Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Liste rechtsextremer Kampfbegriffe

Neutrale Begriffe, die im rechtsextremen Milieu eine andere Denotation oder Konnotation haben als im hegemonialen Diskurs oder gezielt gemäß der eigenen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Zweck und Grundmuster
  2. 2. Feindbilder und Verschwörungserzählungen
  3. 3. Rassismus, Antisemitismus und Migration
  4. 4. Volk, Nation und Identität
  5. 5. Geschichte und Erinnerung
  6. 6. Organisation, Gewalt und Mobilisierung

Zweck und Grundmuster

Die Liste beschreibt Begriffe, die im rechtsextremen und populistischen Diskurs als Kampfbegriffe, Codes oder Umdeutungen verwendet werden. Ein zentrales Ziel ist die sogenannte Metapolitik: Rechtsextreme Positionen sollen in einem gemäßigt oder akademisch wirkenden Vokabular in die gesellschaftliche Mitte getragen und dort diskursfähig gemacht werden.

Die Begriffe lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: erstens Schlagwörter, die vor allem im populistischen und rechtsextremen Milieu genutzt werden; zweitens Begriffe, die von dort in den breiteren öffentlichen Diskurs gelangt sind; drittens ursprünglich neutrale Begriffe, die im rechtsextremen Milieu eine andere Denotation oder Konnotation erhalten. Denotation meint die Grundbedeutung eines Wortes, Konnotation die mitschwingende Nebenbedeutung.

Viele Begriffe verschieben Verantwortlichkeiten, bauen Feindbilder auf oder deuten demokratische, wissenschaftliche und menschenrechtliche Positionen als Unterdrückung um. Häufig werden Euphemismen genutzt, also beschönigende Ausdrücke, etwa wenn rassistische oder antisemitische Vorstellungen nicht offen ausgesprochen, sondern über Codes wie „Globalisten“, „Ostküste“, „USrael“ oder „ZOG“ angedeutet werden.

Feindbilder und Verschwörungserzählungen

Mehrere Begriffe richten sich gegen angebliche innere oder äußere Feinde. „68er“ bezeichnet im Rechtsextremismus ein zentrales Feindbild: Akteure und Projekte der 1960er Jahre, die autoritäre Strukturen in Gesellschaft, Staat und Familie aufbrechen und eine Aufarbeitung der Verantwortung deutscher Eliten für den Nationalsozialismus forderten. Der Artikel beschreibt dabei auch antisemitische Bezüge, etwa über Verweise auf jüdische Protagonisten der Frankfurter Schule.

Begriffe wie „Elite“, „Establishment“, „Einheitspartei“, „Altpartei“, „System“, „Systemzeit“, „Systempartei“ oder „Tiefer Staat“ stellen demokratische Parteien, Institutionen, Medien, Wissenschaft und Verwaltung als angeblich geschlossenen Machtblock dar. In dieser Sicht arbeiteten sie gegen „das Volk“ und verhinderten dessen angeblichen Willen. „Systemzeit“ war schon in der nationalsozialistischen Sprache eine abwertende Bezeichnung für die demokratisch-pluralistische Zeitspanne von 1918 bis 1933. Der Gegenentwurf ist im Artikel eine autoritäre Regierungsform wie Notstandsdiktatur oder Führerstaat.

Auch „Lügenpresse“, „Meinungsdiktatur“, „Tugendterror“ und „Political Correctness“ dienen laut Artikel dazu, Journalismus, Kritik und demokratische Auseinandersetzung abzuwerten. Rechtsextreme und revisionistische Inhalte werden dabei als notwendige Tabubrüche dargestellt. Rassistische oder sexistische Untertöne werden geleugnet, um die „Grenze des Sagbaren“ zu verschieben.

Verschwörungserzählungen spielen eine große Rolle. „Kulturmarxismus“ behauptet besonders in den USA, jüdische Marxisten der Frankfurter Schule hätten Kultur, Medien, Schulen, Wirtschaft und Regierungssysteme übernommen, um Christentum, Familie und Nation zu untergraben. „Tiefer Staat“ beschreibt ein angebliches dunkles Netzwerk mächtiger Personen, das Politik heimlich kontrolliere; populär wurde die englische Form „Deep State“ besonders durch Donald Trump. „Pizzagate“ wird als Beispiel genannt.

Rassismus, Antisemitismus und Migration

Ein großer Teil der Begriffe bezieht sich auf Migration, Islam, Judentum und rassistische Ordnungsvorstellungen. „Überfremdung“ war ein zentraler Topos der NSDAP in ihrem 25-Punkte-Programm und wurde nach 1945 unter anderem durch die NPD wieder in ausländerfeindliche Debatten eingebracht. Verwandte Motive sind „Umvolkung“, „Großer Austausch“, „Great Reset“ und „Bevölkerungsaustausch“. In der Mitte-Studie 2024/25 stimmten knapp 7 % der Befragten der Aussage zu: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“

„Islamisierung“ bezeichnet im Artikel eine angsterzeugende Verschwörungserzählung. Danach breite sich der Islam in Europa aus und ersetze eine christlich-westliche Gesellschaft. Als angebliche Belege werden unter anderem Kopftuchstreit, muslimischer Religionsunterricht und Schweinefleischdiskussionen an Schulen genannt. „Abendland“ wird in diesem Zusammenhang als jüdisch-christliches oder pagan-heidnisches Siedlungsgebiet beschrieben, das gegen eine gezielte Islamisierung verteidigt werden müsse; ein Höhepunkt der Verwendung war ab 2014 Pegida, die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

„Remigration“ ist ein aus der Wissenschaft übernommener Begriff, der im rechtsextremen Kontext eine andere Bedeutung erhält: Er meint dort laut Artikel die Vertreibung Nichtdeutscher, deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund und deutscher Staatsbürger nichtrechter Weltanschauung. Nach einer Machtübernahme sollten Menschen, die nicht zum Ideal eines „einheitlichen“ Volks passen, sortiert, unter Zwang ausgewiesen und gewaltsam deportiert werden.

Antisemitische Codes und Begriffe sind zentral. Offen genutzte Wörter wie „Jude“, „jüdisch“ oder „verjudet“ erscheinen seltener, nicht wegen fehlenden Antisemitismus, sondern wegen rechtlicher und taktischer Einschränkungen nach der Shoah, unter anderem wegen § 130 StGB zur Volksverhetzung. Stattdessen treten Euphemismen auf: „Globalisten“, „Ostküste“, „USrael“ und „Zionist Occupied Government“ beziehungsweise „ZOG“ stehen für Vorstellungen eines angeblich jüdisch kontrollierten globalen Finanz- oder Regierungssystems. „Antisemitismuskeule“ oder „Auschwitzkeule“ dienten dazu, Kritik an Antisemitismus als moralischen Angriff darzustellen; Martin Walser sprach 1988 von Auschwitz als „Moralkeule“. Der Artikel nennt dies schuldabwehrenden Antisemitismus.

Weitere abwertende oder rassistische Begriffe sind „Asylindustrie“ für Organisationen der Geflüchtetenhilfe, „Fachkräfte“ oder „Goldstück“ als sarkastische Chiffren nach Straftaten von Menschen mit Migrationshintergrund, „Ausländerfrei“ als Unwort des Jahres 1991 mit Bezug zum NS-Terminus „judenfrei“, sowie „Zigeuner“, das rechte bis rechtsextreme Organisationen als angeblich korrekte Bezeichnung darstellen, obwohl damit besonders Roma marginalisiert und mit Vorurteilen wie „Delinquenz“ und „Nomadisieren“ verbunden werden.

Volk, Nation und Identität

Der Begriff „Volk“ ist laut Artikel Kernbegriff und kulturell-ideologische Basis des Rechtsradikalismus und seiner völkischen Denkart. Das Volk wird als beseelter, kollektiver Organismus verstanden, der angeblich auf bio-ethnisch-kulturellen Grundlagen beruht. Das Individuum soll sich diesem Volk mit Arbeit, Sexualität, Fortpflanzung, Konsum und Kultur unterordnen.

Damit verbunden sind Begriffe wie „Nation“, „Volksgemeinschaft“, „Gemeinschaft“, „Heimat“, „Natur“, „Raum“, „Souveränität“ und „Identität“. „Nation“ wird im rechtsextremen Sinn als Gemeinschaft autochthoner Bewohner mit gemeinsamem Ursprung, Kultur und Sprache verstanden; Menschen, die nicht als eingeboren deutsch gelten, werden als „Passdeutsche“ ausgeschlossen. „Volksgemeinschaft“ bezeichnet eine gewünschte Gesellschaft auf Grundlage rassischer Kriterien und völkischer Lehre; sie bereitet Ausgrenzung „artfremder“ und anders denkender Menschen vor.

„Ethnopluralismus“ ist laut Artikel ein Euphemismus der Neuen Rechten für Rassismus. Der belastete Begriff „Rasse“ wird durch „Ethnie“ ersetzt, der positiv klingende Begriff „Pluralismus“ durch „Völkervielfalt“ eingebunden. Die Idee wurde von Henning Eichberg erdacht. Ähnlich funktioniert „Kultur“ oder „kulturelle Identität“ im Kulturalismus: Kultur wird als politisch kaum überwindbare Schranke dargestellt, wodurch Unterschiede naturalisiert oder biologisiert werden.

„Heimat“ kann unterschiedlich verwendet werden, ist aber auch Name der NPD-Nachfolgeorganisation „Die Heimat“. Begriffe wie „Heimatbewegung“ und „Heimatschutz“ haben im Artikel eindeutige völkische oder rechtsextreme Bezüge; genannt werden unter anderem Märkischer Heimatschutz, Thüringer Heimatschutz und Der III. Weg. „Natur“ erscheint im völkischen Sinn als Einheit einer autochthonen Bevölkerung und ihres Siedlungsgebiets; der Artikel verbindet dies mit Blut-und-Boden-Ideologie, Autarkievorstellungen und der völkischen Siedlungsbewegung.

Geschichte und Erinnerung

Viele Kampfbegriffe beziehen sich auf Nationalsozialismus, Shoah, Zweiten Weltkrieg und Erinnerungskultur. „Schuld-Kult“ ist ein geschichtsrevisionistisches Schlagwort, das deutsche Erinnerungskultur an Nationalsozialismus und Shoah lächerlich machen soll. Der Gesellschaft wird vorgeworfen, sie beschäftige sich nur mit dem Nationalsozialismus, um „die Deutschen“ daran zu hindern, die eigene Nation positiv zu sehen. Der Begriff wurde zuerst in den 1980er Jahren von Franz Schönhuber genutzt und in den 2010er Jahren von den Identitären und der AfD aufgegriffen.

„Kollektivschuld“ erscheint im Zusammenhang mit Holocaustleugnung, Schlussstrichdebatte und Siegerjustiz-Narrativ. Nach 1945 wurden Reeducation-Programme der Alliierten, die Demilitarisierung Deutschlands und Reparationen für deutsche Kriegsschäden delegitimiert. „Nazi-Keule“ relativiert Verbrechen und stellt Kritik an rechten Positionen als ungerechtfertigtes Tabu dar. „Bombenholocaust“, von David Irving verbreitet, wird mit „Luftkriegsterror“ verbunden und relativiert laut Artikel die Shoah, während vorherige deutsche Bombenangriffe ausgeblendet werden.

„Nationaler Sozialismus“ wurde historisch verschieden verwendet und war nicht immer ein Hinweis auf den Nationalsozialismus. Seit 1920 und besonders wegen des Verbots von Wiederbetätigung und Verherrlichung des NS dient der Ausdruck laut Artikel heute als nicht verbotener synonymer Begriff, außerdem seit 1976 in Anlehnung an die SA Ernst Röhms und zur Etablierung einer Querfront. „Heldengedenken“ ersetzt in der Neonazi-Szene den Volkstrauertag und verbindet Soldatenehrung, Soldatentum, Gewalt und traditionelle Folklore, etwa beim Rudolf-Heß-Gedenkmarsch.

Organisation, Gewalt und Mobilisierung

Einige Begriffe beschreiben rechtsextreme Organisation, Mobilisierung und Gewaltbereitschaft. „Kameradschaft“, auch „Freie Kräfte“, „Freie Nationalisten“ oder „Freie Kameradschaften“, ist eine Selbstbezeichnung loser Personenzusammenschlüsse im militantesten und gewalttätigsten neonazistischen Spektrum. Ohne feste Organisation mit registrierten Mitgliedern, Satzung und Vorstand können Verbotsversuche leichter abgewehrt werden. Das Konzept wurde in den 1990er Jahren nach Verboten rechtsextremer Vereinigungen wie FAP, Nationalistische Front oder Wiking-Jugend entwickelt; Thomas Wulff propagierte eine „Organisierung ohne Organisation“. Der Verfassungsschutz ging in den 2020er Jahren von mehreren hundert solcher Gruppen aus.

„Boogaloo“ steht als aus den USA stammendes Synonym für Bürgerkrieg. Der Artikel beschreibt weltweit verbundene, in Europa besonders in Ostdeutschland und den Niederlanden verbreitete „Terrorgram“-Chatgruppen. Die Ideologie des „Militanten Akzelerationismus“ zielt darauf, die Zerstörung eines als im Abstieg empfundenen Westens durch Anschläge auf LGBTQ, Muslime und Juden zu beschleunigen. Für die Mitte der 2020er Jahre wird dies als dominanteste Strömung des Rechtsterrorismus beschrieben; Ziel sei nicht zwingend eine besonders hohe Opferzahl, sondern hohe mediale Aufmerksamkeit.

Weitere Begriffe senken nach Darstellung des Artikels Hemmungen gegenüber Gewalt oder grenzen Gegner aus. „Demokröte“, „Polit-Made“ und „Zecke“ dienen der Dehumanisierung, also der sprachlichen Entmenschlichung politischer Gegner. „Volksverrat“ grenzt Andersdenkende aus, indem die Rechte behauptet, für „das deutsche Volk“ und die „Volksgemeinschaft“ zu sprechen. „National befreite Zone“ bezeichnet Gegenden, in denen Rechtsextreme behaupten, Verhalten und Lebensweisen bestimmen zu können; Andersdenkende oder als „fremd“ Definierte sollen dort durch Angst und Gewalt vertrieben werden. „Widerstand“ wird in Parolen wie „Hier marschiert der nationale Widerstand“ genutzt und mit Artikel 20 IV des Grundgesetzes verbunden, um den Eindruck rechtmäßiger Gegenwehr gegen eine angeblich rechtswidrige Staatsgewalt zu erzeugen.

Weiterlesen

Denotation Denotation steht einerseits für eine neutrale Bedeutung (als Grundbedeutung) und damit für den inhaltlichen Kern eines Wortes, im Unterschied zur Konnotation. Konnotation Richtig erscheint zudem die Unterscheidung zwischen konventionalisierter und rein individueller Konnotation. Gegenbegriff zu Konnotation ist die Denotation. 68er-Bewegung Sie begann in den USA mit der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und setzte sich im Protest gegen den Vietnamkrieg fort. Ähnliche Proteste flammten in … Westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre Die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre war eine linksgerichtete gesellschaftskritische politische Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland … Holocaust (Begriff) Der Begriff Holocaust stammt vom griechischen Adjektiv ὁλόκαυστος holókaustos, das „vollständig verbrannt“ bedeutet und seit etwa 2500 Jahren bekannt ist. Demokratie Demokratie (von altgriechisch δημοκρατία dēmokratía Volksherrschaft) ist ein Begriff für Formen der Herrschaftsorganisation auf der Grundlage der … Direkte Demokratie Sie bezeichnet zum einen eine Herrschaftsform, in der die Macht direkt vom Volk in Abstimmungen ausgeübt wird, ohne Repräsentanten und repräsentative … Islamfeindlichkeit Vertretern und Organisationen des politischen Islam wird zuweilen allerdings vorgeworfen, Islamfeindlichkeit, Islamophobie oder antimuslimischer Rassismus als … Geschichtsrevisionismus Sie deuten besonders die Zeit des Nationalsozialismus um, indem sie die NS-Verbrechen leugnen, relativieren oder verharmlosen. Dazu bedienen sich rechtsextreme … Antisemitismus Als Antisemitismus werden heute alle pauschalen Formen von Judenhass, Judenfeindlichkeit oder Judenfeindschaft bezeichnet. Der Ausdruck entstand 1879 als … Alternative für Deutschland Die AfD will den Sozialstaat abbauen, Geringverdiener gegenüber Gutverdienern schlechterstellen und einer Sparpolitik gegenüber Investitionen Vorrang geben. Pluralismus (Politik) In einer pluralistischen Gesellschaft wird es in der Regel kein absolutes Machtzentrum geben, Macht wird auf verschiedene Institutionen verteilt.