Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Mitternacht (Gryphius)
Mitternacht ist ein Sonett von Andreas Gryphius. Es wurde erstmals 1650 in Frankfurt am Main in Gryphius' Sonettsammlung „Das Ander Buch“ publiziert.
Inhalt5 Abschnitte
Werk, Aufbau und zentrale Aussage
„Mitternacht“ ist ein Sonett von Andreas Gryphius. Es erschien erstmals 1650 in Frankfurt am Main in der Sammlung „Das Ander Buch“. Nach dem „Morgen-Sonett“, „Mittag“ und „Abend“ bildet es den Abschluss eines Tageszeitenzyklus. Zu Gryphius’ Lebzeiten wurde es 1657 in der ersten autorisierten Gesamtausgabe und 1663 in einer Ausgabe letzter Hand erneut veröffentlicht.
Das Gedicht schildert die Mitternacht zunächst als unheimliche, menschenleere Gegenwelt. Danach richtet es den Blick auf Menschen, die nachts weiterhin weltlichen Tätigkeiten und Zielen nachgehen. In den Terzetten erinnert der Sprecher an Tod, Vergänglichkeit und das Jüngste Gericht. Die Mitternacht wird so zum Sinnbild einer geistigen Finsternis: Der Mensch verliert sich in zeitlichen Dingen, obwohl sein Leben nach christlich-lutherischer Auffassung an das Ewige gebunden ist und er künftig Rechenschaft ablegen muss.
Die Fassungen von 1650 und 1663 unterscheiden sich neben der Rechtschreibung an zwei Stellen: Aus „Thiere vnd Menschen“ wurde „Menschen und Thire“, aus „ein ehren=begehrende Seele“ wurde „ein Ehren-begehrend Gemütte“.
Form und sprachliche Wirkung
Das Gedicht besteht als Sonett aus zwei Quartetten mit je vier Versen und zwei Terzetten mit je drei Versen. Das Reimschema lautet in den Quartetten „abba abba“, in den Terzetten „ccd eed“.
Das Versmaß ist ein in Gryphius’ Dichtung fast einmaliger daktylischer Oktonar: ein Langvers mit acht Hebungen und einer Zäsur, also einem deutlichen Einschnitt, nach der vierten Hebung. Ein Daktylus besteht aus einer betonten und zwei unbetonten Silben. Nach Blake Lee Spahr hielt Gryphius dieses Versmaß für „spooky“, also spukhaft, und verwendete es auch in „Die Hölle“ zur Beschwörung von Geistern. In „Mitternacht“ verstärkt es entsprechend Schrecken und Unruhe. Fritz Cohen deutet den Rhythmus als Steigerung der zentralen Emotion, der akuten Angst; möglicherweise erinnere sein Tonfall an das Klopfen des Herzens.
Die Verse mit den „b“- und „d“-Reimen besitzen jeweils 22 Silben und weibliche Reime, die auf eine unbetonte Silbe enden. Die Verse mit den „a“-, „c“- und „e“-Reimen haben 21 Silben und männliche Reime, die auf einer betonten Silbe enden. Wiederholungen und Ausrufe erhöhen die Eindringlichkeit, besonders „Sterbliche! Sterbliche!“ und „Morgen! ach! morgen ach!“. Die ungewöhnlich langen Verse tragen dazu bei, dass Beschreibung, Fragen und Mahnung mit großer sprachlicher Wucht aufeinanderfolgen.
Mitternächtliche Landschaft und göttliches Licht
Wie die anderen Gedichte des Tageszeitenzyklus beginnt „Mitternacht“ mit einem Landschaftsbild. Während die früheren Sonette konkrete Vorgänge schildern – verblassende Sterne und erwachende Vögel am Morgen, die Sonne im Zenit am Mittag oder die beginnende Nachtruhe am Abend –, ist die Landschaft hier beinahe in eine dunkle Gegenwelt entrückt. Abstrakte Begriffe beherrschen die Darstellung: „Schrecken“, „Stille“, „dunckeles grausen“ und „finstere kälte“. Arbeit und Schmerz haben die Menschen ermüdet; Tiere und Menschen sind verschwunden, und die schon am Abend begonnene Einsamkeit ist bedrückender geworden.
Dennoch leuchten die Sterne weiterhin. Mit ihnen setzt die allegorische Deutung ein: Eine Allegorie überträgt die sichtbare Szene auf eine allgemeine geistige Bedeutung. Die „ewig schitternden Sternen“ bilden ein mahnendes Zeichen. Licht ist in Gryphius’ religiöser Lyrik eine zentrale Metapher und steht entsprechend biblischer Aussagen für Gott und die drei göttlichen Personen. Das Gedicht bezieht sich damit auf die Vorstellung, dass ein großes Licht dem Volk in der Finsternis erscheint und dass Christus als wahres Licht alle Menschen erleuchtet.
Obwohl die Sterne „jmmerdar“ und „ewig“ schimmern, blickt kein Lebewesen zu ihnen auf. Die nächtliche Landschaft wird dadurch zum Sinnbild eines Daseins, das Gott vergisst und nicht über sich selbst und die zeitliche Welt hinausblickt.
Weltliches Handeln, Tod und Vanitas
Das zweite Quartett stellt in drei Fragen Menschen vor, die in der Nacht handeln. Ein Gelehrter oder Künstler arbeitet mit „fleißigem Sinn“ und „künstlicher Hand“, um sich die Zeitgenossen und spätere Generationen zu verpflichten. Ein Mörder schärft seine Klinge, um unschuldige Herzen zu verwunden. Ein Ehrgeiziger überlegt, wie er einen höheren Stand erreichen kann. Spahr vermutet, Gryphius habe sich mit dem „fleißigen Sinn“ und der „künstlichen Hand“ selbst in diese nächtliche Welt einbezogen.
Die drei Figuren stehen ohne einfache moralische Abstufung nebeneinander: Sowohl die angesehene Tätigkeit des Gelehrten oder Künstlers als auch Ehrgeiz und Verbrechen bleiben auf die Welt gerichtet und verändern die grundlegende Lage des Menschen nicht. Ihr Denken betrifft zeitliche statt ewige Dinge; beim Mörder zeigt sich darüber hinaus die Verderbnis des Willens zum radikal Bösen. Die äußere Nacht entspricht somit einer geistigen Finsternis.
Darauf antwortet das erste Terzett mit dem Aufruf „Sterbliche! Sterbliche! lasset diß dichten!“. Das Wort „Sterbliche“ bezeichnet nachdrücklich die Vanitas-Thematik, also die barocke Vorstellung von Vergänglichkeit und Nichtigkeit des Irdischen. Mit dem Pronomen „wir“ zählt der Dichter auch sich selbst zu den vergänglichen Menschen. Schon am folgenden Morgen müssen sie möglicherweise „hin zihn“: Tod und womöglich Verdammnis bleiben ihr Schicksal.
Das menschliche Leben erscheint nicht lediglich als Traum, sondern als unheimlicher Spuk. Die Menschen verschwinden „gleich alß die gespenste“, die um Mitternacht erscheinen und fliehen. Wenn die „finstere gruben“, das Grab, sie bedeckt, werden auch ihre Wünsche, Ziele und Bemühungen zunichte. Das Bild verbindet daher persönliche Todesangst mit der allgemeinen Aussage, dass alles irdische Streben vergänglich ist.
Jüngstes Gericht und Gesamtdeutung
Im zweiten Terzett richtet sich der Blick zunächst auf den glänzenden Morgen. Wie der Morgen sichtbar macht, was weder Mond noch Fackel beleuchten, wird auch der „plötzliche Tag“ alles offenbaren, „was geredet / gewürcket / gemeynt“ wurde. Der Morgen ist hier eine Metapher für den Tag des Jüngsten Gerichts. Das Wort „plötzlich“ verweist auf den Ersten Brief des Paulus an die Korinther: Die Menschen werden „plötzlich in einem Augenblick“ verwandelt werden. Vor Gottes Gericht lässt sich nichts verbergen oder beschönigen.
Der Schluss bleibt ambivalent, also von zwei gegensätzlichen Bedeutungen geprägt. Der glänzende Morgen scheint zunächst Befreiung und Erlösung zu versprechen, doch das Gedicht endet mit „deß erschrecklichen GOttes Gerichte“. Nach Nikolaus Lohse wirft dieser Schluss den Sprecher und die Lesenden selbst im Augenblick einer möglichen Erlösung auf ihre menschliche Nichtigkeit zurück. Anders als im „Morgen-Sonett“ und in „Abend“, wo das Ich zuversichtlich um ewiges Leben bittet, verstummt es hier ernüchtert vor Gott. Wie in „Mittag“ überwiegt die Warnung, dass niemand dem richtenden Licht Gottes entgehen kann.
Nach Dietrich Walter Jöns steht die Mitternacht insgesamt für die äußerste Bedrohung des Menschen: Er kann der Welt verfallen, sie für den höchsten Wert halten und ihre Eitelkeit und Vergänglichkeit übersehen. Dabei vergisst er, dass alles Zeitliche an das Ewige gebunden ist und auf die Gegenwart eine Zukunft folgt, in der Rechenschaft verlangt wird. Cohen betrachtet „Mitternacht“ als das dramatischste Gedicht des Zyklus; Lohse nennt es „eines der dunkelsten und verzweifeltsten deutscher Sprache“. Im Vergleich der vier Tageszeitensonette sieht de Capua im ersten und dritten Gedicht Hoffnung auf Erlösung, während über „Mittag“ und „Mitternacht“ die mögliche Verdammnis am Jüngsten Tag drohend gegenwärtig bleibt.