanken, Gefühle sowie die Rolle von Leser und Autor psychoanalytisch betrachtet. Mit der Linguistik ist die NDL verbunden, weil sprachwissenschaftliche Ansätze wie Metapherntheorien oder Syntaxanalysen auch in der Literaturwissenschaft verwendet werden.

Entwicklung des Fachs

Vorformen literaturwissenschaftlicher Arbeit gab es bereits in der Antike. Damals wurden Werke, ihre Überlieferungsgeschichte und ihre Deutung systematisch untersucht. Außerdem entstanden erste theoretische Schriften über Dichtung. Mit Poetik, Rhetorik und Hermeneutik bildeten sich grundlegende Verfahren zur Analyse und Interpretation literarischer Texte.

Nach der Konstantinischen Wende und der Verbreitung des Christentums war über viele Jahrhunderte vor allem die Bibel die wichtigste Schrift, die ausgelegt und interpretiert wurde. Im Humanismus entwickelte sich die Philologie weiter. Sie wurde in verschiedene Bereiche gegliedert: die philologia antica für griechisch-römische Schriften, die philologia sacra für die Auslegung der Bibel und die philologia profana für Sprache und Teile der Kultur im Allgemeinen.

Im 17. Jahrhundert entstanden zunehmend literaturkritische Bestrebungen. Dabei wurden auch Gattungsbegriffe wichtiger. Durch Reformen der universitären Lehre gewann die Literaturwissenschaft beziehungsweise die Philologie allgemein an Bedeutung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich die Neuere Philologie heraus.

Zentrale Begriffe und Methoden

Die NDL unterscheidet zwischen Text und Literatur. Ein Text ist ein Geflecht aus Wörtern. Literatur ist ebenfalls Text, besitzt aber referenzielle, expressive, appellative und ästhetische Funktionen. Nicht alle diese Funktionen müssen in jedem literarischen Text vorkommen. Literatur wird außerdem eine Aussageabsicht zugeschrieben, die ausdrücklich oder unausgesprochen sein kann.

Intertextualität bezeichnet Beziehungen zwischen Texten. Ein Text kann ausdrücklich oder indirekt auf andere Texte, Epochen oder Gattungen verweisen. Jeßing und Köhnen sprechen von Intertextualität, „wenn es sich um eine mehr oder weniger bewusste Inbezugnahme, ein direktes Zitat, eine Motivvariation oder eine Anlehnung an die Form handelt“. Unterschieden werden unter anderem direkte Zitate oder Anspielungen, Paratextualität wie ein Klappentext, Metatextualität als Kritik oder Kommentar zu einem Text, Hypertextualität als stilistische oder sprachliche Nachahmung und Architextualität als Bezug eines Textes zu seiner Gattung oder Epoche.

Lesen bedeutet die Aufnahme und das Verstehen von Text. Man unterscheidet informatives, interpretierendes und kreatives Lesen. Interpretation ist eine der wichtigsten Tätigkeiten der Literaturwissenschaft und kann als systematische und intersubjektive Deutung oder Auslegung verstanden werden. Hermeneutik befasst sich mit dem Verstehen und der Interpretation von literarischen Texten und Gesprochenem. Friedrich Schleiermacher unterscheidet grammatische und psychologische Interpretation. Ein wichtiges Modell ist der hermeneutische Zirkel: Verstehen entsteht in mehreren Stufen zwischen Vorverständnis und genauerem Textverständnis. Es gibt verschiedene Formen der Hermeneutik, etwa formalanalytische und interkulturelle Hermeneutik.

Rhetorik ist die Kunst und Wissenschaft des guten, wirkungsvollen oder schönen Redens. Der Duden definiert sie als „Lehre von der wirkungsvollen Gestaltung der Rede“. Klassisch unterscheidet man Beratungsrede (genus deliberativum), Gerichtsrede (genus iudicale) und Gelegenheits- oder Festrede (genus demonstrativum). Stilistik bezeichnet die Lehre von rhetorischen Figuren, rhetorischen Mitteln und ihrer Wirkung. Moderne Stilistik arbeitet häufig intertextuell oder komparatistisch, also vergleichend.

Epochen der deutschsprachigen Literatur

Epochen sind Gruppen von Texten eines bestimmten Zeitabschnitts, die ähnliche Merkmale besitzen. Für die Neuere Deutsche Literatur sind besonders alle Literaturepochen ab etwa 1500 wichtig. Die Jahreszahlen gelten nicht als feste Grenzen, sondern als grobe Orientierung. Das zeigt sich etwa bei der Weimarer Klassik: Ihr Ende wird häufig entweder mit 1805, Schillers Todesjahr, oder mit 1832, Goethes Todesjahr, angegeben.

Zu den im Artikel genannten Epochen gehören Renaissance/Humanismus (ca. 1500–1600), Barock (1600–1720), Aufklärung (1720–1790), Empfindsamkeit (1740–1790) und Sturm und Drang (1765–1790) als Strömungen der Aufklärung, Weimarer Klassik (1786–1805/1832), Romantik (1798–1835), Biedermeier (1815–1848), Junges Deutschland (1825–1848 oder 1830–1835), Vormärz (1825–1848), Realismus (1848–1900), Naturalismus (1880–1900), Moderne (1890–1920), Expressionismus (1910–1925), Avantgarde, Dadaismus, Surrealismus und Futurismus (1915–1925), Weimarer Republik und Neue Sachlichkeit (1918–1933), Exilliteratur (1933–1945), Trümmerliteratur beziehungsweise Nachkriegsliteratur (1945–1950), Literatur der DDR und Literatur der BRD (1949–1990 beziehungsweise ab 1949), Neue Subjektivität (ab 1970) und Postmoderne (ab 1980).

Der Artikel nennt zu diesen Epochen typische Autorinnen und Autoren sowie Werke, zum Beispiel Lessings Emilia Galotti und Nathan der Weise für die Aufklärung, Goethes Die Leiden des jungen Werthers für den Sturm und Drang, Goethes Iphigenie auf Tauris und Schillers Die Jungfrau von Orléans für die Weimarer Klassik, Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts und Hoffmanns Der Sandmann für die Romantik, Storms Der Schimmelreiter und Fontanes Irrungen, Wirrungen für den Realismus, Hauptmanns Die Weber für den Naturalismus, Kafkas Das Urteil für die Moderne, Brechts Dreigroschenoper für die Weimarer Republik und Neue Sachlichkeit sowie Kehlmanns Die Vermessung der Welt, Jelineks Die Schutzbefohlenen und Zehs Corpus Delicti für die Postmoderne.

Literarische Gattungen

Eine literarische Gattung ist eine formal gegliederte Textgruppe. Die gängigste Einteilung unterscheidet Lyrik, Epik und Dramatik. In literarischen Texten können sich Merkmale verschiedener Gattungen überschneiden.

Lyrik wird häufig mit Gedichten verbunden, lässt sich aber schwer eindeutig definieren. Jeßing und Köhnen weisen darauf hin, dass „Gedicht“ bis weit ins 18. Jahrhundert eine unspezifische Bezeichnung für literarische Texte war. Ein wichtiges Merkmal war der rhythmisch und metrisch strukturierte Vers, der aber auch in Drama und Versepos vorkam. Erst als sich in Drama und Epik zunehmend Prosa durchsetzte, verengte sich der Begriff Gedicht auf meist kürzere Texte in Versen; diese Bedeutungsverengung war erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschlossen. Burdorf sieht den Kernbereich der Lyrik im Lied, doch Jeßing und Köhnen halten dieses Kriterium spätestens bei modernen Gedichten für problematisch. Auch Kürze oder Abhebung von Alltagssprache reichen nicht als Alleinstellungsmerkmal. Als entscheidendes Merkmal der Lyrik bleiben Verse. Untergattungen sind unter anderem Ode, Sonett, Hymne, Elegie und Ballade.

Epik umfasst literarische Texte, in denen etwas erzählt wird, in der Regel durch einen Erzähler. „Erzählliteratur“ kann als Synonym verstanden werden. Der Begriff hängt mit dem Epos zusammen, das ursprünglich „Versdichtung über Helden und Götter“ meint und deshalb nur bedingt als Oberbegriff für moderne erzählende Prosa passt. In der Analyse unterscheidet man faktuales und fiktionales Erzählen sowie Kategorien wie Ordnung, Dauer und Frequenz der Zeit, Distanz und Fokalisierung als Modus sowie Zeitpunkt und Ort des Erzählens, Stellung des Erzählers und Adressat als Stimme. Untergattungen sind zum Beispiel Novelle, Kurzgeschichte, Parabel und Roman.

Dramatische Texte sind in der Regel dafür gemacht, vor Publikum unter Anleitung eines Regisseurs etwa im Theater aufgeführt zu werden. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich von anderen literarischen Gattungen. Jeßing und Köhnen betonen, dass Drama live ist und jede Aufführung andere Nuancen hervorbringen kann. Nach Aristoteles besteht die Tragödie aus sechs Bestandteilen: Handlung (mythos), Charaktere (ethos), Rede oder Sprache (lexis), Gedanke beziehungsweise Absicht (dianoia), Schau (opsis) und Gesang beziehungsweise Musik (melopiia). Dieses Modell kann laut Bernhard Asmuth auch auf das Drama allgemein übertragen werden, gilt aber mittlerweile teilweise als veraltet. Dramen sind meist in Akte und Szenen gegliedert, viele seit dem 18. Jahrhundert nur noch in Szenen oder Auftritte. Wichtige Untergattungen sind Tragödie, Komödie, Episches Theater und bürgerliches Trauerspiel.

Kanon und Studium

Ein Literaturkanon ist „ein verabredeter Fundus von ausgewählten Musterwerken […], die als unverzichtbar für kulturelle Bildung eingeschätzt werden“. Solche Listen werden oft kritisiert, weil die Einschätzung der Bedeutung eines Werks auch subjektiv ist. Außerdem unterscheiden sich Kanones stark in Umfang und Auswahl. Die Homepage der dtv Verlagsgesellschaft GmbH nennt 27 Werke, während Marcel Reich-Ranickis Der Kanon. Die deutsche Literatur 20 Romane und 180 kürzere Prosatexte wie Novellen, Erzählungen oder Fabeln enthält. Auch die Art der Werke unterscheidet sich: In der Leseliste der Universität Stuttgart und in Reich-Ranickis Kanon werden Werke wie Faust I oder Dantons Tod empfohlen, im Kanon der dtv Verlagsgesellschaft GmbH dagegen auch Alice im Wunderland und Der kleine Prinz, die nicht ursprünglich deutschsprachig sind.

An deutschen Universitäten ist die Neuere Deutsche Literatur ein Teilbereich des Bachelorstudiums Germanistik. Häufig beginnt das Studium im ersten Semester mit einem Basismodul, oft „Einführung in die NDL“ genannt. Danach folgen aufbauende und vertiefende Module. An der Universität Stuttgart werden zum Beispiel „Einführung in die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft“, „Theorien und Methoden der NDL“, „Geschichte der NDL I und II“ sowie spätere spezifische Module zu bestimmten Autoren oder Fragestellungen empfohlen. Typische Prüfungsformen sind schriftliche Prüfungen und Hausarbeiten.

Im Masterstudium kann man sich teilweise auf Neuere Deutsche Literatur spezialisieren. Genannt werden unter anderem Freiburg mit „Neuere deutsche Literatur, Kultur, Medien“, Stuttgart mit „Literaturwissenschaft: Germanistik“, Berlin mit „Deutschsprachige Literatur mit dem Schwerpunkt Neuere Literatur“ und Göttingen mit „Neuere Deutsche Literatur“. Die NDL ist je nach Universität oft prägend in Masterstudiengängen zur deutschen Literatur. Im Bachelorstudium der Germanistik ist sie neben Linguistik und Mediävistik einer von drei Kernbereichen. Ein Studium mit ausschließlicher Spezialisierung auf Neuere Deutsche Literaturwissenschaft ist jedoch nur an wenigen deutschen Universitäten möglich.

Lernvideos zu Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

Weiterlesen

Deutschsprachige Literatur Die kurze Epoche kann als eine Gegenreaktion auf die Aufklärung beschrieben werden, wonach die vorrangige Epoche sich der Ratio unterworfen hätte, während … Frühe Neuzeit ... Lehnsherr oder Vasall des Monarchen und deren Besitz leibeigener Bauern beruhte. Weiterhin bedeutet es das Ende des bisherigen Zunft- und Ständewesens in … Mittelhochdeutsche Sprache Die meisten mittelhochdeutschen Kurzvokale in offenen Silben entsprechen neuhochdeutschen gedehnten Langvokalen (Dehnung in offener Tonsilbe). Beispiele … Faust. Eine Tragödie Die 1808 veröffentlichte Tragödie greift die Geschichte des historischen Doktor Faustus auf und wird in Faust II zu einer Menschheitsparabel ausgeweitet. Johann … Politikwissenschaft Die Politikwissenschaft zählt von ihrer Entwicklung als Wissenschaftsdisziplin im weiteren Sinne auch zu den Staatswissenschaften. Mit Nachbardisziplinen wie … Sozialwissenschaften Die Sozialwissenschaften (auch Gesellschaftswissenschaften) untersuchen Phänomene des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen. Politik Politik regelt dabei insbesondere das öffentliche, aber teilweise auch das private (Zusammen-)Leben der Bürger, die Handlungen und Bestrebungen zur Führung des … Geschichte Unter Geschichte versteht man im Allgemeinen diejenigen Aspekte der Vergangenheit, derer Menschen gedenken und die sie deuten, um sich über den Charakter … Sigmund Freud ... Religion. Freud bekräftigt die Religionskritik der Philosophen durch Einsichten, die er als naturwissenschaftlich geprägter Mediziner bei der Entwicklung … Sprachwissenschaft Die Sprachwissenschaft oder Linguistik (zu lateinisch lingua ‚Zunge', ‚Sprache') untersucht in verschiedenen Herangehensweisen die menschliche Sprache. Metapher ... adverbiale Bestimmung lautet „im übertragenen Sinn(e)“. Im religionswissenschaftlichen Kontext findet auch der Begriff „Bilderrede“ Anwendung. Syntax Die Syntax behandelt Sätze nicht nur als eine Aneinanderreihung von Wörtern, sondern arbeitet eine zugrundeliegende Satzstruktur heraus, die neben der …