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Kommunikative Wende
↑ Die 5 Axiome der Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick. Abgerufen am 18. Juli 2025. ↑ Pabst-Weinschenk, Marita: Geschichte der Sprech- und …
Inhalt5 Abschnitte
Kernidee und Bedeutung
Die Kommunikative Wende bezeichnet Entwicklungen um 1970 und in den folgenden Jahren, die den Deutsch- und Fremdsprachenunterricht didaktisch veränderten. Sprache sollte nicht mehr vor allem als System von Regeln betrachtet werden, das möglichst fehlerfrei zu beherrschen ist. Entscheidend wurde vielmehr, ob Menschen Sprache erfolgreich einsetzen können, um mit anderen zu handeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Zentrales Bildungsziel war kommunikative Kompetenz. Sie bedeutet, sprachliche Äußerungen verstehen, die eigene Sprache analysieren, planen und situationsangemessen verwenden zu können. Im Fremdsprachenunterricht wird dies auch kommunikative Handlungskompetenz genannt: Lernende sollen mit der Fremdsprache tatsächliche Absichten verwirklichen können, etwa fragen, bitten oder informieren.
Gesellschaftliche und bildungspolitische Auslöser
Wichtige Voraussetzungen waren die Unzufriedenheit vieler junger Menschen mit politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen der späten 1960er Jahre sowie die Studentenunruhen von 1968, unter anderem in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland. Die Deutsche Studentenbewegung kritisierte mit der Parole „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ besonders überkommene Strukturen.
In der Bundesrepublik löste Georg Pichts Diagnose einer „Bildungskatastrophe“ intensive Debatten über Schule und Bildung aus. Er führte den Bildungsnotstand auf veraltete Lehrpläne, unzureichende Schulausstattung, fehlendes Lehrpersonal und eine schlechte Lehrerausbildung zurück. Dadurch fehle der deutschen Wirtschaft qualifizierter Nachwuchs. Picht verlangte bessere Unterrichtsbedingungen für alle Schülerinnen und Schüler sowie einen stärkeren Zugang zu Gymnasien, mehr Abiturienten und Studierende.
Auch Ralf Dahrendorf forderte eine Bildungsreform. Er verstand Bildung als „allgemeines Bürgerrecht“ und als soziales Grundrecht, dessen Verwirklichung für Chancengleichheit notwendig sei.
Teilhabe durch Sprache
Willy Brandt griff diese Reformgedanken auf. In seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 erklärte er: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Bürgerinnen und Bürger sollten durch Information, Anhörungen im Bundestag, Kontakt mit repräsentativen Gruppen und Unterrichtung über Regierungspolitik an der Reform von Staat und Gesellschaft mitwirken können.
Daraus ließ sich als Ziel ableiten, allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe durch kommunikative Kompetenz zu ermöglichen. Der Innovationsschub beruhte jedoch nicht allein auf Brandts Politik, sondern ebenso auf Entwicklungen in Sprachwissenschaft, besonders der Soziolinguistik, und Didaktik.
Sprachwissenschaftliche Grundlagen
Die Soziolinguistik untersucht Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft. Basil Bernstein stellte in Arbeiten aus den 1950er Jahren einen schichtenspezifischen Sprachgebrauch fest. Nach seinen Untersuchungen in Großbritannien nutzten sozial weniger privilegierte Gruppen, die „working class“, überwiegend einen restringierten Code: einen kontextgebundenen und deshalb eher vorhersehbaren Sprachstil. Mittel- und Oberschicht verwendeten demnach eher einen elaborierten Code, der kontextunabhängig und an Bildungssprache orientiert ist.
Diese Thesen ließen sich nicht unmittelbar auf die bundesdeutsche Gesellschaft und den deutschsprachigen Raum übertragen. Dennoch entstand die Frage, ob Schule unterschiedliche Codes emanzipieren, also ihnen eine gleichwertige kommunikative Funktionsfähigkeit zusprechen, oder alle Lernenden elaborieren, also auf ein standardsprachliches Niveau bringen solle. Dialekte gerieten unter Druck, weil sie fälschlicherweise mit dem restringierten Code gleichgesetzt wurden. William Labov betonte Ende der 1960er Jahre mit der Differenzhypothese die Gleichwertigkeit aller Codes. Im deutschsprachigen Raum setzte sich dennoch die Orientierung an bildungssprachlichem Sprachgebrauch durch.
Die Pragmatik versteht Sprache als Handeln. Die von John L. Austin und John R. Searle bereits in den 1950er Jahren entwickelte Sprechakttheorie besagt, dass Menschen mit Sprache nicht nur Sachverhalte beschreiben, sondern etwa fragen, bitten oder informieren. Ein Sprechakt hat drei Teile: Lokution ist das Hervorbringen einer Äußerung, Illokution das, was jemand durch das Sprechen tut, und Perlokution das Ergebnis oder die Wirkung der sprachlichen Handlung. Kommunikative Kompetenz ist daher Sprach-Handlungskompetenz.
Weitere Grundlagen lieferten Kommunikationsmodelle. Karl Bühlers Organonmodell von 1934 begreift Sprache als Werkzeug. Sprachliche Zeichen vermitteln zwischen Sender und Empfänger nicht nur Fakten, sondern können beispielsweise Ausdrucks- oder Appellfunktion haben. Bühler ergänzte damit Ferdinand de Saussures duales Zeichenmodell um die kommunikative Funktion. Bedeutsam waren außerdem Paul Watzlawicks Arbeiten über die fünf pragmatischen Axiome menschlicher Kommunikation von 1969, insbesondere: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
Folgen für Deutsch- und Fremdsprachenunterricht
Im Deutschunterricht wurde Kommunikation um 1970 zum Leitbegriff. Lehrpläne wurden weitgehend umgeschrieben. Der Unterricht sollte Schülerinnen und Schüler zur Beherrschung der deutschen Standardsprache befähigen und ihnen helfen, eigene Sprachverwendung zu analysieren, zu strukturieren und zu planen. Sie sollten außerdem Äußerungen anderer verstehen, beschreiben und angemessen auf sie reagieren können. An die Stelle der bloßen formalen Korrektheit mündlicher oder schriftlicher Äußerungen trat der kommunikative Erfolg. Sprachlich handelnde Lernende sollten dadurch an der Gesellschaft teilhaben können.
Im Fremdsprachenunterricht rückte die kommunikative Handlungskompetenz Mitte der 1970er Jahre ebenfalls in den Mittelpunkt. Für Englisch etablierte Hans-Eberhard Piepho die Wende in Deutschland 1974 mit dem Buch „Kommunikative Kompetenz als übergeordnetes Lernziel im Englischunterricht“. Er betonte die Authentizität der Kommunikation. Anders als in sprachsystemorientierten Verfahren wie der Grammatik-Übersetzungs-Methode galt nicht mehr allein sprachliche Korrektheit als Leitziel. Wichtig wurde, ob eine sprachliche Handlung gelingt oder misslingt. Lernende sollten bereits im Unterricht authentisch sprechen und reale Sprechintentionen verwirklichen können.