Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Medizinische Geographie
Medizinische Geographie. Forschungszweig der Medizin, der die Krankheiten und ihre Verbreitung zu geographischen Bedingungen in Beziehung setzt. Artikel …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Die Medizinische Geographie untersucht, wie räumliche Bedingungen mit Krankheit, Gesundheit und Gesundheitsversorgung zusammenhängen. Sie fragt einerseits nach den räumlichen Determinanten von Krankheitsentstehung und Krankheitsverbreitung, andererseits nach der räumlichen Organisation und Erreichbarkeit von Gesundheitsversorgung.
Das Fach liegt an der Schnittstelle von Mensch, natürlicher Umwelt und anthropogen beeinflusster Umwelt, also von durch Menschen veränderten Lebensräumen. Zugleich verbindet es geographische Forschung mit medizinischer Forschung, besonders mit der Epidemiologie, die die Verteilung und Ursachen von Krankheiten in Bevölkerungen untersucht. Im Vergleich zu anderen Teilgebieten der Geographie hat die Medizinische Geographie einen starken Anwendungsbezug, etwa für Gesundheitsplanung, Umweltgerechtigkeit und Versorgungsgerechtigkeit.
Begriffe und Einordnung
Für das Fach werden mehrere Bezeichnungen verwendet. Der ältere und international anschlussfähigere Begriff ist Medizinische Geographie. Der Ausdruck Geomedizin war zeitweise institutionell stärker verankert. Neuere Bezeichnungen wie Geographie der Gesundheit oder Geographische Gesundheitsforschung orientieren sich an der anglo-amerikanischen health geography. Der von Adolf Mühry geprägte Begriff Nosogeographie ist heute nicht mehr gebräuchlich.
Traditionell gehört die Medizinische Geographie zu den Kernfächern der physischen Anthropogeographie. Ihr ursprünglicher Schwerpunkt lag auf klimatischen Bedingungen und anderen Umweltfaktoren, die mit Krankheiten in Verbindung gebracht wurden. Überschneidungen gibt es mit der geographischen Risikoforschung. In der Medizin bestehen Verbindungen zur Umweltmedizin, Reisemedizin und zu Public Health, also zur öffentlichen Gesundheit.
Historische Entwicklung
Als eines der Gründungswerke der neuzeitlichen Medizinischen Geographie gilt Leonhard Ludwig Finkes dreibändiger Versuch einer allgemeinen medicinisch-practischen Geographie aus den Jahren 1792-1795. Es enthielt die erste bekannte kartographische Darstellung der weltweiten Verbreitung von Krankheiten. Im 19. Jahrhundert folgten wichtige Werke von Adolf Mühry, Die geographischen Verhältnisse der Krankheiten, oder Grundzüge der Nosogeographie von 1856, und August Hirsch, Handbuch der historisch-geographischen Pathologie in drei Bänden von 1860-1864.
Damals war die Miasmentheorie noch verbreitet, also die Annahme, dass schädliche Umwelteinflüsse direkt Krankheiten auslösen. Gleichzeitig trug die Kartierung von Cholera-Fällen, besonders durch John Snow in London 1854, zum Aufkommen der Bakteriologie bei. Danach verschob sich die medizinisch-geographische Forschung stärker in Richtung Kolonial- und Tropenmedizin.
Im deutschsprachigen Raum entstand die Medizinische Geographie als eigenständige Disziplin aus Tropenhygiene und Tropenmedizin heraus. Sie blieb dort bis heute eher ein Nischenfach, während sie international stärker in die allgemeine geographische Forschung eingebunden wurde.
Geomedizin und internationale Entwicklung
1931 unterschied Heinz Zeiss zwischen einer deskriptiven medizinischen Geographie und einer analytischen Geomedizin. Die medizinische Geographie sollte Umweltfaktoren eines Gebiets beschreiben, die mit Ausbruch und Verbreitung von Krankheiten zusammenhängen. Die Geomedizin sollte diese Zusammenhänge analysieren und über Karten direkt auf bevölkerungspolitische Entscheidungen einwirken.
Diese Entwicklung war im deutschen Kontext mit einer Abkehr von der Sozialhygiene und einer Hinwendung zur Rassenhygiene verbunden, wie sie später von den Nationalsozialisten betrieben wurde. Zeiss erstellte zusammen mit Helmut Jusatz und anderen den militärisch bestimmten Seuchen-Atlas. Nach 1945 wurde dieser deutsche Sonderweg der Geomedizin fortgesetzt. 1952 erschien der erste Band des von Ernst Rodenwaldt herausgegebenen Weltseuchenatlas; im selben Jahr gründete Rodenwaldt die Geomedizinische Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Nach seinem Tod 1965 leitete Jusatz diese Stelle bis 1985.
International entwickelte sich das Fach nach dem Zweiten Weltkrieg anders: Es wurde stärker innerhalb der Geographie institutionalisiert, zum Beispiel in der Internationalen Geographischen Union und durch Jacques M. May in der American Geographical Society. Neben der Erforschung von Krankheiten wurde dort auch die Geographie der Gesundheitsversorgung als zweites Teilgebiet etabliert.
Methoden und Forschungsthemen
Ein großer Teil der medizinisch-geographischen Forschung ist praktisch ausgerichtet. Sie orientiert sich an Gesundheit, Versorgungsgerechtigkeit und Umweltgerechtigkeit. Ihre Möglichkeiten haben sich besonders durch Fernerkundung und Geoinformationssysteme erweitert. Fernerkundung bedeutet, Informationen über die Erdoberfläche aus der Distanz zu gewinnen, etwa mit Satelliten. Geoinformationssysteme sind digitale Systeme, mit denen räumliche Daten gespeichert, ausgewertet und kartographisch dargestellt werden.
Ein wichtiges Teilgebiet ist die spatial epidemiology, auf Deutsch räumliche Epidemiologie. Sie untersucht mit statistischen Verfahren, wie Krankheitsfälle räumlich variieren. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem das Vorkommen von Infektionskrankheiten und die Ortsabhängigkeit von Krebserkrankungen. Behandelt werden sowohl humanmedizinische als auch veterinärmedizinische Fragestellungen.
Daneben gibt es eine sozialtheoretisch fundierte Richtung. Sie fragt zum Beispiel nach der besonderen gesundheitlichen Qualität von Orten und berücksichtigt auch psychische Gesundheit. Dabei spielen subjektbezogene Ansätze, feministische Theorie, Disability Studies, psychologische Konzepte und zunehmend auch komplexitätstheoretische Überlegungen eine Rolle. Zentral ist das von Wilbert M. Gesler geprägte Konzept der Therapeutischen Landschaften. Es beschreibt Orte oder Landschaften, denen eine besondere Bedeutung für Gesundheit, Wohlbefinden oder Heilung zugeschrieben wird, und wurde wichtig für eine post-medizinische Geographie der Gesundheit.