Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gravis (Typografie)
Der Gravis [ˈɡʀaːvɪs] französisch accent grave; englisch grave [accent]), kritisches Zeichen, genauer ein Akzent zur Kennzeichnung einer besonderen Aussprache, …
Inhalt4 Abschnitte
Bedeutung und Form
Der Gravis ist ein diakritisches Zeichen, also ein Zusatzzeichen an einem Buchstaben. Er ist ein kurzer, in Schreibrichtung schräg abfallender Strich über dem Buchstaben, zum Beispiel à oder è. Seine Form ist spiegelbildlich zum Akut.
Er kann je nach Sprache eine besondere Aussprache, Betonung oder Bedeutung kennzeichnen. Das einzeln stehende Zeichen ` heißt in der Informatik backtick oder backquote.
Verwendung in Sprachen
Im Altgriechischen trat der Gravis im 3. Jahrhundert v. Chr. zusammen mit Akut und Zirkumflex auf. Im Neugriechischen ist er seit 1982 in der amtlichen Orthographie obsolet.
Im Französischen heißt er accent grave. Bei à und ù dient er meist nur dazu, Bedeutungen zu unterscheiden: a bedeutet „[er/sie/es] hat“, à „nach“, „je“ oder „zu“; ou bedeutet „oder“, où „wo“. Das è hat den Lautwert [ɛ] und zeigt ein offenes e an, ungefähr wie deutsches ä. Es unterscheidet sich von é [e] und von e, das den Schwa-Laut anzeigen oder nicht ausgesprochen werden kann. È und ê werden gleich ausgesprochen. Der Gravis kennzeichnet im Französischen nicht die Betonung.
Im Italienischen kann er eine von der Standardbetonung abweichende Betonung anzeigen, etwa in caffè „Kaffee“. Außerdem kennzeichnet er offene /e/ und /o/ als [ɛ] und [ɔ] und kann Bedeutungen unterscheiden, etwa è „[er/sie/es] ist“ gegenüber e „und“. Im Katalanischen markiert er eine von den allgemeinen Betonungsregeln abweichend betonte Silbe, zum Beispiel in català, demà, caràcter, València und francès. Im Portugiesischen bezeichnet er die Krasis, also das Zusammenziehen der Präposition a mit Artikeln oder bestimmten Demonstrativpronomen, etwa à, às und àquele; dabei steht er für die offene Aussprache [a] eines sonst unbetonten [ɐ].
Im schottischen Gälisch kennzeichnet der Gravis lange Vokale. Im Walisischen kennzeichnet er dagegen kurze Vokale, wenn normalerweise eine lange Aussprache erwartet würde. Beispiele sind mẁg [mʊɡ] „Tasse“ gegenüber mwg [muːɡ] „Rauch“. Im Hanyu Pinyin für Chinesisch kennzeichnet der Gravis den vierten, fallenden Ton.
Informatik und Doppelgravis
Ein alleinstehender Gravis wird unter anderem paarweise zur Klammerung von Bezeichnern in MySQL oder von eingebetteten Kommandozeilenbefehlen in Unix-Shell und Perl verwendet. In Windows PowerShell dient er als Zeilenfortsetzungszeichen. Er kann außerdem Sonderzeichen maskieren, damit sie als Text statt als Steuerzeichen erscheinen, beispielsweise in HTML-, CSV-, EDIFACT- und Registrierungsdateien. In Druckerbefehlssprachen wie ESC/P und PCL wird er als Escapezeichen eingesetzt. JavaScript verwendet ihn für template literals, früher template strings genannt.
Der Doppelgravis ̏ ist das Gegenstück zum Doppelakut ̋ und wird unter anderem im Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA) verwendet.
Computer, Tastatur und TeX
ASCII enthält den alleinstehenden Gravis `. ISO-8859-Zeichensätze enthalten ausgewählte Buchstaben mit Gravis; ISO 8859-1 enthält beispielsweise À, à, È, è, Ì, ì, Ò, ò, Ù und ù. Unicode bietet weitere fertig zusammengesetzte Zeichen und erlaubt außerdem, jedes beliebige Zeichen durch Nachstellen eines kombinierenden Gravis zu versehen. Der einzelne Gravis heißt in Unicode GRAVE ACCENT und hat die Nummer U+0060.
Mit der T2-Tastatur können die genannten ISO-8859-1-Zeichen eingegeben werden, indem zuerst der Gravis und danach der Buchstabe getippt wird. Für einen alleinstehenden Gravis folgt als zweite Eingabe die Leertaste.
In TeX und LaTeX erzeugt im Textmodus `a ein à. Im mathematischen Modus erzeugt \grave a die Formel {\grave {a}}.