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Lolita (Roman)

Lolita ist der bekannteste Roman des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov. Einband der Erstausgabe, The Olympia Press 1955.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundkonflikt
  2. 2. Handlung
  3. 3. Entstehung und Veröffentlichung
  4. 4. Figuren, Erzählweise und Deutungen
  5. 5. Stil, Bezüge und Adaptionen

Werk und Grundkonflikt

Lolita ist der bekannteste Roman des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov. Der 1955 erstmals erschienene, auf Englisch geschriebene Roman erzählt von sexuellem Missbrauch und pädophiler Obsession. Sein Ich-Erzähler Humbert Humbert, ein 1910 in Paris geborener Literaturwissenschaftler, nennt die zwölfjährige Dolores Haze „Lolita“ und schildert rückblickend seine zweijährige Reise mit ihr durch die USA.

Das Buch ist bedeutsam, weil sein literarisch kunstvoller, sprachspielerischer Stil mit einem moralisch schwerwiegenden Thema verbunden ist. Humberts Darstellung darf nicht einfach als Wahrheit gelten: Er versucht, sein Verhalten zu rechtfertigen und Leser wie Geschworene für sich einzunehmen. Die im Alltag verbreitete Vorstellung einer „Lolita“ als frühreifer Verführerin vereinfacht und verfälscht nach dem Artikel die Romanfigur stark. Der Ausdruck „Lolitakomplex“ bezeichnet starkes erotisches oder sexuelles Verlangen von Männern ab dem mittleren Lebensalter nach Mädchen oder jungen Frauen.

Handlung

Ein fiktiver Herausgeber erklärt im Vorwort, Humberts Aufzeichnungen seien im Gefängnis entstanden. Humbert sei am 16. November 1952 kurz vor seinem Prozess an einer Koronarthrombose gestorben. Als Ursache seiner späteren Fixierung stellt Humbert seine unerfüllte erste Liebe zu der gleichaltrigen Annabel Leigh im Sommer 1923 dar. Nach ihrem frühen Tod fühlt er sich zu Mädchen ungefähr ihres Alters hingezogen, die er „Nymphetten“ nennt.

Im Sommer 1947 mietet er sich in Ramsdale bei der Witwe Charlotte Haze ein und begegnet deren zwölfjähriger Tochter Dolores. Um in ihrer Nähe zu bleiben, heiratet er Charlotte. Als Charlotte Humberts Tagebücher liest und seine Absichten erkennt, will sie Dolores durch Briefe von ihm fernhalten. Sie wird jedoch auf dem Weg zum Briefkasten von einem Auto erfasst und stirbt. Humbert wird dadurch Lolitas Vormund. Er holt sie aus dem Sommerlager ab, verschweigt zunächst den Tod ihrer Mutter und setzt die missbräuchliche Beziehung fort.

Auf einer Reise durch fast alle US-Bundesstaaten bindet Humbert Dolores mit Ausflügen, Geld und Drohungen an sich. Er behauptet, sie werde nach einer Anzeige gegen ihn in ein Heim kommen. Nach einem Jahr wohnen sie in Beardsley, wo Dolores wieder zur Schule geht und an einem Theaterstück teilnehmen möchte. Humberts Kontrolle und Eifersucht nehmen zu. Nach einem Streit verlangt sie, die Schule und das Theater aufzugeben und erneut zu reisen; Humbert stimmt zu.

Humbert glaubt nun, verfolgt zu werden. Als Dolores wegen einer Virusinfektion im Krankenhaus liegt, verschwindet sie mit einem angeblichen „Onkel“. Erst mehr als drei Jahre später schreibt sie ihm: Sie ist verheiratet, schwanger und arm. Humbert gibt ihr Geld, kann sie aber nicht zurückgewinnen. Sie erklärt ihm, dass Clare Quilty, der Autor des Theaterstücks in Beardsley, ihr geholfen habe; mit ihm war sie zeitweise zusammen, trennte sich aber, als sie nicht in von ihm geplanten Pornofilmen mitwirken wollte. Humbert spürt Quilty auf und erschießt ihn. Dolores stirbt wenige Wochen nach Humbert im Kindbett nach der Geburt eines totgeborenen Mädchens.

Entstehung und Veröffentlichung

Als wichtige Vorstudie gilt Nabokovs 1939 entstandene russische Novelle Der Zauberer. Auch dort heiratet ein erwachsener Mann die Mutter eines zwölfjährigen Mädchens, um dem Kind nahezukommen. Nabokov arbeitete ab 1947 an Lolita, intensiv ab 1951; im Herbst 1953 schrieb er bis zu 15 Stunden täglich. Das Manuskript schloss er am 6. Dezember 1953 ab. Seine Frau Véra bewahrte ihn zweimal davor, es zu vernichten. Nabokov bezeichnete den Roman später als sein „bestes englisches Buch“ und schrieb 1967 selbst eine in Einzelheiten veränderte russische Fassung.

Mehrere US-Verlage lehnten das Buch ab; manche Lektoren nannten es Pornografie. Die Erstausgabe erschien deshalb am 15. September 1955 bei Maurice Girodias’ Olympia Press in Frankreich, einem Verlag für englischsprachige Erotika. Ein Streit in Großbritannien begann, nachdem Graham Greene den Roman Ende 1955 zu seinen besten Büchern des Jahres gezählt hatte und John Gordon ihn im Sunday Express angriff. Frankreich verbot am 10. Dezember 1956 Verkauf und Export aller 24 Olympia-Press-Titel; das Verbot wurde im Juli 1959 aufgehoben.

Längere Auszüge aus 16 von 69 Kapiteln erschienen im Juni 1957 im Anchor Review. Die vollständige US-Ausgabe kam am 18. August 1958 bei G. P. Putnam’s Sons heraus. Sechs Wochen später stand sie auf Platz 1 der Bestsellerlisten und hielt diesen Rang sechs Monate. Innerhalb von drei Wochen wurden mehr als 100.000 Exemplare verkauft, erstmals seit Vom Winde verweht. Die deutsche Ausgabe erschien im Herbst 1959 bei Rowohlt. Die russische Erstausgabe folgte 1967 bei Phaedra in New York; in der Sowjetunion erschien der Roman erstmals 1989 in Iswestija.

Figuren, Erzählweise und Deutungen

Humbert ist zugleich Hauptfigur und unzuverlässiger Erzähler: Seine elegante Sprache, literarischen Anspielungen und Witze verdecken, dass er Dolores kontrolliert, von Gleichaltrigen isoliert und missbraucht. Nabokov nannte ihn einen „eitlen und grausamen Schuft“, der dennoch ergreifend wirken könne. Richard Rorty beschreibt ihn als besonders empfindsam für seine Obsession, aber ohne echte Neugier für das Leben und Leid anderer. Seine Behauptung, Dolores habe ihn verführt, widerspricht weiteren Angaben des Romans, etwa dass sie bei und nach sexuellem Kontakt weinte und er sich selbst später der vielhundertfachen Vergewaltigung bezichtigt.

Dieter E. Zimmer unterscheidet zwei Figuren: „Lolita“ ist Humberts Phantasiegestalt, seine Projektion einer „Nymphette“; „Dolores Haze“ ist das reale Mädchen, das Freunde und Verwandte Dolly oder Lo nennen. Ihre Sprache, Vorlieben und ihr Verhalten lassen sie als typischen amerikanischen Teenager der 1950er Jahre erkennen. Seit den 1980er Jahren richtete die Kritik stärker den Blick darauf, was Dolores geschieht. Ellen Pifer deutet ihre schlechten Manieren und jugendlichen Klischees als mögliche Verteidigung gegen Humbert. Linda Kauffman betont den Vertrauensverrat und die Gewalt der Beziehung.

Der Roman kann als Palimpsest verstanden werden, also als „doppelt beschriebenes Blatt“: An der Oberfläche steht Humberts rhetorisch brillante Selbstverteidigung, darunter wird seine Lieblosigkeit sichtbar. Zimmer widerspricht daher der Deutung Lionel Trillings, Lolita sei ein Liebesroman. Liebe setze voraus, dass sie einer bestimmten Person gilt, ihr nicht schadet und eine Einwilligung möglich ist. Nach Zimmer erfüllt Humberts Verhältnis keine dieser Bedingungen: Er begehrt einen Typus statt Dolores als Person, schadet ihr bewusst und interessiert sich nicht für ihre Zustimmung oder Bedürfnisse.

Stil, Bezüge und Adaptionen

Humbert beschreibt die amerikanische Alltags- und Jugendkultur als europäischer Außenseiter zugleich fasziniert und abgestoßen. Der Text verbindet Englisch mit Anspielungen aus dem Russischen, Französischen, Deutschen und weiteren Sprachen; Übersetzungen verlieren daher zwangsläufig Teile des Bedeutungsnetzes. Der Name „Humbert Humbert“ ist absichtlich übel klingend und mehrdeutig. Der Roman arbeitet außerdem mit Spiegelungen und Doppelungen: Humbert ist Handelnder und rückblickender Erzähler, Clare Quilty sein Gegenspieler und Spiegelbild, und die zwei Romanteile enthalten zwei Reisen. Die Zahl 342 ist sowohl Hausnummer in Ramsdale als auch Zimmernummer im Motel „Die Verzauberten Jäger“.

Wichtige literarische Bezüge gelten Edgar Allan Poe, besonders dessen Gedicht Annabel Lee, sowie Lewis Carrolls Alice im Wunderland und Prosper Mérimées Carmen. Ein durchgehendes Motiv ist das Gefängnis: Figuren erscheinen direkt oder bildlich als Gefangene. Nabokov erklärte in seinem Nachwort von 1956, Pornografie beruhe auf Banalität und erzählerischem Klischee, während künstlerische Originalität und ästhetischer Genuss davon verschieden seien. Lolita habe keine „Moral im Schlepptau“; Literatur solle ästhetische Lust ermöglichen und mit anderen Seinszuständen in Berührung bringen.

Verfilmt wurde der Roman 1962 von Stanley Kubrick mit James Mason, Shelley Winters, Sue Lyon und Peter Sellers sowie 1997 von Adrian Lyne mit Jeremy Irons, Melanie Griffith, Dominique Swain und Frank Langella. Daneben entstanden ein WDR-Hörspiel von 1998, ein 2005 von Jeremy Irons gelesenes Hörbuch, eine Theateradaption von Oliver Reese am Deutschen Theater Berlin ab März 2003 und Rodion Schtschedrins Oper, uraufgeführt am 14. Dezember 1994 an der Kungliga Operan in Stockholm unter der musikalischen Leitung Mstislaw Rostropowitschs.

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