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Medizin im Ersten Weltkrieg
Die Notwendigkeit, durch Verwundung verstümmelte Personen zu behandeln, ließ neue Fächer wie die Plastische Chirurgie, Orthopädie oder Neurochirurgie entstehen.
Inhalt6 Abschnitte
Wendepunkt der Kriegsmedizin
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) war ein Wendepunkt der Medizingeschichte. Medizin wurde zu einem strategischen Bestandteil der Kriegführung: Millionen Verwundete mussten geborgen, erstversorgt, transportiert, operiert und rehabilitiert werden. Auf etwa 1,9 bis 2 Millionen deutsche Gefallene kamen ungefähr 4,4 Millionen Verwundete und Versehrte, viele davon dauerhaft geschädigt. Die massenhafte Behandlung beschleunigte Fortschritte unter anderem in Chirurgie, Infektiologie, Orthopädie, plastischer Chirurgie, Neurochirurgie, Anästhesie und Transfusionsmedizin. Zugleich entstanden die Grundlagen moderner Wehrmedizin und organisierter Rehabilitation.
Zehntausende Ärzte und Pflegende arbeiteten an den Fronten. In Deutschland wurde die medizinische Ausbildung verkürzt, um mehr Personal bereitzustellen; diese Ausnahmen galten nicht für Medizinstudentinnen. Militärärzte waren zugleich behandelnde Ärzte und militärische Vorgesetzte. Sie entschieden über Behandlung, Dienstfähigkeit, den Verdacht auf Simulation und mögliche Entschädigungen. Diese große Definitions- und Entscheidungsmacht sowie die Beteiligung von Ärzten an Propaganda führten zur Bezeichnung „Krieg der Ärzte“. Wissenschaftlicher Austausch bestand teilweise dennoch fort, etwa bei der Übernahme der von Henry Drysdale Dakin und Alexis Carrel entwickelten Wundspülung.
Die Datenlage ist lückenhaft: Deutsche Unterlagen gingen 1945 teilweise verloren, in Großbritannien wurden 1940 etwa zwei Drittel von ursprünglich rund 6,5 Millionen Dokumenten zerstört. Auch zeitgenössische Statistiken blieben wegen der Truppenbewegungen und der großen Verwundetenzahlen unvollständig. Eine britische Erhebung bei Ypern registrierte am 21. September 1917 innerhalb von 24 Stunden 10.789 Verwundete: 35,8 % durch Brisanzgeschosse, 27,2 % durch Kugeln, 19,9 % durch Schrapnell und 1,94 % durch Gas; bei 14,3 % war die Ursache unbekannt.
Versorgung, Transport und Hygiene
Die wichtigste organisatorische Aufgabe war eine gestufte Rettungskette. In der britischen Armee führte sie vom Regimental Aid Post nahe der Front über Sammelposten beziehungsweise Advanced und Main Dressing Stations zur Casualty Clearing Station und anschließend in rückwärtige Basislazarette. Leicht Verwundete konnten nach kurzer Behandlung zurückkehren, Schwerverletzte wurden operiert und weitertransportiert. Das französische System nutzte Sanitäter, Sanitätsposten und Orientierungs- und Evakuierungslazarette. Die Einrichtungen waren jedoch bei großen Schlachten häufig überlastet; in der ersten Woche der Somme-Schlacht 1916 versorgten 15 britische Casualty Clearing Stations 42.212 Verwundete. Auf entlegenen Kriegsschauplätzen wie Mesopotamien oder Deutsch-Ostafrika blieb die Versorgung besonders mangelhaft.
Erstmals starben mehr Soldaten durch Waffen als durch Infektionskrankheiten. Von den in Frankreich und Flandern eingesetzten britischen Soldaten starben 7,61 % an Verwundungen und 0,91 % an Krankheiten. Dazu trugen verbesserte Hygiene, aseptische Behandlung – also die Vermeidung von Keimübertragung – und Antitoxine bei; entscheidend war aber auch die bisher unbekannte Zerstörungskraft der Waffen. Zur Desinfektion dienten unter anderem 80-prozentige Alkohol- oder Alkoholseifenlösungen, Sublimat und Iodtinktur. Ein wichtiger Fortschritt war die kontinuierliche Spülung infizierter Wunden mit Natriumhypochlorit.
Typhus, Rückfallfieber, Fleckfieber und Dysenterie galten als typische Kriegsseuchen. Inaktivierte Typhusimpfstoffe wurden im August 1914 in der deutschen und britischen Armee eingeführt. Gegen Tetanus wurde Antiserum zunächst zu spät, ab April 1915 aber möglichst sofort nach Verletzungen und später vorbeugend gegeben; insgesamt kamen mehr als 10 Millionen Dosen zum Einsatz. Für sexuell übertragbare Erkrankungen existieren keine sicheren Gesamtzahlen. Der britische Kriegsbericht schätzte etwa 400.000 behandelte Personen, davon ungefähr 66 % mit Gonorrhoe und 24 % mit Syphilis. Aufklärung, Kontrollen, Desinfektion und spezielle Kliniken sollten die Verbreitung begrenzen; Syphilis wurde mit Salvarsan behandelt, wobei schwere Nebenwirkungen auftraten.
Neue Verletzungen und Behandlungsmethoden
Kälte, Feuchtigkeit, Druck, Erschöpfung und schlechte Ernährung verursachten häufig den Grabenfuß, einen Kälte-Nässe-Schaden mit Schmerzen, Taubheit und Durchblutungsstörungen. Wiederholte oder schwere Verläufe konnten Geschwüre, Infektionen, Gangrän, Sepsis und Amputationen zur Folge haben. Etwa 75.000 britische und 2.000 amerikanische Soldaten erkrankten. Vorbeugend sollten Füße warm und trocken gehalten, Socken gewechselt, Beine bewegt oder hochgelagert und die Füße regelmäßig kontrolliert werden.
Die Anästhesie entwickelte sich zu einem eigenen ärztlichen Aufgabenbereich. Geoffrey Marshall betonte 1917, dass die Wahl des Narkosemittels für das Überleben ebenso wichtig sein könne wie die Entscheidung des Chirurgen. Chloroform blieb wegen einfacher Lagerung und fehlender Explosionsgefahr militärisch bedeutsam; Äther, Lachgas sowie Lokal- und Spinalanästhesie wurden ebenfalls verwendet. Lachgas eignete sich besonders für kurze lebensrettende Eingriffe. Direkte Bluttransfusionen wurden durch konserviertes, mit Citrat ungerinnbar gemachtes Blut ergänzt. Blut ließ sich in paraffinbeschichteten Flaschen bis zu 26 Tage aufbewahren; daraus entstanden die ersten Blutbanken und die moderne Transfusionsmedizin.
Röntgenaufnahmen und Durchleuchtungen ermöglichten es, Geschosse, Splitter und komplizierte Knochenbrüche berührungsarm zu lokalisieren. Mobile, von Pferden oder Lastwagen transportierte Röntgeneinheiten brachten diese Diagnostik in Feldlazarette. In der Orthopädie senkte die 1916 durch Robert Jones in die Erstversorgung eingeführte Thomasschiene die Sterblichkeit bei Oberschenkelfrakturen von etwa 80 % auf etwa 20 %, weil sie Knochen stabilisierte und Schock durch Schmerzen und Blutverlust verringerte.
Der Stahlhelm schützte ab 1916 besser vor tödlichen Schädelverletzungen, wodurch mehr schwere Gesichtsverletzungen behandelt werden mussten. Spezialeinrichtungen entwickelten Kieferrekonstruktionen, Prothesen und plastisch-chirurgische Verfahren. Harold Gillies gründete eine Spezialklinik und verbesserte mit der tubulär gestielten Lappenplastik Durchblutung und Infektionsschutz von Hauttransplantaten. Auf deutscher Seite sind 48.836 Soldaten mit Kiefer- und Gesichtsverletzungen nachweisbar.
Hirnverletzungen und psychische Traumata
Die große Zahl von Hirnverletzten ermöglichte systematische neurologische Forschung. Ärzte verglichen genau lokalisierte Hirnschäden mit Lähmungen, Seh-, Sprach- und psychischen Störungen sowie Epilepsie. Viele Betroffene starben, weil Neurochirurgie und Asepsis noch wenig entwickelt waren und Antibiotika fehlten. Besonders die Erforschung der Aphasie, einer erworbenen Sprachstörung, machte Fortschritte. Karl Kleist verband klinische Symptome mit Hirnregionen; insgesamt trug die Forschung zur Etablierung der Neurologie als eigenständigem Fach bei.
Viele Soldaten entwickelten nach Kriegserlebnissen Zittern, Lähmungen, Krampfanfälle oder andere Symptome, die heute unter anderem als dissoziative Störungen infolge einer posttraumatischen Belastungsstörung verstanden würden. Zeitgenössische Begriffe waren „Kriegsneurose“, „Kriegszitterer“, französisch „obusite“ und britisch „shell shock“. Deutungen und Behandlungen unterschieden sich stark. In Deutschland stritten Hermann Oppenheim, Max Nonne und Robert Gaupp 1916 darüber, ob organische Schäden, psychische Vorgänge oder persönliche Veranlagung ursächlich seien. Die psychische Deutung setzte sich durch und förderte die problematische Unterstellung von mangelnder Widerstandskraft oder Simulation. Behandlungen reichten von Ruhe und guter Ernährung bis zu Suggestion und schmerzhafter Elektrotherapie. Neuere Aktenstudien zeigen jedoch eine uneinheitliche Praxis: In einer Untersuchung von 500 Lazarettakten erhielten etwa drei Viertel nur kräftigende Maßnahmen, 22 % suggestive Elektrotherapie.
In Großbritannien empfahl Ernest White eine sorgfältige Diagnose, frühe Behandlung, Ruhe, Stärkung und Austausch unter Betroffenen; er wandte sich gegen Stigmatisierung. Französische Ärzte unterschieden körperliche Erschütterung, emotionale Reaktion und Gehirnkontusion. André Léri lehnte gewaltsame Methoden als unnötig ab, befürwortete aber bei als hysterisch betrachteten Zuständen ärztliche Gegensuggestion und eine schnelle Rückkehr an die Front. Insgesamt konnte die Psychiatrie Kriegsneurosen nicht zufriedenstellend behandeln.
Gas- und Luftkrieg
Kampfgase verursachten Augen-, Haut- und Lungenschäden sowie starke psychische Belastungen. Schwefellost war nahezu farb- und geruchlos, konnte Kleidung und Schuhe durchdringen und dadurch in Unterständen weitere Menschen vergiften. Reinhard von den Velden führte deshalb Ganzkörperwaschungen mit Kaliumpermanganat ein. Zur Dekontamination wurden außerdem Chlorkalk und zur Behandlung von Hautschäden Verfahren wie bei Verbrennungen eingesetzt. Schwere Inhalationen zerstörten Bronchien und Lungenbläschen; die Behandlung blieb überwiegend symptomatisch, etwa mit Codein gegen Reizhusten. Weil Soldaten oft mehreren Gasen ausgesetzt waren, konnten Lungenschäden häufig keinem einzelnen Kampfstoff sicher zugeordnet werden.
Mit dem Luftkrieg entstand die Luftfahrtmedizin. Piloten mussten Kälte, Lärm, Vibration, Sauerstoffmangel, Monotonie und hohe psychische Anforderungen bewältigen. 66 % der getöteten Piloten und Besatzungsmitglieder starben nicht im Kampf, sondern durch Unfälle, besonders während der Ausbildung. In einer britischen Untersuchung gingen im ersten Kriegsjahr 90 % der Flugzeugverluste auf menschliches Versagen zurück; davon waren 60 % medizinisch bedingt. Eine zentrale britische Untersuchungsstelle prüfte von Oktober 1916 bis November 1918 etwa 60.000 Personen und senkte den Anteil der in der Ausbildung scheiternden Flugschüler um ungefähr 50 %. Untersucht wurden unter anderem Körperbau, Seh- und Farbsehvermögen, Herz-Kreislauf-Belastbarkeit, Gehör und Gleichgewicht. Auch Deutschland führte 1916 verbindliche mehrstufige Tauglichkeitsprüfungen ein.
Rehabilitation, Fürsorge und ethische Folgen
Weil mehr Schwerverletzte überlebten, wurden Rehabilitation und Prothesenversorgung zu dauerhaften staatlichen Aufgaben. Einrichtungen sollten Einsatzfähigkeit oder Arbeitsfähigkeit wiederherstellen und Abhängigkeit von Unterstützung verringern. Für Amputierte entstanden einfache Arbeitsarme mit austauschbaren Werkzeugen sowie bewegliche Prothesen wie der Sauerbruch-Arm; dieser war jedoch teuer. Das britische Ministry of Pensions stellte von 1920 bis 1929 insgesamt 495.545 Prothesen und Hilfsmittel bereit.
In Deutschland unterstützten zunächst öffentliche und private Initiativen Soldatenfamilien. 1920 regelten das Reichsversorgungsgesetz und das Kriegspersonenschädengesetz die Fürsorge für militärische beziehungsweise zivile Kriegsopfer. Am 5. Oktober 1924 wurden im Deutschen Reich 720.908 rentenberechtigte Kriegsbeschädigte und 1.597.125 Kriegshinterbliebene erfasst. Das gemeinsame Hauptziel der Fürsorge in Deutschland, Großbritannien und Frankreich war die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben.
Die Kosten der Versorgung verbanden sich in Deutschland auf gefährliche Weise mit Debatten über den „Lebenswert“. 1915 wurde ein angebliches gesellschaftliches Recht zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ formuliert. Karl Binding und Alfred Hoche radikalisierten dies 1920 in Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Gleichzeitig starb zwischen 1916 und 1918 in deutschen psychiatrischen Anstalten infolge von Unterernährung bis zu ein Drittel der Patienten. Die Forderung nach Krankentötungen stieß in der Weimarer Republik weitgehend auf Ablehnung; 1921 sprach sich der deutsche Ärztetag mehrheitlich dagegen aus. Dennoch bereitete die Debatte gedanklich den späteren nationalsozialistischen Krankenmord vor, den das NS-Regime politisch durchsetzte und medizinisch organisieren ließ.