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Nathan der Weise (1922)

Es ist die bisher einzige Kinoproduktion des Stücks Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing. ... Deutsch. Erscheinungsjahr, 1922 · Länge, 123 Minuten.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Film und Bedeutung
  2. 2. Vorgeschichte und Rettung Rechas
  3. 3. Ringparabel und Konflikt
  4. 4. Auflösung und Friedensentscheidung
  5. 5. Entstehung, Zensur und Wiederentdeckung
  6. 6. Kritische Einordnung

Film und Bedeutung

Nathan der Weise ist ein deutscher Stummfilm und eine Literaturverfilmung in sechs Akten von Manfred Noa aus dem Jahr 1922. Das Drehbuch schrieb Hans Kyser nach Gotthold Ephraim Lessings Stück Nathan der Weise. Mit 123 Minuten Länge ist er die bisher einzige Kinoproduktion dieses Dramas. Produziert wurde er von Emelka in München; Werner Krauß spielt Nathan, Carl de Vogt den Tempelherrn Curd von Stauffen und Fritz Greiner Sultan Saladin.

Im Mittelpunkt steht die Versöhnung zwischen Juden, Christen und Muslimen. Die Handlung zeigt, wie religiöse Vorurteile, Gewalt und Machtpolitik durch Menschlichkeit, Erkenntnis und familiäre Bindungen überwunden werden können.

Vorgeschichte und Rettung Rechas

Im Vorspiel ist Assad von Filneck, Saladins Bruder, vom Islam abgefallen und kämpft als Tempelritter gegen Saladin. Sein Sohn soll unter dem Namen Curd von Stauffen beim Herzog Konrad von Schwaben aufwachsen. Nach dem Tod seiner Frau gibt Assad seine neugeborene Tochter einem Tempelritter; sie soll nach einer Taufe Blanda heißen. Assad wird von Saladins Männern getötet. Saladin weiß aus einer Andenkenplatte, dass sein Bruder zwei Kinder hatte, und lässt nach ihnen suchen.

Zur selben Zeit wird Nathan in einem Dorf von als Tempelritter verkleideten Plünderern misshandelt. Sie zünden die Synagoge an; Nathans Frau und seine sieben Kinder sterben. Wenige Tage später bringt der Tempelritter Nathan das gerettete Baby. Nathan nimmt es auf und nennt es Recha.

Jahre später lebt Recha mit Nathan und ihrer christlichen Erzieherin Daja in Jerusalem. Saladin erobert die Stadt; Kreuzritter sollen sterben, andere Christen sich freikaufen oder werden versklavt. Nathan kauft auf Rechas Bitte alle Menschen frei, die an seinem Haus vorbeigeführt werden. Der zum Tode verurteilte Tempelritter Curd wird von Saladin freigelassen, weil er ihn an Assad erinnert. Curd rettet Recha anschließend aus einem brennenden Haus. Nathan veranstaltet ein Fest für Arme und bemüht sich, den Retter zu finden. Curd lehnt zunächst ein Fest mit Juden ab, erkennt durch Nathans persönliche Bitte aber sein falsches Verhalten.

Ringparabel und Konflikt

Saladin hält Nathan für reich und lässt ihn in den Palast bringen, damit er seine Kassen füllt. Er stellt ihm die Frage, welche der drei Religionen die wahre sei. Nathan antwortet mit der Ringparabel. Währenddessen fordern vor dem Palast versammelte Arme Nathans Freilassung und schenken Saladins Schwester Sittah einen Ring als Ablöse. Saladin wird durch Nathans Erzählung bekehrt und behält den Ring als Erinnerung an die notwendige Weisheit eines Herrschers.

Nathan bittet den freisprechenden Saladin, sein gesamtes Geld bei ihm verwahren zu dürfen, auch als Dank für die Rettung Curds. Saladin zeigt ihm die Andenkenplatte mit den Namen der beiden Kinder Assads. Nathan erkennt darin Recha wieder: Als Baby trug sie ein Kreuz mit der Aufschrift „Blanda von Filneck“.

Curd bittet Nathan um Rechas Hand. Nathan lehnt ab, ohne den Grund nennen zu können. Curd hält dies für religiöse Ablehnung. Daja verrät ihm daraufhin, Recha sei adoptiert und eigentlich Christin. Curd zeigt Nathan beim Patriarchen von Jerusalem an: Nathan habe eine Christin gezwungen, zum jüdischen Glauben überzutreten. Der Patriarch ordnet Nathans Verhaftung an. Saladin beauftragt ausgerechnet Curd damit, der nun beschämt handelt. Im Gefängnis vergibt Nathan ihm.

Auflösung und Friedensentscheidung

Der Patriarch verurteilt Nathan zum Verbrennen und Recha dazu, als Nonne in ein Kloster zu gehen. Curd erfährt von einem Klosterbruder, dass sein wirklicher Name Leu ist. Als er sich unter diesem Namen bei Saladin meldet, erkennt Saladin seinen Neffen. Recha erkennt Saladin ebenfalls als seine Nichte; sie darf zu Nathan in die Zelle. Weil Curd um Nathans Leben bittet, lässt Saladin ihn jedoch zu den übrigen Tempelrittern sperren.

Am Tag der Urteilsverkündung befürchtet der Patriarch, Saladin könne ihm sein Recht auf die Verurteilung von Verbrechern gegen das Christentum streitig machen, und versammelt die Tempelritter zum Kampf. Ein neuer Krieg droht. Nathan erklärt Saladin, er würde lieber sterben, als dass das Blut vieler Menschen fließe.

Schließlich klärt Saladin die Verwandtschaft auf: Recha wurde nie getauft und ist daher keine Christin. Sie und Curd sind Geschwister, die Kinder seines Bruders Assad. Damit entfällt die Grundlage für das Urteil gegen Nathan. Saladin gestattet den Christen ewigen Zugang zum Grab des Heiland und verhindert so zukünftige Religionskriege.

Entstehung, Zensur und Wiederentdeckung

Nathan der Weise war ein Großprojekt von Erich Wagowskis Bavaria-Filmkunst, die zum Konzern Münchner Lichtspielkunst (M.L.K., auch Emelka) gehörte. In München hatte sich nach der Niederschlagung der Räterepublik die politische Lage verschärft; jüdische Kulturschaffende wie Wagowski und Noa waren antisemitischen Stimmungen ausgesetzt. Ob die Verfilmung eine Reaktion darauf war, ist nicht bekannt.

Im September 1922 lag der Film der Filmprüfstelle München vor. Ein Gutachter wollte keine Zulassung, weil er Auseinandersetzungen und eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung befürchtete. Die Kammer II gab ihn dennoch frei und erklärte, antisemitische Ausfälle beim Filmsehen beruhten auf der „falsche[n] Einstellung der Leute“. Im November 1922 scheiterte ein rechtsradikaler Versuch, das Filmnegativ zu vernichten.

Die Uraufführung fand am 29. Dezember 1922 im Berliner Alhambra statt. In München wurde der Film nach Drohungen gegen das Kino bereits nach 48 Stunden aus dem Programm genommen; erst 1930 ist dort wieder eine Vorführung nachweisbar. In Warschau verbot die Zensur ihn 1923 aus politischen Gründen. Österreich verhängte ein Schulverbot und zeigte ihn als Die Träne Gottes. Nach 1933 wurde er nicht mehr aufgeführt und galt lange als verschollen. 1996 entdeckte man im Moskauer Gosfilmofond eine vollständige Schwarzweißkopie unter dem Titel Die Erstürmung Jerusalems. 1997 wurde sie öffentlich neu aufgeführt; 2006 erschien eine viragierte Fassung auf DVD. Die restaurierte Fassung hatte am 24. Oktober 2009 in der Philharmonie im Gasteig München ihre öffentliche Weltpremiere, mit Live-Musik von Rabih Abou-Khalil. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte am 1. Juni 2010 auf arte.

Kritische Einordnung

Zeitgenössische Kritik erwartete schon vor der Fertigstellung „einer der schönsten Schlager 1922/23“. Auch der Völkische Beobachter nannte den Film „geschickt aufgemachter, technisch zweifellos hervorragender“ Film; nach einer Vorführung für die Münchner Presse überwog ebenfalls eine positive Beurteilung.

Nach Manfred Noas frühem Tod gerieten Regisseur und Film in Vergessenheit. Vor dem Hintergrund des expressionistischen Films bewertete die Filmkritikerin Lotte Eisner Noa später nur noch als mittelmäßigen Regisseur. Seit den 1990er-Jahren erhalten Noa und Nathan der Weise wieder mehr Aufmerksamkeit. Das Lexikon des internationalen Films bezeichnet den bildgewaltigen, eindrucksvoll inszenierten und faszinierend gespielten Ausstattungsfilm als Musterbeispiel eines politisch mutwillig missverstandenen Werks.

Lernvideos zu Nathan der Weise (1922)

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