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Blaue Blume
Die blaue Blume ist ein zentrales Symbol der Romantik. Sie steht für Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen.
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Bedeutung und Ursprung
Die blaue Blume ist ein zentrales Symbol der Romantik. Sie steht für Sehnsucht und Liebe sowie für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Später wurde sie außerdem zum Sinnbild der Sehnsucht nach Ferne und zum Symbol der Wanderschaft. Als reale Vorbilder gelten häufig Pflanzen wie die Kornblume oder die Wegwarte; Novalis nennt einen blauen Heliotrop.
Novalis verwendete das Symbol, angeregt durch ein Bild seines Freundes Friedrich Schwedenstein, erstmals in seinem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen. Der junge Heinrich sehnt sich darin nicht nach Schätzen, sondern danach, die blaue Blume zu sehen. Im anschließenden Traum gelangt er durch fremde Gegenden und eine Höhle zu einer hohen lichtblauen Blume. In ihrem blauen Blütenkragen erscheint schließlich ein zartes Gesicht, bevor ihn die Stimme seiner Mutter weckt.
Romantische Deutung
In der blauen Blume verbinden sich Natur, Mensch und Geist. Sie fasst das romantische Streben zusammen, die Natur und dadurch das eigene Selbst zu erkennen. Die Verbindung von Natur und Mensch zeigt sich im Traum Heinrichs daran, dass in der Blume ein Mädchengesicht erscheint. Dies verweist zugleich auf Liebe und auf die Frau beziehungsweise das Weib.
Der romantische Menschenbegriff führt Gedanken des Humanismus und der Aufklärung weiter, betont aber persönliche Gefühle statt abstrakter Theorie. Liebe bildet dabei die Grundlage des Denkens. Das Selbst bezeichnet das fühlende und denkende Ich, den Menschen, der über sich nachdenkt, und zugleich das Ergebnis dieser Selbstreflexion: ein höheres Ich oder höheres Selbst. Naturerkenntnis erfolgt nach dieser Auffassung durch das Durchleben der Liebe in all ihren Erscheinungsformen; daraus folgt die Erkenntnis des Selbst. Individualismus, Gefühl, Liebe und Erkenntnis werden somit im Bild der blauen Blume gebündelt.
Literatur und sprachliche Verwendung
Viele Schriftsteller griffen das Symbol auf. Joseph Freiherr von Eichendorff schrieb das Gedicht Die blaue Blume. Adelbert von Chamisso meinte, im Harz die „blaue Blume der Romantik“ gefunden zu haben. Heinrich Zschokke verwendete sie in Der Freihof von Aarau als Sehnsuchts- und Liebessymbol. Goethes Suche nach der „Urpflanze“, besonders in Italien, entspricht ihr in einigen Deutungsbereichen. Blaue Blumen erscheinen auch in Wilhelm Müllers Tränenregen aus Die schöne Müllerin, das Franz Schubert vertonte. Bei E. T. A. Hoffmann steht das Symbol für die „heiligen Wunder der Natur“.
Die Bedeutung kann auch kritisch oder ambivalent sein. In Rudolf Baumbachs Gedicht finden drei Brüder auf ihrer Suche unterschiedliche Ziele: materiellen Reichtum, sexuelle Erfüllung oder die fortdauernde Suche, für die der dritte Bruder verspottet wird. Karl Henckell verspottete die Blume als „romantisches Lügengewächs“. Hertha Vogel-Voll nutzt sie in Die Silberne Brücke als Quelle magischer Kraft; Walter Moers wandelt sie in Rumo & Die Wunder im Dunkeln zum „silbernen Faden“ einer noch unbestimmten, starken Liebe ab.
Im Französischen bezeichnet fleur bleue ironisch und abwertend romantische, idealistische Menschen, die einer verlorenen Reinheit nachhängen. Raymond Queneau verwendete die Wendung 1965 im Romantitel Les fleurs bleues (Die blauen Blumen).
Bildende Kunst und Jugendbewegung
Der frühromantische Maler Philipp Otto Runge (1777–1810) setzte das Motiv in mehreren Gemälden ein. Nach der Beschäftigung mit Novalis schuf er 1808 beziehungsweise 1809 zwei Versionen des Symbolbildes Der Morgen. Beide zeigen einen Blütenkelch vor dem Nachthimmel; er steht sinnbildlich für Sehnsucht nach Erfüllung und Liebe.
Fritz von Wille (1860–1941) malte 1906/1907 die Kapelle am Totenmaar in der Eifel mit blauen und weißen Blumen im Vordergrund. Das Bild Die blaue Blume kaufte Kaiser Wilhelm II. 1908; es trug dauerhaft zum Prestige des Malers bei. Der Titel wurde vermutlich unter dem Einfluss der Neuromantik gewählt.
Für die Wandervogel-Bewegung wurde die blaue Blume zum Bild des Aufbruchs in die Welt. Werner Helwig veröffentlichte 1960 Die Blaue Blume des Wandervogels über die Geschichte der Jugendbewegung. Das Lied Wir wollen zu Land ausfahren von Hjalmar Kutzleb verbindet das Finden der Blume mit dem Wandervogel-Sein. Eine heutige Gemeinschaft nennt sich Blaue Blume e. V. In der Berliner Studentenbewegung entstand um 1968 die Losung „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot!“: Die Blume stand dabei stellvertretend für deutsche Literatur und eine als „erstarrte Wissenschaft“ kritisierte Germanistik.
Neuere Bezüge
In der Populärmusik trägt eine dänische Indie-Pop-/Electronica-Band den Namen Blaue Blume. Adolf von Kleebsattel schrieb 1972 für den Film Blau blüht der Enzian das gleichnamige Schlager-Lied, das Heino singt und das von der Sehnsucht nach einem Schweizer Bergmädchen handelt.
2015 organisierte ein alternativer Verein in Friedrichshafen ein Wohn- und Kulturprojekt namens „Die Blaue Blume“. Es wurde bekannt, weil die Stadtverwaltung das zugehörige Wohnprojekt verbieten lassen wollte. Im 2016 veröffentlichten Fantasyroman Die Legenden Lýsistratas – Auf der Suche nach der Blauen Blume von Tanja Steinborn ist die Blume, die aus einem Märchen stammt, ein Symbol der Hoffnung. Die Suche und Reise wecken bei den Hauptfiguren Sehnsucht nach Ferne und Abenteuer.