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Charles Sanders Peirce

Charles Santiago Sanders Peirce (ausgesprochen: /'pɜrs/ wie pörs) (* 10. September 1839 in Cambridge, Massachusetts; † 19. April 1914 in Milford, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person, Bedeutung und Grundrichtung
  2. 2. Die drei Kategorien und das Bewusstsein
  3. 3. Wahrnehmung und Semiotik
  4. 4. Erkenntnis, Abduktion und Wahrheit
  5. 5. Logik und wissenschaftliche Methode
  6. 6. Metaphysik, Schriften und Rezeption

Person, Bedeutung und Grundrichtung

Charles Santiago Sanders Peirce (* 10. September 1839 in Cambridge, Massachusetts; † 19. April 1914 in Milford, Pennsylvania) war ein US-amerikanischer Mathematiker, Philosoph, Logiker und Semiotiker. Neben William James und John Dewey zählt er zu den maßgeblichen Denkern des Pragmatismus. Da Peirce sich gegen eine relativistische Nützlichkeitsphilosophie als Grundlage der Wahrheit wandte, bezeichnete er seine eigene Position später als „Pragmatizismus“.

Peirce gilt außerdem als Begründer der modernen Semiotik und leistete wichtige Beiträge zur Logik. Er zeigte, dass aus NAND beziehungsweise NOR alle anderen aussagenlogischen Junktoren abgeleitet werden können, führte die Standardnotation der Prädikatenlogik erster Ordnung ein und entwickelte Theorien über Zeichen und Bedeutung. Oft wird ihm zugeschrieben, 1885 Wahrheitstabellen als Verfahren zur Prüfung von Tautologien eingeführt zu haben; ein ähnliches, abstrakteres Verfahren findet sich jedoch bereits bei George Boole.

Peirce studierte an der Harvard University und der Lawrence Scientific School. 1863 legte er als einer der ersten den Bachelor of Science in Chemie mit Summa cum laude ab. Von 1859 bis 1891 arbeitete er mit Unterbrechungen bei der United States Coast and Geodetic Survey, vor allem in Geodäsie und Gravimetrie. Von 1869 bis 1872 war er am Harvard-Observatorium mit photometrischen Untersuchungen beschäftigt. Seine einzige feste akademische Anstellung hatte er ab 1879 als „half-time lecturer of logic“ an der Johns-Hopkins-Universität; 1884 verlor er diese Stelle.

Ab 1887 lebte Peirce auf einer Farm bei Milford, Pennsylvania, und schrieb dort bis zu seinem Tod. Nach dem Ende seiner Tätigkeit bei der Coast Survey 1891 geriet er in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Seine wichtigsten Vorlesungsreihen hielt er 1898 in Cambridge sowie 1903 in Harvard und am Lowell Institut. William James unterstützte ihn mehrfach. Peirce starb 1914 an Krebs und blieb ohne Kinder.

Die drei Kategorien und das Bewusstsein

Peirce entwickelte eine Kategorienlehre, die nicht wie bei Kant die Arten der Erkenntnis, sondern die Erscheinungsweisen des Seins untersucht. Die Kategorien sind in jedem Phänomen enthalten und bilden zugleich die Grundlage seiner Zeichenlehre. Sie sind gedanklich unterscheidbar, aber nicht voneinander trennbar.

  • Erstheit ist das Sein von etwas ohne Bezug auf etwas anderes: reine Möglichkeit oder Qualität, etwa Röte als Möglichkeit.
  • Zweitheit bezeichnet die Bestimmung des hier und jetzt sowie die Konfrontation mit einem Anderen oder den Widerstand eines Gegenstands.
  • Drittheit ist die Gesetzmäßigkeit oder Vermittlung, die hinter den Dingen steht, etwa die Funktion einer Tür oder der Algorithmus eines Computerprogramms.

Peirce setzte Möglichkeit mit Erstheit, Aktualität mit Zweitheit und Notwendigkeit mit Drittheit gleich. Ähnliche Entsprechungen sah er bei Qualität, Tatsache und Gesetz sowie bei Gegenstand, Relation und Repräsentation. Die Triade war für ihn eine grundlegende Perspektive auf alle Phänomene.

Auch das Bewusstsein gliederte Peirce in drei Formen. Primisense oder Gefühl ist der unmittelbare, noch unanalysierte Bewusstseinsinhalt. Altersense ist das Bewusstsein eines unmittelbar anwesenden Anderen; dazu gehören Sinnesempfindung und Wille. Medisense ist das Bewusstsein einer Vermittlung zwischen Primisense und Altersense; es umfasst Denken, Lernen und das Gewahrsein von etwas Drittem. Medisense kann zu Verhaltensgewohnheiten führen.

Selbstbewusstsein entsteht, wenn Repräsentationen als Zeichen im Bewusstsein selbst zum Gegenstand werden. Dabei treten Ego und Non-Ego einander gegenüber. Die daraus hervorgehende Selbstkontrolle ermöglicht Selbstüberprüfung und Selbstkorrektur. Sie umfasst den Vergleich vergangener Handlungen mit Standards, die Überlegung künftiger Absichten, die Bildung eines Entschlusses sowie die Festigung oder Veränderung einer Gewohnheit. Peirce verband diese psychologische Struktur mit physiologischen Vorgängen im Nervensystem und vertrat eine monistische Position.

Wahrnehmung und Semiotik

Peirce’ Grundannahme lautet: „Wir haben kein Vermögen, ohne Zeichen zu denken.“ Deshalb ist auch Wahrnehmung nicht unmittelbar. Sinneseindrücke werden umgewandelt und können falsch gedeutet werden, wie Sinnestäuschungen oder der blinde Fleck auf der Netzhaut zeigen.

Peirce unterscheidet das Perzept, also das Wahrgenommene, vom Wahrnehmungsurteil. Ein Wahrnehmungsurteil ist „ein Urteil, das in der Aussageform behauptet, welche Beschaffenheit eines Perzepts dem Geist unmittelbar gegenwärtig ist“. Es muss nicht sprachlich sein, sondern kann auch diagrammatisch erfolgen. Das Perzept steht als Zeichen zwischen Objekt und Wahrnehmungsurteil. Ein Wahrnehmungsurteil ist eine extreme Form der Abduktion, weil es meist unbewusst und weitgehend unkontrolliert entsteht.

Semiose ist „ein Vorgang oder ein Einfluss, der das Zusammenwirken von drei Gegenständen, nämlich dem Zeichen, seinem Objekt und seinem Interpretanten, ist bzw. beinhaltet“. Ein Zeichen oder Repräsentamen steht für ein Objekt und bestimmt einen Interpretanten, also die bedeutungstragende Wirkung oder Auslegung des Zeichens. Dieser dreifache Einfluss lässt sich nicht auf paarweise Beziehungen reduzieren.

Peirce unterteilte die Semiotik in spekulative Grammatik, logische Kritik und spekulative Rhetorik. Die spekulative Grammatik untersucht mögliche Zeichenarten und ihre Kombinationen, die logische Kritik richtige Begründungen und die spekulative Rhetorik die wirksame Anwendung von Zeichen.

In der spekulativen Grammatik unterschied Peirce drei Trichotomien. Nach der Zeicheneigenschaft gibt es Quali-Zeichen, Sin-Zeichen und Legi-Zeichen. Nach der Beziehung zum Objekt gibt es Ikonen, Indizes und Symbole. Nach der Beziehung zum Interpretanten gibt es Rheme, Dicent und Argumente. Ein Ikon beruht auf Ähnlichkeit, etwa ein Bild oder Piktogramm. Ein Index weist auf ein Objekt hin, etwa Rauch auf Feuer. Ein Symbol erhält seine Bedeutung durch Konvention, etwa das Wort „Tisch“. Ein Rhema bezeichnet einen Gegenstand, ein Dicent stellt einen Sachverhalt dar, und ein Argument verbindet Aussagen gesetzmäßig.

Der Interpretant kann unmittelbar, dynamisch oder final sein. Die möglichen Zeichenrelationen entwickelte Peirce im Laufe der Zeit zu einem System von 59.049, also 3 hoch 10, Elementen und Relationen. Seine Semiotik blieb jedoch in ständiger Entwicklung; eine endgültige, einheitliche Definition legte er nicht vor.

Erkenntnis, Abduktion und Wahrheit

Peirce wandte sich gegen die Vorstellung, das einzelne Subjekt sei der Maßstab der Erkenntnis. Erkenntnis ist für ihn grundsätzlich gemeinschaftlich und intersubjektiv: Nicht „meine“, sondern „unsere“ Erfahrung ist entscheidend. Der Mensch und sein Denken gehören zu einem evolutionären Entwicklungsprozess.

Zweck des Denkens ist die Orientierung in der Welt. Zweifel sollen untersucht und durch feste Überzeugungen ersetzt werden, die als Grundlage des Handelns dienen können. Denken ist stets Denken in Zeichen und findet nicht in isolierten Zeichen, sondern in einem kontinuierlichen Strom von Gedanken statt. Wörter und Menschen „erziehen“ sich dabei wechselseitig: Mit wachsender Information eines Menschen wächst auch die Information eines Wortes.

Die Pragmatische Maxime bestimmt die Bedeutung eines Begriffs durch seine denkbaren praktischen Wirkungen: „Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben können, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffs des Gegenstandes.“ Bedeutung betrifft dabei nicht nur tatsächlich ausgeführte Handlungen, sondern die Disposition zu möglichen Handlungen.

Erkenntniserweiterung erfolgt nach Peirce durch Abduktion. Sie ist der Schluss auf eine erklärende Hypothese, wenn ein überraschender oder unerklärter Sachverhalt auftritt. Die Struktur lautet: Die überraschende Tatsache C wird beobachtet; wenn A wahr wäre, wäre C selbstverständlich; folglich besteht Grund zur Vermutung, dass A wahr ist.

Im weiteren Forschungsprozess ergänzt die Abduktion die Deduktion und die Induktion. Die Abduktion bildet aus einzelnen Tatsachen eine Hypothese. Die Deduktion wendet eine Regel auf einen Fall an und ist allein analytisch streng wahr. Die Induktion verallgemeinert aus Fällen und Ergebnissen eine Regel. Beispiel: Aus den weißen Bohnen eines Sacks wird abduktiv die Regel vermutet, dass alle Bohnen dieses Sacks weiß sind. Deduktiv folgt aus dieser Regel und dem Fall, dass bestimmte Bohnen aus dem Sack stammen, ihr weißes Aussehen. Induktiv wird aus wiederholten Fällen die allgemeine Regel gewonnen. Abduktion und Induktion liefern keine notwendigen, sondern wahrscheinliche Ergebnisse.

Wahrheit ist für Peirce die Meinung, der am Ende jeder Forschende zustimmen würde; das durch diese Meinung repräsentierte Objekt ist das Reale. Dieser Zustand ist ein Grenzwert, dem sich die Menschheit im Erkenntnisfortschritt annähert. Da jede Überzeugung revidierbar bleibt, vertrat Peirce den Fallibilismus: Auch gut geprüfte Überzeugungen können sich als falsch erweisen.

Logik und wissenschaftliche Methode

Peirce entwickelte eine eigenständige Logik der Relationen, die er „Logik der Relative“ nannte. Er erweiterte die Boolesche Algebra um Multiplikation und Exponentiation, wobei die Exponentiation dem Allquantor entspricht. Gemeinsam mit O. H. Mitchell entwickelte er eine vollständige Syntax für die Quantorenlogik, die sich nur in wenigen Zeichen von der späteren Russell-Whitehead-Syntax von 1910 unterschied.

Peirce unterschied absolute Relative, einfache Relative und konjugative Relative: monadische, dyadische und triadische Beziehungen. Nach seiner Reduktionsthese lassen sich alle mehrstelligen Relationen auf triadische Relationen zurückführen. Außerdem erfand er die existentiellen Graphen: Alphagraphen für die Aussagenlogik, Betagraphen für die Prädikatenlogik erster Stufe und Gammagraphen für höhere Prädikatenlogik und Modallogik. Zusammen mit ihren Schlussregeln bilden sie einen Aussagen- beziehungsweise Prädikatenkalkül.

In einem 1886 verfassten, erst nach 1950 entdeckten Brief an Allan Marquand zeigte Peirce die Anwendung der Booleschen Logik auf elektrische Schaltungen, mehr als 50 Jahre vor Claude Shannon. Er beschäftigte sich außerdem mit verschiedenen Zahlensystemen und verwies darauf, dass das Binärsystem besonders für maschinelle Verarbeitung geeignet sei.

Die Wissenschaft beschreibt Peirce als stufenweisen Prozess. Er beginnt mit Abduktion aufgrund ungeklärter Phänomene, formuliert bei ausreichender Sicherheit induktiv Gesetzmäßigkeiten und prüft diese deduktiv an praktischen Folgen und Vorhersagen. Zur wissenschaftlichen Rationalität gehört für Peirce auch die Wirtschaftlichkeit der Forschung, weil die Zahl der offenen Fragen unendlich ist. Sein Pragmatismus ist daher eine Methode zur Klärung von Begriffen durch ihre praktischen Konsequenzen und durch überprüfbare Forschung. Er steht gegen Rationalismus, der von einer absoluten Wahrheit deduziert, ebenso wie gegen Empirismus, der aus Beobachtungen induktiv verallgemeinert.

Metaphysik, Schriften und Rezeption

In seiner Metaphysik verband Peirce Logik, Naturwissenschaft und Evolution. Sein Tychismus versteht die Welt als Zufalls-Welt („Chance-world“, CP 6.399). Gegen den Determinismus betonte er, dass natürliche Erscheinungen Unregelmäßigkeiten enthalten und Messwerte stets Verteilungen darstellen. Evolution umfasst zufällige Ereignisse, Selbstorganisation und die Entstehung von Regelmäßigkeiten. Naturgesetze sind für Peirce sehr alte, relativ stabile Gewohnheiten; biologische und kulturelle Regelmäßigkeiten sind jüngere Gewohnheiten und lassen mehr Ausnahmen zu.

Der Synechismus ist Peirce’ Lehre vom Kontinuum. Ein Kontinuum, etwa eine Linie, kann nicht durch eine Menge einzelner Bestimmungen ausgeschöpft werden. Punkte sind nur potenzielle Teilungen eines beliebig teilbaren Intervalls. Auch Zeit, Energie und Gravitation verstand Peirce als Kontinua. Zufall ist das Erste, Existenz das Zweite und die Neigung zur Gewohnheitsbildung das Dritte. Den Grund der Wirklichkeit sah er als Geist beziehungsweise reine Empfindung und Möglichkeit. Materie sei eine „kraftlose Form des Geistes“; damit steht Peirce in der Reihe der Panpsychisten und vertritt einen Universalienrealismus.

Der Agapismus bezeichnet Liebe als Lebensprinzip. Menschliches Denken und Zeichenverwendung sind auf Gemeinschaft und Kommunikation angewiesen. Fortschritt entsteht daher durch die Überwindung von Selbstsucht und Egoismus. Im Strafrecht lehnte Peirce Rache ab und forderte stattdessen die Resozialisierung von Straftätern.

Peirce veröffentlichte nie ein geschlossenes Hauptwerk. Neben etwa 12.000 Druckseiten hinterließ er ungefähr 1650 unveröffentlichte Manuskripte mit rund 80.000 handschriftlichen Seiten. Die Collected Papers erschienen 1931–1935 zunächst in sechs Bänden und 1958 in den Bänden VII und VIII. Ihre thematische Ordnung zerstörte teilweise den zeitlichen Zusammenhang seines Denkens. Das Peirce Edition Project begann in den 1970er Jahren eine kritische chronologische Ausgabe; bis 2004 erschienen sechs von geplanten etwa 30 Bänden.

Zu Lebzeiten wurde Peirce vor allem als Naturwissenschaftler, Mathematiker und Logiker wahrgenommen. Eine breitere Rezeption setzte nach Morris Raphael Cohens Anthologie Chance, Love and Logic von 1923, den Collected Papers und den Arbeiten von Max Fisch ein. Die Charles Sanders Peirce Society wurde 1946 gegründet, die Transactions of the Peirce Society erscheint seit 1965. In Deutschland förderten seit den 1960er Jahren unter anderem Max Bense, Elisabeth Walther, Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas die Rezeption. Seit den 1990er Jahren wird Peirce in Informatik, Linguistik, Semiotik, Sozialwissenschaften, Literaturtheorie, Mathematik-, Natur- und Religionsphilosophie genutzt.

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