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Katechon

Apokalypse). Der Gläubige bekämpft also etwas, das er nicht aufhalten kann und das zudem Voraussetzung für die erstrebte Erlösung ist. Durch diesen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundgedanke
  2. 2. Biblische Textgrundlage
  3. 3. Deutung als Römisches Reich
  4. 4. Politische Deutungen im 20. Jahrhundert
  5. 5. Instrumentalisierungen im 21. Jahrhundert

Begriff und Grundgedanke

Der Katechon ist in 2 Thessalonicher 2,6–7 die Macht oder Person, die den Antichristen vorläufig „aufhält“ oder „hemmt“. Der griechische Text verwendet zunächst das Neutrum τὸ κατέχον („das Aufhaltende“) und danach personalisiert das Maskulinum ὁ κατέχων („der Aufhaltende“). Die Figur soll erklären, weshalb die angekündigte zweite Ankunft Christi und das Jüngste Gericht noch nicht eingetreten sind.

Nach der dargestellten Lehre muss vor der Apokalypse zunächst der „Feind Gottes“ erscheinen, der alles Böse in sich vereint. Die „Macht der Auflehnung“ wirkt zwar bereits, doch der Feind kann erst hervortreten, wenn der Katechon den Weg freigibt und die dafür bestimmte Zeit gekommen ist. Wann das geschieht, bleibt unbekannt.

Der Katechon ist eine paradoxe Gestalt: Er bewahrt die Welt vor Chaos und steht damit in Beziehung zur göttlichen Ordnung. Zugleich verzögert er aber die Wiederkunft Christi und die erhoffte Erlösung. Auch der Gläubige befindet sich in einem Widerspruch: Er muss den Feind Gottes bekämpfen, obwohl dessen vorläufiger Sieg und anschließende ewige Verstoßung bereits feststehen und zur Abfolge der endzeitlichen Ereignisse gehören. In diesem Kampf soll sich seine Zugehörigkeit zu den „guten Christen“ zeigen, denen die Neuerschaffung der Welt und das Ewige Leben verheißen sind.

In der katholischen Theologie besitzt der Katechon keine zentrale Bedeutung. In bestimmten Strömungen der russischen Orthodoxie, im Eurasismus und in Teilen der neueren Rechten spielt die Vorstellung dagegen eine wichtige politische Rolle. Die exegetische Fachliteratur hebt hervor, dass die schwer verständliche Bibelstelle im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedliche theologische und fantastische Deutungen hervorgebracht hat. Der katholische Gelehrte Álvaro d’Ors betont zudem einen inneren Widerspruch: Christen sollten das Kommen des Reiches Gottes wünschen und daher nicht um dessen Aufschub bitten.

Biblische Textgrundlage

Die Grundlage sind zwei aufeinanderfolgende Verse des 2. Thessalonicherbriefs. In der lateinischen Vulgata wird das griechische Partizip durch Nebensätze wiedergegeben: „Et nunc quid detineat, scitis, ut reveletur in suo tempore. Nam mysterium iam operatur iniquitatis: tantum ut, qui tenet nunc, teneat, donec de medio fiat.“ Damit wird zwischen dem, „was“ aufhält, und demjenigen, „der“ aufhält, unterschieden.

Martin Luther übersetzte entsprechend: „Vnd was es noch auffhelt / wisset jr / das er offenbaret werde zu seiner zeit. Denn es reget sich schon bereit die bosheit heimlich / On das der es jtzt auff helt / mus hinweg gethan werden“. Weder der hier wiedergegebene Text noch der Begriff selbst benennt eindeutig, wer oder was der Aufhalter ist. Diese Offenheit ermöglichte die späteren religiösen und politischen Auslegungen.

Deutung als Römisches Reich

Im Frühchristentum wurde der Katechon häufig mit dem Römischen Reich gleichgesetzt. Das Reich galt als Ordnungsmacht, die den Antichristen zurückhalte. Diese Auslegung findet sich unter anderem bei Tertullian, im Danielkommentar des Hippolyt und bei Lactantius. Tertullian verband den Untergang der römischen Ordnung und ihre Aufteilung unter zehn Könige mit dem anschließenden Auftreten des Antichristen.

Für das Mittelalter wurde besonders der Danielkommentar des Kirchenvaters Hieronymus prägend, nachdem seine Auslegung in die Glossa ordinaria, eine verbreitete mittelalterliche Sammlung von Bibelkommentaren, aufgenommen worden war. Die Vorstellung blieb trotz des Untergangs des antiken Römischen Reiches wirksam, weil die Translatio Imperii angenommen wurde. Dieser Begriff bezeichnet die Übertragung der römischen Reichsidee auf karolingische, ottonische und staufische Nachfolger.

Haymo von Halberstadt erklärte in seinem einflussreichen Kommentar zum 2. Thessalonicherbrief, zuerst müsse das Römerreich vernichtet werden, bevor der Antichrist kommen könne. Haymos Kommentar beeinflusste Abt Adso und dessen 954 der fränkischen Königin Gerberga gewidmetes Werk De ortu et tempore Antichristi. Der Mediävist Alois Dempf bezeichnete Adso als „den eigentlichen Lehrer der Tradition über den Antichrist im Mittelalter“. Durch mittelalterliche Antichristdichtungen und Spiele wie den Ludus de Antichristo, das Tegernseer Antichristspiel, gelangte die Vorstellung auch in breite Bevölkerungsschichten.

Politische Deutungen im 20. Jahrhundert

In den 1930er Jahren griffen Autoren der protestantischen „Konservativen Revolution“ den Katechon im Zusammenhang mit einer Wiederbelebung des Reichsgedankens auf. Wilhelm Stapel schrieb dem „Reich“ eine besondere apokalyptische Verantwortung für Ordnung und Frieden zu; auch Albrecht Erich Günther verwendete den Begriff.

Besonders wichtig wurde der Katechon in der Politischen Theologie des Staatsrechtlers Carl Schmitt. In Nomos der Erde fragte er, ob für einen ursprünglich christlichen Glauben überhaupt ein anderes Geschichtsbild als das des Katechon möglich sei. In einem Tagebucheintrag vom 19. Dezember 1947 bezeichnete er den Katechon als seine einzige Möglichkeit, Geschichte als Christ zu verstehen und sinnvoll zu finden. Nach Schmitt müsse sich für jede Epoche der letzten 1948 Jahre ein Katechon benennen lassen; andernfalls wäre die menschliche Ordnung bereits untergegangen.

Während des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg wurde diese mittelalterliche Reichsvorstellung von Schmitt sowie von katholischen Bischöfen und Historikern erneut eingesetzt. Dabei deuteten manche Zeitgenossen den Sowjetkommunismus oder Josef Stalin als Verkörperung des Antichristen und legitimierten den Krieg als Kampf gegen den sogenannten „jüdischen Bolschewismus“.

Auch Dietrich Bonhoeffer behandelte den Katechon ungefähr zur gleichen Zeit in seiner Ethik, setzte aber andere Schwerpunkte. Für ihn waren katechontische politische Ordnungsmächte trotz ihrer politischen und ethischen Bedeutung nicht frei von Schuld. Vor ihnen nannte er die Kirche, die durch das „Wunder einer neuen Glaubenserweckung“ vor dem Abgrund retten könne. Kirche und politische Ordnung sollten weder gleichgesetzt noch vollständig getrennt werden, sondern „in wohl gewahrter Unterscheidung und doch in aufrichtiger Bundesgenossenschaft“ zusammenwirken. Die Kirche sollte Ordnungsmächte, die ihre Nähe suchen, nicht zurückweisen, sondern sie „zum Hören, zur Umkehr“ aufrufen.

Instrumentalisierungen im 21. Jahrhundert

Der russische Philosoph Alexander Dugin integrierte den Katechon in seine politische Philosophie und gründete 2014 gemeinsam mit Konstantin Malofejew in Moskau die Organisation „Katehon“. Dem Artikel zufolge nutzt Dugin die Figur für propagandistische Mythen, die den russischen Angriff auf die Ukraine rechtfertigen sollen.

Auch der Tech-Unternehmer und Trump-Unterstützer Peter Thiel versucht, Zeitgeschichte mithilfe biblischer Vorstellungen zu erklären und politisch zu beeinflussen. Seine umstrittenen Thesen verbreitet er nach Darstellung des Artikels vor allem in Einzelgesprächen, Interviews und nicht öffentlichen Vorträgen. Thiel versteht den Katechon als das, was Gesellschaften widerstandsfähig macht und Innovation fördert. Er verbindet ihn mit technischem Fortschritt, betrachtet technisch orientierte Akteure als Aufhalter der drohenden Apokalypse und sieht politisch gegenwärtig die USA in dieser Rolle.

Florian Baab erkennt Überschneidungen zwischen dieser „reaktionären Silicon-Valley-Ideologie“, dem Trumpismus und Dugins ultranationalistischer Philosophie. In dieser Darstellung gelten länderübergreifende Bündnisse und Organisationen wie Europäische Union, UNO und NATO als mögliche Kräfte des Antichristen: Sie würden angeblich auf eine bürokratische, innovationsfeindliche und überwachende Weltregierung hinwirken. Der Artikel weist zugleich auf einen Widerspruch hin, weil Thiels Vermögen wesentlich mit der Überwachungssoftware seiner Firma Palantir verbunden sei.

Der Theologe Wilhelm Guggenberger ordnet den Rückgriff auf den Antichristen als ein besonders in Krisenzeiten wiederkehrendes Muster ein, obwohl das Thema in der Bibel nur eine Randstellung habe. Der Journalist Nicolas Killian beschreibt die Kennzeichnung politischer Gegner als Antichrist als alte christliche Praxis und Thiels Vorstellungen als widersprüchliche Verbindung verschiedener Quellen. Als Beispiel nennt der Artikel Thiels Verdacht gegenüber der Klimaaktivistin Greta Thunberg, der er das Streben nach einer „Ökodiktatur“ zuschreibe.

Der Jesuit Klaus Mertes wirft Thiel und Dugin vor, biblische Geschichten zu missbrauchen. Menschen mit geringer theologischer Bildung seien für einen solchen Fundamentalismus besonders anfällig. Hinter Thiels Position sieht Mertes die Angst, internationale Regeln könnten sein großes Vermögen begrenzen: Thiel inszeniere sich als Oligarch zum Opfer solcher Regeln und verleihe seinem politischen Kampf dadurch eine apokalyptische Bedeutung.

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