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Leerzeichen in Komposita

Als Leerzeichen in Komposita bezeichnet man die fehlerhafte Trennung zusammengesetzter Wörter (Komposita) durch Leerzeichen. Komposita werden gemäß der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundregel und Bedeutung
  2. 2. Folgen für Betonung und Verständnis
  3. 3. Abweichungen und ihre Gründe
  4. 4. Entwicklung und öffentliche Wahrnehmung
  5. 5. Komposita in anderen Sprachen

Grundregel und Bedeutung

Ein Leerzeichen in Komposita ist die orthografisch fehlerhafte Trennung eines zusammengesetzten Wortes durch ein Leerzeichen. Nach der geltenden deutschen Rechtschreibung werden Zusammensetzungen grundsätzlich zusammengeschrieben, während Bestandteile von Wortgruppen getrennt stehen. Diese Unterscheidung regelt Teil B des amtlichen Regelwerks der deutschen Rechtschreibung von 2006.

Soll ein langes oder schwer lesbares Kompositum gegliedert oder hervorgehoben werden, kann ein Bindestrich verwendet werden; dies heißt Durchkopplung. In bestimmten Fällen ist der Bindestrich vorgeschrieben. So lautet die richtige Schreibung etwa Alexander-von-Humboldt-Gymnasium. Alexander von Humboldt-Gymnasium könnte dagegen als Doppelname von Alexander von Humboldt verstanden werden. Ebenso sind Commodore-MPS-801-Drucker und 60er-Jahre-Oldie mögliche Schreibungen.

Fehlerhafte Leerzeichen können die Bedeutung verändern. Die Wittelsbacher Herrschaft bezeichnet eine vom Ort Wittelsbach ausgeübte Herrschaft; die Wittelsbacherherrschaft oder Wittelsbacher-Herrschaft meint die Regierung durch das Geschlecht der Wittelsbacher. Ähnliche Mehrdeutigkeiten sind bei Wörtern wie Habsburger und Hamburger möglich. Umgangssprachlich wird die fehlerhafte Getrenntschreibung abwertend „Deppenleerzeichen“ genannt.

Folgen für Betonung und Verständnis

Falsch gesetzte Leerzeichen stören den Lesefluss, weil ein zusammengesetzter Ausdruck nicht sofort als Einheit erkennbar ist. Sie können auch mehrdeutige oder sinnverändernde Aussagen erzeugen, etwa „24 Monate ohne Grund Gebühr“ oder „Trink Wasser für Hunde“.

Bei deutschen Komposita liegt der Hauptakzent normalerweise auf dem ersten Teilwort: Stadtbahnwagen wird [ˈʃtatbaːnˌvaːgn̩] mit Betonung auf Stadt- gesprochen. Bei Stadtbahn Wagen entsteht ein weiterer Hauptakzent auf Wagen: [ˌʃtatbaːnˈvaːgn̩]. Dadurch können beim Hören sogenannte Holzwegsätze entstehen: Der weitere Satzverlauf ist nicht zuverlässig vorhersehbar, unter anderem weil Subjekt und Objekt unklar bleiben können. Der Unterschied zeigt sich beispielsweise bei „Meine kranken Schwestern“ und „Meine Krankenschwestern“. Umgekehrt kann die Betonung beim Verschriftlichen gesprochener Sprache anzeigen, ob ein Leerzeichen gesetzt werden sollte.

Abweichungen und ihre Gründe

Eigennamen sind nicht zwingend an die amtliche Rechtschreibung gebunden. Zusammensetzungen aus Eigennamen und Substantiv für Schulen, Universitäten, Betriebe oder Firmen werden so geschrieben, wie sie amtlich festgelegt sind. Daher heißt es beispielsweise Johannes Gutenberg-Universität Mainz; auch Preisnamen können unterschiedliche amtliche Schreibweisen haben. Personennamen dürfen von Standesämtern nicht nur zur Vermeidung von Leerzeichen verändert werden. In redaktionellen Texten werden Namen von Unternehmen, Vereinen und Verbänden jedoch häufig an die Rechtschreibregeln angepasst.

Bei Straßen existieren regionale Sonderformen. In Österreich wurden nach einem Beschluss des Wiener Stadtrats vom 19. Juni 1907 Personennamen mit Leerzeichen und nur einem Bindestrich geschrieben, etwa Johann Strauß-Gasse. Seit zumindest 2006 folgt die offizielle Schreibweise wieder der Durchkopplung, also Johann-Strauß-Gasse; ältere Schilder werden nur bei Bedarf ersetzt. Das Bundesstraßengesetz 1971 führt jedoch offizielle Schreibungen wie „West Autobahn“, „Brenner Autobahn“ und „Burgenland Schnellstraße“ an. In der Schweiz verwenden manche Städte weiterhin Formen wie C. F. Meyer-Strasse, während Zürich im Jahr 2000 zu Max-Bill-Platz und Alfred-Escher-Strasse wechselte. Schweizerisch werden auch Bildungen auf -er als Komposita behandelt, zum Beispiel Konstanzerstrasse.

Marken, Werbung und Anzeigen nutzen Getrenntschreibung teils absichtlich zur Hervorhebung, etwa Volkswagen Original Teile oder der Mazda-Spruch „Mehr Sport wagen“. Sie kann aber auch aus Nachlässigkeit oder fehlenden Rechtschreibkenntnissen entstehen, etwa bei Damen Strümpfe oder Fugen Reiniger. Auf mehrzeiligen Verpackungen und in Fernsehtiteln fehlt häufig ebenfalls der Bindestrich. Im Netzjargon Vong gehören Leerzeichen in Komposita zu absichtlich falscher Rechtschreibung.

Technische Ursachen sind maschinelle Übersetzung, die etwa car wash fälschlich zu „Auto Wäsche“ übertragen kann, sowie Rechtschreibprüfungen und Smartphone-Tastaturen. Diese markieren seltene, aber korrekte Komposita mitunter als Fehler oder schlagen Getrenntschreibung vor. Zugleich erkennen einfache Prüfungen „Auto Wäsche“ oft nicht als Fehler, weil zwei Substantive auch korrekt nebeneinanderstehen können: „Er bringt mit dem Auto Wäsche zur Reinigung.“ Als mögliche Ursachen aus Unkenntnis nennt der Artikel außerdem den Einfluss des Englischen und ein Missverständnis der Rechtschreibreform von 1996. Deren damalige Regeln zur vermehrten Getrenntschreibung von Verben und Adjektiven könnten den Eindruck erweckt haben, alles dürfe oder müsse getrennt stehen, etwa bei „herunter laden“ oder „an machen“.

Entwicklung und öffentliche Wahrnehmung

Komposita wurden bis ins 17. Jahrhundert häufig mit Leerzeichen geschrieben. Schon eine Handschrift des Nibelungenlieds aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts enthält chvchen meister für „Küchenmeister“. Die Lutherbibel von 1534 setzt durchgehend Leerzeichen in Nominalkomposita mit nachfolgender Minuskel. Später bestanden Varianten mit nachfolgender Majuskel, Binnenmajuskel sowie Bindestrich oder Doppelbindestrich nebeneinander.

Bis ins 20. Jahrhundert setzte sich die Zusammenschreibung zunehmend durch. Die Binnenmajuskel verschwand bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts; das letzte Lehrbuch mit dieser Variante war Joseph Wismayrs Lehrbuch, das ab 1803 in der Reform des bayerischen Schulwesens verwendet wurde. Ab 1901 sahen die vereinheitlichten amtlichen Regelwerke bei unübersichtlichen Nominalkomposita den Bindestrich vor. Konrad Duden entschied sich 1905 für Kaiser-Wilhelms-Platz und gegen Leerzeichen; 1907 übernahm der Buchdruckerduden diese Entscheidung.

Seit den 1990er Jahren tritt fehlerhafte Getrenntschreibung wieder häufiger auf, besonders bei englischen Entlehnungen, Geschäfts-, Produkt- und Unternehmensnamen, Medien und Werbegrafik. Beispiele sind Frisch Back Stube statt Frischbackstube, Stadt Bücherei statt Stadtbücherei sowie Diplom Ingenieur statt Diplom-Ingenieur oder Diplomingenieur. Sprachpfleger rügten diese Entwicklung 2002. Das von Philipp Oelwein gebildete Wort „Agovis“ ist wenig verbreitet; bekannter wurde „Deppenleerzeichen“ durch Bastian Sicks Kolumne Zwiebelfisch und seine Bücher. Auch Comics von Katz & Goldt parodieren solche Schreibungen.

Komposita in anderen Sprachen

Die Schreibregeln für Komposita unterscheiden sich zwischen Sprachen deutlich. Im Englischen werden Komposita im Allgemeinen getrennt geschrieben, obwohl es Zusammenschreibungen wie download, setup, nevertheless und rainbow gibt. Zur Vermeidung von Missverständnissen verbindet die Hyphenation zusammengehörige Bestimmungswörter mit Bindestrichen, zum Beispiel one-way street. Der englische Einfluss wird als mögliche Ursache deutscher Fehltrennungen genannt.

Finnisch schreibt Komposita überwiegend zusammen, ähnlich wie Deutsch; das Bestimmungswort steht meist im Nominativ oder Genitiv, andere Kasus und Pluralformen sind ebenfalls möglich. Auch Niederländisch und Schwedisch schreiben Komposita grundsätzlich zusammen. Im Niederländischen heißt die fehlerhafte Trennung unter vermutetem englischem Einfluss Engelse ziekte. Im Schwedischen kann sie den Sinn stark verändern: rökfritt bedeutet „Rauchen ist untersagt“, rök fritt dagegen „nach Belieben rauchen“; stekt kycklinglever heißt „gebratene Hühnerleber“, stekt kyckling lever „gebratenes Hühnchen lebt“.

Im Baskischen kommen Leerzeichen, Bindestrich und Zusammenschreibung vor: etorri etorri ist eine modale Verstärkung von etorri („kommen“), zuri-beltz bedeutet „schwarz-weiß“, liburudenda „Buchhandlung“. Im Indonesischen werden Nominalkomposita grundsätzlich getrennt geschrieben; das Bestimmungswort folgt dem Grundwort. Im Türkischen stehen Nominalkomposita überwiegend getrennt, das Bestimmungswort vor dem Grundwort, das ein Possessivsuffix der dritten Person erhält, etwa şehir merkezi („Stadtzentrum“). Im Italienischen werden Komposita meist zusammengeschrieben, etwa palcoscenico und girasole, sogenannte parole-frase aber getrennt, etwa agenzia viaggi. Russisch verwendet bei Komposita Bindestrich oder Zusammenschreibung, nicht Leerzeichen; dagegen sind Wortgruppen aus Substantiv und kongruierendem Beziehungsadjektiv wie домашнее задание möglich.

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