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Keltische Religion
Die religiöse Praxis der Kelten umfasst insgesamt den heiligen Ort, die heilige Zeit, die kultischen und magischen Verrichtungen – Opfer, Gebet und Mantik ( …
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Begriff und Quellenlage
Keltische Religion bezeichnet die Institutionen, Riten und Zeremonien der Kelten vor der Christianisierung, die Göttern oder Verstorbenen gewidmet waren. Sie ist nicht mit der keltischen Mythologie gleichzusetzen, also der Gesamtheit religiöser und mythischer Erzählungen. Da die als Kelten zusammengefassten Völker keine einheitliche Kultur und Politik hatten, bildeten auch ihre Religion und Mythologie keine geschlossene Einheit.
Zur religiösen Praxis gehören heilige Orte und Zeiten, Opfer, Gebete, Mantik (Weissagung), Kopfkult, Totenbrauchtum und Kultpersonal. Sie lässt sich nur unvollständig rekonstruieren. Es fehlen schriftliche Aufzeichnungen aus der keltischen Frühgeschichte; religiöses und mythisches Wissen wurde offenbar vor allem mündlich von Lehrern an ihre Adepten weitergegeben.
Die Forschung stützt sich auf indigene lateinische oder gallische Texte wie Weihesteine und Fluchtafeln, Berichte antiker Autoren, archäologische Funde, sprachwissenschaftliche Argumente und indogermanische Parallelen. Mittelalterliche irische und walisische Überlieferungen sind deutlich später und bereits unter christlichem Einfluss entstanden, meist durch christliche Mönche. Antike Autoren zeichneten wegen ihrer Vorurteile gegenüber „Barbaren“ häufig ein verzerrtes Bild. Archäologische Funde können dieses Bild teilweise korrigieren, erlauben aber keine sicheren Aussagen über Glaubensinhalte und den Zusammenhang des religiösen Systems.
Heilige Orte und Jahresfeste
Opferplätze lagen oft an auffälligen Naturorten wie Höhlen, Felsspalten, Gewässern und Hainen. Solche bereits vorkeltisch genutzten Orte verwendeten die Kelten weiter. La Tène und der See Llyn Cerrig Bach auf Anglesey gelten nach neueren Forschungen als Kult- und Opferstätten. Später entstanden baulich abgegrenzte Kultbezirke, vermutlich nemeton genannt. Wälle, Gräben und Palisaden sind bei Viereckschanzen archäologisch nachgewiesen. Ob sie als Wohnorte von Gottheiten galten, ist nicht feststellbar; die Archäologie spricht eher für Opferplätze.
Kultbilder sind nur unsicher zu deuten. Skulpturen wie der Krieger von Hirschlanden und der Fürst vom Glauberg, beide um 500 v. Chr., waren wahrscheinlich eher mit Ahnenkult als mit Götterverehrung verbunden. Reliefs auf dem Kessel von Gundestrup werden als menschengestaltige Gottheiten angesehen. Der Kessel hatte bei Kult und Zeremonien eine wichtige Rolle.
Es werden zwei Kalender- und Festsysteme unterschieden: ein möglicherweise druidischer Mond-Sonnen-Kalender aus Gallien und ein bäuerlicher Jahreskreis mit Imbolg, Beltane, Lughnasadh und Samhain. Caesar berichtet, dass Gallier Zeiträume nach Nächten berechneten: Der Tag folgte auf die Nacht. Der Kalender von Coligny, 1897 im Département Ain gefunden, enthält weder religiöse Feste noch Götternamen.
Im irischen Jahreskreis begann mit Samhain das Winterhalbjahr. Imbolg markierte den Frühlingsbeginn, Beltane den Beginn des Sommerhalbjahres und Lughnasadh den Herbstbeginn; die Feste lagen jeweils etwa anderthalb Monate nach Herbst-Tagundnachtgleiche, Wintersonnenwende, Frühlings-Tagundnachtgleiche und Sommersonnenwende. Samhain galt als Zeit offener Síd, also Elfenhügel und Zugänge zur Anderswelt. Zu Imbolg gehörten Fruchtbarkeitsrituale, zu Beltane das Löschen und erneute Entzünden der Herdfeuer mit Stahl und Stein. Lughnasadh gedachte Lugh und seiner Ziehmutter Tailtiu.
Gebet und Weissagung
Über Wortlaut und Körperhaltung vorchristlicher Gebete ist nichts Sicheres bekannt. Die häufig bezeugte Haltung mit zum Himmel gereckten Armen muss keine Gebetshaltung gewesen sein, weil sie auch bei Beschwörungen, Verfluchungen und auf Darstellungen von Gottheiten vorkommt. Ob Zaubersprüche als Gebete gelten können, ist umstritten. Dazu zählen Fíth-fáth beziehungsweise féth-fíada, ein Zaubernebel zur Verwandlung und Unsichtbarkeit, sowie Glám dícenn und anghlod, rituelle Verwünschungen, die dem Betroffenen geistig und körperlich schaden sollten.
Ein geis, auch gessi oder geasa, war ein Gebot oder Verbot für einzelne Personen, Gruppen oder Stämme. Es entsprach eher einem Tabu als einer rational begründeten Rechtsregel und konnte von einer zauberkundigen Person einer anderen auferlegt werden.
Mantik bedeutet Wahrsagung oder Zukunftsdeutung und sollte den Willen der Götter für die Zukunft erkennen lassen. Bei der Opferschau wurde laut Diodor nach Poseidonios aus dem Sturz eines mit dem Schwert getöteten Menschen, dem Zucken seiner Glieder und dem Blutstrom geweissagt. Archäologisch lässt sich eine solche Praxis kaum von gewöhnlichen Opferhandlungen unterscheiden; antike Texte sind daher die wichtigste Quelle.
Zur Zeichendeutung gehörten besonders Vogelflug, astronomische Beobachtungen und außergewöhnliche Ereignisse. Der Galaterkönig Deiotaros soll laut Cicero keine Unternehmung ohne Beobachtung des Vogelflugs begonnen und Reisen bei ungünstigen Zeichen abgebrochen haben. Raben galten bei Strabon und Pseudo-Plutarch als glückverheißend. Antike Autoren betonen außerdem astronomische Kenntnisse der Druiden. Eine Mondfinsternis soll nach Polybios keltische Söldner zum Abbruch eines Weitermarsches bewogen haben.
Nekromantie ist Totenbeschwörung. Nikandros aus Kolophon berichtet vom Nächtigen an Gräbern, um von Verstorbenen Zukunftsdeutungen zu erhalten. Für Traumorakel sind rituelle Speisen und anschließender Tiefschlaf überliefert. Die filid erlernten Wahrsageverfahren wie imbas forosna, teinm laída und díchetal do chennaib. Imbas forosna verband Tieropfer, Fleischgenuss und Schlaf; die beiden anderen Verfahren kamen ohne Tieropfer aus.
Tod, Opfer und Kopfkult
Keltische Nekropolen wurden über lange Zeit weiter genutzt, etwa in Pîtres-La Remise von der Spätlatènezeit bis in die Spätantike und bei Wederath vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. Grabbeigaben wie zerschlagene Gefäße, Waffen und Alltagsgegenstände weisen auf Bestattungszeremonien hin. Caesar beschreibt aufwendige gallische Leichenbegängnisse mit Feuerbestattung und Totenfolge: Auch Diener und Hörige wurden früher mit den Toten verbrannt. Archäologisch ist Totenfolge teilweise auch bei Erdbegräbnissen belegt. Aussagen aus mittelalterlichen Sagen müssen wegen christlicher Überformung vorsichtig bewertet werden; Totenklagen gelten als eher gesichert.
Opfer waren ein wesentlicher Teil der Kulthandlungen. Nach Anlass lassen sich Bitt- und Dankopfer, Sühneopfer, Bauopfer und Totenfolge unterscheiden; als Opfergaben dienten Menschen, Tiere oder Sachwerte. Berichte über Menschenopfer nehmen bei Griechen und Römern viel Raum ein, beweisen aber keinen entsprechend hohen Anteil, sondern spiegeln ihr Interesse an einem als barbarisch bewerteten Brauch. Caesars Bericht über den Wicker man, ein riesiges geflochtenes Standbild mit Menschen, das angezündet worden sei, gilt als fragwürdig. Moorleichen wie Lindow-Mann und Old-Croghan-Mann zeigen Tötungsspuren, doch ist Opferung von Hinrichtung nicht sicher zu trennen.
Tieropfer sind vor allem durch Funde aus der Latènezeit, dem 5.–1. Jahrhundert v. Chr., belegt. Geopfert wurden überwiegend Haustiere: Rinder, Schafe, Schweine, Hunde und Pferde. Viele Tiere wurden anschließend rituell verzehrt. Im Heiligtum von Gournay-sur-Aronde opferte man zunächst meist Schafe und Schweine, später Schafe, Rinder und Hunde.
Sachopfer bestanden besonders aus Kriegsbeute und Votivgaben. Gegenstände wurden häufig zerschlagen, zerbrochen oder verbogen und so für die alltägliche Nutzung unbrauchbar gemacht. Erhalten blieben vor allem Metallobjekte wie Waffen und goldene Torques; Stoffe, Wachs und Lebensmittel verrotteten schneller. Heilgottheiten erhielten Miniaturen erkrankter Körperteile aus Terrakotta oder Wachs.
Der Kopfkult beruhte auf der Vorstellung, dass der Kopf pars pro toto, also als Teil für den ganzen Menschen, stehen konnte. Köpfe besiegter Feinde oder zu ehrender Personen wurden an Kultorten aufbewahrt. Gleichzeitig bewies die Kopfjagd in der Schlacht die Kampfkraft eines Kriegers. Die Aufbewahrung sollte wohl auch apotropäisch wirken, also Unheil abwehren und den Geist des Toten bannen.
Kultpersonal und sakrale Herrschaft
Antike Autoren nennen drei angesehene Gruppen des Kultpersonals: Barden als Sänger und Dichter, Vates als Priester, Seher und Naturphilosophen sowie Druiden als Kenner von Natur- und Moralphilosophie. Archäologische Funde belegen diese Ämter nur indirekt, doch große Kultstätten setzten vermutlich entsprechendes Personal voraus.
Druiden galten als hochverehrte Theologen und Philosophen. Diodor zufolge durfte kein Opfer ohne einen solchen „Philosophen“ vollzogen werden, weil dieser die göttliche Sphäre kenne. Der oberste Druide Galliens trug in vier Weiheinschriften den Titel Gutuater, „Vater des Anrufes“; seine ursprüngliche Aufgabe war vermutlich die Anrufung der zum Opfer herbeigerufenen Gottheit. Druidinnen sind seit dem keltischen Altertum belegt und erscheinen in der römischen Kaiserzeit besonders als Seherinnen. Die Vates waren Wahrsager mit mündlicher Ausbildung und standen in ihren Aufgaben zwischen Druiden und Barden. Filid waren Dichter oder Barden, besaßen aber ebenfalls Wissen, Heilkraft, magische Fähigkeiten und die Kraft der Verfluchung.
Die keltische Gesellschaft war streng hierarchisch. Die Forschung nimmt deshalb eine religiöse Grundlage der Herrschaft an. Ein mögliches ursprüngliches Priesterkönigtum soll sich später in weltliche Könige und geistliche Druiden geteilt haben. In Gallien war das Königtum zu Caesars Zeit weitgehend durch den gewählten Vergobret ersetzt. Vorstellungen vom Sakralkönigtum sind vor allem in irischen Sagen erhalten.
Der Sakralkönig personifizierte die soziale Ordnung seines Stammes. Ein Fehler in seiner Amtsführung oder an seiner Person konnte für Unheil im Herrschaftsgebiet verantwortlich gemacht werden; deshalb war seine „Gerechtigkeit des Königs“, fír flathemon, notwendig. Seine Legitimation konnte durch Weissagung der filid erfolgen, etwa im tarb-feis, dem „Stierschlaf“, bei dem der neue König im Traum und in Trance erkannt wurde. Weitere Zeichen waren der Schrei des Lia Fáil sowie das Auseinanderweichen der Steine blocc und bluigne in Tara.
Zur Einsetzung gehörte die „Heilige Hochzeit“, griechisch Hieròs gámos und altirisch banais rígi. Sie stellte die Verbindung des Königs mit einer lokalen Göttin oder der Personifikation des Landes dar. Überlieferungen dazu sind wegen der Vermischung heidnischer, christlicher und klassischer Traditionen besonders vorsichtig zu beurteilen. Auch die von Giraldus Cambrensis 1185 geschilderte Königsinauguration mit einer weißen Stute wird heute wegen seiner verächtlichen Haltung gegenüber den Iren bezweifelt.