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Konditionalis
Der Konditional[is] (veraltet Conditional[is], aus lateinisch condicio, später auch conditio ‚Bedingung') ist eine Unterkategorie des Modus des Verbs.
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Begriff und sprachliche Einordnung
Der Konditionalis ist eine Unterkategorie des verbalen Modus, also der grammatischen Art, in der ein Verb einen Sachverhalt darstellt. Er dient dazu, einen Sachverhalt als Bestandteil einer Implikation auszudrücken, etwa als mögliche Folge einer Bedingung.
Seine grammatische Einordnung unterscheidet sich je nach Sprache. In romanischen Sprachen wie dem Französischen und Spanischen wird der Konditional als eigener Modus mit eigenen synthetischen, also durch Endungen gebildeten Verbformen behandelt. Im Deutschen überschneiden sich seine Funktionen mit denen des Konjunktivs. Im Englischen heißt besonders die mit would gebildete Entsprechung zur deutschen würde-Form conditional mood.
Bildung und Entwicklung in romanischen Sprachen
Der romanische Konditionalis entstand aus einer vulgärlateinischen Umschreibung: Auf den Infinitiv des Vollverbs folgte die Imperfektform von habere („haben“) als Modalverb. Aus cantare habēbat („er hatte zu singen“) entwickelte sich über *cantar-eat beispielsweise altitalienisch cantaría, spanisch cantaría und französisch (il) chanterait („er würde singen“). Das ursprünglich selbstständige Modalverb wurde dabei zunächst enger an das Vollverb gebunden und schließlich zu einer Konditionalendung. Dieser Vorgang heißt Resynthetisierung.
Eine ähnliche Entwicklung führte zum romanischen Futur, allerdings aus den Präsensformen von habere: cantare habet („er hat zu singen“) wurde über *cantar-at zu italienisch canterà, spanisch cantará und französisch (il) chantera („er wird singen“). Der Konditionalis steht deshalb morphologisch dem Futur nahe und kann als zukunftsbezogene, modale Infinitivkonstruktion im Imperfekt verstanden werden. Dazu passt seine wohl ursprüngliche Funktion als „Zukunft der Vergangenheit“.
Die Entwicklung verlief nicht überall gleich. Im Neuitalienischen gehen die Endungen auf das starke Präteritum, das passato remoto, des Hilfsverbs zurück: canterebbe („er würde singen“) entstand aus altitalienisch canterabbe, zusammengesetzt aus dem Futurstamm canter- und abbe („er hat gehabt“). In anderen romanischen Sprachen beruhen die Endungen auf dem Imperfekt des Hilfsverbs.
Im Rumänischen und Sardischen blieb die entsprechende Bildung paraphrastisch, also aus mehreren selbstständigen Wörtern zusammengesetzt. Sardisch at a cantare bedeutet „er wird singen“, iat a cantae „er würde singen“. Im Sardischen entstand nie ein synthetischer Konditional.
Formen und Verwendungen
Der Konditionalis kann mehrere Bedeutungen ausdrücken:
• Zukunft oder Nachzeitigkeit aus der Sicht eines vergangenen Zeitpunkts: Spanisch „Pensaba que no sucedería nada.“ bedeutet „Er meinte, dass nichts geschehen würde.“
• Hypothetische oder irreale Sachverhalte, besonders in Konditionalsätzen: Italienisch „L’avrebbe baciata, se lei l’avesse permesso“ bedeutet „Er hätte sie geküsst, wenn sie es erlaubt hätte.“
• Einen Wunsch des Sprechers: Italienisch „Vorrei rivederti“ bedeutet „Ich möchte dich wiedersehen.“
• Eine Vermutung über die Vergangenheit: Spanisch „Estaría enfermo.“ bedeutet „Vielleicht war er krank.“
Einige romanische Sprachen verwenden ersatzweise den Indikativ Imperfekt. Beispiele sind umgangssprachlich spanisch „Podía trabajar más.“ („Er könnte mehr arbeiten.“) und italienisch „Se ti vedevo, ti salutavo.“ („Wenn ich dich gesehen hätte, hätte ich dich gegrüßt.“). Im Spanischen steht außerdem die Periphrase iba a + Infinitiv zur Verfügung.
Neben einfachen synthetischen Formen gibt es analytische Perfektformen. Sie bestehen aus dem Konditional des Hilfsverbs „haben“ oder „sein“ und dem Partizip II. Im Italienischen lauten etwa die Formen der 1. Person Singular avrei („ich würde haben“) und sarei („ich würde sein“); die entsprechenden Perfektformen sind avrei avuto („ich hätte gehabt“) und sarei stato beziehungsweise sarei stata („ich wäre gewesen“). In der 3. Person Plural stehen avrebbero und sarebbero sowie avrebbero avuto und sarebbero stati beziehungsweise sarebbero state. Die Bezeichnungen Konditional Präsens und Konditional Perfekt für Konditional I und Konditional II sind weniger üblich, haben sich aber unter dem Einfluss der englischen Schulterminologie eingebürgert.
Konditionalis in weiteren Sprachen
Im Lateinischen sind die Funktionen des Konditionalis als Irrealis in den Konjunktiv Imperfekt beziehungsweise Konjunktiv Plusquamperfekt eingebaut. Ein Irrealis stellt einen Sachverhalt als nicht wirklich oder als nicht verwirklicht dar.
Auch Sanskrit und Pali besitzen einen synthetisch gebildeten Konditionalis. Er wird in beiden Sprachen aus dem Futurstamm und einem Augment gebildet. Das Augment ist ein zusätzliches Bildungselement am Verbstamm. Wie in den romanischen Sprachen steht der Konditionalis dadurch morphologisch dem Futur nahe.
Im Sanskrit ist diese Ähnlichkeit besonders deutlich. Deshalb behandeln Sanskrit-Grammatiken den Konditionalis häufig als Tempusform und nicht als Modus. Im Pali wird er dagegen üblicherweise als Modus analysiert.
Englische Formen und Gebrauch
Im Englischen heißt die Verbindung would + Infinitiv present conditional: He would work bedeutet „Er würde arbeiten“. Das past conditional wird mit would + have + Partizip II gebildet: He would have worked bedeutet „Er hätte gearbeitet“. Beide Formen besitzen außerdem Verlaufsformen: He would be working für die Gegenwart und He would have been working für die Vergangenheit.
Der englische Konditional hat dieselben grundlegenden Verwendungen wie der romanische. In der indirekten Rede dient er außerdem als Futur der Vergangenheit, wenn das einleitende Verb in einer Vergangenheitsform steht. Aus der direkten Rede She said: ‘I will be eighteen’. mit Futur I wird indirekt She said she would be eighteen. mit Konditional I. In Wendungen wie I would like oder I would prefer drückt would einen abgeschwächten Wunsch aus.
Die würde-Form im Deutschen
Die deutsche würde-Form, auch Ersatzform des Konjunktivs oder Konjunktiv III genannt, wird manchmal als Konditional bezeichnet. Sie ist jedoch keine eindeutig eigenständige Modusform, sondern eine morphologische Variante zum Ausdruck des Konjunktivs II.
Die würde-Form ersetzt zunehmend den einfachen Konjunktiv II, wenn dieser im gesprochenen Deutsch antiquiert oder geziert wirkt. So wird aus „Sie sagte, sie flöge gerne in den Urlaub“ häufig „Sie sagte, sie würde gerne in den Urlaub fliegen“. Sie wird auch verwendet, wenn sich Konjunktiv und Indikativ formal nicht deutlich unterscheiden: „Ich wollte, sie gingen endlich weg“ kann durch „Ich wollte, sie würden endlich weggehen“ ersetzt werden.
Rein nach ihrer Formenbildung ist die würde-Form das Futur des Konjunktivs II. Ihr genauer grammatischer Status ist jedoch umstritten und wird in Grammatiken unterschiedlich festgelegt:
• Der Schüler-Duden von 2003 führt sie als eigene Moduskategorie namens Konditional oder Bedingungsform: Konditional I „Er würde abtreten“, Konditional II „Er würde abgetreten sein“.
• Eine andere Einordnung ordnet sie als Futur Präteritum den indikativischen Formen zu, etwa in „Als ihr klar wurde, dass sie ihn nie wieder sehen würde, fing sie an zu weinen.“
• Der Duden von 2005 betrachtet würde + Infinitiv und würde + Infinitiv Perfekt, dort „würde-Perfekt“ genannt, weder als Futurformen noch als besondere Modusformen.
• Das Metzler Lexikon Sprache erwähnt die Bezeichnung Konjunktiv III. Sie kann auch die dialektale, beispielsweise schwäbische Umschreibung täte + Infinitiv erfassen.
• Bei Götze und Ernest Hess-Lüttich gelten die Umschreibungen mit würde als Konjunktiv II der Erwartungsstufe, erscheinen aber unter den „lexikalisch-pragmatischen Mitteln der Modalität“.
Daher bleibt die Stellung der würde-Form innerhalb des deutschen Konjunktivsystems insgesamt relativ unklar.
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