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Modern Monetary Theory
Die MMT besagt, dass Staaten durch den Einsatz von Fiskalpolitik neues Geld schaffen können, um damit Vollbeschäftigung herzustellen. Das Hauptrisiko besteht …
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Grundidee und Voraussetzungen
Die Modern Monetary Theory (MMT) ist eine heterodoxe makroökonomische Theorie. Sie untersucht vor allem, wie staatliches Geld, Staatsausgaben, Steuern und Bankbilanzen zusammenwirken. Ihr Ausgangspunkt ist die monetäre Souveränität: Ein Staat, der eine eigene Fiat-Währung herausgibt, seine Verbindlichkeiten in dieser Währung eingeht und keinen festen Wechselkurs verteidigen muss, kann das benötigte Geld selbst schaffen. Fiatgeld besitzt keinen eigenen materiellen Wert und ist beispielsweise nicht durch Gold gedeckt.
Nach der MMT kann ein monetär souveräner Staat in seiner eigenen Währung technisch nicht zahlungsunfähig werden. Er muss vor seinen Ausgaben weder Steuern erheben noch Anleihen verkaufen, sondern kann alles kaufen, was in seiner Währung angeboten wird. Die entscheidende Grenze bilden nicht verfügbare Geldbeträge, sondern reale Ressourcen: Arbeit, Kapital und natürliche Ressourcen. Übersteigen die nominalen Ausgaben bei ausgelasteten Kapazitäten das Angebot an Gütern und Dienstleistungen, droht eine nachfrageinduzierte Inflation.
Ein Staat ohne eigene kontrollierte Währung unterliegt dagegen finanziellen Beschränkungen und kann zahlungsunfähig werden. Dasselbe gilt grundsätzlich für einen souveränen Staat, wenn er sich in einer Fremdwährung verschuldet. Mitglieder der Eurozone besitzen nach dieser Einordnung weniger monetäre Souveränität, weil die einzelnen Staaten den Euro nicht selbst herausgeben.
Die MMT fordert deshalb weder grundsätzlich ausgeglichene Haushalte noch beliebig hohe Defizite. Das Defizit soll so bemessen werden, dass es die Ausgabenlücke schließt, die aus den Nettosparwünschen des nichtstaatlichen Sektors entsteht. Ein zu kleines Defizit verhindert nach dieser Auffassung Vollbeschäftigung; ein zu großes Defizit kann Inflation auslösen. Staatsanleihen gelten vor allem als Instrument zur Steuerung der Zinssätze und zur Einkommensumverteilung, nicht als notwendige Finanzierung staatlicher Ausgaben.
Geldschöpfung und gesamtwirtschaftliche Steuerung
Die MMT unterscheidet vertikale und horizontale Transaktionen. Vertikale Transaktionen finden zwischen Wirtschaftssektoren statt, etwa zwischen Staat und Privatsektor. Horizontale Transaktionen erfolgen innerhalb eines Sektors, beispielsweise zwischen Geschäftsbanken. Die Zentralbank wird dem Staatssektor zugerechnet.
Bei Staatsausgaben wird nach der Darstellung der MMT das staatliche Betriebskonto bei der Zentralbank belastet und privaten Bankkonten wird Geld gutgeschrieben. Dadurch steigen die Einlagen im Geschäftsbankensystem und das Geld gelangt an Haushalte und Unternehmen. Steuern wirken in umgekehrter Richtung: Private Konten werden belastet und die Einlagen sinken. Staatsausgaben bringen somit Geld in Umlauf, während Steuern Geld aus dem Umlauf entfernen. Die Menschen akzeptieren die staatliche Währung unter anderem deshalb, weil Steuern und andere staatliche Forderungen in ihr bezahlt werden müssen. Geld entspricht aus dieser Perspektive einer unverzinsten Staatsanleihe mit einer Laufzeit von Null.
Daraus folgt, dass Steuern nach der MMT nicht der vorherigen Finanzierung von Staatsausgaben dienen. Sie schaffen Nachfrage nach der Währung, entziehen Kaufkraft und können damit Inflation begrenzen. Auch Staatsverschuldung wird nicht wie die Verschuldung eines Privathaushalts behandelt. Die MMT lehnt die ricardianische Äquivalenz ab, nach der heutige Staatsausgaben zukünftige Steuererhöhungen bedeuten, sowie das Crowding-out, also die Annahme, staatliche Kreditaufnahme verdränge private Investitionen.
Die Analyse stützt sich auf doppelte Buchführung, T-Konten und eine Aufteilung in den staatlichen, den privaten und den externen Sektor. Sie übernimmt Elemente des Chartalismus von Georg Friedrich Knapp, der endogenen Geldschöpfung und der Functional Finance von Abba P. Lerner. Endogene Geldschöpfung bedeutet, dass Banken gegen Sicherheiten Kredite vergeben, ohne zuvor entsprechende Ersparnisse einsammeln zu müssen. Functional Finance beurteilt den Staatshaushalt anhand wirtschaftlicher Ziele wie Vollbeschäftigung und Preisstabilität statt anhand eines ausgeglichenen Budgets.
Anders als die Mainstream-Ökonomie betrachtet die MMT Fiskalpolitik als wichtigstes Stabilisierungsinstrument und schreibt der Geldpolitik keine entsprechende stabilisierende Funktion zu. Zinssätze gelten als staatlich bestimmbar; Inflation wird hauptsächlich als fiskalisches Problem verstanden. Die MMT konzentriert sich auf gesamtwirtschaftliche Bilanzen und Geldströme. Mikrofundierte Modelle, dynamische Optimierung, langfristiges Wachstum und reale Warenströme stehen weniger im Mittelpunkt.
Vollbeschäftigung und politische Folgerungen
Zentrales politisches Ziel der MMT ist Vollbeschäftigung. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit gilt als Zeichen dafür, dass der Staat als Währungsmonopolist zu wenig Geld ausgibt beziehungsweise ein zu kleines Defizit zulässt. Fiskalpolitik soll daher die gesamtwirtschaftliche Nachfrage so steuern, dass verfügbare Arbeitskräfte und andere Ressourcen genutzt werden, ohne die produktiven Kapazitäten zu überschreiten.
Als wichtiges Instrument wird eine zentral finanzierte Jobgarantie oder ein Public-Service-Employment-Programm vorgeschlagen. Es soll jedem arbeitswilligen Menschen, der sonst arbeitslos wäre, eine öffentliche Beschäftigung anbieten. In einer Rezession würde das Programm wachsen; bei einer Erholung der privaten Beschäftigung würde es schrumpfen. Damit wäre es ein automatischer Stabilisator: Ausgaben und Haushaltseinkommen würden antizyklisch reagieren und Konjunkturschwankungen abschwächen. Außerdem soll die festgelegte Vergütung als Lohn- und Preisanker wirken.
Kritiker sehen erhebliche praktische Schwierigkeiten. Öffentliche Stellen müssten ständig genügend produktive und sinnvolle Arbeitsplätze bereithalten, die kurzfristig und an den richtigen Orten verfügbar sind. Geringwertige Tätigkeiten könnten kaum mehr als eine andere Form von Arbeitslosengeld darstellen. Attraktive öffentliche Stellen könnten private Beschäftigung verdrängen; eine allgemeine Lohnuntergrenze könnte Inflationsdruck erzeugen. Malcolm Sawyer warnt zudem, dass gesellschaftlich nützliche Aufgaben dauerhaft nach dem Bedarf organisiert werden sollten, statt mit der privaten Konjunktur zu schwanken. Niedrig bezahlte Garantiestellen könnten vergleichbare Löhne und reguläre Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst unter Druck setzen.
Für die Eurozone schlagen MMT-Vertreter vor, dass die Europäische Zentralbank die Zahlungsfähigkeit der nationalen Regierungen dauerhaft sicherstellt. Die Schuldengrenzen des Stabilitäts- und Wachstumspakts sollten nach dieser Position durch ein Vollbeschäftigungsziel ersetzt werden; ein umfangreicher Green New Deal könne dann die ökologische Transformation unterstützen.
Außenhandel und internationale Grenzen
In offenen Volkswirtschaften hängt der Handlungsspielraum davon ab, ob ein Staat Schulden in einer Fremdwährung eingeht oder einen Wechselkurs verteidigen muss. Fremdwährungsschulden sind auch nach Auffassung der MMT riskant: Fällt der Wechselkurs, kann der Wert der Schulden in heimischer Währung stark steigen. Der Staat könnte zahlungsunfähig werden, eine exportorientierte Strategie verfolgen oder durch höhere Zinsen ausländisches Kapital anziehen; die beiden letztgenannten Maßnahmen können die Wirtschaft belasten.
MMT-Vertreter wie Warren Mosler halten Handelsdefizite grundsätzlich für tragfähig und kurzfristig für lebensstandardsteigernd. Importe versorgen ein Land mit realen Gütern und gelten daher als Vorteil; Exporte entziehen ihm Güter, die es selbst hätte verwenden können. Allerdings können billige Importe heimische Unternehmen verdrängen und Arbeitslosigkeit verursachen. Außerdem kann eine starke Importabhängigkeit bei einem Wechselkurseinbruch zu einem Angebotsschock führen. Wie der Vorteil günstiger Importe gegenüber der Beschäftigung in einer Branche bewertet wird, gilt dabei als politische Entscheidung.
Währungshoheit wird als Spektrum verstanden. Große, wohlhabende Staaten mit international bedeutenden Währungen verfügen über mehr Spielraum als kleine offene Volkswirtschaften oder Länder mit Währungssubstitution. Die Vereinigten Staaten besitzen wegen des US-Dollars als dominierender internationaler Reservewährung besonders große Möglichkeiten. Gerald Epstein bestreitet jedoch, dass eine eigene Währung allein genügt: Finanzspekulation und plötzliche Kapitalabflüsse, sogenannte Sudden Stops, könnten auch souveräne Staaten unter festen wie flexiblen Wechselkursen einschränken. Die MMT sei praktisch möglicherweise weitgehend auf Emittenten wichtiger internationaler Währungen begrenzt. Zudem könne die Vorrangstellung des Dollars durch China, die Eurozone oder ein Mehrwährungssystem geschwächt werden.
Praxisbezug und zentrale Kontroversen
Als praktisches Beispiel führen MMT-Befürworter Japan an. Das Land könne anhaltende Haushaltsdefizite und eine Staatsverschuldung von über 200 % des Bruttoinlandsprodukts tragen, ohne deutlich höhere Zinssätze oder höhere Arbeitslosigkeit auszulösen. Mark Skousen hält dem entgegen, diese Deutung übersehe Japans schwaches reales Wirtschaftswachstum seit 1992 von durchschnittlich etwa 0,9 % pro Jahr, das er mit den langfristigen umfangreichen Defizitausgaben verbindet.
Eine Studie von Chunping Liu, Patrick Minford und Zhirong Ou aus dem Jahr 2024 verglich für die Vereinigten Staaten nach der Finanzkrise von 2008 ein MMT-basiertes Modell mit einem neukeynesianischen Standardmodell. In den Simulationen verbesserte die von der MMT befürwortete Koordination von Geld- und Fiskalpolitik weder die Stabilität der Inflation noch die der realen Zinssätze. Sie destabilisierte dagegen die Produktion, schwächte die gesamtwirtschaftliche Stabilität und verringerte die Wohlfahrt der Haushalte. Die Autoren sahen deshalb in der MMT keine überzeugende Grundlage künftiger Wirtschaftspolitik.
Paul Krugman warnt, eine dauerhaft wachsende Geldmenge könne außerhalb einer Liquiditätsfalle hohe Inflation oder Hyperinflation verursachen und die Nachfrage nach der Währung zerstören. Weitere Kritiker bemängeln, die MMT erkläre nicht überzeugend, wie Vollbeschäftigung und stabile Verbraucherpreise gleichzeitig garantiert werden könnten, unterschätze wirtschaftliche und politische Grenzen des Staates und sei zu wenig formal und empirisch ausgearbeitet. Besonders umstritten ist, auf welche Länder die Annahme großer staatlicher Finanzierungsspielräume tatsächlich zutrifft.
MMT-Vertreter entgegnen, dass ihre Theorie gerade keine unbegrenzten Defizite fordere: Inflation und verfügbare reale Ressourcen bildeten klare Grenzen. Sie weisen außerdem die Behauptung zurück, monetäre Souveränität umfasse ohne Einschränkung auch Auslandsverschuldung. Jens Südekum erkennt als wichtigen Beitrag der MMT an, dass ein Staat Geld nicht zwingend zuerst einnehmen muss, bevor er es ausgibt, und dass die Vollauslastung der Volkswirtschaft bedeutsamer sei als eine starre Schuldenquote von 60 % des BIP. Anders als viele MMT-Vertreter betont er jedoch, die Risiken hoher Staatsverschuldung müssten weiterhin beachtet und staatliche Ausgaben sorgfältig ausgewählt werden.