Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Maria 2.0
Maria 2.0 ist eine von Frauen in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland ausgehende Initiative. Sie begann mit einer Aktionswoche in Münster vom 11. bis …
Inhalt5 Abschnitte
Initiative und zentrale Ziele
Maria 2.0 ist eine von Frauen ausgehende Reforminitiative innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Deutschland. Sie entstand Anfang 2019 aus einem Lesekreis der Pfarrei Heilig Kreuz in Münster und besteht aus weitgehend selbstständig handelnden lokalen Gruppen. Öffentlich bekannt wurde sie durch eine Aktionswoche vom 11. bis 18. Mai 2019; in Teilen Süddeutschlands liefen Aktionen vom 13. beziehungsweise 19. bis 26. Mai.
Der Name steht für einen Neuanfang gegenüber einem traditionellen Marienbild, das Maria als schweigende und dienende Frau darstellt. Zu den wichtigsten Forderungen gehören:
- Zugang für Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, besonders zum Diakonat, Priesteramt und Bischofsamt
- Gleichstellung von Frauen und Männern sowie eine Reform kirchlicher Machtstrukturen
- Aufhebung des Pflichtzölibats, also der Verpflichtung katholischer Priester zur Ehelosigkeit
- vollständige Aufklärung sexuellen Missbrauchs und ein angemessener Umgang mit den Betroffenen
- strukturelle Veränderungen, die künftigen Missbrauch verhindern sollen
Im November 2020 stellte eine Mitinitiatorin im Zusammenhang mit den kirchlichen Machtstrukturen die Weiheämter grundsätzlich infrage. Dies führte auch zu der Forderung, kirchliche Debatten stärker theologisch zu führen. Im April 2023 verlangte Maria 2.0 außerdem die sofortige Ablösung der Staatsleistungen an die katholische und evangelische Kirche.
Kirchenstreik und Protestformen
Für Mai 2019 rief Maria 2.0 Frauen zu einem „Kirchenstreik“ auf: Sie sollten eine Woche lang keine Kirche betreten und keine ehrenamtlichen Dienste übernehmen. Stattdessen sollten vor den Kirchen Gottesdienste stattfinden, bei denen die Beteiligten ihre Klagen und Forderungen sichtbar machten. Weiße Kleidung, Tücher, Blumen und Kerzen dienten als gemeinsames Zeichen für Mitgefühl, Trauer und Neubeginn. In mindestens 50 Orten wurden Aktionen angekündigt. Teilweise beteiligten sich auch Männer; in der Pfarrei Herz Jesu in Essen-Burgaltendorf schlossen sich beispielsweise ehrenamtlich tätige Männer dem Streik an.
Auf dem Münsteraner Domplatz nahmen am 12. Mai 2019 etwa 700 bis 800 Gläubige an einer Mahnwache teil. Ende August folgte ein Vernetzungstreffen für das Bistum Münster. In Mainz demonstrierten an Pfingsten ungefähr 200 Menschen vor dem Dom. Bischof Peter Kohlgraf diskutierte dort eine Stunde mit ihnen und traf im August erneut Vertreter der Bewegung. Er wollte ihre Themen in den Synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz und den Pastoralen Weg seines Bistums einbringen. In Berlin feierten am 3. November knapp 100 Personen vor der Hedwigs-Kathedrale einen Wortgottesdienst; anschließend sprach Erzbischof Heiner Koch mit ihnen.
Die Initiative nutzte damit verschiedene Protestformen: Mahnwachen, Gottesdienste im Freien, Demonstrationen, Gebete, Unterschriftensammlungen, Briefe und Gespräche mit Bischöfen. Ihr Ziel war, den Verzicht auf gewöhnlich von Frauen geleistete kirchliche Arbeit sichtbar zu machen und zugleich Reformforderungen öffentlich zu vertreten.
Aktionen in Südbaden und am Hochrhein
In Freiburg demonstrierten am 12. Mai 2019 nach einer Priesterweihe rund 400 Frauen und Männer auf dem Münsterplatz. Erzbischof Stephan Burger erklärte, die Botschaft sei angekommen, könne die bestehenden Spannungen aber nicht sofort lösen. Bei einer Bischofsweihe am 30. Juni setzten rund 200 Menschen den Protest fort. Später sagte Burger zu, die Anliegen in den Synodalen Weg einzubringen und den Dialog fortzuführen. Das Freiburger Ordinariat erhielt etwa 500 E-Mails, Postkarten und Briefe, die mehrheitlich die Forderungen unterstützten. Ab dem 7. Juli veranstalteten Demonstrantinnen an mehreren Sonntagen eine halbstündige „Aufwache“ vor dem Münster.
In Bad Säckingen fand am 19. Mai vor dem Fridolinsmünster und im Pfarrgarten eine alternative Maiandacht statt. In Lauchringen streikten ab dem 13. Mai drei Frauen; am 19. Mai feierten sie mit 60 Frauen und Männern einen Wortgottesdienst vor der Kirche. Bis September sammelten sie rund 5000 Unterschriften für die Gleichstellung von Frauen und Männern und übergaben sie in Fulda an Kardinal Reinhard Marx, damals Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Von Oktober 2019 bis Juli 2020 luden sie jeden dritten Mittwoch an wechselnden Orten im Landkreis Waldshut zu Gebeten für Gleichberechtigung ein.
Die Organisatorinnen am Hochrhein sahen ihr Ziel, eine breite öffentliche Diskussion anzustoßen, als erreicht an. Rückmeldungen kamen aus mehreren katholischen Regionen und von evangelischen Christen. Manche Pfarrer ignorierten den Streik weitgehend, während der Leiter der Seelsorgeeinheit zu einer Diskussion bereit war. Später gehörte er zu 138 Priestern und Diakonen der Erzdiözese Freiburg, die eine Online-Petition zur Unterstützung von Maria 2.0 unterzeichnet hatten.
Weitere Aktionen 2020 und sieben Thesen 2021
Im Jahr 2020 setzte Maria 2.0 ihre Proteste fort. Gleichzeitig mit einer Priesterweihe im Freiburger Münster feierten etwa 150 überwiegend weiß gekleidete Frauen und Männer draußen eine Agape-Feier mit Blumen, Brot und Wein. Eine Agape-Feier ist hier eine gemeinschaftliche religiöse Feier, jedoch keine von einem Priester geleitete Eucharistie.
Wegen der Corona-Pandemie mussten viele Präsenzveranstaltungen ausfallen. Stattdessen verschickten Gruppen Briefe und andere schriftliche Appelle. Maria 2.0 Frankfurt bat beispielsweise im Juni Kardinal Stella um Reformen. Bei den weiterhin möglichen Veranstaltungen galten Teilnehmerbegrenzungen und Abstandsregeln: In Köln lag die Obergrenze bei 200 Personen; in Fulda versammelten sich während der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe ungefähr 100 Menschen.
Am 21. Februar 2021 brachte die Initiative in einer bundesweiten Aktion sieben Thesen an den Türen katholischer Kirchen an. Die Form erinnerte an Martin Luther, der der Überlieferung zufolge 1517 seine 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben soll. Die Aktion richtete sich an „alle Menschen guten Willens“ und an die Deutsche Bischofskonferenz, die vom 23. bis 25. Februar virtuell tagte. Die Thesen hingen nach Angaben der Initiative an 1000 Kirchen.
Die sieben Punkte verlangten den Zugang aller Menschen zu Diakonen-, Priester- und Bischofsamt, die Beteiligung aller Katholiken an kirchlicher Verantwortung und Macht, die konsequente Aufklärung sexuellen Missbrauchs sowie vorbeugende Strukturreformen. Hinzu kamen eine Sexualmoral, die Sexualität positiv bewertet, die Abschaffung des Zölibats, größere Einfachheit und weniger Vermögensanhäufung. Durch eine stärkere Orientierung an der Verkündigung, am Evangelium und an der Botschaft Jesu solle die Kirche ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. In Benrath führte die Aktion zu einem Streit zwischen katholischen Frauen und Maria 2.0.
Unterstützung, Kritik und internationale Ausweitung
Unterstützung erhielt Maria 2.0 von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, dem Katholischen Deutschen Frauenbund sowie von einzelnen Priestern und Bischöfen. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hielt den Austritt aus der Eucharistiegemeinschaft während des Streiks für problematisch, sah hinter der Ungeduld aber eine tiefe Verletzung kirchlich engagierter Frauen. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger zeigte Verständnis für den Wunsch nach Diakonat und Priesteramt für Frauen, sah dafür jedoch keine kirchenrechtlichen Spielräume. Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, befürwortete Veränderungen und Dialog, lehnte Streiks aber als Mittel ab. Der spätere Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, bezeichnete Maria 2.0 im Mai 2020 ausdrücklich als Teil der Kirche.
Kritiker wie Kurienerzbischof Georg Gänswein warnten davor, eine neue Kirche schaffen zu wollen. Als konservative Gegenbewegung entstand im Mai 2019 die Initiative Maria 1.0, die an der bestehenden kirchlichen Lehre und am ausschließlich männlichen Priesteramt festhält. Weitere Kritik lautete, Maria 2.0 setze Ämter zu stark mit Macht gleich. Peter Bringmann-Henselder aus dem Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln warf der Initiative vor, sexuellen Missbrauch als Mittel für andere kirchenpolitische Forderungen zu benutzen. Die beiden Münsteraner Initiatorinnen Elisabeth Kötter und Andrea Voß-Frick traten am 25. März 2021 aus der katholischen Kirche aus.
Die Protestidee wurde auch außerhalb Deutschlands aufgegriffen. In Österreich fanden im Mai 2019 ein Schweigezug in Innsbruck und Gottesdienste vor zwei Wiener Kirchen statt; weitere Aktionen folgten 2020 und 2021. In der Schweiz riefen kirchlich engagierte Frauen mit Unterstützung mehrerer Verbände zu einem Kirchenfrauenstreik am 15. und 16. Juni 2019 sowie zur Teilnahme am nationalen Frauenstreik vom 14. Juni auf.