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Soziobiologie
Die Soziobiologie ist ein evolutionsbiologisch orientierter Zweig der Verhaltensbiologie, der in den 1940er-Jahren in den USA begründet wurde.
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Ansatz
Die Soziobiologie ist ein evolutionsbiologisch ausgerichteter Zweig der Verhaltensbiologie. Sie untersucht die biologischen Grundlagen des Sozialverhaltens bei allen sozialen Organismen, einschließlich des Menschen. Beispiele für ihre Forschungsgegenstände sind Beziehungen zwischen Eltern und Nachkommen sowie die Organisation von Termitenkolonien, Vogelscharen, Pavianhorden und Jäger-und-Sammler-Banden.
Die Disziplin verbindet Ansätze aus Ethologie und Psychologie mit Ergebnissen aus Feldstudien und Laborversuchen. Diese Erkenntnisse deutet sie mithilfe der modernen Genetik, Ökologie und Populationsbiologie. Gesellschaften werden dabei als Populationen untersucht. Die Ethologie, also die vergleichende Erforschung tierischer Verhaltensmuster und ihrer Anpassung an die Umwelt, bleibt eine eigenständige Disziplin, ergänzt aber die Soziobiologie.
Evolution und Selektion des Sozialverhaltens
Während die klassische Ethologie Verhaltensweisen vor allem genau beschreibt, fragt die Soziobiologie verstärkt nach den Mechanismen, durch die sie im Verlauf der Stammesgeschichte entstanden sind. Im Mittelpunkt steht ihr adaptiver Wert, also ihr Beitrag zur Anpassung und zum Fortpflanzungserfolg.
Gene sind Abschnitte der DNA und können über Generationen weitergegeben und besonders bei geschlechtlicher Fortpflanzung neu kombiniert werden. Der Genotyp ist die jeweilige genetische Ausstattung eines Individuums. Der Phänotyp umfasst die daraus entstehenden Körper- und Verhaltensmerkmale und bildet den unmittelbaren Ansatzpunkt der Selektion.
Gut angepasste Phänotypen erreichen im Allgemeinen höhere Fortpflanzungsraten. Dadurch verbreiten sich ihre Gene gegenüber den Genen weniger gut angepasster Phänotypen. Begünstigt werden insbesondere Gene, deren Träger Zeit und Energie im Wettbewerb um knappe Ressourcen erfolgreich einsetzen. Die Eignung eines Gens zeigt sich demnach an der Häufigkeit, mit der es in der nächsten Generation vorkommt.
Vereinfachend betrachtet die Soziobiologie Gene und nicht Gruppen oder Arten als die Einheiten, an denen Selektion ansetzt. Im Gegensatz zur Gruppenselektion nimmt sie daher nicht an, dass sich Verhaltensweisen durchsetzen, weil sie dem Wohl einer ganzen Gruppe oder Art dienen. Selektion findet nach diesem Ansatz am Individuum statt.
Erklärungen für altruistisches Verhalten
Altruismus bezeichnet ein Verhalten, bei dem ein Individuum einem anderen hilft. Die Soziobiologie erklärt seine evolutionäre Entstehung unter anderem durch Verwandtenselektion und reziproken Altruismus.
Bei der Verwandtenselektion, auch Sippenselektion oder kin selection genannt, wird die Gesamtfitness (inclusive fitness) eines Gens aus zwei Komponenten bestimmt: seiner Eignung im Individuum selbst und seiner Verbreitung über Verwandte. Da nahe Verwandte mit höherer Wahrscheinlichkeit gleiche Gene tragen, kann Hilfe für sie indirekt die Verbreitung der eigenen Gene fördern. Altruistisches Verhalten gegenüber Verwandten lohnt sich in diesem Sinne umso mehr, je höher der Verwandtschaftsgrad ist. Diese Strategien verändern sich fortlaufend durch Evolution und wechselnde Umweltbedingungen.
Reziproker Altruismus beruht auf Gegenseitigkeit: Ein „Helfer-Gen“ kann sich durchsetzen, wenn das Helfen seinem Träger langfristig einen Nutzen bringt, etwa weil der Helfer später selbst Hilfe erhält.
Anwendung auf den Menschen
Die Anwendung soziobiologischer Erkenntnisse auf Menschen wird durch die Komplexität des menschlichen Verhaltens und die Bedeutung der Kultur erschwert. Die Soziobiologie untersucht dennoch, inwiefern menschliches Verhalten natürlicher Auswahl unterliegt und Anpassungscharakter besitzt. Ähnliche Muster in weit voneinander entfernten Gesellschaften werden dabei als mögliche Hinweise auf biologische Faktoren betrachtet. Genannt werden der mütterliche Schutz und die Pflege der Kinder, der Wettbewerb von Männern um Frauen sowie die Bereitschaft, persönlichen Besitz, Paarbindungen, fremde Reviere und ausgekämpfte Rangordnungen vorläufig zu respektieren und dadurch dauernde Konflikte zu begrenzen.
Nach diesem Ansatz besitzt der Mensch angeborene Verhaltensdispositionen, also biologische Neigungen zu bestimmten Handlungen. In ihnen könnten bruchstückhafte Grundlagen von Moral, Rechtsgefühl und Gerechtigkeitsvorstellungen liegen. Sie bestimmen das Verhalten jedoch nicht vollständig, sondern lassen Freiräume. Für das geordnete Zusammenleben in komplexen Gemeinschaften müssen sie durch kulturell geschaffene Regeln ergänzt werden.
Die Theorie der Gen-Kultur-Koevolution beschreibt eine Wechselwirkung zwischen genetischer Vererbung und kultureller Weitergabe. Genetisch gesteuerte körperliche Prozesse ermöglichten demnach die Entwicklung des menschlichen Geistes und damit die Entstehung von Kultur. Kultur wirkte wiederum auf die geistige Entwicklung zurück. Auch kulturelle Verhaltensweisen unterliegen nach diesem Modell einer Auswahl: Besser angepasste Verhaltensweisen verbreiten sich häufiger, und kulturelle Fähigkeiten halfen Menschen bei Selbsterhaltung, Fortpflanzung und Anpassung.
Genetische und kulturelle Evolution unterscheiden sich jedoch deutlich. Genetische Informationen werden durch Fortpflanzung übertragen; ihre Entwicklung ist beständig und kontinuierlich, aber wenig flexibel. Kulturelle Evolution beruht auf überliefertem Wissen und individuellen Erfahrungen, die im Gehirn gespeichert, verarbeitet, verändert und weitergegeben werden. Sie ermöglicht schnellere und flexiblere Anpassungen, ist aber unbeständiger. Dies soll sowohl die Vielfalt menschlicher Kulturen als auch die hohe Geschwindigkeit kultureller Entwicklung erklären.
Kontroversen und Grenzen
Die Übertragung soziobiologischer Erklärungen auf den Menschen ist umstritten. Kritiker werfen der Disziplin vor, die genetische Bestimmtheit menschlichen Verhaltens zu überschätzen und nicht überprüfbare Annahmen über vergangene Evolutionsvorgänge als gegeben zu behandeln. Besonders problematisch seien Behauptungen, Unterschiede und Ungleichheiten zwischen Geschlechtern, Ethnien oder gesellschaftlichen Gruppen seien naturgegeben. John Philippe Rushton ordnete beispielsweise Asiaten, Kaukasier und Schwarze hierarchisch und nahm genetisch bestimmte Unterschiede in Intelligenz und Persönlichkeit an.
Richard Lewontin kritisierte soziobiologische Theorien als kaum überprüfbare, „fantasievolle“ Geschichten. Weitere Einwände richten sich gegen die Annahme, Merkmale wie Fremdenfeindlichkeit, Religion oder Ethik seien genetisch kodiert, sowie gegen Vergleiche komplexen menschlichen Verhaltens mit dem Tierreich. Auch die Vorstellung vom „egoistischen Gen“ als „Motor des Seins“ gilt Kritikern als starke Vereinfachung. Sie bezeichnen die Soziobiologie teilweise als Biologismus, weil sie psychische und soziale Erscheinungen unzulässig auf biologische Prozesse zurückführe. Ernst Mayr warf ihr Reduktionismus vor: Organismen würden wie „ein Bohnensack voll Gene“ behandelt, während Gesamtzusammenhänge und Entwicklungsphasen wie die Embryonalentwicklung unbeachtet blieben. Marshall Sahlins betonte dagegen die eigenständige Bedeutung kultureller Faktoren wie Sprache, Gestik und künstlerischer Ausdruck.
Soziobiologen erwidern, sie wollten menschliches Sozialverhalten allein anhand naturwissenschaftlicher Belege und ohne ethisch-moralische Wertungen oder politische Ziele erforschen.
Edward O. Wilson, der die Bezeichnung Soziobiologie 1975 durch sein Werk „Sociobiology: The New Synthesis“ popularisierte, kritisierte später selbst zentrale Teile des Fachs. Er hielt die Gesamtfitness-Theorie nicht für wissenschaftlich begründet und bezeichnete Gesamtfitness als ein „trügerisches mathematisches Konstrukt“. Verwandtenselektion trete seiner Auffassung nach höchstens als schwache, an besondere Bedingungen gebundene Form der Selektion auf.
Wilson wandte sich außerdem gegen eine starke genetische Deutung der Gen-Kultur-Koevolution. Als Beispiel nannte er Kinder aus Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, die in technologisch fortgeschrittenen Adoptivgesellschaften zu kompetenten Mitgliedern dieser Gesellschaften werden, obwohl sich die Abstammungslinien vor 45.000 Jahren getrennt hätten. Daraus folgerte er, dass die Entwicklung menschlicher Gesellschaften zu Zivilisationen während der letzten mindestens 45.000 Jahre vor allem als kultureller und nicht als genetischer Prozess anzusehen sei. Die Frage nach genetisch bestimmten Intelligenz- und Persönlichkeitsunterschieden zwischen Völkern oder gesellschaftlichen Schichten bleibt wissenschaftlich, gesellschaftlich und politisch umstritten.