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Pizzicato

Pizzicato [pitːsiˈkaːto] (von ital. „gezwickt“), im Deutschen auch Pizzikato, ist eine Spielweise auf Streichinstrumenten der Violinfamilie, bei der die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip und Klang
  2. 2. Ausführung auf Violine und Kontrabass
  3. 3. Sonderformen und Übetechnik
  4. 4. Historische Entwicklung
  5. 5. Kontrabass-Pizzicato im Jazz
  6. 6. Übertragung auf andere Instrumente

Grundprinzip und Klang

Pizzicato ist eine Spielweise auf Streichinstrumenten der Violinfamilie: Die Saiten werden nicht mit dem Bogen gestrichen, sondern mit den Fingern der rechten Hand gezupft. In Noten zeigt pizz. den Beginn einer solchen Passage an; coll’arco oder arco fordert die Rückkehr zum Bogenspiel.

Der Klang ist kurz und häufig etwas geräuschhaft. Ein greifender Finger bildet ein weiches Ende der schwingenden Saite, sodass der Ton nach dem Anreißen schnell gedämpft wird. Nur leere, also nicht gegriffene Saiten können länger nachschwingen. Außerdem führt die Steifigkeit der Saiten zu starker Inharmonizität: Die Teiltöne stehen nicht genau in ganzzahligen Frequenzverhältnissen, wodurch die Tonhöhe weniger deutlich wahrnehmbar wird. Diese Eigenschaften treten bei Violine und Viola besonders stark hervor. Auf dem Kontrabass klingt das Pizzicato am resonantesten und klarsten.

Ausführung auf Violine und Kontrabass

Auf der Violine wird gewöhnlich mit dem Zeigefinger gezupft; für Akkorde oder besondere Situationen kann auch der Daumen eingesetzt werden. Die Saite soll seitlich und nicht nach unten gezogen werden, damit sie beim Zurückschnellen nicht auf das Griffbrett schlägt und schnarrt. Bei Doppelgriffen kommt zusätzlich der Mittelfinger zum Einsatz. Da beim schnellen Wechsel zwischen arco und pizzicato der Bogen meist in der Hand bleibt, stehen nur wenige Finger zum Zupfen zur Verfügung. Akkorde mit mehr als zwei Tönen werden deshalb arpeggiert, also nacheinander statt gleichzeitig gespielt.

Normalerweise zupft man über dem Griffbrett und damit deutlich weiter vom Steg entfernt als beim Streichen. Carl Flesch nennt für die Violine ungefähr 12 cm Abstand vom Steg. Je näher der Anrisspunkt an einem Saitenende liegt, desto leiser und heller wird der Klang, weil der Grundton schwächer und höhere Teiltöne stärker angeregt werden. Seit dem 20. Jahrhundert werden unterschiedliche Anrissstellen, Zupfrichtungen, Flageolette und verschiedene Fingerhaltungen gezielt zur Klangfärbung verwendet. Auf Violine und Viola begrenzen jedoch die engen Saitenabstände und der nur drei bis fünfeinhalb Millimeter große Abstand zum Griffbrett die Bewegungsfreiheit.

Der Kontrabass bietet wesentlich mehr Raum für unterschiedliche Techniken. In der klassischen Grundform steht der Finger ungefähr rechtwinklig zur Saite und wird in den unteren Gelenken gebeugt. Nur die Fingerkuppe berührt die Saite, der Arm bewegt sich wenig und die darunterliegende Saite bleibt unberührt. Dadurch entsteht ein heller, durchsichtiger Klang.

Beim häufigsten Jazz-Pizzicato liegt der gestreckte Zeigefinger zunächst fast parallel zur Saite und wird durch eine Armbewegung bis zur darunterliegenden Saite gezogen. Eine größere Hautfläche berührt die Saite, wodurch der Ton dunkler und voller wird. Für einen härteren Klang wird der Finger steiler angesetzt; oft stützt der Mittelfinger den Zeigefinger oder beide Finger reißen die Saite gemeinsam an.

Sonderformen und Übetechnik

Beim Pizzicato der linken Hand greift ein Finger einen Ton, während ein anderer Finger derselben Hand die Saite anreißt. Das heute übliche Notenzeichen ist ein Kreuz (+) über oder unter der Note. Wird der kleine Finger zum Greifen benötigt, ist diese Technik nicht möglich; der Ton muss dann etwa mit der rechten Hand gezupft oder durch kurzes Aufschlagen des Bogens erzeugt werden.

Das Linke-Hand-Pizzicato klingt heller, dünner und weniger tragfähig als das Zupfen mit der rechten Hand. Der zupfende Finger setzt nahe am Rand des schwingenden Saitenteils an und regt dadurch besonders hohe Teiltöne an. Zugleich ist die Hand durch das Greifen eingeschränkt. Die Technik wird deshalb fast nur auf Violine und Viola verwendet und eignet sich lediglich für einzelne Töne oder speziell angepasste einfache Tonfolgen. Niccolò Paganini machte sie im 19. Jahrhundert zu einem festen Bestandteil der Virtuosenliteratur. In seinem Duo Merveille begleitet derselbe Spieler eine mit dem Bogen gespielte Melodie durch eine Basslinie im Linke-Hand-Pizzicato.

Als Übetechnik bezeichnet Linke-Hand-Pizzicato ein sanftes, präzises Zupfen mit den Fingern der linken Hand. Auf allen Lernstufen kann es die Koordination der Finger, der verschiedenen Spiellagen und des Bogenarms trainieren. Geübt wird mit ein-, zwei-, drei- und vierstimmigen Rhythmen. Die Methode unterstützt außerdem das Lernen von Tonleitern, Geläufigkeit, Saitenwechseln, Intervallen und Akkorden.

Beim Bartók-Pizzicato wird die Saite so kräftig angezogen, dass sie beim Zurückschnellen laut auf das Griffbrett schlägt. Das übliche Zeichen ist ein kleiner halbdurchstrichener Kreis. Claudio Monteverdi verlangte den Effekt bereits in Il combattimento di Tancredi e Clorinda; später verwendeten ihn Heinrich Ignaz Franz Biber und Gustav Mahler. Bekannt wurde er besonders durch Béla Bartók. Im Jazz und in verwandten Stilen gehört diese Technik unter den Bezeichnungen Slapping oder Popping auch zum Kontrabass-, Gitarren- und E-Bass-Spiel.

Historische Entwicklung

Pizzicatospiel war auf der Viola da gamba bereits im 16. Jahrhundert bekannt. Daher und wegen der weiten Verbreitung von Zupfinstrumenten wird vermutet, dass es von Anfang an zur Violintechnik gehörte. Eine um 1535 entstandene Darstellung musizierender Engel von Gaudenzio Ferrari scheint bereits einen zupfenden Geiger zu zeigen.

Für die Violinfamilie ist Pizzicato erstmals sicher in Claudio Monteverdis Il combattimento di Tancredi e Clorinda nachweisbar. Das Werk wurde 1624 komponiert und uraufgeführt, aber erst 1638 gedruckt. Monteverdi weist die Spieler an, den Bogen wegzulegen und die Saiten kräftig mit zwei Fingern zu reißen. Der Effekt bildet einen perkussiven Höhepunkt einer Kampfszene und zeichnet zugleich das Stoßen der Kämpfenden lautmalerisch nach.

Im 17. Jahrhundert diente Pizzicato vor allem der Nachahmung anderer Instrumente. Carlo Farina verlangte 1627, die Geige unter den Arm zu nehmen und wie eine spanische Gitarre zu schlagen. Johann Jakob Walther ließ 1688 Harfen, Lauten, Gitarren und Pauken nachahmen. Später wurde Pizzicato zu einem selbstständigen Orchesterklang. Bekannte Beispiele sind die Pizzicato-Polka von Johann Strauss (Sohn) und Josef Strauss, das „Pizzicato ostinato“ aus dem dritten Satz von Tschaikowskis 4. Sinfonie und der vollständig gezupfte Satz „Playful Pizzicato“ aus Benjamin Brittens Simple Symphony.

Kontrabass-Pizzicato im Jazz

Eine zentrale Begleitform des Jazz ist der Walking Bass: Der Kontrabass spielt eine fortlaufende Linie aus Pizzicato-Viertelnoten und gibt Ensemble und Solisten dadurch eine verlässliche metrische Grundlage. Im frühen Jazz wurden wichtige Basstöne häufig von der linken Hand des Klaviers oder weiteren Instrumenten verdoppelt; zugleich verstärkte die große Trommel den Viertelpuls. Damit sich der Kontrabass gegen Bläser und Schlagzeug behaupten konnte, wurde oft eine kräftige, auf das Griffbrett schlagende Spielweise ähnlich dem Bartók-Pizzicato verwendet.

Mit dem Bebop seit den 1940er-Jahren wurden kleinere Besetzungen üblich. Pianisten spielten zunehmend höher liegende Begleitakkorde ohne Basston und überließen die Bassfunktion dem Kontrabass. Das Schlagzeug verlagerte den Viertelpuls von der großen Trommel auf das klanglich höher liegende Becken. Kontrabassisten konnten nun Viertelpausen, Achtelnoten und Triolen einfügen, höhere Lagen nutzen und den Klang durch Glissandi sowie Intonationsvarianten wie von unten „angeschmierte“ Töne, den sogenannten smear, erweitern.

Eine entscheidende Weiterentwicklung brachte das 1959 gegründete Trio von Bill Evans, Scott LaFaro und Paul Motian. LaFaro behandelte den Bass nicht mehr nur als Begleitung, sondern als eigenständigen melodischen und rhythmischen Partner des Klaviers. Er löste traditionelle Walking-Bass-Linien in aufeinander abgestimmte Klangereignisse auf und verwendete unterschiedliche Zupfbewegungen, Doppelgriffe, Flageolette und Glissandi. Die Live-Aufnahmen aus dem New Yorker Village Vanguard vom 25. Juni 1961 gelten als Höhepunkt dieser Entwicklung.

Im Trio wurden die Aufgaben deutlich verteilt: Das Schlagzeug stellte Grundpuls und Taktgliederung dar, das Klavier spielte Harmonien ohne Basston und die Hauptimprovisation, und der Bass lieferte Harmoniegrundtöne sowie melodische oder klangliche Gegenstimmen. Dadurch gewannen alle Instrumente größere Freiheit, während mehrere musikalische Schichten gleichzeitig entstehen konnten. Obwohl LaFaro zehn Tage nach den Village-Vanguard-Aufnahmen bei einem Autounfall starb, veränderte diese Entwicklung das Jazz-Kontrabassspiel tiefgreifend und prägte das Klaviertrio aus Klavier, Bass und Schlagzeug als Standardbesetzung.

Übertragung auf andere Instrumente

Der Begriff Pizzicato wird auch auf andere Instrumente übertragen. Auf der Viola da gamba ist das Zupfen theoretisch seit Silvestro Ganassis Abhandlung von 1542 belegt; die früheste gedruckte Komposition mit einem Gambenpizzicato ist Harke, Harke aus Tobias Humes The First Part of Ayres von 1605. Im England des 17. Jahrhunderts kam außerdem ein mit der linken Hand ausgeführtes Gambenpizzicato namens „Thump“ vor.

Beim Baryton können Resonanzsaiten mit der linken Hand durch eine Öffnung im Instrumentenhals angezupft werden, sodass ein schneller Wechsel zwischen Bogen und Pizzicato möglich ist. Auf Zupfinstrumenten bezeichnet pizzicato beziehungsweise Palm Muting oder Palm Mute dagegen das leichte Abdämpfen der Saiten mit der Kante der rechten Hand.

Beim modernen Flügel muss der Pianist aufstehen und direkt in die Saiten greifen. Wegen der engen Saitenabstände sind weder große Lautstärke noch hohe Geläufigkeit möglich. Das Pedal muss dauerhaft getreten werden, damit die Dämpfer die Töne nicht sofort unterdrücken. Klavierbauer lehnen die Technik häufig ab, weil Säure aus dem Handschweiß die Metallsaiten langfristig korrodieren und dadurch den Klang verschlechtern kann.

Beim Lippenpizzicato der Querflöte wird der Luftstrom durch plötzliches Öffnen der Lippen mit der Silbe „pü“ statt durch die Zunge mit „dü“ freigegeben. Je nach Ausführung entsteht ein kurzer, von Windgeräuschen begleiteter Ton oder ein Luftgeräusch mit einer durch das Flötenrohr bestimmten Tonhöhe. Akustisch ähnelt es dem Streicherpizzicato wenig, besitzt aber ebenfalls einen perkussiven Charakter. In der Avantgardemusik wird es seit etwa 1970 häufig vorgeschrieben.

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