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Nachtviolen (Kunstlied)
Nachtviolen (D.752) ist der Titel eines Kunstlieds von Franz Schubert für eine Singstimme und Pianoforte. Es handelt sich um ein kurzes Stück, …
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Gegenstand und Entstehung
„Nachtviolen“ (D.752) ist ein kurzes Kunstlied von Franz Schubert für eine Singstimme und Pianoforte. Eine Standardaufführung dauert etwa drei Minuten. Das Lied entstand nach einem Gedicht von Schuberts Freund Johann Baptist Mayrhofer. Als Entstehungszeit wird meist April 1822 genannt; anderen Quellen zufolge komponierte Schubert es im Dezember desselben Jahres.
Schubert überarbeitete die Vorlage deutlich: Er strich insgesamt drei der fünfzehn Gedichtzeilen und ersetzte mehrere Wörter. Dadurch veränderte sich nicht nur der Wortlaut, sondern auch die Aussage. Aus „sich vertiefen“ wurde „sich versenken“. Außerdem singt das lyrische Ich von der „lauen Frühlingsluft“, während Mayrhofer von der „lauen Sommerluft“ schrieb. Mayrhofers Fassung nennt ausdrücklich den Dichter und beschreibt die Beziehung zwischen dem betrachtenden Subjekt und den Nachtviolen sowie die Unfähigkeit der Welt, diese Verbindung zu erreichen. Schubert konzentrierte sich dagegen auf die unmittelbare, reine Erfahrung.
Besonders deutlich wird die persönliche Veränderung im letzten Teil: Schubert entfernte die Zeile „Ja, so fesselt ihr den Dichter“ und änderte „sein treues Herz“ in „mein treues Herz“. Damit wird die Aussage persönlicher, möglicherweise auch stärker auf das eigene Ich bezogen. Das Lied endet bei Schubert mit der Vorstellung, dass die „heilige Verbindung“ in stillen Nächten fortblüht.
„Nachtviolen“ steht am Ende der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Schubert und Mayrhofer, die seit 1815 bestand. Ab 1821 kam es zu wachsenden persönlichen und politischen Differenzen. Mayrhofer musste sich mit Zensur und geistiger Repression unter dem Einfluss Metternichs abfinden und begann, an diesem System mitzuwirken. Ob Schuberts Textänderungen mit der Entfremdung der beiden Freunde zusammenhängen, lässt sich nicht nachweisen. Mit siebenundvierzig vertonten Gedichten war Mayrhofer nach Goethe und Müller Schuberts wichtigster Librettist.
Veröffentlichung und Überlieferung
Das Lied wurde erst 50 Jahre nach Schuberts Tod veröffentlicht. Herausgeber war Eusebius Mandyczewski (1857–1929); die Ausgabe erschien 1872 im Musikverlag Breitkopf & Härtel unter dem Titel „Franz Schubert's Werke, Serie XX: Sämtliche Lieder und Gesänge, No.403“.
Veröffentlicht wurde „Nachtviolen“ in C-Dur. Nach der Sammlung Witteczek-Spaun soll Schubert das Lied ursprünglich jedoch in A-Dur geschrieben haben. Eine Niederschrift in A-Dur ist nicht erhalten, sodass diese ursprüngliche Tonart nicht unmittelbar überprüft werden kann. Das erhaltene C-Dur-Autograf ist geteilt: Die Takte 1–24 liegen in der Sammlung Udbye der Universitätsbibliothek Oslo, Takt 25 bis zum Ende in der Österreichischen Nationalbibliothek.
Das Lied wurde außerdem in andere Sprachen übertragen. Beispiele sind der englische Titel „Dame's violet“ und der französische Titel „Juliennes des dames“.
Symbolik und musikalische Gestaltung
Das Lied ist nicht eindeutig nur als Gesang auf eine Blume zu verstehen. In der Romantik besaßen Pflanzen und Farben eine wichtige symbolische Bedeutung. Die blaue Blume stand bei Novalis für Sehnsucht und Liebe, die Rose für Jungfräulichkeit und als Sinnbild des weiblichen Herzens. Im 1821 erschienenen Wörterbuch „Der Selam des Orients oder die Sprache der Blumen“, herausgegeben von Johann Daniel Symanski (1789–1857), wird die Nachtviole mit einer nur in der Nacht ausgesprochenen Liebesklage verbunden.
Die Nachtviolen, biologisch Hesperis, darunter Hesperis tristis, sind teilweise unauffällige Blumen, die ihren süßlich schweren Duft oft erst am Abend entfalten. In metaphorischer Verwendung stehen sie für Treue und Bescheidenheit. Diese Wirkung wird im Lied durch Text und Musik gemeinsam hervorgerufen. Der Dirigent Stephen Jackson deutet die Nachtviolen außerdem als Bild einer vergifteten Liebe und zieht eine Parallele zu Schuberts Syphiliserkrankung. Diese Deutung ist eine mögliche Interpretation, keine im Artikel als eindeutig festgelegte Bedeutung.
Schubert vertont die Silben des Wortes „Nachtviolen“ mit einer einfachen harmonischen Folge und Obertönen. Dadurch entsteht eine zärtliche, intime Stimmung. Alfred Einstein bezeichnete das Stück als „Meisterwerk dunkler [geheimer, vertraulicher] Innigkeit“.
Die Gesangslinie besitzt nur einen kleinen Tonumfang von es’ bis f’’, bewegt sich dabei aber gefährlich hoch in der jeweiligen Stimmlage. Je nach Transposition kann das Lied für Sopran, Alt, Tenor oder Bariton gesungen werden. Wiederholte Motive vermitteln einen Eindruck von Dauerhaftigkeit.
Mit Beginn der dritten Strophe setzt bei den Worten „und nun blüht in stummen Nächten“ im Klavier eine Gegenmelodie ein. Sie steht der sentimental wirkenden Eröffnung entgegen. Die linke Hand des Pianisten begleitet das Lied fast vollständig nicht. Erst gegen Ende erscheint im Bassschlüssel eine tiefere Begleitung, die als Verstärkung der „heiligen Verbindung“ verstanden werden kann. Die auseinandergehenden Lagen von Stimme und Klavier lassen sich nach Gerald Moore auch als „Abschiednehmen mit zärtlicher Zurückhaltung“ deuten. Die sparsame musikalische Gestaltung kann insgesamt Bescheidenheit und Demut versinnbildlichen.