Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Liste von Helvetismen
Als Helvetismus (neulateinisch Helvetia ‹Schweiz› und -ismus) bezeichnet die deutsche Sprachwissenschaft zwei miteinander nicht direkt verwandte Phänomene:.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Einordnung
Ein Helvetismus ist in der deutschen Sprachwissenschaft eine sprachliche Besonderheit, die typisch für das Schweizer Hochdeutsch ist. Der Begriff hat zwei Bedeutungen: In der Variationslinguistik meint er Wörter, Formen oder Ausdrücke, die in der Schweiz üblich sind, aber nicht im gesamten deutschen Sprachgebiet. Daneben kann er Wörter bezeichnen, die ursprünglich aus dem Deutschschweizer Sprachgebiet stammen und später ins Gemeindeutsche übernommen wurden, etwa Müsli oder Putsch.
Ulrich Ammon unterscheidet drei Typen: Ein spezifischer Helvetismus kommt nur in der Schweiz vor, zum Beispiel Morgenessen oder Traktandum. Ein unspezifischer Helvetismus kommt in der Schweiz und in Teilen des übrigen deutschen Sprachraums vor, etwa Abgeltung in der Schweiz und Österreich oder Fahrzeuglenker in der Schweiz, Österreich und Süddeutschland. Ein Frequenzhelvetismus ist in der Schweiz deutlich häufiger als anderswo, zum Beispiel kassenpflichtig, Jungmannschaft oder Kochbutter.
Helvetismen betreffen nicht nur einzelne Wörter, sondern auch Wortbildung, Wortbeugung, Satzbau, Rechtschreibung und Aussprache. Die in Wörterbüchern zum Schweizerhochdeutschen verzeichneten Helvetismen gehören zur Schweizer Standardsprache, wenn sie in der Schweiz als angemessen und korrekt gelten. Manche alemannisch geprägten Wörter sind dagegen eher mundartnah und gelten als Grenzfälle des Standards. Für das Variantenwörterbuch des Deutschen von 2016 wurden drei Kriterien genannt: Häufigkeit in Modelltexten, Einschätzung von Sprachexperten und Auftreten in aktuellen Nachschlagewerken.
Wichtige Ursachen sind die Eigenständigkeit der Schweiz und ihrer Kantone mit eigener Rechts- und Verwaltungssprache, die Zugehörigkeit zum alemannischen Sprachraum sowie die Mehrsprachigkeit der Schweiz. Darum gibt es Einflüsse aus dem Schweizerdeutschen, aus dem Französischen, etwa Poulet und Coiffeur, und in der Sportsprache auch ältere englische Ausdrücke wie Goalie oder Penalty. Vergleichbare nationale Besonderheiten sind Austriazismen, Belgizismen und Teutonismen.
Wortschatz und Sachbereiche
Der Wortschatz bildet den umfangreichsten Bereich der Helvetismen. Manche Wörter bezeichnen Dinge, für die es keinen gemeindeutschen Ausdruck gibt; andere stehen neben einem gemeindeutschen Wort oder ersetzen es. Einige Wörter haben zusätzlich eine besondere schweizerische Bedeutung.
In Küche und Alltag finden sich sehr viele Beispiele: Apéro bedeutet Aperitif oder Umtrunk, Baumnuss Walnuss, Beiz informell Kneipe, Gipfeli Hörnchen oder Croissant, Glace Speiseeis, Poulet Huhn als Speise, Rahm Sahne, Rande rote Bete, Rüebli Karotte, Teigwaren Nudeln, Znüni eine Zwischenmahlzeit am Vormittag und Zvieri eine Zwischenmahlzeit am Nachmittag. Im Haushalt heissen Hausmeister Abwart, Dachboden Estrich oder Winde, Hausschuhe Finken, Abfall Kehricht, Waschbecken Lavabo, Kochtopf Pfanne, Teppichboden Spannteppich und umziehen zügeln.
Auch Handel, Verkehr, Schule, Politik und Verwaltung haben eigene Wörter. Beispiele sind Detailhandel für Einzelhandel, Offerte für Angebot, Pendenz für unerledigter Vorgang, Traktandum für Tagesordnungspunkt, parkieren für parken, Führerausweis für Führerschein, Velo für Fahrrad, Billet für Fahrkarte, Perron für Bahnsteig, Tram für Strassenbahn, Kantonsschule oder Kanti für kantonale Mittelschule, Matur oder Matura für Abitur und Schulreise für Klassenfahrt. In Politik und Recht stehen etwa Departement für Ministerium oder Abteilung, Einwohnerkontrolle für Einwohnermeldeamt, Identitätskarte oder ID für Personalausweis, Regierungsrat für Regierung in den meisten Kantonen, Stimmbürger für Wahlberechtigter und Vernehmlassung für eine Umfrage bei Parteien und Verbänden zu einem Gesetzesprojekt.
Andere Sachbereiche zeigen ähnliche Unterschiede: Fasnacht entspricht Karneval oder Fasching, Götti und Gotte bedeuten Pate und Patin, Alp bedeutet Alm, Bise einen kalten, trockenen Nordostwind, Tobel eine Schlucht. Im Sport sind Match, Goal, Goalie, Penalty, Offside und Nati typisch. Im Gesundheitswesen heissen Krankenhaus Spital, Notaufnahme Notfallstation und häusliche Pflege durch Fachpersonal Spitex. Einige Wörter haben in der Schweiz besondere Zusatzbedeutungen: Aktion kann Sonderangebot bedeuten, Beilage die Anlage eines Briefes, Quartier ein Stadtviertel, Sack eine Tüte, sprechen im Zusammenhang mit Geld bewilligen und stimmen seine Stimme abgeben.
Redewendungen und Konstruktionen
Helvetismen umfassen auch feste Redewendungen und besondere Konstruktionen. Beispiele sind mit abgesägten Hosen dastehen für den Kürzeren gezogen haben, von Auge für mit blossem Auge, in den Ausgang gehen für ausgehen, Einsitz nehmen für Mitglied in einem Gremium werden, weder Fisch noch Vogel für weder Fisch noch Fleisch, Handgelenk mal Pi für Pi mal Daumen, Herr und Frau Schweizer für Durchschnittsschweizer, zu reden geben für Gesprächsstoff sorgen, es streng haben für viel zu tun haben und der Zwanziger ist gefallen für verstanden haben.
Typische Konstruktionen sind es nimmt jemanden wunder, ob für es interessiert jemanden, ob; Gelder sprechen für Geld bewilligen; am Radio oder am Fernsehen statt im Radio oder im Fernsehen; Sorge tragen zu jemandem oder etwas für sich kümmern; Ende Woche, Ende Monat, Ende Jahr statt Ende der Woche, des Monats oder des Jahres; bis und mit für bis einschliesslich; es hat noch Bier im Keller für es gibt noch Bier im Keller; und ich habe kalt für mir ist kalt.
Daneben gibt es schweizerische Sachspezifika, also Wörter für Gegenstände, Einrichtungen oder Bräuche, die ausserhalb der Schweiz oft nicht bekannt sind. Dazu gehören in der Küche Älplermagronen, Basler Läckerli und Kaffee fertig, in der Politik Gemeindeversammlung, Halbkanton, Initiative, Landsgemeinde, Ständerat und Ständemehr, in der Volkskultur Hornussen, Jass, Schwingen und Schwinget sowie in der Natur die Bise.
Aussprache
Die Aussprache des Schweizer Hochdeutschen ist stark vom jeweiligen schweizerdeutschen Basisdialekt geprägt. Es gibt Empfehlungen für eine gepflegte Standardaussprache in der Schweiz, die weder stark deutschländisch noch stark schweizerdeutsch sein soll; die Darstellung im Artikel beschreibt aber vor allem den tatsächlichen Gebrauch.
Auffällig ist oft eine andere Betonung. Viele Wörter werden in der Schweiz auf der ersten Silbe betont, darunter Hellebarde, Hornisse, viele Fremdwörter wie Asphalt, Apostroph, Balkon, Billet, Budget, Büro, Filet, Garage, Labor, Penalty und Portemonnaie, ausserdem Zusammensetzungen wie Genfersee, Schweizerfahne oder Schweizervolk. Buchstabierte Abkürzungen wie CD, WC oder FDP werden nicht auf dem letzten, sondern auf dem ersten Buchstaben betont. Manche Wörter werden dagegen auf der letzten Silbe betont, etwa Neujahr, Motor, Orient und Traktor. Einzelne Betonungen können dialektabhängig sein, zum Beispiel Kiosk.
Bei den Lauten gibt es mehrere typische Merkmale. Die Auslautverhärtung wird nicht durchgeführt, sodass Rad und Rat verschieden ausgesprochen werden. Doppelt geschriebene Konsonanten werden oft lang gesprochen; ch am Wortanfang wird als [x] ausgesprochen, etwa in Chur, China oder Chemie. Die Endung -ig wird als [-ɪg̊] artikuliert. In weiten Teilen der Schweiz überwiegt das gerollte Zungenspitzen-r, und r wird nicht vokalisiert: Vater endet also mit hörbarem r. Stimmhaftes [z] ist unüblich; stattdessen wird stimmloses [s] gesprochen. Oft fehlt der Glottisschlag, sodass Wörter verbundener klingen. Beim Tonfall wird dem Schweizer Hochdeutsch ein «singender» Akzent zugeschrieben: Die betonte Silbe wird nicht nur lauter, sondern auch durch eine deutliche Veränderung der Tonhöhe markiert.
Orthographie und Grammatik
In der Rechtschreibung unterscheidet sich das Schweizer Hochdeutsche besonders durch das Fehlen des Eszetts. Auch nach langem Vokal oder Diphthong wird ss geschrieben, zum Beispiel ausser, bloss, reissen und Masse, sowohl für «Masse» als auch für «Maße». Diese Entwicklung begann im 19. Jahrhundert mit der Umstellung von Fraktur auf Antiqua; im Kanton Zürich wurde das ß 1935 in den Schulen abgeschafft, später folgten die anderen Kantone. Die Neue Zürcher Zeitung verwendete es noch bis 1974. Umlaute am Wortanfang werden in schweizerischen Eigennamen oft als Ae, Oe und Ue geschrieben, etwa Aebi, Oerlikon und Uetliberg.
Französische und italienische Lehnwörter werden oft in ihrer ursprünglichen Form geschrieben, zum Beispiel Spaghetti. Weitere Unterschiede sind Bretzel gegenüber Brezel, Müesli gegenüber Müsli und Ziger gegenüber Zieger. Ableitungen auf -er werden häufig mit dem folgenden Substantiv zusammengeschrieben, wenn eine Bedeutungseinheit entsteht, zum Beispiel Genfersee, Schweizerfranken, Schweizerpsalm oder Bündnerfleisch. Als Dezimaltrennzeichen gilt grundsätzlich das Komma; bei Geldbeträgen steht ein Punkt zwischen Währungseinheit und Untereinheit. Als Tausendertrennzeichen werden Hochkommata oder Festabstände verwendet, etwa 8'419'550 oder 8 419 550.
Grammatisch gibt es abweichende Genera, Pluralformen und Konstruktionen. Beispiele sind der Drittel und der Viertel statt das Drittel oder das Viertel, die Spargel, das E-Mail, das SMS und das Tram. Plurale sind etwa Gurten, Spargeln, Departemente, Pärke und Konti. Nach Verben und Präpositionen kann der Kasus anders sein: jemanden anfragen statt bei jemandem anfragen; Rabatt auf allen Artikeln mit Dativ; dank seinen guten Kenntnissen und trotz dem schlechten Wetter ebenfalls mit Dativ. Die Präposition an steht teilweise dort, wo sonst auf üblich ist, etwa am Wochenmarkt oder an der Versammlung. Auffällig sind auch Sätze wie Gut, gibt es Schweizer Bauern oder Ich bin froh, sind Sie noch da, bei denen der Nebensatz ohne dass steht.
Ausbreitung ins Gemeindeutsche
Einige Ausdrücke aus dem Schweizer Sprachraum haben sich im gesamten deutschen Sprachgebiet verbreitet. Häufig benennen sie Besonderheiten aus Natur, Küche oder Politik, die zusammen mit der Sache selbst bekannter wurden.
Aus dem Bereich Natur stammen unter anderem Flysch, Gletscher, Lärche, Lawine, Murmeltier und Senn. Politische Wörter sind Putsch, Reichsdeutsche, Schuldenbremse, Überfremdung und Vignette. Putsch geht auf putschen im Sinn von stossen zurück und wurde im 19. Jahrhundert durch Aufstände in mehreren Kantonen geprägt; in Deutschland wurde es besonders durch den Kapp-Putsch bekannt. Die Schuldenbremse wurde in der Schweiz 2001/2003 eingeführt und 2009/2011 auch in Deutschland übernommen.
Aus der Küche wurden Bündnerfleisch, Cordon bleu, Fondue, Müsli, Raclette und Rösti gemeindeutsch bekannt. Bei Müsli ist wichtig, dass die gemeindeutsche Form zur leichteren Aussprache eingedeutscht wurde; in der Schweiz heisst es Müesli [myəslɪ], während schweizerdeutsch Müsli [myːslɪ] «Mäuslein» bedeutet. Weitere verbreitete Wörter sind Heimweh, unentwegt, selbständigerwerbend, degustieren, Gondelbahn und Urnengang.