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Kammerton
Der seit einer internationalen Konferenz in London 1939 in vielen Ländern gültige Standard-Kammerton oder Normalstimmton ist festgelegt auf a 1 = 440 Hertz (Hz) …
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Bedeutung und Standardton
Der Kammerton, auch Stimmton oder Normalton, ist ein gemeinsamer Bezugston: Alle Instrumente einer Musikgruppe werden auf dieselbe Tonhöhe eingestimmt. Gemeint ist heute meist das eingestrichene A, geschrieben a′ oder a¹; im englischsprachigen Raum heißt es A₄, im MIDI-Protokoll hat es die Nummer 69.
Der international seit der Konferenz von London 1939 geltende Standard ist a¹ = 440 Hertz (Hz), also 440 Schwingungen pro Sekunde. Die Norm heißt ISO 16. In Deutschland folgte die DIN mit DIN 1317-1 für die Stimmtonhöhe, DIN 1317-2 für Stimmgabeln und DIN 1317-3 für Orgeln; der Europarat übernahm die Norm am 30. Juni 1971.
Der Normwert bedeutet nicht, dass überall tatsächlich bei 440 Hz musiziert wird. In deutschen und österreichischen Sinfonieorchestern sind 443 Hz üblich, in der Schweiz meist 442 Hz. Ein Cent ist eine Einheit für kleine Tonhöhenabstände: 442 Hz entsprechen gegenüber 440 Hz etwa +8 Cent, 443 Hz etwa +11,8 Cent und 444 Hz etwa +15,7 Cent.
Entwicklung zur Vereinheitlichung
Bis ins 19. Jahrhundert gab es keine einheitliche Stimmhöhe. Sie hing von Ort, Region und Musikart ab. Im 16. Jahrhundert lagen Stimmtöne gegenüber 440 Hz zwischen vier Halbtönen tiefer und drei Halbtönen höher. Mitte des 18. Jahrhunderts betrug die Schwankung ungefähr −2 bis +2 Halbtöne, Mitte des 19. Jahrhunderts noch −1 bis +1 Halbton. Österreich, Deutschland, Italien und die Niederlande bevorzugten eher höhere, Frankreich und England eher tiefere Stimmtöne.
Mit dem überregionalen Musikleben wurde ein gemeinsamer Ton wichtiger. Paris einigte sich 1788 zunächst auf 409 Hz. Die französische Akademie legte 1858 unter Napoleon III. a′ auf 435 Hz fest; dieser Wert wurde in Frankreich gesetzlich eingeführt und von Nachbarländern übernommen. Eine internationale Konferenz in Wien beschloss 1885 für Russland, Schweden, Italien und verschiedene deutsche Staaten ebenfalls 435 Hz. Sie nutzte dazu fast 100 eingesandte, jeweils örtlich eingestimmte Stimmgabeln. Der Beschluss erscheint auch im Friedensvertrag von Versailles als „Herstellung der Normalstimmgabel“.
Daneben bestanden hohe lokale und militärische Stimmungen. In österreichischer Militär- und Blasmusik galt von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1938 der „türkische Ton“ von 461 Hz. Britische Militärmusik und fast alle britischen Sinfonieorchester verwendeten ab etwa 1830 ungefähr 453 Hz, bevor Orchester nach Protesten von Sängern schrittweise auf etwa 438 Hz absanken.
Andere Vorschläge für die Tonhöhe
Joseph Sauveur (1653–1716) und Ernst Chladni (1756–1827) schlugen eine auf C gegründete Stimmung vor. Ein tiefes C₆ sollte dabei die Frequenz 1 Hz haben. Das acht Oktaven höhere eingestrichene C c′ beziehungsweise c¹ hätte dann 2⁸ = 256 Hz. Dies liegt um −37,6 Cent gegenüber einer Stimmung mit a¹ = 440 Hz.
Aus c¹ = 256 Hz ergeben sich je nach Stimmung verschiedene A-Töne: die reine Sexte a¹ = 426 ²⁄₃ Hz, die pythagoreische Sexte A¹ = 432 Hz und die gleichschwebende Sexte A¹ = 430,538[96...] Hz. Bei gleichschwebender Temperierung werden die Oktaven in zwölf gleich große Halbtonschritte geteilt.
Giuseppe Verdi erwähnte 1884 in der italienischen Diskussion um 435 Hz für a¹ einmal 432 Schwingungen pro Sekunde. Als Ideal sollen Verdi und Nikolaus Harnoncourt 430 Hz vorgeschwebt haben.
Stimmen im Orchester und auf historischen Instrumenten
Traditionell wird der Kammerton mit einer Stimmgabel angegeben, die John Shore 1711 entwickelte; auch Stimmpfeifen und heute zunehmend elektronische Stimmgeräte werden verwendet. Zu Beginn einer Orchesterprobe oder Aufführung gibt gewöhnlich die Oboe den Ton vor. Der Konzertmeister, der führende Instrumentalist der ersten Geigen, stimmt seine Geige danach und gibt den Ton an das Orchester weiter. Klavier oder Orgel geben den Ton vor, wenn sie beteiligt sind, weil sie nicht ohne Aufwand stimmbar sind.
Tatsächliche Orchesterwerte unterscheiden sich: In der Schweiz und Italien sind 442 Hz verbreitet. Die Berliner Philharmoniker verwendeten unter Herbert von Karajan 445 Hz. Für die Wiener Philharmoniker wird beschrieben, dass seit etwa 1983 der Konzertmeister statt der Oboe den Ton vorgibt; damals wurde von 445 auf 444 Hz abgesenkt. 2016 wurde dort jedoch auf 443 Hz eingestimmt. Vor 1861 lag die Stimmung der Philharmoniker bei 466 Hz; unter Matteo Salvi wurde 1861 die Pariser Stimmung von 435 Hz übernommen.
Für historische Instrumente werden häufig 415 Hz für barockes Instrumentarium, 430 Hz für klassisches und 438 Hz für romantisches Instrumentarium verwendet. 415 Hz liegen gegenüber 440 Hz bei −101 Cent und damit ungefähr einen Halbton tiefer.
Instrumente und praktische Grenzen
Unterschiedliche Kammertöne sind besonders für Holzbläser problematisch. Streicher können ihre Tonhöhe vergleichsweise leicht erhöhen oder senken. Holzbläser haben dagegen nur wenig Spielraum; mehr als 3 bis 4 Hz nach oben oder unten sind schwer möglich. Auch Ansatz und Rohrblatt beeinflussen die Möglichkeiten. Klarinetten gelten als besonders kritisch, weil sie in die Duodezim überblasen und dadurch schnell „in sich“ unrein werden können.
Blechblasinstrumente lassen sich oft einen Halbton tiefer stimmen, mit ausgewechselten Stimmzügen sogar einen Ganzton. So wurden B-Trompeten und Cornets früher nach A umgestimmt, um Kreuztonarten, etwa in Georges Bizets Oper Carmen, leichter intonieren zu können. Manche Bläser besitzen daher ein Instrument für ihr Orchester und ein tieferes für Kirchenkonzerte, deren Orgeln oft bei 438 bis 440 Hz liegen.
Die Wahl des Stimmtons ist zudem durch schwer oder nicht laufend umstimmbaren Instrumente wie Klaviere, Orgeln und Schlagzeuge begrenzt. Bei Blasinstrumenten und Orgelpfeifen kann die Tonhöhe durch Temperaturänderungen stark schwanken, weil die Schallgeschwindigkeit temperaturabhängig ist. Auch Musiker ohne absolutes Gehör können beim Wechsel der Stimmhöhe Schwierigkeiten haben, sauber zu intonieren.
Einwände gegen hohe Stimmungen
Die verschiedenen historischen und praktischen Frequenzen zeigen, dass keine eindeutige Herleitung eines allgemein gültigen Kammertons angegeben wird. Bereits in den 1950er Jahren wurden laut dem Protokoll der Académie des Sciences von 1950 Zweifel an der Festlegung von 440 Hz geäußert; einige Musiker empfanden die Entscheidung als willkürlich.
Sängerinnen und Sänger können von einer hohen Orchesterstimmung besonders betroffen sein. Waltraud Meier und Birgit Nilsson setzten sich für eine Absenkung ein. Richard Strauss kritisierte 1942 die steigende Orchesterstimmung, weil hohe Partien für Sängerinnen dadurch noch schwerer auszuführen seien.
Zum Stimmen können Sinustöne von 431 bis 446 Hz verwendet werden. Bezogen auf 440 Hz reichen die im Artikel genannten Abweichungen von 431 Hz = −35,8 Cent über 435 Hz = −19,8 Cent und 440 Hz = ±0,0 Cent bis 445 Hz = +19,6 Cent und 446 Hz = +23,4 Cent.