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Fugenlaut

Fugenlaute werden in der deutschen und einigen anderen Sprachen mehr oder weniger regelmäßig bei Wortzusammensetzungen (Komposita) sowie, seltener, bei …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Formen im Deutschen
  3. 3. Herkunft und heutige Funktion
  4. 4. Häufigkeit und Regeln
  5. 5. Besondere Verwendungen im Deutschen
  6. 6. Andere germanische Sprachen

Grundidee und Abgrenzung

Fugenlaute oder Fugenelemente sind Laute oder Lautgruppen, die in deutschen und einigen anderen Sprachen an der Nahtstelle von Wortteilen eingefügt werden. Sie treten vor allem bei zusammengesetzten Wörtern, also Komposita, auf, seltener auch bei Wortableitungen. Beispiele sind Arbeit-s-zeit, Seite-n-zahl und Gelenk(-s-)rheumatismus, wobei das -s- im letzten Beispiel optional ist.

Die traditionelle Bezeichnung „Fugenlaut“ ist nicht ganz genau, weil es sich auch um mehrere Laute handeln kann, etwa -es- in Tag-es-zeit. Weitere Bezeichnungen sind Fugenelement, Fugenzeichen, Fugenmorphem, Kompositionsfuge oder Fusem. Diese Namen zeigen, dass die Sprachwissenschaft ihren Status unterschiedlich bewertet: Wenn man den eingefügten Laut als bloßes lautliches Einschieben versteht, kann man ihn als Sonderfall der Epenthese einordnen. Wenn man ihn als Baustein mit Funktion im Wortaufbau betrachtet, gilt er als Spezialfall eines Interfixes.

Wichtig ist die Abgrenzung zu Plural- oder Genitivendungen. Historisch hängen manche Fugenelemente mit solchen Flexionsendungen zusammen. In der heutigen Sprache, also synchron betrachtet, tragen sie diese Bedeutung aber nicht mehr. Gästehaus und Gasthaus bezeichnen nicht unterschiedliche Häuser danach, ob dort ein oder mehrere Gäste Platz haben. Auch Kinderfrau oder Kindermädchen müssen sich nicht zwingend um mehrere Kinder kümmern. Ein Kirchenschiff ist wie ein Kirchturm ein Teil einer Kirche; das -en- zeigt hier keine Mehrzahl an.

Formen im Deutschen

Bei deutschen Komposita kann der erste Wortteil, das Vorderwort oder Erstglied, in verschiedenen Formen erscheinen. Er kann ohne Fugenelement als gewöhnlicher Wortstamm stehen, etwa in Haustür oder Gasthaus. Bei Substantiven entspricht dies oft der Einzahlform. Bei Verben steht ein Stamm ohne Endungen, der sonst kaum frei vorkommt, zum Beispiel in Rührgerät, Fahrgemeinschaft oder Senkfuß.

Manchmal ist das Vorderwort gekürzt: Ein auslautendes -e fällt weg, etwa in Kronprinz oder Seelsorger. Dieses fehlende e wird auch Subtraktionsfuge, subtraktive Fuge oder Schwundfuge genannt. Häufig erscheint das Vorderwort aber mit einem Fugenelement, das einer Mehrzahlform ähnelt, etwa in Kartenhaus oder Gänsebraten, oder einer Genitivform ähnelt, etwa in Bundesbank und Verkehrszeichen. Solche Formen gehen historisch oft auf Zusammenschlüsse ursprünglich selbstständiger Wörter zurück, zum Beispiel „des Instituts Direktor“ zu Institutsdirektor.

Deutsche Fugenelemente sind -e-, -s-, -es-, -n-, -en-, -er- und -ens-. Wenn kein sichtbares oder hörbares Fugenelement vorhanden ist, spricht man aus systematischen Gründen oft von einer Nullfuge, etwa Haus-ø-tür, Tisch-ø-decke oder Wald-ø-weg. Da Fugenelemente keine morphologischen Merkmale tragen, fallen sie trotzdem nicht unter die Standarddefinition des Nullmorphems. Wenn man rein lautliche Erscheinungen mitrechnet, kommen auch -o- bei Konfixkomposita und sehr selten -i- hinzu; bei Ableitungen kann zum Beispiel -t- in willen-t-lich genannt werden.

Beispiele für die deutschen Fugenelemente sind Hundeleine, Ansichtskarte, Freundeskreis, Urkundenfälschung, Heldentat, Kindergeld, Schmerzensgeld, Haustür als Nullfuge, Elektroschock, Bräutigam und eigentlich. Fugenelemente treten nicht bei Komposita auf, deren erster Teil ein Adjektiv ist; sie kommen aber bei Verbindungen wie Nomen + Adjektiv vor, zum Beispiel erfolgsorientiert, liebestoll, mausetot oder personenzentriert. Bei Komposita mit Verben an erster Stelle erscheint nur -e-, etwa in Lesebuch oder Ratefuchs.

Herkunft und heutige Funktion

In der Literatur werden vor allem zwei Ursprünge für Fugenelemente genannt: stammbildende Suffixe und Flexionssuffixe. Im Germanischen verbanden stammbildende Suffixe die Wortwurzel mit Flexionssuffixen und Wortbildungselementen. Ein Beispiel ist ðag-a-z „Tag“: Die Wurzel ðag und das Suffix -a bilden den Wortstamm, das Flexionssuffix -z markiert den Nominativ Singular. Im Althochdeutschen konnte aus einem solchen stammbildenden Suffix ein Fugenelement werden, etwa in tag+a+sterro „Morgenstern“.

Die Annahme, alle Fugenelemente außer -(e)s gingen auf stammbildende Suffixe zurück, hält der empirischen Prüfung jedoch nicht stand. Nur einige -e-Fugen im heutigen Deutsch lassen sich so erklären; dieses Fugenelement ist selten und nicht mehr produktiv. Wichtiger ist die zweite Quelle: vorangestellte Genitivattribute, etwa des Tages Licht zu Tageslicht. Aus heutiger Sicht ist die Genitivbedeutung aber verloren.

Wenn ein verfugtes Erstglied mit einer heutigen Genitiv- oder Pluralform übereinstimmt, spricht man von paradigmischen Fugenelementen, zum Beispiel des Tages – des Tageslichts oder die Hühner – das Hühnerei. Psycholinguistische Hinweise sprechen jedoch dafür, dass die Genitiv- oder Pluralbedeutung beim Verstehen solcher Komposita nicht aktiviert wird. Unparadigmische Fugenelemente liegen vor, wenn das verfugte Erstglied keiner Flexionsform des freien Wortes entspricht. Manche lassen sich historisch erklären, etwa Schwanengesang aus einer alten Genitivform des Schwanen; bei vielen Feminina mit -s- ist das Fugenelement aber weder historisch noch synchron im Paradigma enthalten, etwa in Geburt-s-tag oder Religion-s-freiheit.

Häufigkeit und Regeln

Fugenelemente kommen im Deutschen unterschiedlich häufig vor. Ihre Verteilung hängt davon ab, ob man gesprochene oder geschriebene Sprache, Gemeinsprache oder Fach- und Wissenschaftssprache untersucht. In einer Untersuchung fachsprachlicher Artikel wurden 3303 Kompositionsfugen gezählt. Davon waren 2405, also 72,8 %, Nullfugen. Danach folgten -(e)s- mit 489 Fällen oder 14,8 %, -(e)n- mit 321 Fällen oder 9,7 %, -e- mit 43 Fällen oder 1,3 %, -er- mit 23 Fällen oder 0,7 % und sonstige mit 22 Fällen oder 0,7 %. Die Verteilung ließ sich in diesem Datenbestand gut mit der 1-verschobenen Singh-Poisson-Verteilung modellieren; das Testkriterium betrug C = 0,0068, wobei C ≤ 0,01 als gut gilt.

In einer Erzählung von Gabriele Wohmann wurden 107 Kompositionsfugen untersucht. 75 davon, also 70,09 %, waren Nullfugen. Danach folgten -n- mit 14 Fällen, -s- mit 11 Fällen, -e- mit oder ohne Umlaut mit 4 Fällen, -en- mit 2 Fällen und -es- mit 1 Fall. Hier passte die 1-verschobene Thomas-Verteilung sehr gut; angegeben wird P = 0,98, wobei P ≥ 0,05 als gut gilt.

Trotz solcher statistischer Muster gibt es viele Zweifelsfälle, zum Beispiel Erbschaft(s?)steuer, Hauptseminar(s?)arbeit oder Namen(s?)forschung. Muttersprachler haben meist ein klares Sprachgefühl dafür, wann ein Fugenelement gesetzt wird, aber die Regeln sind nicht vollständig einfach. Die verbreitete Erklärung, Fugenelemente dienten der Ausspracheerleichterung, stimmt nicht immer. Gerade das produktive Fugen-s kann die Aussprache sogar erschweren, weil es die Silbenkoda komplexer macht, etwa in Mehrheit-s-meinung oder Wissenschaft-s-markt.

In der neueren Sprachwissenschaft werden zwei wichtige Erklärungen genannt. Nach einer Auffassung markieren Fugenelemente morphologische Komplexität: Sie zeigen, dass eine Verbindung wirklich ein Kompositum und keine syntaktische Fügung mehr ist, zum Beispiel bei Richtung weisend zu richtungsweisend. Nach einer anderen Auffassung verbessern Fugenelemente das phonologische Wort, also die lautliche Wortgestalt. Das Fugen-s macht den Endrand des Erstglieds deutlicher. Besonders häufig erscheint es bei Erstgliedern mit unbetontem Präfix, etwa Vertrieb-s-kosten. Bei Erstgliedern mit betontem Präfix wie Anruf bleibt es eher aus: Anrufbeantworter. Korpusanalysen ergaben 85 % Verfugung bei Erstgliedern mit unbetontem Präfix, aber nur 36 % bei betonten Präfixen.

Besondere Verwendungen im Deutschen

Die Verwendung von Fugenelementen folgt dem Sprachgefühl und ist nicht immer einheitlich. Der entsprechende Abschnitt des Artikels ist teilweise als nicht hinreichend belegt markiert, besonders zu regionaler Distribution und fachsprachlicher Verwendung. Existieren mehrere mögliche Fugen für ein Erstglied, lassen sich neue Wörter oft nur mit einer Form bilden, während andere Formen lexikalisiert sind: Manneskraft ist möglich, aber nicht Manneshose; hier heißt es Männerhose.

Erstglieder mit bestimmten Suffixen wie -keit, -heit, -ion mit Ausnahme von Kommunion, -ung und weiteren bilden Komposita grundsätzlich mit Fugen-s. Wenn der erste Teil selbst schon komplex ist, steht ebenfalls häufig ein s, etwa Bahnhofs-halle, aber Hof-hund.

In der deutschen Rechtssprache ist das Fugen-s üblich, zum Beispiel Schadensersatz, Schmerzensgeld, Forderungsübergang, Terminsvereinbarung, Arbeitsrecht, Verwaltungsrecht und Arzthaftungsrecht. In Österreich und der Schweiz gibt es teilweise andere Formen: Österreich verwendet Schadenersatz und Schmerzengeld, die Schweiz Schadenersatz und Schmerzensgeld. Offizielle Steuerbezeichnungen stehen in Deutschland, Österreich und der Schweiz meist ohne Fugen-s: Einkommensteuer, Ertragsteuer, Körperschaftsteuer, Verkehrsteuer, Vermögensteuer und Versicherungsteuer. Die Umwandlungssteuer ist als Ausnahme offiziell mit Fugen-s benannt.

Auch regionale Unterschiede werden genannt. Beim Fugen-s gibt es einen Nord-Süd-Unterschied: In Österreich, Süddeutschland und der Schweiz kann es bei Wörtern auftreten, bei denen es in Norddeutschland nicht steht, etwa Schweinebraten und Schweinsbraten. Umgekehrt fehlt es in Österreich oder der Schweiz in manchen Formen, etwa Adventkalender gegenüber Adventskalender oder Jahrzahl gegenüber Jahreszahl. Teilweise unterscheiden sich Wörter mit und ohne Fugen-s auch in der Bedeutung, etwa deutscher Zugführer und österreichischer Zugsführer.

Das Weglassen eines sonst üblichen Fugen-s gilt als typisch für Amtsdeutsch und kommt auch in der Versicherungswirtschaft vor, etwa Schadenmanagement, Verbandkasten, Dreiecktuch, Essenmarke, Offizierheimgesellschaft und Arbeitsuchenden. Die Form verfassungsgebende Gewalt in der Präambel des Grundgesetzes war Gegenstand gegensätzlicher Petitionen, mit denen sich Bundesregierung und Bundestag über Jahre beschäftigten.

Andere germanische Sprachen

Fugenlaute gibt es nicht nur im Deutschen, sondern auch in anderen germanischen Sprachen, etwa im Niederländischen, Afrikaans, Norwegischen, Dänischen und Isländischen. Im Englischen sind Fugenelemente dagegen selten und im Wesentlichen auf einzelne Formen beschränkt. Beispiele sind -o- in speedometer und -s- in sportsman.

Im Englischen werden Wörter häufig nicht zu einem engen Kompositum verschmolzen, sondern als Wortgruppe aneinandergereiht. Die deutsche Donaudampfschiffahrtsgesellschaft mbH entspräche im Englischen Danube Steamboat Company Ltd. Bei echten englischen Zusammensetzungen steht meist kein Fugenelement, zum Beispiel flint und stone zu flintstone. In seltenen Fällen erscheint ein Bindestrich, etwa in besonderen Bezeichnungen wie wall-lettuce für Mauerlattich.

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