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Sprechakttheorie

Die Sprechakttheorien oder Sprechhandlungstheorien thematisieren als Teilbereiche der linguistischen Pragmatik sprachliche Äußerungen, z.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Gegenstand
  2. 2. Austins dreiteiliges Modell
  3. 3. Searles Weiterentwicklung
  4. 4. Bedeutung und Klassifikation der Illokutionen
  5. 5. Explizite, implizite und indirekte Sprechakte
  6. 6. Entstehung und historische Erweiterungen

Grundidee und Gegenstand

Die Sprechakttheorie, auch Sprechhandlungstheorie, gehört zur linguistischen Pragmatik. Sie untersucht sprachliche Äußerungen nicht nur als Beschreibungen von Sachverhalten oder als Behauptungen, sondern auch als Handlungen. Durch sprachliche Äußerungen können beispielsweise Befehle, Namensgebungen, Eide, Versprechen, Warnungen und Beleidigungen vollzogen und dadurch soziale oder zwischenmenschliche Veränderungen bewirkt werden.

Die Theorie analysiert und klassifiziert solche sprachlichen Handlungen sowie ihre Implikationen. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Absicht des Sprechers, die sprachliche Form der Äußerung und ihre Wirkung beim Hörer. Austin und Searle beschreiben einen Sprechakt als komplexe Handlung, deren Komponenten gleichzeitig beziehungsweise hierarchisch zusammenwirken: Man bewirkt etwas, indem man etwas tut, indem man etwas sagt und indem man etwas äußert.

Austins dreiteiliges Modell

John Langshaw Austin unterscheidet drei Teilakte, die beim Sprechen gleichzeitig ablaufen.

Der lokutionäre Akt ist die Handlung des „Etwas-Sagens“ („saying something“). Er umfasst drei Teilakte:

  • Der phonetische Akt besteht im Hervorbringen sprachlicher Laute und Lautketten.
  • Der phatische Akt besteht im Hervorbringen grammatisch regelgerechter Äußerungen unter Verwendung der Wörter und syntaktischen Strukturen einer Sprache.
  • Der rhetische Akt besteht im Hervorbringen sinnvoller Äußerungen, die sich auf Gegenstände oder Ereignisse der Welt beziehen und ihnen Bedeutung zuordnen.

Der illokutionäre beziehungsweise illokutive Akt ist der Vollzug einer konventionellen Sprechhandlung, etwa einer Frage, Bitte, Warnung, Empfehlung oder Drohung. Austin bezeichnet ihn als „doing something in saying something“. Er ist der zentrale, zwischenmenschliche Aspekt eines Sprechaktes: Mit der Äußerung wird eine bestimmte soziale Handlung vollzogen.

Der perlokutionäre beziehungsweise perlokutive Akt ist das Erzielen einer Wirkung, die über den illokutionären Akt hinausgeht, beispielsweise Überzeugen, Umstimmen, Verärgern, Verunsichern, Kränken oder Trösten („doing something by saying something“). Im Beispiel „Fahr vorsichtig, die Straße da vorn in der Kurve ist glatt“ vollzieht Hannah einen lokutionären Akt, warnt ihren Freund illokutionär und möchte perlokutionär sein Verhalten beeinflussen. Versteht er die Warnung, kann er seine Geschwindigkeit reduzieren oder das Gespräch fortsetzen.

Austin unterscheidet außerdem zwischen dem perlokutionären Akt und dem perlokutionären Effekt. Der Effekt ist die tatsächlich eingetretene Wirkung. Wenn der Sprecher beabsichtigt, dass der Hörer lacht, dieser sich aber ärgert, ist der intendierte perlokutionäre Akt gescheitert. Von einem vollzogenen perlokutionären Akt spricht man nur, wenn die beabsichtigte und die tatsächlich eingetretene Wirkung übereinstimmen.

Der illokutionäre Akt ist mit dem lokutionären durch eine „indem-Relation“ verbunden: Er wird vollzogen, indem etwas gesagt wird, und fällt zeitlich mit dem Vollzug der Äußerung zusammen. Der perlokutionäre Akt ist mit dem illokutionären durch eine „dadurch, dass-Relation“ verbunden und folgt kausal aus ihm.

Searles Weiterentwicklung

John Searle unterscheidet vier Teilakte: Äußerungsakt, propositionaler Akt, illokutionärer Akt und perlokutionärer Akt. Den phonetischen und den phatischen Akt Austins fasst er im Äußerungsakt zusammen. Dieser besteht im Hervorbringen von Äußerungen nach den Regeln der Phonologie und Grammatik einer Sprache.

Searle ersetzt Austins rhetischen Akt durch den propositionalen Akt, weil er rhetischen und illokutionären Akt kaum voneinander trennen kann. Der propositionale Akt besteht aus zwei Teilakten:

  • Beim Referenzakt bezieht sich der Sprecher auf bestimmte Objekte der Welt, etwa mit dem Eigennamen „Peter“ auf die Person Peter.
  • Beim Prädikationsakt ordnet der Sprecher dem bezeichneten Objekt eine Eigenschaft zu, etwa „ist mutig“.

Der propositionale Gehalt kann bei verschiedenen illokutionären Akten gleich bleiben. In „Peter ist mutig“, „Ist Peter mutig?“ und „Peter, sei mutig!“ wird jeweils auf Peter referiert und ihm die Eigenschaft „mutig“ zugeordnet. Referenz und Prädikation treten also nicht nur bei Behauptungen, sondern auch bei Fragen oder Aufforderungen auf. Der illokutionäre und der perlokutionäre Akt entsprechen im Wesentlichen Austins Unterscheidung.

Bedeutung und Klassifikation der Illokutionen

Nach einigen Theoretikern, nicht aber nach Austin, ist die Sprechakttheorie nicht nur eine Theorie des sprachlichen Handelns, sondern auch eine Theorie der Satzbedeutung. Bedeutung kann demnach nicht ausschließlich über Wahrheitsbedingungen bestimmt werden. Zusätzlich ist zu prüfen, ob ein Sprechakt gelingt oder missglückt.

Zur Bedeutung einer Äußerung gehört beispielsweise, dass „Wo ist denn hier der Bahnhof?“ eine Frage und „Sie dürfen hier nicht rauchen!“ ein Verbot ist. Die illokutionäre Rolle einer Äußerung wird durch Illokutionsindikatoren erkennbar. Dazu gehören die Wortstellung („Peter raucht.“ gegenüber „Raucht Peter?“), Modalpartikeln („Kannst du schweigen?“ gegenüber „Kannst du mal schweigen?“), performative Verben („Ich bitte dich, mir zu helfen.“) und die Intonation („Du kommst aus Braunschweig?“ mit ansteigender Intonation kann eine Frage sein).

Searle verwendet zwölf Kriterien zur Klassifikation der Illokutionen. Im Artikel werden insbesondere drei genannt:

  • Der illokutionäre Witz bezeichnet den Zweck eines Sprechaktes.
  • Die Ausrichtung beschreibt das Verhältnis von Worten und Welt: Bei einer Beschreibung richten sich die Worte nach der Welt, bei einem Befehl oder Versprechen soll sich die Welt nach den Worten richten.
  • Der zum Ausdruck gebrachte psychische Zustand ist der innere Zustand, den der Sprecher mit der Äußerung ausdrückt. Beim Danken wird Dankbarkeit ausgedrückt, unabhängig davon, ob der Sprecher tatsächlich dankbar ist.

Auf dieser Grundlage unterscheidet Searle fünf Klassen:

  • Repräsentativa oder Assertiva sagen, wie es sich verhält. Ihre Ausrichtung ist „Wort auf Welt“, ihr ausgedrückter psychischer Zustand Glaube. Beispiele sind behaupten, mitteilen, berichten, feststellen, aussagen und schließen. Der Sprecher legt sich auf die Wahrheit oder Falschheit der ausgedrückten Proposition fest und wird bei Assertiva zur Wahrheit verpflichtet.
  • Direktiva sollen den Hörer zu einer Handlung oder Unterlassung bewegen. Ihre Ausrichtung ist „Welt auf Wort“, der psychische Zustand ein Wunsch. Beispiele sind bitten, befehlen, raten und auffordern. Dazu gehören auch Verben im Imperativ.
  • Kommissiva legen den Sprecher selbst auf eine zukünftige Handlung oder Unterlassung fest. Sie haben die Ausrichtung „Welt auf Wort“ und drücken eine Absicht aus. Beispiele sind versprechen, vereinbaren, anbieten, geloben, schwören und drohen.
  • Expressiva drücken die eigene Gefühlslage beziehungsweise einen psychischen Zustand aus. Sie haben keine Ausrichtung von Wort und Welt und bedienen sich gesellschaftlicher Aufrichtigkeitsregeln. Beispiele sind danken, grüßen, beglückwünschen, gratulieren, sich entschuldigen und kondolieren.
  • Deklarativa verändern durch das Sagen die Welt entsprechend dem Gesagten. Ihre Ausrichtung ist „beide“. Sie beruhen auf einer sozialen Institution, beispielsweise Schule, Kirche oder Amt. Beispiele sind taufen, ernennen, entlassen und zurücktreten. Typische Formulierungen lauten „Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt…“, „Im Namen von …“ oder „In meiner Funktion als … erkläre ich …“.

Explizite, implizite und indirekte Sprechakte

Ein explizit performativer direkter Sprechakt enthält ein performatives Verb, also ein Verb, mit dem die sprachliche Handlung ausdrücklich bezeichnet und vollzogen wird. Beispiele sind „Ich verspreche hiermit, X zu tun“ und „Hiermit taufe ich dieses Schiff auf den Namen Y“. Diese Sprechakte sind direkt, weil die Proposition, etwa „X zu tun“, genau dem illokutionären Witz beziehungsweise Ziel der Äußerung entspricht.

Implizite oder primäre direkte Sprechakte sind wesentlich häufiger. Beim Satz „Ich werde X tun“ wird das performative Verb „versprechen“ weggelassen; dennoch kann die Äußerung als Versprechen verstanden werden.

Bei indirekten Sprechakten ist das illokutionäre Ziel nicht unmittelbar aus der Proposition erkennbar. „Kannst du mir mal das Salz reichen?“ ist wörtlich eine Frage nach dem Vermögen des Hörers, das Salz zu reichen, kann aber als Bitte gemeint sein. Die sekundäre Illokution ist die wörtliche Frage; die primäre Illokution, also das eigentliche Ziel, ist die Bitte. Der primäre Sprechakt wird vollzogen, indem der sekundäre vollzogen wird.

Nach Searle erschließt der Hörer die primäre Illokution durch eine komplizierte Abfolge von Schlussfolgerungen. Dafür gelten auf Seiten des Sprechers die Maxime „Sei aufrichtig und relevant!“ und auf Seiten des Hörers „Suche nach dem Sinn!“. Außerdem benötigen beide gemeinsames sprachliches und außersprachliches Hintergrundwissen. Diese Auffassung ist in der Forschung jedoch nicht unumstritten. Eine Gegenposition besagt, dass die genannte Äußerung im Deutschen konventionellerweise bereits „Gib mir bitte das Salz!“ bedeutet und daher nicht erst mühsam erschlossen werden muss.

Entstehung und historische Erweiterungen

Als Geburtsjahr der Sprechakttheorie gilt häufig 1955. Damals hielt Austin an der Harvard-Universität die Vorlesungsreihe „How to Do Things with Words“, die 1962 postum veröffentlicht wurde. Die deutsche Übersetzung erschien 1972 unter dem Titel „Zur Theorie der Sprechakte“. Zur Verbreitung trug Searles 1969 veröffentlichtes Buch „Speech Acts“ bei. Searle war Schüler Austins, systematisierte bestimmte Gedanken weiter und entwickelte am Beispiel des Versprechens ein Modell zur Beschreibung einzelner Sprechakttypen.

Frühere Überlegungen finden sich bei Charles S. Peirce, der zwischen dem Satz selbst und der Aussage dieses Satzes unterschied. Einen Eid zu schwören beschrieb er als Handeln und nicht als bloßes Sagen. Ludwig Wittgenstein betonte in den 1953 postum veröffentlichten „Philosophischen Untersuchungen“ ebenfalls, dass Sprechen Teil einer Tätigkeit oder Lebensform ist. Sein Begriff „Sprachspiel“ bezeichnet unterschiedliche Funktionen sprachlicher Äußerungen in Alltagssituationen, etwa Befehlen, Bitten oder Danken. Die Verbindung zu Austin und besonders zu Searle muss jedoch vorsichtig beurteilt werden, weil ihre Erkenntnisinteressen verschieden sind. Eine ungeprüfte Darstellung Wittgensteins als unsystematischer Vorläufer, dessen Ideen Searle lediglich systematisiert habe, gilt als ideengeschichtlich nicht zutreffend.

Eine historische Sprechaktanalyse untersucht, wie ein bestimmter Sprechakt im Laufe der Geschichte verwirklicht wurde. Andreas Jucker und Irma Taavitsainen gründeten dafür das „Journal of Historical Pragmatics“. Die Untersuchung solcher Formen gehört auch in den Bereich der Onomasiologie.

Weitere Anknüpfungspunkte bieten Peirce, George H. Mead und Charles W. Morris. Peirce entwickelte aus einem dyadischen Zeichenmodell eine triadische Relation mit dem Interpretanten, also der durch Interpretation in einem kulturell geprägten Handlungszusammenhang entstehenden Bedeutung. Mead untersuchte sprachliche und nonverbale Kommunikation im gesellschaftlichen Interaktionismus und ihre Bedeutung für die Identitätsentwicklung. Morris definierte Pragmatik als „relation of signs to interpreters“ und untersuchte, wie Zeichenträger, Interpretanten, Designate und Interpreten im sozialen Kontext zusammenwirken.

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