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Leserbrief

Ein Leserbrief ist eine schriftliche Meinungsäußerung oder Information zu einem bestimmten Thema. Er reagiert im Normalfall auf Zeitungs- und …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Funktion
  2. 2. Entstehung und Wandel
  3. 3. Auswahl und redaktionelle Bearbeitung
  4. 4. Seriöse und unseriöse Praktiken

Begriff und Funktion

Ein Leserbrief ist eine schriftliche Meinungsäußerung oder Information zu einem bestimmten Thema. Im Normalfall bezieht er sich auf einen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel, heute auch auf einen Beitrag in einem Internetforum, Blog oder einer Newsgroup. Der Verfasser greift den ursprünglichen Beitrag auf, stimmt ihm zu, ergänzt ihn, widerspricht ihm oder stellt darin enthaltene Aussagen richtig.

Leserbriefe werden mit dem Ziel verfasst, in der entsprechenden Rubrik einer Publikation veröffentlicht zu werden. Früher wurden sie gewöhnlich auf dem Briefweg, später per Fax und seit Beginn des 21. Jahrhunderts immer häufiger als E-Mail eingesandt. Nur ein kleiner Teil der Zuschriften wird tatsächlich gedruckt, unter anderem aus Platzgründen.

Im Rundfunk entspricht dem Leserbrief die Hörerpost, im Fernsehen die Zuschauerpost. In Blogs und Internetportalen treten Leserkommentare an seine Stelle. Rundfunkredaktionen widmeten der Hörerpost früher eigene Sendungen; inzwischen haben sich solche Reaktionen weitgehend in Kommentarfunktionen und begleitende Blogs von Zeitungsredaktionen und Sendern verlagert.

Entstehung und Wandel

Leserbriefe entstanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusammen mit der Verbreitung der Zeitung. Sie galten als wichtiges Instrument des politischen Diskurses. Im angelsächsischen Sprachraum begannen Leserbriefe anfangs mit „Sir“, weil sich die Verfasser damit direkt an den Herausgeber wandten.

Zu den frühen deutschen Beispielen gehört die Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer, insonderheit für die lieben Landleute alt und jung, die der evangelische Pastor Hermann Bräß (1738–1797) ab dem 1. November 1786 in Wolfenbüttel herausgab.

In der frühen Zeitungsgeschichte übernahmen Leserbriefautoren häufig eine Art Korrespondentenfunktion. Sie waren oft die einzigen Personen, die einen wichtigen Vorgang unmittelbar miterlebt hatten. Die Redaktion musste entscheiden, ob sie dieser Nachricht vertraute und sie abdruckte. In einzelnen Fällen wurden Leserbriefautoren sogar bezahlt.

Mit dem Aufkommen von Nachrichtenagenturen und der Telegrafie im 19. Jahrhundert verlor der Leserbrief zunächst an Bedeutung, weil die Aktualität der Ereignisse durch schnellere Nachrichtenübermittlung überholt wurde. Erst um 1970 begann eine theoretische Erforschung des Leserbriefs, wodurch ihm wieder größere Bedeutung zugemessen wurde. Die Sprachwissenschaft zählt ihn zu den „judizierenden Textsorten“, also zu Textsorten, in denen beurteilt oder bewertet wird. Die Literaturwissenschaft ordnet ihn der Rezeptionsästhetik zu, die sich mit der Aufnahme und Wirkung von Texten beschäftigt. Seit dem Aufkommen der Blogosphäre um ca. 1996 verlagert sich der Leserbrief zunehmend auf Kommentarfunktionen der Internetangebote von Medienunternehmen.

Auswahl und redaktionelle Bearbeitung

Leserbriefredaktionen wählen aus den eingegangenen Zuschriften häufig nach medienspezifischen Kriterien aus. Dazu gehören Nachrichtenwerte, also beispielsweise Aktualität, Prominenz und die Kompetenz des Urhebers. Beim Abdruck passen Redaktionen die Texte außerdem an ihre eigenen Redaktionsprinzipien sowie an hausübliche Schreibweisen und Formalia an. Dies kann etwa Abkürzungen, Umstellungen oder die Ersetzung von Zahlen betreffen.

Werden Passagen gekürzt, soll dies normalerweise kenntlich gemacht werden, zum Beispiel durch [...] an der Stelle einer ausgelassenen Passage. Bei besonders umstrittenen Themen mit sehr vielen Zuschriften sammeln Redaktionen die Briefe mitunter und veröffentlichen eine größere Zahl auf einer Sonderseite. Dabei wird in der Regel darauf geachtet, möglichst alle Richtungen der eingegangenen Meinungsäußerungen zu berücksichtigen. Eine solche Seite wird häufig durch einen begleitenden Artikel zum Thema eingeleitet.

Hörer- und Zuschaueranrufe in laufenden Rundfunksendungen, sogenannten Mitmachsendungen, sind Leserbriefen teilweise ähnlich. Auch sie können Formen von Bürgerjournalismus darstellen. Sendungen, die ausschließlich Hörer- oder Zuschauerreaktionen behandeln, sind jedoch selten.

Seriöse und unseriöse Praktiken

Eine unseriöse Redaktion kann Leserbriefe selbst verfassen, um für einen Artikel oder ein Thema öffentliches Interesse vorzutäuschen oder eine Kampagne zu beginnen beziehungsweise zu unterstützen. Die Verantwortung für die öffentliche Aussage wird dabei scheinbar auf erfundene Leser übertragen. Auch Institutionen und Firmen können in Auftrag gegebene Leserbriefe einsetzen, um eine positive Stimmung zu erzeugen oder negative Berichterstattung in ihrem Sinne zu korrigieren, ohne unter dem eigenen Namen aufzutreten.

Ein Beispiel ist ein ehemaliger Mitarbeiter eines Unternehmens, der als angeblich unbeteiligte Privatperson auftritt und ein zuvor in der Zeitung kritisiertes Unternehmen verteidigt. Die Grenze zwischen seriöser und unseriöser Praxis ist jedoch nicht immer eindeutig: Der ehemalige Mitarbeiter kann tatsächlich als Privatperson schreiben, während einige Leser seine Verbindung zum Unternehmen kennen.

Die Richtlinie 2.6 des Pressekodex des Deutschen Presserats legt im Detail fest, was Redaktionen bei Leserzuschriften beachten sollen. Sie wurde zuletzt am 3. Dezember 2008 aktualisiert. Üblicherweise achten Redaktionen darauf, dass ihnen Name und Adresse der Autoren bekannt sind. Bei heiklen Zuschriften kann beim Abdruck der Hinweis „Der Schreiber ist der Redaktion bekannt“ erscheinen. Manche Redaktionen veröffentlichen zunehmend auch Blogs und E-Mails, deren Urheber nur durch abgekürzte Namen, Spitznamen oder Pseudonyme bezeichnet werden.

Die Satirezeitschrift Titanic führt keine gewöhnliche Leserbriefsparte, sondern die Rubrik „Briefe an die Leser“. Dort kommentiert sie in Briefform das Verhalten von Prominenten und das öffentliche Leben, indem sie sich scheinbar an ihre Leser wendet.

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