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Musikcharts
Chartplatzierung ist der aktuelle sowie der höchste numerische Rang, den ein Musiktitel erreichen konnte. · Top Ten (auch: Top 10), Top Twenty oder Hot 100 usw.
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Definition und Funktion
Musikcharts, auch Charts, Hitliste oder Hitparade genannt, sind zahlenmäßig geordnete Ranglisten von Musikstücken für einen bestimmten Zeitraum. Sie sollen auf einer begrenzten Skala zeigen, wie beliebt oder erfolgreich Titel im Verhältnis zueinander sind. Ein höher platzierter Titel gilt innerhalb derselben Hitparade und Auswertungsperiode als erfolgreicher; die Nummer eins steht an der Spitze.
Charts nennen gewöhnlich den Musiktitel, den Interpreten und das Plattenlabel. Außerdem können sie frühere Platzierungen, die höchste erreichte Position und das Eintrittsdatum enthalten. Gemessen wird Beliebtheit beispielsweise anhand von Verkäufen, Rundfunkeinsätzen (Airplay), legalen Downloads oder Musikstreaming. Viele Ranglisten kombinieren mehrere Kriterien. Meist gelten Charts nur für ein bestimmtes geografisches Gebiet; manche beschränken sich außerdem auf ein Musikgenre.
Charts wählen aus dem großen Musikangebot eine begrenzte Zahl von Titeln aus, etwa als Top 10, Top 20 oder Hot 100. Sie dienen Konsumenten als Orientierung, beeinflussen die Playlists von Radio- und Fernsehsendern sowie die Bestellungen des Handels und gelten der Musikindustrie als Maßstab für den Erfolg von Interpreten. Gute Platzierungen können Aufmerksamkeit, Verkäufe, den Status eines Künstlers und die internationale Lizenzierung eines Titels fördern. Dadurch kann ein sich selbst verstärkender Prozess entstehen: Eine gute Platzierung erhöht die Sichtbarkeit und kann damit weiteren Erfolg begünstigen.
Zentrale Begriffe
Die Chartplatzierung bezeichnet den aktuellen beziehungsweise höchsten numerischen Rang eines Titels. Top Ten, Top Twenty oder Hot 100 benennen sowohl den Umfang einer Rangliste als auch die Platzierung eines Titels in diesem Bereich.
Ein Neuzugang oder Neueinstieg ist ein erstmals nach seiner offiziellen Veröffentlichung gelisteter Titel. Auch ein Titel, der etwa von einem Platz außerhalb der ersten zehn in die Top 10 gelangt, kann dort als Neuzugang gelten. Ein Aufsteiger verbessert sich gegenüber der Vorwoche, ein Absteiger fällt zurück. Aufsteiger beziehungsweise Absteiger der Woche zeigen die jeweils größte Veränderung. Ein Wiedereinsteiger war bereits gelistet, fiel aus der Rangliste und kehrt später zurück.
Als Hit gilt ein Titel auf einem der oberen Plätze. Ein Nummer-eins-Hit oder Top-Hit belegt in einem Auswertungszeitraum Rang eins. Chartbreaker oder Chartstürmer steigen weit oben neu ein oder verbessern sich stark; ein unmittelbarer Einstieg auf Rang eins heißt „von Null auf Eins“. Ein One-Hit-Wonder liegt vor, wenn ein Künstler mit einem Song vordere Plätze erreicht, danach aber keine weiteren Hits folgen. Dauerbrenner bleiben entweder lange auf Rang eins oder insgesamt besonders lange in den Charts.
Crossover-Hits sind Titel, die einem Genre zugeordnet werden und gleichzeitig in mindestens zwei nach Genres getrennten Hitparaden erscheinen. So stand Ain’t That a Shame von Fats Domino 1955 auf Rang eins der US-amerikanischen Rhythm-and-Blues-Hitparade und auf Rang 9 der Pop-Hitparade.
Erhebung und Arten von Charts
Da Musikcharts Statistiken sind, benötigen sie objektiv nachprüfbare und quantifizierbare Daten. Möglich sind eine Totalerhebung aller relevanten Daten oder eine Stichprobenerhebung mit repräsentativ ausgewählten Samples. Als Quellen dienen unter anderem Verkaufsdaten des Handels, Angaben der Plattenfirmen, Playlists von Rundfunk- und Fernsehsendern, repräsentative Befragungen, Downloads und Streams. Wegen unterschiedlicher Quellen und Berechnungsverfahren stimmen die Ranglisten verschiedener Anbieter fast nie vollständig überein.
Verkaufscharts berücksichtigen ausschließlich Verkäufe des Handels an Endverbraucher, nicht die Auslieferungen der Musikindustrie an den Handel. Absolute Verkaufszahlen werden meist nicht veröffentlicht; üblich sind Angaben zur Platzierung, zur Zahl der Wertungswochen und zur höchsten Position.
Hörer- und Leser-Charts entstehen durch Abstimmungen per Internet, Telefon oder selten per Post. Teilnehmer wählen meist aus einer Liste; häufig sind eigene Vorschläge möglich. Redaktionscharts beruhen dagegen auf der Auswahl und dem persönlichen Musikgeschmack einer Fachredaktion. Musikzeitschriften veröffentlichen solche Bestenlisten regelmäßig oder als Jahrescharts; auch Radiosender wie FM4 führen Redaktionscharts. Händler-Charts sind Bestsellerlisten einzelner großer Händler und zugleich Marketinginstrumente. Wegen unterschiedlicher Sortimente und Werbemaßnahmen lassen sie nur begrenzte Rückschlüsse auf den Gesamtmarkt zu.
Airplaycharts ordnen Titel nach der Zahl ihrer Rundfunkeinsätze und nach der Reichweite der Sender. Sendelisten können ausgewertet oder Programme direkt überwacht werden. Elektronische Erkennungssysteme vergleichen dabei die ausgestrahlte Musik mit gespeicherten „digitalen Fingerprints“, also charakteristischen elektronischen Mustern. Erkannte Einsätze werden mit Titel, Interpret, Sender und Uhrzeit festgehalten und anhand der Hörerreichweite gewichtet. Airplay galt lange als Vorzeichen späterer Verkaufserfolge. Seit den 2000er-Jahren warten Sender jedoch häufig ab, bis sich neue Musik etwa über YouTube oder Spotify durchgesetzt hat; dadurch haben Airplaycharts an Bedeutung verloren.
Für legale, kostenpflichtige Downloads von Singles und Alben bestehen seit den 2000er-Jahren eigene Charts, in Deutschland etwa seit 2004. Seit den 2010er-Jahren werden auch Streamingcharts erstellt; die ersten deutschen Streamingcharts erschienen 2012. Charts können allen Interpreten offenstehen oder nach Genres getrennt sein. Billboard führt seit dem 24. Oktober 1942 eine eigene Rhythm-and-Blues-Hitparade und seit dem 8. Januar 1944 eine Country-Hitparade; die allgemeineren Billboard Hot 100 bestehen seit dem 4. August 1958.
Veröffentlichungsrhythmus und Nummer eins
Die meisten Hitparaden erscheinen wöchentlich, damit Neuerscheinungen und Veränderungen der Beliebtheit zeitnah sichtbar werden. Midweekcharts zeigen einen Zwischenstand bis zur Wochenmitte; in Deutschland gibt es seit 2015 offizielle Midweekcharts. Jahrescharts fassen ein Jahr zusammen. Kritikercharts erscheinen je nach Medium in jeder Ausgabe oder zum Jahresende.
Ein Lied oder Album wird als Nummer-eins-Hit bezeichnet, wenn es mindestens eine Woche lang an der Spitze einer bestimmten Hitparade steht. Dieses Merkmal ist rein statistisch und gilt immer nur für die jeweilige Rangliste und Periode. Theoretisch kann es in einem Jahr lediglich 52 Nummer-eins-Hits geben. In Deutschland erschienen 2012 insgesamt 6.698 Single-Titel; rechnerisch betrug die Chance eines Titels auf Rang eins damit 0,8 %. Sie verändert sich mit der Zahl der Neuerscheinungen und mit der Dauer, für die einzelne Titel die Spitzenposition halten. 1959 gab es in Deutschland nur sieben verschiedene Titel auf Rang eins, 2003 dagegen 25.
Der Spitzenplatz besitzt für Künstler, Medien und Musikindustrie besonderes Ansehen und kann zu stärkerem Airplay und größerer Aufmerksamkeit führen. Er garantiert jedoch keinen umsatzmäßigen Bestseller oder Millionenseller.
Entwicklung wichtiger Chartmärkte
In den USA beruhten frühe Ranglisten ab 1891 unter anderem auf Notenblattverkäufen und ASCAP-Auswertungen. Billboard veröffentlichte ab 1913 wöchentliche Notenblattverkäufe, ab November 1934 Bestseller-Charts der Plattenlabels und Ende 1938 Ranglisten populärer Musikbox-Platten. Die erste Veröffentlichung von Hitparaden erfolgte am 4. Januar 1936; am 20. Juli 1940 wurde der erste Music Popularity Chart zusammengestellt. Billboard kombiniert seitdem Airplay- und Verkaufsdaten. Andere wichtige US-Magazine waren Cash Box, dessen Charts vom 13. Oktober 1951 bis zur letzten Ausgabe am 16. November 1996 erschienen, und Record World, das 1981 eingestellt wurde.
Das NBC-Radioprogramm Your Hit Parade machte den Begriff in den USA seit dem 20. April 1935 bekannt. Ab 1952 begannen Sender wie KOWH in Omaha und WTIX in New Orleans, Billboards Top 40 als Programmformat zu verwenden. Daraus entwickelte sich das Top-40-Radio: besonders beliebte Titel wurden in Rotation häufiger gespielt, teilweise 30- bis 40-mal täglich. Beim Countdown stand der Nummer-eins-Hit am Schluss.
Im Vereinigten Königreich veröffentlicht der seit dem 14. November 1952 New Musical Express genannte Musical Express regelmäßig Hitparaden. Die BBC präsentierte ab 1965 eine eigene Rangliste; Radio Londons „Fab 40“ begannen am 19. September 1965.
In Deutschland veröffentlichte Der Automatenmarkt ab März 1954 erste Single-Hitparaden auf Grundlage von Musikboxeinsätzen. Musikmarkt führte die Entwicklung mit lokalen Erhebungen, Verkaufslisten und ab 1959 einer Gesamtliste fort. Ab 1965 erschien die Zeitschrift vierzehntäglich mit vereinheitlichter Erhebung, ab 1971 wöchentlich. Die erste deutschsprachige Radiohitparade sendete Radio Luxemburg mit Camillo Felgen am 6. April 1958. Ab 1976 ermittelte Media Control die Daten; seit 2013 erhebt GfK Entertainment im Auftrag des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft wöchentlich die offiziellen deutschen Charts. Österreich besitzt seit 1965 die Ö3 Austria Top 40, die Schweiz seit 1968 die Schweizer Hitparade.
Grenzen, Genauigkeit und Kritik
Chartpositionen zeigen nur das Verhältnis zu anderen Titeln derselben Rangliste und desselben Zeitraums. Sie geben nicht unmittelbar an, wie viele Einheiten verkauft oder wie oft Titel gespielt beziehungsweise gestreamt wurden. Ein Top-10-Hit einer schwachen Verkaufsperiode kann deshalb weniger erfolgreich sein als ein niedriger platzierter Titel einer anderen Zeit. Anfang 1980 setzte ein US-amerikanischer Top-5-Titel 700.000 Exemplare um; zwei Jahre zuvor hätte dieselbe Position nach einer Schätzung von Cynthia Kirk vom Magazin Variety drei Millionen erfordert.
Auch Auszeichnungen verändern ihre Maßstäbe: In Deutschland waren 1976 eine Million verkaufte Singles für eine Goldene Schallplatte nötig, seit 2003 sind es 150.000 Einheiten. Umsatzangaben können zudem Schätzungen enthalten oder später durch Rückläufe unverkaufter Platten korrigiert werden. Die US-amerikanische RIAA prüft genaue Zahlen für Gold- und Platinauszeichnungen deshalb erst nach 120 Tagen. Das Referenzbuch von Joseph Murrells zählt eine Single als eine Einheit, eine EP als zwei und ein Album als sechs Einheiten, muss aber ebenfalls Schätzungen verwenden.
Eine fehlende Chartplatzierung bedeutet nicht zwingend einen Misserfolg. Ein Titel kann sich über Jahre langsam und stetig verkaufen, ohne in einer einzelnen Woche die nötige Menge zu erreichen, und insgesamt erfolgreicher werden als ein kurzzeitig hoch platzierter Titel. Im ersten Halbjahr 1952 veröffentlichten die sechs damaligen Major-Labels in den USA 788 Singles; nur 66 beziehungsweise 8,4 % erschienen in Billboards Hitparade.
Weil Charts Kauf-, Programm- und Bestellentscheidungen beeinflussen, ist ihre Unabhängigkeit wichtig. Manipulationen können einen Titel künstlich in die Top 10 oder auf Rang eins bringen. Beim US-amerikanischen Payola-Skandal von 1959 wurde bekannt, dass die Plattenindustrie Radiosender bestochen hatte, damit bestimmte Titel häufiger gespielt und dadurch in den Charts gefördert wurden; der Discjockey Alan Freed war beteiligt und wurde bestraft. Sinkende absolute Verkaufszahlen erhöhen besonders bei reinen Verkaufscharts die Manipulationsgefahr. In den 2000er-Jahren konnten bereits 2.000 bis 3.000 wöchentlich verkaufte CDs für eine hohe Platzierung oder möglicherweise die Top 10 genügen; 1968 waren in den USA noch 750.000 Singles für eine Spitzenposition erforderlich, 1979 noch 50.000. Saisonale Unterschiede erschweren Vergleiche zusätzlich.
Kritisiert wird außerdem, dass Menschen Musik allein wegen ihres bisherigen Erfolgs kaufen können. In Deutschland richtet sich die Erhebung nach Umsätzen statt Stückzahlen. Darüber hinaus wird bezweifelt, ob der Mechanismus herkömmlicher Musikcharts den heutigen Musikmarkt noch angemessen abbildet.