Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Medienkompetenz

Medienkompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Medien und ihre Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend sachkundig zu nutzen.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernbedeutung und Grundmodell
  2. 2. Weitere Modelle und Begriffsverständnisse
  3. 3. Ziele praktischer Medienkompetenz
  4. 4. Medienkompetenz in Deutschland und der Schule
  5. 5. Neue Medien und digitale Kompetenz
  6. 6. Gesellschaftliche Bedeutung und Kritik

Kernbedeutung und Grundmodell

Medienkompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Medien und ihre Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend sachkundig zu nutzen. Sie umfasst daher nicht nur technische Fertigkeiten, sondern auch Wissen, kritische Bewertung, selbstständige Nutzung und kreative Gestaltung. Seit den 1990er Jahren ist besonders das Modell von Dieter Baacke (1934–1999) prägend. Es unterscheidet vier Dimensionen:

  • Medienkritik: Medien und ihre Inhalte sollen analytisch beurteilt werden. Dazu gehört, gesellschaftliche Probleme und soziale Folgen der Medienentwicklung zu erkennen und das eigene Wissen reflexiv auf das eigene Handeln anzuwenden.
  • Medienkunde: Gemeint ist Wissen über Mediensysteme sowie die Fähigkeit, neue Geräte zu bedienen. Die informative Unterdimension umfasst klassische Wissensbestände, die instrumentell-qualifikatorische Unterdimension praktische Bedienungsfähigkeiten.
  • Mediennutzung: Medien sollen sowohl rezeptiv, also aufnehmend und nutzend, als auch interaktiv verwendet werden. Dazu gehören beispielsweise Programm-Nutzungskompetenz und die Nutzung interaktiver Angebote.
  • Mediengestaltung: Dazu zählen innovative Veränderungen und Entwicklungen des Mediensystems sowie kreative, ästhetische Formen, die über alltägliche Kommunikationsroutinen hinausgehen.

Baacke erweiterte den Begriff außerdem auf die gesellschaftliche Ebene. Medienkompetenz wird damit zu einem „Diskurs der Informationsgesellschaft“, in dem wirtschaftliche, technische, soziale, kulturelle und ästhetische Probleme zusammen betrachtet werden. Aktive Arbeit mit Medien soll Kritikfähigkeit fördern: Wer Medien selbst produziert und rezipiert, kann Angebote besser auswählen, ihre Wirkung beurteilen und sich zugleich mit dem eigenen Denken und Handeln auseinandersetzen.

Praktisch bedeutet Medienkompetenz unter anderem, Bücher, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und Internet kennen und nutzen zu können, sich in der Medienwelt zu orientieren, an medialer Kommunikation teilzunehmen, kommerzielle oder politische Interessen in journalistischen Beiträgen zu erkennen und selbst kreativ Medienbeiträge zu erstellen, etwa einen Blog, eine Homepage oder einen Beitrag für ein Wiki.

Weitere Modelle und Begriffsverständnisse

Der Begriff wird in der Fachliteratur unterschiedlich ausdifferenziert. Vollbrecht betont, dass Medienkompetenz nicht vor allem die Beherrschung eines bestimmten Programms meint. Entscheidend sei vielmehr, sich beliebige Programme und Medien selbst aneignen zu können, also das „Lernen des Lernens“. Medienkompetenz besteht danach aus kognitiven Strukturen oder „Schemata“, die eine kreative Nutzung ermöglichen und sich durch Lernprozesse weiterentwickeln.

Schiersmann u. a. (2002, 19) unterscheiden drei sich ergänzende Bausteine:

  • die Kompetenz zur Handhabung und Nutzung von Medien- und Informationstechnik,
  • die Kompetenz zur Gestaltung sozio-technischer Systeme mit solcher Technik,
  • die Kompetenz zur kundigen Kritik von Medien- und Informationstechnik.

Bernward Hoffmann beschreibt vier Teilaspekte: Der personelle Bezug betrifft Wahrnehmung, Erleben und Mündigkeit gegenüber Medieneinflüssen. Der soziale Bezug ordnet Medien in wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zusammenhänge ein. Der rezeptive Bezug meint die Aufnahme und das Verstehen von Informationen sowie die Orientierung in der Vielfalt der Medienangebote. Der Handlungsbezug bezeichnet die aktive, gestalterische Nutzung von Medien für eigene soziale Interessen.

Gerhard Tulodziecki fasst wichtige Aufgabenbereiche zusammen: Medienangebote auswählen und nutzen, eigene Medienbeiträge gestalten und verbreiten, Medienbeiträge verstehen und bewerten, Medieneinflüsse erkennen und aufarbeiten sowie Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung durchschauen und beurteilen. Diese Aufgabenbereiche dienten später auch als Grundlage für Kompetenzmodelle und Standards der Medienbildung.

Bernd Schorb definiert Medienkompetenz als „die Fähigkeit, auf der Basis strukturierten zusammenschauenden Wissens und einer ethisch fundierten Bewertung der medialen Erscheinungsformen und Inhalte, sich Medien anzueignen, mit ihnen kritisch, genussvoll und reflexiv umzugehen und sie nach eigenen inhaltlichen und ästhetischen Vorstellungen, in sozialer Verantwortung sowie in kreativem und kollektivem Handeln zu gestalten“. Er ordnet sie den Dimensionen Medienwissen, Medienbewertung und Medienhandeln zu.

In der Medienpädagogik wird Medienkompetenz meist als Zielvorstellung verstanden. Teilweise wird sie jedoch auch als angeborenes Vermögen bezeichnet, etwa wenn Kindern grundsätzlich Medienkompetenz zugeschrieben wird. Diese Verwendung knüpft an Noam Chomskys Unterscheidung von angeborener sprachlicher Kompetenz und konkreter sprachlicher Performanz an. Deshalb muss stets geklärt werden, welches Kompetenzverständnis gemeint ist.

Ziele praktischer Medienkompetenz

Für den audiovisuellen Bereich wird praktische Medienkompetenz in einem triadischen Modell beschrieben. Die Vermittlung soll drei Ziele verbinden:

  • Fähigkeit zur aktiven Kommunikation: Lernende sollen spezifische Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten sowie journalistische Methoden erlernen und anwenden. Dazu gehören Planung, Recherche, Produktion, Gestaltung und Verbreitung eigener audiovisueller Erzeugnisse.
  • Kenntnis der technischen und organisatorischen Bedingungen: Dazu zählen der Umgang mit Kamera, Ton, Licht, Schnitt, Nachvertonung und Ausstrahlung sowie organisatorische Aufgaben von der schriftlichen Fixierung bis zur Öffentlichkeitsarbeit und Verbreitung eigener Medienprodukte.
  • Kompetente Rezeption: Die eigene Wahrnehmung soll sensibilisiert werden. Audiovisuelle Informationen sollen gefiltert und kritisch sowie emotional distanziert analysiert werden. Dazu gehört auch Wissen über Formate und Genres.

Medienkompetenz in Deutschland und der Schule

Eine Studie der Stiftung Neue Verantwortung aus dem Jahr 2021 untersuchte die digitale Informations- und Nachrichtenkompetenz von 4200 repräsentativ befragten deutschen Internetnutzern. 46 % erreichten geringe Kompetenzwerte, 33 % mittlere und 22 % hohe Werte. Bei den 18- bis 29-Jährigen lag der Durchschnitt bei 15,2 von 30 möglichen Punkten, bei den 60- bis 69-Jährigen bei 12,9 Punkten. Personen mit niedriger Bildung erreichten durchschnittlich 11,2 Punkte, mit mittlerer 12,7 und mit hoher Bildung 16,2 Punkte.

In der Schule wird Medienkompetenz nach Vollbrecht als Handlungskompetenz verstanden. Das konkrete Medium muss nicht immer im Zentrum stehen; Medien dienen als Vermittlungshilfen, deren Auswahl und angemessener Einsatz zur Unterrichtsplanung gehören. Wichtige schulische Lernziele sind:

  • mediale Gestaltungsmittel und ihre Wirkungen zu erkennen sowie Medienerlebnisse sozial verträglich in die eigene Lebensgestaltung einzuordnen;
  • Medienangebote selbstständig zur Lösung komplexer unterrichtlicher Aufgaben einzusetzen und effektive Medienrecherche als Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens anzuwenden;
  • Medienproduktionen zu planen, zu realisieren und zu präsentieren sowie eigene Ausdrucksmöglichkeiten zu entwickeln;
  • Medien als Wirtschaftsfaktor und als konstitutives Element der modernen Gesellschaft zu erkennen und ihre gesellschaftliche Funktion kritisch zu beurteilen.

Die Nutzung von Smartphones und ähnlichen Geräten in der Schule ist kontrovers. Im November 2017 wurde berichtet, das Bayerische Kultusministerium betrachte ein Verbot von Smartphones, Laptops und Kameras, sofern sie nicht für den Unterricht gebraucht werden, als Schutz vor Cybermobbing. Viele Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler bezeichneten diese Haltung dagegen abfällig als „Steinzeitpädagogik“.

Die Kultusministerkonferenz bezeichnete die Entwicklung umfassender Medienkompetenz durch Medienbildung als „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, die nur im Zusammenwirken von Schule, Elternhaus sowie Politik, Wirtschaft und Kultur bewältigt werden könne. Im Dezember 2016 stellte sie Bildungsziele zur „Bildung in der digitalen Welt“ vor; alle Bundesländer einigten sich auf deren verbindliche Umsetzung.

In Nordrhein-Westfalen wurde deshalb im Oktober 2017 der Medienkompetenzrahmen NRW aktualisiert. Er steht Grundschulen, Förderschulen und Schulen mit Sekundarstufe I zur Verfügung und soll entlang der gesamten Schullaufbahn einen systematischen und umfassenden Kompetenzaufbau ermöglichen. Neben sicherem, verantwortungsvollem und kreativem Medienumgang gehört eine informatische Grundbildung ab den ersten Klassen dazu. Das Unterstützungsportal liefert Anregungen für schulinterne Medienkonzepte und Unterricht in allen Fächern und Schulstufen. Der Rahmen kann auch in außerschulischen Angeboten der Jugendhilfe eingesetzt werden.

Neue Medien und digitale Kompetenz

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Medienkompetenz für viele unterschiedliche Fähigkeiten verwendet und oft nicht ausreichend differenziert. Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur lassen sich in vier Bereiche gliedern: Information und Wissen, Kommunikation und Kooperation, Identitätssuche und Orientierung sowie digitale Wirklichkeiten und produktives Handeln. Dabei überschneiden sich Diskussionen über Medienkompetenz mit der Vermittlung einzelner EDV-Kompetenzen und mit dem Begriff der digitalen Kompetenz. 2005 wurde in Österreich vorgeschlagen, IT-Fähigkeiten gemeinsam mit Medienkompetenzdimensionen unter dem Begriff „e-Skills“ zu fassen.

Philippe Wampfler unterscheidet im Anschluss an Anja C. Wagners Dissertation UeberFlow drei Kompetenzbereiche:

  • Selbstregulation, Selbstorganisation und Selbstreflexion ermöglichen informelles Lernen im Web 2.0. Dazu gehören Neugierde und Kreativität, Initiative und Autonomie, Lernfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Frustrationstoleranz, Improvisationsgeschick und Risikobereitschaft.
  • Internetkompetenz umfasst Medienalphabetisierung beziehungsweise Medienliteracy, medienspezifische Analyse-, Evaluations- und Contententwicklungs-Skills sowie die Fähigkeit, Informationen zu kontextualisieren.
  • Beide Bereiche müssen in heterogenen sozialen Zusammenhängen eingesetzt werden. Wichtig ist daher, in flexiblen Umgebungen problembezogen kommunizieren zu können, ohne die eigene Autonomie aufzugeben.

Ein umfassender Ansatz von Gerhard Tulodziecki, Bardo Herzig und Silke Grafe versteht Medienkompetenz als Disposition, also als Wissen, Können und Bereitschaft zum Handeln in Medienzusammenhängen. Angestrebt wird sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreatives und sozial verantwortliches Handeln. Die Entwicklung kann über verschiedene Kompetenzniveaus erfolgen.

Die Förderung soll sechs nutzungsbezogene Aufgabenfelder umfassen: reflektierte Nutzung digitaler Möglichkeiten für Information und Lernen, Analyse und Simulation, Unterhaltung und Spiel, Austausch und Kooperation, Gestaltung und Präsentation eigener Beiträge sowie mediengestützte Dienstleistungen beziehungsweise Steuerung und Kontrolle. Hinzu kommen vier inhaltsbezogene Felder: die Medienlandschaft und ihre digitale Infrastruktur verstehen und bewerten, mediale Gestaltungsmöglichkeiten einschließlich digital erzeugter Medienbotschaften analysieren, Medieneinflüsse auf Individuum und Gesellschaft erkennen und aufarbeiten sowie Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung einschließlich ihrer digitalen Grundlagen beurteilen. Die Europäische Union behandelt das Thema unter anderem mit der Initiative Safer Internet und dem Netzwerk Insafe.

Gesellschaftliche Bedeutung und Kritik

Nach Gapski ist Medienkompetenz kein ausschließlich medienpädagogischer Fachbegriff mehr, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt. Je nach politischem, rechtlichem, pädagogischem, technischem oder wirtschaftlichem Zusammenhang und je nach beteiligtem Akteur kann der Begriff eine andere Bedeutung und Funktion haben. Die verschiedenen Diskurse überschneiden sich und formen, übernehmen oder begrenzen den Begriff. Wird Medienkompetenz als Schlüsselbegriff der Wissensgesellschaft verwendet, müssen deshalb unterschiedliche Bezugsrahmen, Zielgruppen, Medien- und Nutzungsformen, Diskurse und Beobachtungsperspektiven berücksichtigt werden.

Bleckmann und Hübner kritisieren die Beliebigkeit des Begriffs als medienpädagogische Zielgröße und bezeichnen ihn deshalb als „Plastikwort“. Sie schlagen vor, stattdessen von Medienmündigkeit zu sprechen. Dieser Begriff richtet den Blick auf den Menschen, der sich zur Autonomie entwickelt, und fragt danach, wann Medien diese Entwicklung fördern und wann sie sie behindern.

Lernvideos zu Medienkompetenz

Weiterlesen

Dieter Baacke In die medienpolitische und medienpädagogische Diskussion führte er den Begriff der Medienkompetenz ein, der mittlerweile in zahlreichen Regierungsprogrammen, … Bedeutung (Sprachphilosophie) Denotation und Konnotation. Die Unterscheidung von Denotation und Konnotation geht auf John Stuart Mill zurück. In seinem „System der Logik“ unterschied er … Wissen So kann etwa entsprechend dem Beispiel von Collins und Quillian ein wissensbasiertes System konstruiert werden, das Fragen zu Merkmalen von Lebewesen … Diskurs Der Begriff Diskurs (von lateinisch discursus ‚Umherlaufen') wurde ursprünglich in der Bedeutung „erörternder Vortrag“ oder „hin und her gehendes Gespräch“ … Wissenschaft Wissenschaft ist die Methodik des überprüfbaren Erkenntnisgewinns. Sie nutzt dazu die Arbeitsmittel Beobachtung, Experiment, Analyse, Theorie, Veröffentlichung, … Politik Politik regelt dabei insbesondere das öffentliche, aber teilweise auch das private (Zusammen-)Leben der Bürger, die Handlungen und Bestrebungen zur Führung des … Subjekt (Philosophie) Die intentionalen Gegenstände der Erkenntnis werden dann im Denken repräsentiert und als Objekte bezeichnet. Diese erkenntnistheoretischen Positionen wurden in … Buch Das Wort Buch (althochdeutsch buoh, mittelhochdeutsch buoch), war ursprünglich eine Pluralform und bedeutete wahrscheinlich zunächst „Runenzeichen“, dann … Internet Mit Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder YouTube trat das bidirektionale Austauschen von Inhalten unter den Nutzern (sogenanntem user … Nachrichten Nachrichten. Berichterstattung über aktuelle Ereignisse und Geschehnisse von öffentlichem Interesse in Print-, Digital- oder Rundfunkmedien. Artikel … Kommunikation Kommunikation (lateinisch communicatio ‚Mitteilung') ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen, die auf verschiedene Arten (verbal, … Leserbrief Ein Leserbrief ist eine schriftliche Meinungsäußerung oder Information zu einem bestimmten Thema. Er reagiert im Normalfall auf Zeitungs- und …