Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Mediengeschichte

Die Mediengeschichte erforscht und beschreibt erstens die Entwicklung verschiedenartiger Medien und die technischen Bedingungen ihrer Entstehung und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Begriffe
  2. 2. Vom Buchdruck zur Massenpresse
  3. 3. Fotografie und Film
  4. 4. Fernkommunikation und Tonmedien
  5. 5. Rundfunk und digitale Medien
  6. 6. Medien als Kräfte historischen Wandels

Gegenstand und zentrale Begriffe

Die Mediengeschichte untersucht die Entwicklung verschiedener Medien, die technischen Bedingungen ihrer Entstehung und Verbreitung sowie ihren Einfluss auf Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Sie ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld der Geschichts-, Kommunikations- und Medienwissenschaften. Meist bezieht sie sich auf Massenmedien: technische Mittel, die Aussagen an ein potenziell unbegrenztes Publikum verbreiten können, ihre Erzeugnisse und die beteiligten Institutionen. Dazu zählen schriftbasierte, visuelle, auditive und digitale Medien ebenso wie Journalismus und Rundfunk. Ihre Verbreitung schuf eine wichtige Voraussetzung für Öffentlichkeit, freie Meinungsäußerung, Kritik und gesellschaftliche Entscheidungsfindung.

Zwei Blickrichtungen sind zentral. Historizität bezeichnet die historische Entwicklung der Medien und ihrer Technik. Medialität meint ihre Nutzung, Wahrnehmung und Wirkung auf historische Entwicklungen und Kommunikationsprozesse. Medien spiegeln Wirklichkeit nicht lediglich wider, sondern sind selbst Teil sozialer Wirklichkeit. Wichtige Forschungsgebiete sind deshalb das Verhältnis von Medien und Politik, Propaganda und Zensur, die Entstehung von Öffentlichkeiten, Medieninhalte, Bildmedien, Mediennutzung, gesellschaftlicher Wandel sowie transnationale Vergleiche.

Vom Buchdruck zur Massenpresse

Die Entwicklung neuzeitlicher Massenmedien begann mit dem Buchdruck. Johannes Gutenbergs um 1440 entwickelte Technik mit beweglichen Lettern und Druckpresse erlaubte es, Texte und Bilder in großer Zahl relativ günstig zu vervielfältigen. Zuvor wurden Bücher vor allem in klösterlichen Skriptorien kopiert. Das gedruckte Wort wurde zum entscheidenden Wissensvermittler und förderte Renaissance, Aufklärung und die Demokratisierung des Wissens. Bücher blieben bis zum 20. Jahrhundert das wichtigste Medium für Wissen und Literatur.

Vorläufer der Zeitung waren ungebundene, nicht regelmäßig erscheinende Flugblätter und Flugschriften. Während der Reformation prägten sie den öffentlichen Konfessionsstreit. Das erste gedruckte periodische Nachrichtenblatt war die im September 1605 in Straßburg erschienene Relation aller Fuernemmen und gedenckwuerdigen Historien; die erste regelmäßig erscheinende Tageszeitung folgte 1650. Vom 18. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Zeitungen das wichtigste Nachrichten- und Meinungsmedium. Im 19. Jahrhundert stiegen ihre Auflagen, und 1843 erschien die erste deutschsprachige Illustrierte. Gedruckte Fotografien kamen Ende der 1880er Jahre hinzu. Die Linotype-Setzmaschine von 1886 beschleunigte die Textherstellung und ermöglichte größere Zeitungsumfänge.

Seit Mitte der 1990er Jahre betreiben die meisten Zeitungen und Magazine Online-Portale; Spiegel Online startete 1994. Kostenlose oder durch Bezahlschranken geschützte Online-Angebote konkurrieren mit bezahlten Druckausgaben. Dies trug zu finanziellen Schwierigkeiten, Zeitungskrise und Zeitungssterben bei.

Fotografie und Film

Bildmedien existieren seit den Höhlenmalereien, gewannen aber erst durch Fotografie und massenhafte Vervielfältigung im 19. Jahrhundert wieder stark an Bedeutung. Fotografien, Karikaturen, Plakate und Ansichtskarten wurden zunehmend verbreitet.

Die Fotografie entstand in Frankreich in den 1820er und 1830er Jahren. Das älteste erhaltene Foto von Joseph Nicéphore Niépce stammt aus dem Jahr 1826; Louis Daguerre entwickelte in den 1830er Jahren Kamera- und Belichtungsverfahren für Metallplatten. Wegen großer, empfindlicher Kameras und minutenlanger Belichtungszeiten gab es zunächst wenige Außen- und Ereignisaufnahmen. Fotografien des Pariser Juniaufstands von 1848 gehören zu den frühesten Bildern historischer Ereignisse. Als erster fotografisch dokumentierter Krieg gilt der Krimkrieg von 1853 bis 1856; von Roger Fenton sind etwa 360 Aufnahmen erhalten. Die Autotypie ermöglichte seit Anfang der 1880er Jahre den massenhaften Fotodruck. In den 1920er Jahren setzte sich der Kleinbildfilm mit 2,4 × 3,6 cm großen Negativen durch. Handliche Kameras förderten Schnappschüsse und den Fotojournalismus; ein bekanntes Pressebild zeigt die Explosion des Zeppelins Hindenburg 1937.

Eadweard Muybridge machte in den 1870er Jahren Bewegungen durch Chronofotografie sichtbar. 1895 führten Max und Emil Skladanowsky in Berlin sowie die Brüder Lumière in Paris erste kurze Filme öffentlich vor. Mit Die Reise zum Mond erschien 1902 ein 16-minütiger früher Science-Fiction-Film. Kinos entstanden im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts; ab 1912 entwickelten sich Filmindustrien in Hollywood und Potsdam-Babelsberg. The Jazz Singer war 1927 der erste abendfüllende Tonspielfilm. Anfang der 1930er Jahre setzte sich der Tonfilm in Deutschland durch. Der erste kurze Farbfilm stammt von 1901, der erste Farbspielfilm Becky Sharp kam Mitte der 1930er Jahre ins Kino.

Fernkommunikation und Tonmedien

Samuel F. B. Morses Schreibtelegraf von 1837 leitete die elektrische Telekommunikation ein. Mit dem Morsecode ließen sich Telegramme schnell über große Entfernungen senden. Bis 1850 entstand ein europäisches Telegrafennetz; Nachrichtenagenturen übernahmen Versand und Weiterleitung. Eine regelmäßige transatlantische Verbindung bestand ab 1866, um 1870 waren große Teile der Erde verkabelt. Nachrichten konnten nun statt nach Wochen innerhalb von Minuten oder Stunden eintreffen. Die um 1900 entwickelte drahtlose Telegrafie wurde zum Wegbereiter des Rundfunks.

Johann Philipp Reis demonstrierte 1861 ein frühes Telefon; Alexander Graham Bell stellte 1876 das erste einsatzfähige Gerät vor. Telefonnetze wurden seit den 1880er Jahren ausgebaut, die Zahl der Anschlüsse stieg aber erst nach dem Ersten Weltkrieg stark. Seit 1927 entstanden zahlreiche Telefonzellen. In Westdeutschland gab es bis zu 130.000; 2023 wurden die letzten abgeschaltet. Analoge Mobiltelefone blieben wegen Größe und Kosten selten. Mit digitalen Mobilfunknetzen ab 1992 wurden Mobiltelefone zum Massenmedium für Gespräche und SMS, später auch internetfähig. Ihr Anteil in der deutschen Bevölkerung stieg von 11 Prozent 1998 auf 93 Prozent 2013.

Édouard-Léon Scott de Martinville zeichnete 1860 erstmals Schall auf, konnte ihn jedoch nicht wiedergeben. Thomas Alva Edisons Phonograph von 1877 nahm Ton mit einer Nadel auf einer verzinnten Walze auf und spielte ihn wieder ab. Die Schellackplatte von 1896 wurde bis in die 1980er Jahre zum wichtigsten Tonträger; seit den 1930er Jahren ersetzte Vinyl das zerbrechlichere Material. Die Kompaktkassette von 1963 erlaubte eigene Aufnahmen, der Walkman von 1979 mobiles Hören. Die Compact Disc leitete Anfang der 1980er Jahre die digitale Tonwiedergabe ein und verdrängte in den 1990er Jahren weitgehend die Schallplatte. MP3-Player speicherten seit Beginn des 21. Jahrhunderts je nach Kapazität Tausende Titel, während CDs 75 Minuten Abspielzeit boten. Seit den 2010er Jahren wird Musik zunehmend über das Internet statt auf physischen Datenträgern vertrieben.

Rundfunk und digitale Medien

Die erste Hörfunksendung wurde 1906 in den USA ausgestrahlt. In Deutschland sendete die Reichspost am 22. Dezember 1920 ein nur in Berlin empfangbares Weihnachtskonzert; 1923 begann das erste regelmäßige Radioprogramm. In den 1930er Jahren wurde das Radio zum Massen- und Leitmedium. Damit löste es die seit dem 17. Jahrhundert vorherrschende Zeitung ab. Das Fernsehen übernahm diese Rolle in den 1960er Jahren, digitale Medien seit den 2000er Jahren.

Einsatzfähige Fernseher entstanden in den 1920er Jahren. Das erste regelmäßige Fernsehprogramm weltweit begann 1935 im nationalsozialistischen Deutschland, erreichte wegen der wenigen Geräte aber kaum Publikum. In den 1950er Jahren wurde das Fernsehen zum Massenmedium; die Krönung Queen Elizabeths 1953 und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 förderten den Geräteverkauf. Zur ARD kamen 1963 das ZDF, danach dritte Programme und in den 1980er Jahren private Sender. Farbfernsehen wurde 1967 eingeführt. In der DDR startete 1969 ein zweiter Sender.

Konrad Zuses zwischen 1938 und 1941 entwickelte Zuse Z3 gilt als erster funktionsfähiger Computer; der Artikel bezeichnet den 1944 von amerikanischen Militärs entwickelten ENIAC als ersten elektrisch betriebenen Computer. Heim- und Personal Computer verbreiteten sich seit den frühen 1980er Jahren, zunächst besonders für Spiele, später unter anderem zur Textverarbeitung. Das Internet beschleunigte ihre Verbreitung in den 1990er Jahren.

Die Anfänge des Internets reichen bis 1969 zurück. Das 1989 am CERN entwickelte World Wide Web und der Browser Mosaic, mit dem Privatpersonen ab 1993 online gehen konnten, führten zum heutigen Internet. Mitte der 1990er Jahre wurde es zum Massenmedium. Die erste E-Mail in Deutschland wurde 1984 verschickt; 2019 waren es weltweit täglich rund 245 Milliarden. Das Web 2.0 ermöglicht seit Beginn des 21. Jahrhunderts eigene Veröffentlichungen, etwa in der 2001 gegründeten Wikipedia. Seit ungefähr 2005 verbreiteten sich soziale Medien wie Facebook und Twitter. KI-gestützte Dialogsysteme zur Textgenerierung stellen neue mediengeschichtliche Herausforderungen dar.

Smartphones existierten seit Mitte der 1990er Jahre und wurden ab 2007 zum Massenprodukt. Sie vereinen Lesen, Telefonie, Nachrichten, Foto, Film, Ton, Fernsehen, Radio und Internet. Diese Verbindung verschiedener Medienformate in einem Gerät heißt Intermedialität.

Medien als Kräfte historischen Wandels

Medien und Geschichte beeinflussen sich gegenseitig. Während der Amerikanischen Revolution von 1763 bis 1776 griffen Zeitungen aktiv in die Ereignisse ein; Pressefreiheit wurde in der Virginia Declaration of Rights und später in der US-Verfassung verankert. In der Französischen Revolution entstanden anfangs jährlich mehr als 300, oft kurzlebige Zeitungen und Zeitschriften. Unter der Jakobinerherrschaft und besonders unter Napoleon Bonaparte wurde die Pressefreiheit wieder eingeschränkt. In den deutschen Ländern unterstützten Zeitungen Nationalismus und Liberalismus, mobilisierten gegen Napoleon und wurden nach 1819 durch die Karlsbader Beschlüsse streng zensiert. Die Revolution 1848/1849 brachte nur ein kurzes Wiederaufleben des Journalismus.

Die elektrische Telegrafie beschleunigte im Zeitalter des Imperialismus Globalisierung und koloniale Herrschaft. Um 1870 waren alle Kontinente außer Afrika an Telegrafennetze angeschlossen; um 1880 entstand auf britisches Betreiben eine durchgehende Verbindung bis Südafrika. Die teure Technik unterstützte Weltwirtschaft und militärische Kontrolle. Seit den 1850er Jahren vermittelten Nachrichten- und Presseagenturen die Telegramme; in den 1910er Jahren wurden große Kolonialgebiete auch drahtlos erschlossen.

Im Nationalsozialismus wurden Presse, Rundfunk und Film für Propaganda vereinnahmt. Am 13. März 1933 entstand unter Joseph Goebbels das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Die Gleichschaltung zerschlug die pluralistische Presse und zentralisierte Presse und Rundfunk, sodass kein freier politischer Meinungsaustausch mehr bestand. Preiswerte Volksempfänger förderten das Radio: Die Zahl der Geräte stieg von 4,5 Millionen 1933 über 9 Millionen 1938 auf 16 Millionen 1943. Politische Reden sollten gemeinschaftlich gehört werden und die nationalsozialistische Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“ stützen. Weil ein überwiegend politisches Programm wenig erfolgreich war, erhöhte Goebbels ab 1934 den Musikanteil. Juden durften seit September 1939 keine Radios besitzen.

Museen der Museumsstiftung Post und Telekommunikation dokumentieren Kommunikations- und Mediengeschichte in Berlin, Frankfurt am Main und Nürnberg.

Weiterlesen

Kameramann Der deutsche Begriff Kameramann oder Kamerafrau umfasst unterschiedliche Berufe, die sich wie folgt abgrenzen lassen: Tätigkeit bei „Laufbildern“ (im Sinne des … Geschichtswissenschaft Die Geschichtswissenschaft ist die methodisch gesicherte Erforschung und Rekonstruktion von Aspekten der Menschheitsgeschichte oder Geschichte auf der Basis … Öffentlichkeit Öffentlichkeit ist der Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in dem Menschen zusammenkommen, um Probleme zu besprechen, die in politischen Prozessen gelöst … Literaturwissenschaft In der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft werden theoretische Grundlagen und Methoden zur Untersuchung und Interpretation literarischer und nicht- … Cultural turn Der Cultural turn beinhaltet im Wesentlichen eine Abkehr vom Begriffsverständnis der „Kultur“ als Hochkultur der Eliten und der wertvollen Momente hin zu einer … Propaganda Propaganda (von lateinisch propagare, „weiter ausbreiten“, „ausbreiten“, „verbreiten“) bezeichnet in ihrer modernen Bedeutung zielgerichtete Versuche, … Visual History Visual History ist eine Historische Hilfswissenschaft und zeichnet sich durch einen breiten, interdisziplinären Zugang zum Visuellen in der Geschichte aus. Sie … Geschichte des Buchdrucks Die Geschichte des Buchdrucks beginnt in China. Die ältesten gedruckten Bücher wurden in Ostasien, wie später auch in Europa, im Blockdruckverfahren … Buchdruck 1 Geschichte des Buchdrucks. 1.1 Früher Buchdruck in Asien; 1.2 Johannes Gutenberg; 1.3 Ausbreitung des Buchdrucks · 2 Technik der klassischen Buchdruckkunst. Computer Ein Computer (englisch; deutsche Aussprache [kɔmˈpjuːtɐ]) oder Rechner ist ein Gerät, das mittels programmierbarer Rechenvorschriften Daten verarbeitet. Geschichte des Computers Das früheste Gerät, das in rudimentären Ansätzen mit einem heutigen Computer verglichen werden kann, ist der Abakus, eine mechanische Rechenhilfe, die … Internet Mit Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder YouTube trat das bidirektionale Austauschen von Inhalten unter den Nutzern (sogenanntem user …