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Kemal Kurt
Kemal Kurt (* 29. Oktober 1947 in Çorlu, Türkei; † 21. Oktober 2002 in Berlin-Schöneberg) war ein Schriftsteller, Übersetzer und Fotograf.
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Leben und Bedeutung
Kemal Kurt (* 29. Oktober 1947 in Çorlu, Türkei; † 21. Oktober 2002 in Berlin-Schöneberg) war Schriftsteller, Übersetzer und Fotograf. Er verband türkische und deutsche Lebenswelten und arbeitete in verschiedenen literarischen und medialen Formen. Sein Werk richtet sich sowohl an Erwachsene als auch besonders an Kinder und Jugendliche.
Von 1966 bis 1972 studierte Kurt in der Türkei und in den USA. Ab 1975 lebte und arbeitete er in Berlin. 1983 erlangte er an der Technischen Universität Berlin die Promotion in den „Physikalischen Ingenieurwissenschaften“. Sein kreativer Werdegang begann 1977 mit künstlerisch ambitionierten Fotografien; ab 1981 veröffentlichte er erste Bücher. Ab 1990 lag sein Schwerpunkt zunehmend auf dem Schreiben. Als freier Schriftsteller unternahm er Lesereisen in Deutschland sowie in Polen, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, der Türkei, der Schweiz, Südafrika und den USA.
Ein zentraler Teil seines Schaffens war das Erzählen für Kinder, zunächst vor allem im Rundfunk. Besonders wichtig war die Ohrenbär-Reihe des SFB, die von mehreren ARD-Sendern gleichzeitig übertragen wurde. Für Erwachsene schrieb Kurt Lyrik, Essays, satirische Kurzprosa und Romane. Sein Essay Was ist die Mehrzahl von Heimat? (1995) beschreibt sein ambivalentes Verhältnis zur türkischen Herkunft und zur deutschen Lebensart. Der Satire-Roman Ja, sagt Molly (1998) setzt sich unter anderem kritisch mit dem „Literaturbetrieb“ auseinander. Seine Bücher waren außerdem fester Bestandteil im Lehrplan mehrerer US-amerikanischer Universitäten.
Kurt hinterließ ein Foto-Archiv mit 20000 Bildern. Die von ihm selbst als Wanderausstellung mit Fotos und Gedichten konzipierte Arbeit menschen.orte ist durch seine Nachlassverwalterinnen weiterhin Teil aktueller Präsentationen. Kurt starb am 21. Oktober 2002 an Krebs und wurde auf dem Gemeindefriedhof Alt-Schöneberg begraben. Er war Vater zweier Töchter und in zweiter Ehe mit der Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt verheiratet; jahrzehntelang lebte er in Berlin-Schöneberg.
Literarische Werke für Erwachsene
Kurts Bücher für Erwachsene zeigen die Verbindung von Gedichten, Fotografien, Erzählungen, Essays und Romanen. Zu den frühen Veröffentlichungen gehört Bilder einer Kindheit. Erzählung und Fotos (1986). Ebenfalls 1986 erschien Scheingedichte / Şiirimsi, ein deutsch-türkischer Gedichtband. Beim nächsten Ton (1988) enthält Gedichte mit Illustrationen von Abuzer Güler.
Das Essay Was ist die Mehrzahl von Heimat? erschien 1995 im Rowohlt Verlag. Es behandelt Kurts widersprüchliche Beziehung zu türkischer Herkunft und deutscher Lebensart und versteht sich als Reflexion „ohne Worthülsen und aufgeblähte Phrasen“. Ja, sagt Molly (1998) ist ein Satire-Roman, der unter anderem mit dem „Literaturbetrieb“ abrechnet.
Mit menschen.orte – Fotos und Gedichte 1977–1999 (1999) verband Kurt seine fotografische und literarische Arbeit. Der Chinese von Schöneberg (2000) ist ein Band mit Erzählungen. Eine wichtige Besonderheit seines Gesamtwerks ist damit die Verbindung von Migrationserfahrung, Alltagsbeobachtung, Mehrsprachigkeit, Fotografie und literarischer Satire, ohne dass sich sein Schaffen auf nur eine Gattung beschränkt.
Kinder- und Jugendbücher
Das Erzählen für Kinder bildete das Herzstück von Kurts Schaffen. Er schrieb Märchenbearbeitungen, Bilderbücher, Kinderbücher und Jugendromane. Wenn der Meddah kommt (1995) und Als das Kamel Bademeister war (1998) greifen türkische Märchen auf. Sieben Zimmer voller Wunder (1996) wurde auch auf Niederländisch und Türkisch veröffentlicht und erschien in Deutschland zudem als Schulbuch beim Ernst Klett Verlag (1997).
Zu den Bilderbüchern gehört Die fünf Finger und der Mond (1997), illustriert von Aljoscha Blau. Das Buch wurde unter anderem ins Englische, Französische, Griechische und Niederländische übersetzt. Weitere Kinderbücher sind Die Kinder vom Mondhügel (1997), Cora die Korsarin (1998), Eine echt verrückte Nacht (2001), das großformatige Kniebuch Yunus (2001) sowie Die verpatzten Zaubersprüche (2002). Die verpatzten Zaubersprüche erschien ebenfalls in englischer, italienischer, französischer und niederländischer Übersetzung.
Mit Die Sonnentrinker (2002) veröffentlichte Kurt auch einen Jugendroman. Die Kinder- und Jugendbücher verbinden phantastische Situationen, Märchenmotive und Reisen mit unterschiedlichen kulturellen Bezügen. Eine Auszeichnung erhielt Kurt für Die fünf Finger und der Mond: Das Buch war im Dezember 1997 „Bilderbuch des Monats“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.
Übersetzungen und wissenschaftliche Arbeiten
Kemal Kurt übersetzte sowohl aus dem Deutschen ins Türkische als auch aus dem Türkischen ins Deutsche. Zu seinen deutsch-türkischen Übersetzungen gehören Bahman Nirumands Iran – hinter den Gittern verdorren Blumen, das 1988 als İran – Soluyor Çiçekler Parmaklıklar Ardında in Istanbul erschien. Außerdem übertrug Kurt mehrere Bilderbücher von Hans de Beer und Marcus Pfister ins Türkische, darunter Bücher über den Kleinen Eisbären und den Regenbogenfisch.
Gemeinsam mit V. Augustin und E. Giere übersetzte Kurt Gülten Dayıoğlus Beiß die Zähne (Berlin 1981) aus dem Türkischen ins Deutsche. Daneben veröffentlichte er die Dissertation Eine nichtlineare thermoviskoelastische Materialgleichung für einfache Stoffe bei kleinen Verzerrungen und Temperaturänderungen (Technische Universität Berlin, 1983). Dieses Fachbuch zeigt, dass seine schriftstellerische Tätigkeit auf eine naturwissenschaftlich-technische Ausbildung folgte.
Als Sachbuch erschien Von wegen, es ist nur ein Kind / Çocuk deyip de geçme in den Bänden 1 bis 9. Die zwischen 2000 und 2002 genannten Elternbriefe wurden von Hildegard Kurt ins Deutsche übersetzt und vom Arbeitskreis Neue Erziehung e. V. im Bereich Interkulturelle Elternarbeit herausgegeben.
Auszeichnungen und Arbeiten für Rundfunk und Fernsehen
Kurt erhielt 1991 und 2000 ein Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung. 1996 wurden WDR, RB und SR auf der Bestenliste Frühjahr 1996 genannt. 1999 bekam er ein Aufenthaltsstipendium in der Villa Aurora in Los Angeles. Weitere Schreibaufenthalte führten ihn nach Hawthornden Castle in Schottland, zu Waves of Three Seas auf Rhodos und zum Centrum for Arts & Creative Education in Port Townsend.
Für das Fernsehen schrieb Kurt Drehbücher zur ZDF-Serie Karfunkel – Geschichten mit Kindern aus aller Welt: Öffnen Sie den Koffer, Herr Özyurt! (1991), Heimliche Weihnacht (1992) und Can und Oleg (1994). Außerdem schrieb er das Drehbuch zum Kinderspielfilm Auf den Spuren von Lakatosch (1994).
Im Rundfunk wurden zahlreiche Erzählungen, Essays, Kommentare und Vorträge ausgestrahlt. Dazu gehören Ich kann Dir nicht mehr in die Augen schauen (WDR 1985), Der Chinese von Schöneberg / Die Traumdeuterin (Radio 100, Berlin 1988), Keine Vorkommnisse an der Grenzübergangsstelle / Faralya (RIAS 1988) und Die Crux mit der Sprache (SFB 1992). Von 1994 bis 1998 sprach Kurt für den SFB zweiwöchentlich dreiminütige Kommentare unter dem Titel Die Meinung beim Früh-Stück. Außerdem entstand 1992–1993 ein Livevortrag eigener Gedichte mit dem Musiker Hasan Kuzu.
Für Kinder schrieb er unter anderem Vom Mondhügel, Ein Haus mit sieben Zimmern, Fingergeschichten, Keloglans Streiche, Mehr vom Mondhügel, Reise zum Zauberberg, Cora die Korsarin und Hakan und der kleine Bär. Diese Beiträge liefen unter anderem in den Reihen Ohrenbär, Passagen, Lilipuz, Panther und Co sowie Domino. Nach seinem Tod erschienen 2007 Hörbücher zu Eine echt verrückte Nacht und Die Sonnentrinker. 2013 wurden Briefe von Kemal Kurt (1947–2002) mit Kommentaren, Nachrufen und Rezensionen herausgegeben.