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Kontrafaktische Geschichte
Ziel ist ein Erkenntnisgewinn über Kontinuitäten und Brüche, über Zwangslagen und Handlungsspielräume in historischen Situationen oder über die Bewertung von …
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Gegenstand und Ziel
Kontrafaktische Geschichte, auch virtuelle Geschichte oder Uchronie, untersucht unter wissenschaftlich kontrollierten Annahmen, was geschehen wäre, wenn historische Tatsachen nicht oder anders eingetroffen wären. Sie stützt sich auf eine durch Quellen gesicherte Faktenlage und formuliert Alternativen mit kontrafaktischen Konditionalsätzen, also „Wenn-dann“-Aussagen über eine nicht eingetretene Vergangenheit.
Ziel ist Erkenntnis über Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte, über Zwangslagen und Handlungsspielräume in historischen Situationen sowie über die Bewertung historischer Akteure. Es werden Alternativszenarien im Irrealis der Vergangenheit entworfen. Dabei gilt: Je weiter ein Ereignis zurückliegt, desto hypothetischer sind Aussagen über seine Folgen. Davon zu unterscheiden ist die belletristische Alternativweltgeschichte, die vor allem der Unterhaltung dient.
Beispiele für alternative Verläufe
Typische Fragen betreffen mögliche Folgen einzelner anderer Ereignisse oder Entscheidungen: Was wäre geschehen, wenn Alexander der Große nicht so früh gestorben wäre, Hannibal den Zweiten Punischen Krieg gewonnen hätte oder die Römer die Varusschlacht gewonnen hätten?
Weitere Hypothesen fragen etwa nach einem Freispruch Jesu von Nazaret durch Pontius Pilatus, einem arabischen Sieg bei Tours und Poitiers (732), einem Sieg der spanischen Armada 1588 oder einem Sieg der Südstaaten im Sezessionskrieg. Für die neuere Geschichte werden unter anderem ein österreichischer Sieg im Deutschen Krieg 1866, ein nicht erfolgtes Attentat von Sarajevo 1914, Alternativen zu Heinrich Brünings Deflationspolitik während der Weltwirtschaftskrise, ein erfolgreicher Anschlag vom 20. Juli 1944 oder ein deutscher Sieg im Zweiten Weltkrieg betrachtet.
Wissenschaftliche Grenzen und Vorgehen
Viele Historiker lehnen kontrafaktische Geschichte als unwissenschaftlich ab, weil ihre Aussagen nicht falsifizierbar sind: Es gibt keine Bedingungen, unter denen jemand, der eine solche Aussage aufstellt, zwingend einräumen müsste, dass sie unwahr ist. So lässt sich weder beweisen noch widerlegen, ob ein früherer deutscher Überfall auf die Sowjetunion 1941 zur Einnahme Moskaus und zu einem Sieg des Deutschen Reiches geführt hätte. Geschichtswissenschaft ist keine experimentelle Wissenschaft.
In der neueren Forschung gewann die kontrafaktische Bewertung dennoch an Gewicht. Historiker wie Demandt verlangen dafür enge Kriterien zusätzlich zu den üblichen Standards der Geschichtswissenschaft: Der Eingriff soll minimal sein, etwa ein Scheitern der Invasion in der Normandie bei zunächst sonst normal weiterlaufendem Zweiten Weltkrieg. Außerdem soll der untersuchte Zeitraum kurz bleiben, weil bei langen Zeiträumen die wissenschaftliche Grundlage nicht mehr gesichert ist.
Bedeutung für historische Wertungen
Kontrafaktische Annahmen beeinflussen historische Wertungen häufig implizit. Die Aussage, der wirtschaftliche Aufschwung des Bürgertums sei eine Ursache der Französischen Revolution gewesen, enthält beispielsweise die Annahme, dass es ohne diesen Aufschwung keine Revolution gegeben hätte. Henry L. Stimsons Behauptung, die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hätten hunderttausenden amerikanischen Soldaten das Leben gerettet, setzt ebenfalls eine unbeweisbare Annahme über das Kriegsende ohne Bomben voraus.
Auch wenn Personen oder Fakten als „groß“ oder „bedeutend“ bezeichnet werden, wird meist unterstellt, dass die weitere Geschichte ohne sie anders verlaufen wäre. Solche Überlegungen betreffen Handlungsspielräume, Zufälle und Alternativen. Kontroversen wie die Borchardt-Kontroverse von 1979 über mögliche Alternativen zu Brünings Politik oder der Streit um Friedrich Eberts Zusammenarbeit mit monarchistischen Eliten in der Novemberrevolution beruhen auf solchen Fragen.
Niall Ferguson vertrat in Der falsche Krieg die These, ein britisches Heraushalten 1914 hätte zwar einen deutschen Sieg, zugleich aber ein prosperierendes demokratisches Europa ohne Zweiten Weltkrieg bewirkt. Nach Ferguson wäre in Deutschland ohne die Wirkung des Versailler Vertrags kein Nationalsozialismus entstanden. Die Ausstellung Roads Not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können. des Deutschen Historischen Museums stellt von 2022 bis 2026 an 14 Einschnitten der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts tatsächliche Wendungen möglichen, nicht eingetretenen Verläufen gegenüber.