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Liste kognitiver Verzerrungen
Diese Liste enthält kognitive Verzerrungen oder kognitive Fehler (englisch cognitive biases/errors/fallacies oder cognitive illusions).
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Kognitive Verzerrungen oder kognitive Fehler sind ein Sammelbegriff der Kognitionspsychologie. Informationen werden dabei systematisch verzerrt verstanden oder mental repräsentiert. Dadurch können fehlerhafte oder suboptimale Entscheidungen und Handlungen entstehen. Betroffen sein können Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Emotionen, Motivation, Handlungsregulation und Verhaltenskontrolle.
Die Liste ist eine Auswahl und nicht vollständig. Viele Begriffe werden auch mit ihren englischen Bezeichnungen verwendet.
Urteilen, Informationen und Zusammenhänge
Bei Urteilen beeinflussen oft auffällige, leicht verfügbare oder bereits vorhandene Informationen das Ergebnis. Der Ankereffekt beschreibt, dass auch irrelevante Reize als „Anker“ ein Urteil unbemerkt in Richtung einer damit verbundenen Assoziation verschieben. Beim Framing-Effekt löst dieselbe Information unterschiedliche Reaktionen aus, je nachdem, wie sie formuliert oder dargestellt wird. Der Default-Effekt bevorzugt die Option, die gilt, wenn keine aktive Entscheidung getroffen wird.
Der Bestätigungsfehler führt dazu, Informationen so auszuwählen und zu deuten, dass sie die eigenen Erwartungen stützen; beim Beharren auf Überzeugungen bleibt eine erste Hypothese trotz widersprechender neuer Informationen bestehen. Der Backfire-Effekt geht noch weiter: Widersprechende Fakten werden als Bestätigung der eigenen Überzeugung betrachtet. Überzeugungsbias bedeutet, glaubwürdige Schlussfolgerungen auch dann zu akzeptieren, wenn sie sich nicht logisch aus den Prämissen ableiten lassen.
Mehrere Verzerrungen betreffen Muster und Wahrscheinlichkeiten. Apophänie ist das grundlose Sehen von Verbindungen mit dem Gefühl abnormer Bedeutsamkeit; die Clustering-Illusion sieht Muster in Daten, obwohl keine vorhanden sind. Eine illusorische Korrelation nimmt fälschlich einen Zusammenhang zweier Ereignisse wahr. Beim Fehlschluss „Cum hoc ergo propter hoc“ wird gemeinsames Auftreten oder Korrelation ohne Prüfung als Kausalzusammenhang verstanden. Der Basisratenfehler bevorzugt spezifische Informationen gegenüber Statistiken. Die Verfügbarkeitsheuristik lässt Ereignisse wahrscheinlicher erscheinen, wenn leicht oder in großer Zahl Beispiele aus dem Gedächtnis verfügbar sind. Wahrscheinlichkeitsvernachlässigung ignoriert kleine Risiken entweder oder überschätzt sie stark.
Der Spielerfehlschluss hält unabhängige Ereignisse für abhängig: Nach 21× Schwarz beim Roulette wird etwa fälschlich angenommen, Rot habe nun eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 %. Die Kontrollillusion ist die falsche Annahme, zufällige Ereignisse durch eigenes Handeln kontrollieren zu können.
Selbstbild, andere Menschen und Gruppen
Attributionsfehler erklären beobachtetes Verhalten zu oft durch feste Charaktereigenschaften und zu selten durch die jeweilige Situation. Der egozentrische Fehler bedeutet, sich zu stark auf die eigene Perspektive zu verlassen und diese höher zu bewerten als die Perspektive anderer. Beim Ähnlichkeitseffekt werden eigene Eigenschaften besonders betont wahrgenommen; beim Kontrastfehler entdeckt man beim Gegenüber Eigenschaften, die man sich selbst abspricht.
Der Halo-Effekt schließt von bekannten auf unbekannte Eigenschaften einer Person; beim Horn-Effekt überstrahlen negative Eigenschaften alle anderen. Sympathie verstärkt positive Merkmale und schwächt negative ab, bei Antipathie gilt dies umgekehrt. Der Cross-Race-Effect bezeichnet das schlechtere Wiedererkennen von Gesichtern anderer Ethnien als der eigenen. Gender Bias sind Vorurteile gegenüber dem anderen Geschlecht, die Entscheidungen beeinflussen können.
Zum Selbstbild gehören Selbstüberschätzung beziehungsweise der Overconfidence effect, der Dunning-Kruger-Effekt bei wenig kompetenten Menschen und die Verzerrungsblindheit: Man hält sich selbst für unbeeinflusst oder nur wenig beeinflusst. Das Impostor-Phänomen ist der Gegenpol zum Dunning-Kruger-Effekt: Betroffene zweifeln stark an Fähigkeiten, Leistungen und Erfolgen und können eigene Erfolge nicht internalisieren. Selbstwertdienliche Verzerrungen und der Lake-Wobegon-Effekt dienen der Aufrechterhaltung eines positiven, konsistenten Selbstbildes. Der Spotlight-Effekt überschätzt, wie stark andere Menschen einem Aufmerksamkeit schenken.
Soziale Orientierung kann Gruppenzwang und Herdenverhalten fördern. Beim Mitläufereffekt erhöht der wahrgenommene Erfolg anderer die Bereitschaft, sich ihren vermutlich erfolgreichen Handlungen anzuschließen. Erwartungseffekte betreffen Erwartungen an sich selbst, etwa Placebo-, Nocebo- und Selbstwirksamkeitserwartungen, oder an andere Personen und Objekte, etwa Pygmalion-, Versuchsleitungs-Erwartungs- und Jastrow-Effekt.
Entscheidungen, Wert und Risiko
Viele Verzerrungen verändern, wie Optionen bewertet werden. Verlustaversion gewichtet Verluste stärker als Gewinne. Der Besitztumseffekt bewertet ein Gut höher, wenn man es besitzt; der IKEA-Effekt bewertet selbst entworfene oder zusammengebaute Gegenstände stärker als fertige Massenprodukte. Bei hyperbolischer Diskontierung werden sofortige Belohnungen unverhältnismäßig gegenüber späteren bevorzugt. Der Mehrdeutigkeitseffekt schreckt ab, wenn in einem Entscheidungsprozess Informationen fehlen.
Der Decoy- oder Köder-Effekt beeinflusst die Wahl zwischen zwei Optionen durch eine dritte Option. Sie kann einer Option in allen Belangen unterlegen sein oder wünschenswerter als die eine, aber weniger attraktiv als die andere Option. Das Paradox der Wahl beschreibt Schwierigkeiten, geringere Zufriedenheit und mehr Reue bei zu vielen Optionen. Status-quo-Verzerrung bevorzugt den bestehenden Zustand gegenüber Veränderungen; Unterlassungseffekt überschätzt Risiken des Handelns im Vergleich zum Nichthandeln.
Eskalierendes Commitment und die Versunkene-Kosten-Falle führen dazu, weiter Zeit, Geld oder Anstrengung in eine bisher erfolglose Entscheidung zu investieren, weil bereits irreversible Kosten entstanden sind. Nachträgliche Begründungstendenz rechtfertigt einen wenig sinnvollen Kauf im Nachhinein. Moralische Lizenzierung erlaubt eine schlechte Tat eher ohne Schuldgefühle, wenn zuvor eine gute Tat erfolgt ist.
Risikokompensation bedeutet, dass Menschen sich bei vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen riskanter verhalten können, zum Beispiel schneller fahren, weil ein Gurt vorhanden ist. Der Null-Risiko-Bias bevorzugt das vollständige statt nur teilweise Ausschalten eines Risikos. Bei Missachtung des Maßstabs wird die Größe eines Problems nicht beachtet: In einer Studie lag die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft zur Rettung von 20.000 Vögeln bei 78 US-Dollar; für 2.000 Vögel war sie beinahe gleich hoch. Optimismusbias überschätzt Erfolgsaussichten und unterschätzt negative Ereignisse; beim Glücksspiel wird dies als Beispiel genannt.
Gefühle, Erinnerung und Denkweisen
Emotionale Beweisführung behandelt ein Gefühl als Beweis für eine Annahme. Die Auswirkungsverzerrung überschätzt Intensität und Dauer künftiger emotionaler Reaktionen, etwa von Glücksgefühl oder Trennungsschmerz. Beim Projektionsfehler werden eigene Gefühle, Einstellungen und Überzeugungen auf andere oder auf das eigene zukünftige Selbst übertragen. Die Empathy Gap unterschätzt den Einfluss von Gefühlen auf Urteile und erschwert die Perspektivübernahme bei einem anderen mentalen Zustand; die Hot-cold empathy gap bezieht sich besonders auf unterschätzte Einflüsse viszeraler Triebe.
Erinnerung und Reihenfolge sind ebenfalls anfällig. Der Primäreffekt erinnert erste Informationen besser, der Rezenzeffekt letzte Informationen besser als Informationen aus der Mitte. Die Peak-end Rule überbewertet beim Urteil über eine gesamte Erfahrung Gefühle am Höhepunkt und am Ende. Der Rückschaufehler verfälscht nach Eintritt eines Ereignisses die Erinnerung an frühere Vorhersagen. Die Frequenzillusion lässt etwas nach dem ersten Bemerken scheinbar häufiger auftreten. Der Wahrheitseffekt hält zuvor gehörte oder gelesene Aussagen eher für wahr, und der Rhyme-as-reason-Effekt bewertet gereimte Aussagen eher als zutreffend.
Weitere typische Denkweisen sind Dichotomie oder Alles-oder-Nichts-Denken, das nur zwei extreme Kategorien statt einer Skala von Graustufen sieht, sowie Katastrophisieren: Weil das Schlimmste vorstellbar ist, wird sein tatsächliches Eintreten als wahrscheinlich angenommen. Die Truthahn-Illusion extrapoliert einen Trend ungeprüft; mit zunehmendem Trend wächst die Sicherheit, sodass beim Trendbruch Sicherheit und Schock am größten sind. Überlebenden-Verzerrung berücksichtigt erfolgreiche „Überlebende“ stärker als erfolglose Individuen.