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Konvivenz
Theologisch wird mit diesem Begriff ausgedrückt, dass das Wesen der Kirche darin besteht, dass sie mit anderen und Fremden in einer Gemeinschaft des geteilten …
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Grundidee und Bedeutung
Konvivenz bezeichnet eine Form des Zusammenlebens, die vor allem in religiösen und sozialethischen Zusammenhängen verwendet wird. Sie versteht Gemeinschaft in drei miteinander verbundenen Formen: als Hilfsgemeinschaft, Lerngemeinschaft und Festgemeinschaft. Gemeint ist also, dass Menschen einander helfen, voneinander lernen und miteinander feiern.
In der Theologie drückt der Begriff aus, dass Kirche nicht für sich allein besteht. Ihr Wesen zeigt sich vielmehr darin, dass sie mit anderen und mit Fremden in einer Gemeinschaft des geteilten Lebens existiert. Konvivenz beschreibt dabei sowohl ein Ideal für das Zusammenleben innerhalb einer Kirchengemeinde als auch eine Leitvorstellung für deren Beziehungen zur gesellschaftlichen und religiösen Umwelt.
Gemeinschaft in kultureller und religiöser Vielfalt
Konvivenz geht davon aus, dass unterschiedliche Kulturen und Religionen dauerhaft verschieden bleiben. Diese Verschiedenheit gilt nicht als Hindernis: Das Zusammenleben kann bereichernd sein, weil jede Kultur ihre eigene Sichtweise, ihre Praxis und ihre Gaben einbringt.
Als Konzept ökumenischen und interreligiösen Handelns erweitert Konvivenz die an Dietrich Bonhoeffer anknüpfende Vorstellung einer „Kirche für andere“. Sie schützt diese Vorstellung vor einem paternalistischen Missverständnis, bei dem eine Seite nur als Helferin und die andere nur als hilfsbedürftig betrachtet wird. In Anlehnung an das in Apostelgeschichte 2 geschilderte Zusammenleben der ersten Christen betont Konvivenz Beziehungen der Gegenseitigkeit. Gegenseitigkeit ist dabei keine Bedingung dafür, Hilfe zu erhalten. Entscheidend ist vielmehr die Einsicht, dass auch die helfende Kirche selbst die Gemeinschaft mit anderen benötigt. Deshalb wird von einer „Kirche mit anderen“ gesprochen.
Im interkulturellen und interreligiösen Dialog sollen Unterschiede weder ausgeblendet noch durch eine Verschmelzung der Kulturen beseitigt werden. Konvivenz respektiert kulturell und religiös verschiedene Überzeugungen und Verhaltensweisen. Dazu gehört die „Xenologie“, also das Verstehen des Fremden. Sie steht im Zusammenhang mit einer Differenzhermeneutik: Diese Form des Verstehens hält auch solche Unterschiede zwischen dem eigenen und dem fremden Glauben fest, die nicht überbrückt werden können. Sie versucht nicht, diese Unterschiede wegzuerklären oder vollständig zu überwinden.
Das Ziel ist daher keine Assimilation. Assimilation würde bedeuten, die eigene Identität durch die Anpassung an eine andere Kultur aufzugeben. Konvivenz ermöglicht stattdessen Identitätsfindung: Menschen können ihr eigenes Selbstverständnis in der Beziehung zum Anderen oder auch in der Abgrenzung von ihm entwickeln.
Bedeutung für Lernen, Religion und Gesellschaft
Seit Anfang der 1970er Jahre wandelte sich der Religionsunterricht von einer stärker missionarischen zu einer dialogischen Ausrichtung. Dadurch wuchs das Interesse an anderen Religionen. Langfristig entstand die Methode des interreligiösen Lernens. Dabei werden Religionen als jeweils eigenständige Systeme der Weltdeutung verstanden. Die Begegnung mit anderen Religionen dient zugleich als Anlass, Fragen an den eigenen Glauben zu stellen.
Mit der zunehmenden Zahl von Kindern aus nicht-christlichen Familien im Schulunterricht wurde Konvivenz zu einem wichtigen Leitbegriff der Religionspädagogik und der Pädagogik allgemein. Lernende sollen fremde Religionen und Weltanschauungen kennenlernen. Gleichzeitig sollen sie ihre eigenen Glaubensüberzeugungen hinterfragen und vertieft verstehen. Für den Religionspädagogen Clauß Peter Sajak ist interreligiöses Lernen deshalb zugleich intrareligiöses Lernen, also Lernen innerhalb und über die eigene Religion. Beides ist nach seiner Auffassung ein notwendiger Beitrag zur religiösen Entwicklung des lernenden Menschen.
Der ursprünglich missionstheologisch geprägte Begriff wird inzwischen auch in unterschiedlichen kirchlichen und nicht-kirchlichen Aussagen zum interkulturellen und interreligiösen Dialog sowie in weiteren wissenschaftlichen Disziplinen verwendet. In der neutestamentlichen Exegese, also der wissenschaftlichen Auslegung des Neuen Testaments, nutzt Thomas Popp Konvivenz als Schlüssel zum Verständnis der Theologie des 1. Petrusbriefes. Nach dieser Deutung eröffnet die göttliche Anerkennung des Menschen durch Jesus Christus in Gemeinde und Gesellschaft einen Raum, in dem Menschen einander anerkennen können.
Konvivialität und ihre Prinzipien
Aus dem Konzept der Konvivenz entwickelte sich der Begriff der Konvivialität. Jacques Derrida, Ivan Illich, Silja Samerski, Takeshi Umehara, Ilse Orth und andere prägten ihn. Konvivialität bezeichnet eine Gesellschafts- und Technikethik, die reine Produktivität und Effizienz nicht zum obersten Maßstab macht. Stattdessen sollen gesellschaftliches und technisches Handeln in Werte und Umweltbedingungen eingebettet sein.
Der darauf beruhende Konvivialismus folgt vier wesentlichen Prinzipien:
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Achtung der gemeinsamen Menschheit und der gleichen Würde aller Menschen.
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Gemeinsame Sozialität: Der größte menschliche Schatz liegt in der Qualität sozialer Beziehungen.
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Individuation: Menschen unterscheiden sich voneinander und möchten in ihrer jeweiligen Individualität anerkannt und geachtet werden.
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Konflikte sollen auf nicht eskalative Weise ausgetragen werden.
Das Konzept steht dadurch in Verbindung mit Commoning, dezentraler Produktion, Degrowth und der Kritik am Neoliberalismus. Commoning bezeichnet gemeinschaftliche Formen des Organisierens und Nutzens von Ressourcen; Degrowth richtet sich gegen die Vorstellung unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums.
Andrea Vetter von der Hochschule für bildende Künste Braunschweig nennt fünf zentrale Kriterien für eine konviviale Technikgestaltung: Verbundenheit, Zugänglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Bio-Interaktion und Angemessenheit. Technik soll demnach nicht allein nach Leistung und Effizienz beurteilt werden, sondern auch danach, wie sie in soziale Beziehungen, menschliche Bedürfnisse und die Umwelt eingebunden ist.