Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Kreative Klasse
Die Theorie der Kreativen Klasse (Creative class) ist eine Wirtschaftstheorie, die von dem US-amerikanischen Professor Richard Florida entwickelt wurde.
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Die Theorie der Kreativen Klasse ist eine Wirtschaftstheorie des US-amerikanischen Professors Richard Florida. Ihre Kernaussage lautet: Kreative Menschen und die von ihnen hervorgebrachten Innovationen sind entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum von Regionen. Maßgeblich ist nicht allein der Beruf, sondern der „kreative Output“, also das Hervorbringen neuer Produkte, verbesserter Prozesse, neuer Ideen oder eigenständiger Problemlösungen.
Florida untersucht außerdem, wie sich kreative Arbeitskräfte räumlich verteilen. Ihre Konzentration in bestimmten Regionen und Metropolen soll erklären, warum manche Orte stärker wachsen und wohlhabender werden als andere.
Wandel der Arbeitswelt
Florida betrachtet Kreativität als wichtigen Standortfaktor für wirtschaftliches Wachstum. Grundsätzlich besitze jeder Mensch kreatives Potenzial. Damit es sich entfalten kann, müsse jedoch ein gesellschaftliches und wirtschaftliches System vorhanden sein, das Kreativität fördert.
In der fordistischen Wirtschaftsordnung des frühen 20. Jahrhunderts wurden Wertschöpfungsprozesse in einzelne, vorher festgelegte Arbeitsschritte zerlegt. Das Fließband prägte die Produktion; Innovationen gingen meist von wenigen Personen aus, während die Mehrheit vorgegebene Aufgaben ausführte. Etwa seit den 1980er Jahren veränderte sich dieses System. Unter anderem erkannten japanische Unternehmen wie Toyota, dass die Beschäftigten für den Wertschöpfungsprozess wichtiger waren als die eingesetzten Maschinen.
Globale Konkurrenz, steigender Zeitdruck, kürzere Produktzyklen und die Starrheit vertikaler Organisationen und Hierarchien begünstigten neue Unternehmensformen. Dazu gehörten flachere Hierarchien, größere Verantwortungsbereiche und die Beteiligung aller am Innovations- und Problemlösungsprozess. Dadurch wurde das kreative Potenzial von Beschäftigten genutzt, die zuvor nicht an Innovationen beteiligt waren.
Nach Floridas Definition wuchs deshalb der Anteil der kreativen Klasse in den USA von etwa 10 % der Beschäftigten im Jahr 1900 über 20 % nach zunächst mäßigem Wachstum auf 30 % im Jahr 2000. Besonders Mitte der 1980er Jahre sei die Zahl kreativer Arbeitsplätze stark gestiegen.
Gruppen der kreativen Klasse
Die Zuordnung zur kreativen Klasse richtet sich nach der Art der Tätigkeit. Menschen aus allen Bereichen der Arbeitswelt können dazugehören, wenn ihre Arbeit einen kreativen Prozess enthält. Florida unterscheidet zwei Gruppen:
• Der Supercreative Core umfasst Menschen, deren Beruf und Hauptaufgabe darin bestehen, etwas zu erschaffen und Neues hervorzubringen. Innovationen können sich als neue Produkte, optimierte Prozesse oder neues Gedankengut zeigen. Dazu zählt Florida beispielsweise Wissenschaftler, Künstler, Lehrende, Designer und Unternehmer.
• Creative Professionals leisten hauptsächlich wissensintensive Arbeit. Das Erschaffen von Neuem ist nicht ihre zentrale Aufgabe; ihre Tätigkeit verlangt aber eigenständiges Denken und kreative Problemlösungen. Beispiele sind Anwälte, Manager, Facharbeiter und Ärzte.
Räumliche Verteilung und die drei T
Die Entscheidung, wo jemand lebt und arbeitet, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Weil die kreative Klasse nach Florida überdurchschnittlich mobil ist, konzentriert sie sich häufig in attraktiven Regionen und Metropolen. Eine solche Clusterbildung, also die räumliche Ballung von Humankapital, soll überdurchschnittliches Wachstum und Wohlstand fördern, weil sich dort zugleich Unternehmen ansiedeln.
Zur Untersuchung der Attraktivität und des Potenzials einer Region entwickelte Florida das Modell der drei T:
• Technologie bezeichnet Innovationen sowie die Konzentration von Hochtechnologie- und Wissensbranchen, also die bereits vorhandene wissensintensive Wirtschaft.
• Talent bezeichnet das kreative Potenzial einer Region. Es wird anhand der Zahl der Beschäftigten in kreativen Berufen bestimmt.
• Toleranz bezeichnet die Offenheit einer Gesellschaft oder Region. Sie soll unterschiedliche Persönlichkeiten anziehen und dadurch den Austausch neuer Ideen fördern.
Regionen mit hohen Werten in allen drei Bereichen gelten als weltoffen, bildungsstark und mit zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen ausgestattet. Sie können Innovationen hervorbringen, die weit über die Region hinauswirken. Zugleich sollen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere hoch qualifizierte Kreative von außerhalb anziehen.
Kritik an Theorie und Einteilung
Die Theorie wird in mehreren Punkten kritisiert. Aus Berufsbezeichnungen lasse sich nicht eindeutig oder quantitativ ableiten, wie kreativ die Anforderungen und Leistungen einer Person tatsächlich sind. Kreativität sei ein individuelles Merkmal und komme auch in traditionellen Industrien vor. Selbst in Branchen und Regionen, in denen Innovation zur Routineaufgabe geworden ist, seien wirklich kreative Menschen eine Ausnahme. Viele Angehörige vermeintlich kreativer Berufe erledigten überwiegend routinemäßige Aufgaben, etwa Architekten beim Zeichnen von Treppenstufen, Juristen beim Schreiben von Mahnbriefen oder Ingenieure bei der Optimierung von Auspuffschellen. Edward Glaeser wirft Florida deshalb vor, kreative Menschen mit formal Hochqualifizierten zu verwechseln.
Umstritten ist auch die Annahme, dass attraktive urbane Zentren eine kreative Bohème anziehen und dadurch Innovation und Wachstum anregen. Kritiker sehen deren Wirkung häufig auf Lifestyle-Innovationen begrenzt. Glaeser weist auf Grundlage empirischer Daten und einer Regressionsanalyse einen Einfluss dieser Gruppe auf das Wachstum US-amerikanischer Städte zurück. Als Ausnahmen nennt er Las Vegas, möglicherweise wegen des hohen Anteils von Entertainern, und Sarasota, die „Stadt der Künste“ beziehungsweise des „World Class Shopping“. Viele tatsächlich Kreative lebten ihm zufolge heute eher in suburbanen Gebieten mit großen Grundstücken, guten Autoverbindungen und guten Schulen für ihre Kinder.