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Stottern

Stottern (auch Balbuties, von lateinisch balbutire ‚stottern') ist eine zentralnervöse Störung des Sprechens, welche durch spontan unkontrollierbare …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Definition und Kernmerkmale
  2. 2. Zusammenspiel und situative Schwankungen
  3. 3. Häufigkeit, Beginn und Verlauf
  4. 4. Ursachen und Abgrenzung
  5. 5. Diagnose und Therapie
  6. 6. Unterstützung und öffentliche Information

Definition und Kernmerkmale

Stottern, auch Balbuties, ist eine zentralnervöse Störung des Sprechens. Der Sprechablauf wird spontan und unkontrollierbar unterbrochen. Typisch sind Wiederholungen von Lauten oder Silben, Dehnungen von Lauten und Blockierungen, also spannungsvolle Pausen oder ein vollständiger Stillstand des Sprechversuchs. Nach ICD-10 ist Stottern unter F98.5 klassifiziert; nach ICD-11 wird es unter MA81 als Sprachdysfluenz beziehungsweise unter 6A01.1 als Entwicklungsstörung des Sprechflusses eingeordnet.

Der Artikel behandelt das originäre neurogene nicht-syndromale Stottern, früher „idiopathisches Stottern“ genannt. Es ist vom erworbenen neurogenen, psychogenen und syndromalen Stottern abzugrenzen. Stottern entsteht meist in der Kindheit und gilt nicht als heilbar, aber als therapierbar. Eine vollständige Heilung im Sinn absoluter Symptomfreiheit in allen Situationen ist im Erwachsenenalter nicht erreichbar.

Die Kernsymptomatik umfasst:

  • Laut- oder Silbenwiederholungen, zum Beispiel „T-t-t-t-tasse“ oder „Ta-ta-tasse“;
  • Lautdehnungen, zum Beispiel „Mmmmmmontag“;
  • Blockierungen vor oder innerhalb eines Lautes, zum Beispiel „---Apfel“ oder „Mo--ontag“;
  • Mischformen, zum Beispiel „Mmmmmmo-mo-mo-montag“.

Daneben kann Begleitsymptomatik auftreten. Dazu gehören Fluchtverhalten, etwa Mitbewegungen, Ankämpfreaktionen, Atemveränderungen, stimmliche Auffälligkeiten, überartikuliertes Sprechen oder auffällige Laute wie Schnalzen. Vermeideverhalten zeigt sich beispielsweise durch Synonyme, eingeschobene Interjektionen wie „ähm“, zeitlichen Aufschub oder das Vermeiden bestimmter Situationen, etwa des Telefonierens. Hinzu kommen innere Symptome wie Angst, Hilflosigkeit, Scham und Frustration sowie negative Gedanken über das eigene Sprechen oder die eigene Kompetenz. Auch Selbstabwertung, übermäßige Selbstbeobachtung und ausgeprägter Perfektionismus können entstehen. Vegetative Symptome sind unter anderem Herzklopfen, Erröten und Zittern.

Zusammenspiel und situative Schwankungen

Kern- und Begleitsymptomatik beeinflussen sich direkt. Wenn eine Person ein Stotterereignis mit großer Anstrengung überwinden will, kann sich dessen Dauer verlängern. Das Ereignis und die zusätzliche Anstrengung können Frust auslösen. Dieser Frust kann wiederum dazu führen, dass die Person stärker gegen weitere Stotterereignisse ankämpft und die Kernsymptome häufiger auftreten.

Das Eisbergmodell veranschaulicht diese Beziehung: Das äußerlich sichtbare Stottern, insbesondere die Kernsymptomatik und eventuell Fluchtverhalten, macht nur den kleineren Teil aus. Die für die stotternde Person häufig größeren und belastenderen Anteile liegen unter der Oberfläche. Dazu zählen vor allem negative Gedanken und Gefühle in Bezug auf das Stottern.

Stottern ist meist variabel. Stärke und Häufigkeit hängen von der Situation ab. Welche Bedingungen besonders belastend sind, ist teilweise individuell; zugleich wurden bestimmte Regelmäßigkeiten beobachtet. Verstärkt auftreten kann Stottern unter anderem bei emotionaler Erregung, Zeitdruck, Multi-Tasking und erhöhten kognitiven Anforderungen. Beim Singen, rhythmischen Sprechen und unter Entspannung ist häufig eine Verringerung der Symptomatik zu beobachten.

Häufigkeit, Beginn und Verlauf

Die Lebenszeitprävalenz, also der Anteil der Menschen, die im Laufe ihres Lebens stottern, beträgt etwa fünf Prozent. Die Punktprävalenz, der Anteil zu einem bestimmten Zeitpunkt, liegt bei etwa ein Prozent. Als Richtwert für die Inzidenz wird häufig fünf Prozent angegeben; der tatsächliche Inzidenzwert ist vermutlich höher. Bei Kindern beträgt das Verhältnis von Jungen zu Mädchen etwa 3:2, bei Erwachsenen 4:1 bis 5:1.

Stottern beginnt meist zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr. Ein Beginn nach dem zwölften Lebensjahr ist selten und nach Abschluss der Pubertät nahezu vernachlässigbar. Der Anfang kann sich allmählich oder plötzlich entwickeln. Die Symptomatik verläuft häufig zyklisch fluktuierend, also intermittierend. Im Kindesalter können stotterfreie Phasen vorkommen; sie sind jedoch kein sicherer Hinweis auf eine Remission.

Eine Remission bedeutet, dass zwölf Monate lang keine Stottersymptome aufgetreten sind. Im Kindesalter liegt die Remissionschance bei etwa 70–80 Prozent. Sie ist in den ersten zwei Jahren und besonders in den ersten sechs bis zwölf Monaten am höchsten. Nach dem Ende der Pubertät ist eine Remission sehr unwahrscheinlich. Die Remissionswahrscheinlichkeit wird genetisch beeinflusst. Als mögliche Einflussfaktoren werden das Geschlecht, der Beginn der Unflüssigkeiten, Stottern in der Familie, das Alter beim Stotterbeginn und der weitere Verlauf diskutiert. Für den Einzelfall lässt sich nicht vorhersagen, welches Kind das Stottern verlieren wird.

Ursachen und Abgrenzung

Die Ätiologie, also die Ursache, ist bisher nicht hinreichend geklärt. Derzeit stehen multikausale und multifaktorielle Erklärungsansätze sowie neurowissenschaftliche Modelle im Vordergrund. Konkrete Gene, die ursächlich an der Entstehung beteiligt sind, konnten bislang nicht eindeutig identifiziert werden.

Für die Beschreibung der Entstehung wird zwischen disponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen unterschieden. Es gibt eine familiäre Häufung. Zwillings- und andere Studien berechneten eine Heritabilität, also einen geschätzten erblichen Anteil, von 70–80 Prozent; die genauen Gene sind jedoch nicht ausreichend geklärt. Auslösende Bedingungen sind wenig erforscht. Stottern beginnt häufig ohne erkennbaren Grund. Ereignisse, nach denen es angeblich begonnen hat, werden oft erst nachträglich als Ursache gedeutet und stehen meist nicht in einem kausalen Zusammenhang. In den meisten Fällen sind weder ein Trauma noch eine psychische Erkrankung verantwortlich; auch die Erziehung der Eltern ist weder Ursache noch Auslöser.

Aufrechterhaltend oder verstärkend können unter anderem Vermeideverhalten, Sprechangst, negative Gedanken über das Stottern oder die eigene Person, erhöhte muskuläre Spannung und Mitbewegungen wirken. Außerdem wurden subtile anatomische Veränderungen im Gehirn stotternder Menschen nachgewiesen.

Bei der Diagnose muss Stottern von anderen Erscheinungen unterschieden werden. Physiologische oder funktionelle Unflüssigkeiten kommen bei Kindern und Erwachsenen vor. Bei nicht stotternden Kindern können zusätzlich stottertypische Unflüssigkeiten auftreten; als Orientierung kann deshalb das Drei-Prozent-Kriterium dienen: Ab drei Prozent gestotterter Silben in der Spontansprache liegt Stottern vor. Poltern ist eine andere Redeflussstörung mit erhöhtem Sprechtempo, undeutlicher Aussprache und häufigen funktionellen Unflüssigkeiten.

Erworbenes psychogenes oder neurogenes Stottern kann beispielsweise nach einem psychischen oder physischen Trauma oder aufgrund einer neurologischen Erkrankung auftreten. Beginnt das Stottern nach dem zwölften Lebensjahr, kommt diese Form eher in Betracht. In seltenen Fällen entsteht sie auch im Kindesalter, etwa nach einer Hirnschädigung oder infolge einer posttraumatischen Belastungsstörung. Syndromales Stottern bezeichnet stottertypische Unflüssigkeiten im Zusammenhang mit einer genetischen Disposition bei Syndromen wie Trisomie 21. Die Begriffe „Entwicklungsstottern“ sowie die Einteilung in klonisches und tonisches Stottern gelten als veraltet.

Diagnose und Therapie

Die Diagnostik erfasst die Stottersymptomatik quantitativ und qualitativ sowie psychosoziale Aspekte. Wichtig sind repräsentative Daten zur Sprechflüssigkeit, weil manche stotternde Menschen in der Untersuchungssituation flüssiger sprechen als im Alltag. Deshalb sollten die betroffene Person oder Angehörige zur Alltagssprache befragt werden; auch Tonaufnahmen aus Alltagssituationen können hilfreich sein. Starkes Vermeideverhalten kann die Kernsymptome verdecken und die Diagnose erschweren.

Ziel der logopädischen Therapie ist meist, die Remissionswahrscheinlichkeit im Kindesalter zu erhöhen und einen neuen Umgang mit dem Stottern auf sprechmotorischer und psychischer Ebene zu entwickeln. Versprechen einer Heilung innerhalb weniger Tage gelten als unseriös. Behandlungen sollen nachgewiesenen Nutzen haben und durch Langzeitbefunde abgesichert sein. Eine retrospektive Untersuchung der fünf häufigsten Therapiemethoden in Deutschland ergab, dass sowohl Stottermodifikation als auch Fluency Shaping wirksam sind. Keine dieser Richtungen kann pauschal als wirksamer bezeichnet werden. Nach erfolgreich abgeschlossener Therapie bleibt bei beiden Ansätzen durchschnittlich eine Reststotterrate von etwa 3–4 Prozent. Atemtherapie, Hypnose und unspezifische logopädische Behandlungen gelten als nicht wirksam. Wegen möglicher Rückfälle ist eine Nachsorge mit regelmäßigen Treffen bis zu 1 bis 2 Jahre nach Therapieende wichtig.

Der Modifikationsansatz ist verhaltenstherapeutisch. Er soll ermöglichen, Stottern ohne negative Gefühle gelassener zu ertragen, anstrengungsfrei zu sprechen und zu stottern, Vermeidung zu verringern und eine kontrollierte Sprechflüssigkeit zu entwickeln. Schritte sind die Identifikation der eigenen Symptomatik, Desensibilisierung durch Pseudostottern und Alltagstraining, die Modifikation etwa durch Prolongation und Pull-Out sowie die Stabilisierung. Der Ansatz wurde in den 1930er Jahren an der University of Iowa entwickelt; ein Hauptvertreter ist Charles Van Riper (1905–1994).

Fluency Shaping versucht, Unflüssigkeiten durch eine dauerhaft veränderte Sprechweise zu verhindern. Beispiele sind weiche Stimmeinsätze in regelmäßigen Abständen, gedehnte Vokale, rhythmisiertes, betontes, gebundenes und pausenbetontes Sprechen. Dafür ist eine ständige Kontrolle des Sprechens erforderlich. Bekannte kombinierte Ansätze sind die Bonner Stottertherapie und „Stärker als Stottern“; als Vertreter des Fluency Shaping wird unter anderem die Kasseler Stottertherapie genannt.

Unterstützung und öffentliche Information

Apps können die auditive Rückkopplung, also das Hören der eigenen Stimme, maskieren, verzögern oder in der Frequenz verändern. Ein stotterreduzierender Effekt tritt bei manchen, aber nicht bei allen stotternden Menschen auf. Er endet beim Ausschalten des Geräts und kann bei einigen Personen nach kurzer Zeit nachlassen. Genannt werden MAF mit „weißem Rauschen“ oder Sinusrauschen, DAF mit einer Verzögerung von Sekundenbruchteilen und FAF mit einer Verschiebung um wenige Halbtöne bis zu einer halben Oktave. Weitere Verfahren nutzen Metronom- und Tempokorrektoren oder zeigen Sprachparameter wie das Redetempo visuell auf einem Bildschirm.

Die Bundesvereinigung für Stottern und Selbsthilfe e. V. (BVSS) vertritt die Interessen stotternder Menschen in Deutschland, informiert und berät Betroffene, Fachleute und Medien. Ihre Selbsthilfegruppe „Flow“ richtet sich an junge Sprecher und bietet Gruppen in verschiedenen deutschen Städten sowie eine Online-Gruppe.

Der Welttag des Stotterns findet am 22. Oktober statt und wurde 1998 erstmals ausgerufen. Von 1. bis 22. Oktober gibt es eine internationale Onlinekonferenz stotternder Menschen. Seit 2009 ist das zur Schleife gelegte meergrüne „Stuttering Awareness Ribbon“ ihr Symbol. Ziel solcher Initiativen ist es, Nichtbetroffene auf die Probleme stotternder Menschen aufmerksam zu machen und einen verständnisvollen Umgang zu fördern.

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