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Musikgeschichte des Klosters Disentis

Das Kloster Disentis war über lange Zeit das Zentrum der katholischen Musikkultur in Graubünden und es besitzt eine eigene Musikbibliothek. Das Kloster Disentis …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und liturgischer Gesang
  2. 2. Volksgesang und musikalische Ausbildung
  3. 3. Liederbücher und regionale Verbreitung
  4. 4. Musik zwischen Klosterkultur, Nationalbewusstsein und Rock
  5. 5. Chor und musikalisch geprägte Absolventen heute

Bedeutung und liturgischer Gesang

Das Kloster Disentis war über lange Zeit das Zentrum der katholischen Musikkultur in Graubünden. Als geistiges und kulturelles Zentrum des katholischen Romanischbündens prägte es die katholische Musikkultur und die kulturelle Identität der Region nachhaltig. Bis heute besitzt das Kloster eine eigene Musikbibliothek.

Eine zentrale Rolle spielt der gregorianische Gesang. Um das Jahr 800 sangen im Kloster bereits 164 Mönche gregorianische Choräle. Auch etwa 1200 Jahre später singen die Mönche keine gewöhnlichen Kirchenlieder, sondern Psalmen in der besonderen Form des gregorianischen Gesangs.

Gregorianischer Gesang ist die älteste kontinuierlich überlieferte musikalische Form des Abendlandes und wird bis heute in der Liturgie der katholischen Kirche verwendet. Er ist einstimmig und unbegleitet. Wort und Melodie sind eng verbunden: Die Musik soll den Bibeltext nicht überdecken, sondern seine Aussage vertiefen. Dadurch wird das gesprochene Wort ausdrucksstärker und präsenter; das liturgische Gebet wird zu einem ganzheitlichen spirituellen Erlebnis.

Abt Thüring von Attinghausen (1237–1253) liess die Choräle in Quadratnotation umschreiben. Diese frühe Form der Notenschrift entwickelte sich im 12. Jahrhundert und hielt neben der Tonhöhe auch Tonlängen und rhythmische Elemente fest. Zusätzlich führte der Abt eine kleine Portativorgel zur Begleitung des einstimmigen Chorals ein.

Volksgesang und musikalische Ausbildung

Neben dem liturgischen Gesang waren geistliche Volkslieder besonders wichtig. Während der Rekatholisierung im 17. Jahrhundert förderten die rätischen Kapuziner und das Benediktinerkloster Disentis diese Lieder intensiv. Das Kloster entwickelte sich damals zugleich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort und Zentrum katholischer Musikkultur.

Unter Anleitung eines Priesters sang die Gemeinde Psalmen und strophenreiche Lieder auswendig. Dieser einstimmige Gesang war mit dem Kirchenjahr und seinen Festen verbunden, begleitete die Menschen aber auch im Alltag, etwa bei der Hausarbeit und auf den Feldern. Bis ins 17. Jahrhundert waren in der Surselva sowohl lateinische liturgische Gesänge als auch deutschsprachige Kirchenlieder verbreitet. Gedruckte Flugschriften trugen während der katholischen Reform dazu bei, geistliche Lieder in surselvischer Sprache in Schulen und im bäuerlichen Alltag bekannt zu machen.

Fürstabt Christian von Castelberg (1566–1584) holte musikkundige Mönche aus anderen Klöstern nach Disentis, um die Gemeinschaft im mehrstimmigen, polyphonen «Cantus figuratus» auszubilden. 1570 liess er eine Orgel in der Klosterkirche errichten.

Unter Abt Augustin Stöcklin (1631–1641) erlebte das Kloster eine besondere Blütezeit. Er gründete eine Klosterschule mit obligatorischem Musikunterricht, aus der ein Klosterchor hervorging, und beherbergte bedeutende Musiker. Eine grössere Orgel wurde eingebaut, aber 1799 beim Einfall der Franzosen zerstört. Eine Handschrift von 1632 belegt, dass die Schüler neben dem Gesang auch Instrumentalmusik lernten, besonders Geige und Laute. Sie sangen unter anderem deutschsprachige Lieder aus Friedrich Spees «Trutznachtigall» sowie aus dem 1685 in Vals erschienenen «Geistlichen Blumengarten», teilweise mit instrumentaler Begleitung.

Liederbücher und regionale Verbreitung

Die ersten gedruckten Liederbücher in surselvischer Sprache waren «Cancans spirituals» (1674, Vrin) und «Cancan devotiusas» (1685). Daneben verbreiteten sich der deutschsprachige «Geistliche Blumengarten» (1685, Vals) und Friedrich Spees 1634 veröffentlichte Lyriksammlung «Trutznachtigall». Weitere Lieder und mittelalterliche Handschriften sowie geistliche Gesänge auf surselvischen Flugblättern ergänzten dieses Repertoire.

Aus dieser Entwicklung ging «Consolaziun» hervor, das bedeutendste Gesangbuch im katholischen Graubünden. Die erste Auflage wurde 1690 in Trun gedruckt. Wie das Titelblatt belegt, druckten Benediktinermönche sie in der ambulanten, also mobilen Druckerei des Klosters Disentis bei der Wallfahrtskirche «Nossadunna Dalla Glisch» (Maria Licht). Die Kirche war 1672 eingeweiht worden und gehörte neben der Klosterkirche zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten der Surselva.

In Trun hatte Pater Placidus Rüttimann aus Vals auch den «Geistlichen Blumengarten» drucken lassen. Vom Kloster Disentis aus wurden Mess- und Gesangbücher mit ihren strophenreichen Liedern in die Kirchgemeinden der Region verbreitet.

Musik zwischen Klosterkultur, Nationalbewusstsein und Rock

Im 18. Jahrhundert wurde die Klosterkirche auch zu einem öffentlichen Aufführungsort. Unter Abt Frank von Frankenberg (1742–1763), der engen Kontakt zum habsburgischen Hof in Wien pflegte, wurde sie an kirchlichen Festtagen zum «theatrum sacrum», einem geistlichen Konzertsaal. Dort erklangen festliche Messen; ausserdem gehörten Opern und Theaterstücke zum Repertoire der Klosterschüler.

Aus der instrumentalen Musikpflege des Klosters entstand 1812 die «Musica Militaris dils students claustrals da Mustér», eine Art Feldmusik der Klosterschule. Dieser Entwicklung ging die politische Neuordnung Graubündens voraus: Napoleon Bonaparte setzte 1803 die Eingliederung des Kantons in die «Confederation Helvetica» durch. Die Berner Aristokratie förderte danach ein nationales Bewusstsein und organisierte drei Alphirtenfeste. Auch in Graubünden fanden bis 1848 drei bedeutende integrative Säkulärfeiern statt. Sie sollten den Zusammenhalt zwischen Stadt und Land stärken und ein Geschichtsbewusstsein schaffen, in dem die bündnerische Geschichte ähnlich wie die schweizerische als Befreiungstradition mit Gründungs- und Schlachtdaten sowie mythischen Heldenfiguren gedeutet wurde.

Infolge der 1968er-Bewegung entstand in Europa eine alternative Musikszene, die Volksmusik neu interpretierte. In den 1970er Jahren entwickelte sich in Disentis/Mustér rund um Benedetto Vigne, einen Schüler der Klosterschule, eine kleine Rockszene aus Gymnasiasten. Mitte der 1980er Jahre prägte eine Aufbruchsstimmung die Szene. Ein wichtiges Ereignis war das «Festival dalla musica romontscha» in Disentis/Mustér, das ab 1984 stattfand und auch Auftritte im Kloster umfasste.

Chor und musikalisch geprägte Absolventen heute

Der Chor des Gymnasiums und Internats Kloster Disentis zählt mit rund 100 Sängerinnen und Sängern zu den bekanntesten Schulchören der Schweiz. Für das Projekt «Ut unum sint» erhielt er 2015 den Lily-Waeckerlin-Preis für Jugend und Musik. Die Stiftung Accents vergibt diesen Preis jährlich an innovative und qualitativ hochwertige Jugendmusikprojekte. Zu den zentralen Aufgaben des Chors gehören Chortourneen mit Auftritten in Disentis und Chur sowie die feierliche Gestaltung von Gottesdiensten.

Zu den Absolventen der Klosterschule gehören mehrere bedeutende Musikerinnen und Musiker: der rätoromanische Komponist Duri Sialm (1891–1961), der Basler Komponist Ernst Pfiffner (1922–2011), der rätoromanische Komponist Gion Antoni Derungs (1935–2012), die rätoromanische Jazzsängerin und Komponistin Ursina Giger (* 1985) sowie der Chorleiter und Komponist Flavio Bundi (* 1987).

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