Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
KZ Jasenovac
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und historischer Hintergrund
Das Konzentrationslager Jasenovac war das größte Sammel-, Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslager im sogenannten Unabhängigen Staat Kroatien (NDH). Nach der Zahl der Gefangenen gehörte es zu den größten Lagerkomplexen Europas. Es war das einzige Vernichtungslager im Europa des Zweiten Weltkriegs, in dem ohne deutsche Beteiligung planmäßig gemordet wurde. Die meisten Opfer waren Serben; außerdem wurden Juden, Roma und politische Gegner der Ustascha, darunter Kroaten und bosnische Muslime, inhaftiert und getötet.
Die Entstehung des Lagers hing mit der Zerschlagung des Königreichs Jugoslawien zusammen. Deutsche, italienische, ungarische und bulgarische Truppen besetzten das Land während des Balkanfeldzugs vom 6. bis 17. April 1941. Am 10. April proklamierte Slavko Kvaternik im Namen der faschistischen Ustascha-Bewegung den unter dem Schutz Adolf Hitlers und Benito Mussolinis stehenden NDH. Zu diesem Staat gehörten neben Kroatien auch Bosnien und Herzegowina sowie weitere Gebiete. Unter seinen etwa 3,3 Millionen Kroaten lebten rund 1,9 Millionen überwiegend serbische Einwohner, 700.000 Muslime und weitere Minderheiten.
Ab April 1941 führte der NDH nach dem Vorbild des nationalsozialistischen Deutschlands Rassengesetze gegen Serben, Juden und Roma ein. Im Staat wurden gleichzeitig der Völkermord an den Serben, der Völkermord an den Roma und der Holocaust an den Juden verübt. Die Ustascha-Diktatur unter Ante Pavelić verfolgte zudem zahlreiche politische Gegner. Auf dem Staatsgebiet entstanden ungefähr 40 Konzentrations- und Internierungslager. Das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zur Ustascha war uneinheitlich: Einige nationalistische Geistliche sympathisierten mit dem Regime, arbeiteten mit ihm zusammen oder beteiligten sich an Verbrechen, andere protestierten dagegen.
Entstehung, Lage und Aufbau
Die Internierung missliebiger Personen in Arbeitslagern und damit der Aufbau von Konzentrationslagern wurden durch die von Ante Pavelić erlassene Gesetzesanordnung Nr. CDXXIX-2101-Z-1941 vom 25. November 1941 formal legalisiert. Eugen Dido Kvaternik, Leiter der Staatspolizei und des Geheimdienstes Ustaška nadzorna služba, ließ Ende 1941 mit dem Bau beginnen. Unterstützt wurde er vom Innenminister Andrija Artuković. Gründer, Organisator und Kommandant des Lagerkomplexes war General Vjekoslav Luburić. Er hatte im KZ Sachsenhausen dessen Aufbau und eine Anlage zur systematischen Tötung sowjetischer Kriegsgefangener studiert und versuchte, dieses Modell zu übertragen.
Der Lagerkomplex lag etwa 95 Kilometer südöstlich von Zagreb am linken Ufer der Save, zwischen der Mündung der Una und Stara Gradiška. Die Lage am Zusammenfluss von Save, Una, Strug und Lonja erschwerte Fluchten; die nahe Bahnstrecke Belgrad–Zagreb erleichterte Transporte. Angaben über eine Gesamtfläche von bis zu 240 Quadratkilometern sind fragwürdig, weil dabei unklar ist, was zum „Komplex“ gerechnet wird.
Jasenovac bestand aus fünf Nebenlagern und drei kleineren Lagern. Hinzu kamen die Kinderkonzentrationslager Sisak, Gornja Rijeka und Jastrebarsko. Hauptzweck war die Vernichtung von Serben, Juden und Roma einschließlich ihrer Angehörigen und Kinder sowie von Angehörigen der serbisch-orthodoxen Amtskirche. Zugleich mussten Gefangene arbeiten: Im Lager wurden unter anderem Panzer repariert, Schiffsketten und Lederwaren für das Ustascha-Militär hergestellt und eine große Ziegelei betrieben. Der Lagerkomplex war nach dem Vorbild deutscher Konzentrationslager aufgebaut und wurde wegen seiner Größe als „Auschwitz des Balkans“ bezeichnet.
Die fünf Lager und die Zwangsarbeit
Jasenovac I bei Krapje und Jasenovac II bei Bročice wurden im August 1941 eingerichtet. Ihre ersten Gefangenen waren hauptsächlich Serben und Juden. Das erste Lager bestand aus drei Baracken, das zweite aus einer Baracke. Nach starken Regenfällen und Dammbrüchen wurde der Komplex im November 1941 überschwemmt; Überlebendenberichten zufolge ertranken bis zu 550 Gefangene. Beide Lager wurden aufgelöst und ihre Insassen nach Jasenovac III gebracht. Von 3.000 bis 4.000 Gefangenen überlebten nur 1.500 diese Überführung.
Jasenovac III, auch Ciglana („Ziegelei“) oder Sammellager III genannt, war das Hauptlager und der größte Teil des Komplexes. Wegen fehlender Baracken wurden die Gefangenen zunächst in einem großen Ziegeleigebäude untergebracht. Jasenovac IV, Kožara („Lederwaren“), wurde im Januar 1942 organisiert. Jasenovac V bei Stara Gradiška bestand seit 1941 als Außenlager mit eigener Verwaltung. Dort waren besonders Frauen sowie viele kroatische und bosniakische Gegner des Regimes inhaftiert.
Zeitweise war Jasenovac außerdem ein Durchgangslager für Gefangene, die in andere Vernichtungslager gebracht wurden. Gleichzeitig waren bis zu 5.000 Menschen interniert und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Eine zweite Lagerhierarchie aus sogenannten Funktionshäftlingen unterstützte die Bewachung und Kontrolle der übrigen Gefangenen.
Massentötungen und Auflösung
Viele Opfer kamen in Viehwaggons oder Lastwagen an. Von der Bahnendstation an der Save wurden sie mit einer Fähre nach Donja Gradina auf der gegenüberliegenden Flussseite im heutigen Bosnien und Herzegowina gebracht und dort ermordet. In Jasenovac gab es dafür keine Gaskammern. Anfangs wurden vor allem Schusswaffen eingesetzt, später Messer, Hacken, Beile, Äxte und Hämmer. Zu den verwendeten Werkzeugen soll ein Garbenmesser gehört haben, das als „srbosjek“ („Serbenschneider“) bezeichnet wurde. Selbst deutsche Militärs befürchteten, dass die extreme Gewalt den Widerstand stärken könnte; General Edmund Glaise von Horstenau äußerte dies im März 1942 gegenüber Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel.
Ein genaues Enddatum des Lagers lässt sich nicht bestimmen. Im April 1945 bereitete die Ustascha angesichts der Angriffe jugoslawischer Partisanen und des Vormarschs der Roten Armee die Schließung vor. Am Abend des 21. April wurde die letzte große Gruppe von 700 bis 900 Frauen hingerichtet. Von den noch lebenden 1.050 Männern planten einige für den 22. April einen Ausbruch. 600 unbewaffnete Gefangene stellten sich den schwer bewaffneten Wachen; 80 konnten fliehen, 520 wurden beim Versuch getötet. Weitere 460 zu alte, schwache oder kranke Gefangene, die im Hauptlager zurückgeblieben waren, ermordete die Ustascha. In den letzten Apriltagen wurden die übrigen Häftlinge getötet, Unterlagen vernichtet und das Lager gesprengt. Am 2. Mai 1945 erreichten jugoslawische Partisaneneinheiten das niedergebrannte Gelände.
Täter und Strafverfolgung
Die leitenden Stellen waren vor allem mit erfahrenen, Ante Pavelić ergebenen Ustascha aus dem Exil besetzt. Später kamen Nationalisten und Angehörige der Ustascha-Miliz hinzu. Gewalt, Tötungen und massiver Alkoholkonsum prägten das Lagerpersonal. Die Leitung konnte Korruption, Willkür und Disziplinlosigkeit nicht wirksam eindämmen. Gegen Angehörige des Personals wurde wegen Unterschlagung, Raub und Vergewaltigung ermittelt; einige wurden wegen Diebstahls oder Hehlerei hingerichtet. Inhaftierte Ustascha bildeten innerhalb des Gefangenenlagers eine besonders brutale Gruppe.
Zu den Kommandanten gehörten Ante Marić und Ivan Ranko in den ersten beiden Lagern. Miroslav Filipović, ein wegen seiner Beteiligung am Massaker von Banja Luka aus dem Franziskanerorden ausgeschlossener ehemaliger Priester, leitete Jasenovac III von Ende Juni bis Oktober 1942. Er wurde 1946 in Zagreb gehängt. Auch weitere katholische Geistliche waren in verantwortlichen oder ausführenden Funktionen tätig. Der zeitweilige Kommandant Dinko Šakić wurde 1998 aus Argentinien nach Kroatien ausgeliefert. Das Zagreber Kreisgericht verurteilte ihn 1999 wegen Kriegsverbrechen an Zivilisten zu 20 Jahren Haft.
Umstrittene Opferzahlen und Gedenken
Die Zahl der Todesopfer ist umstritten, weil besonders hohe oder niedrige Angaben auch politisch und propagandistisch eingesetzt wurden. Im sozialistischen Jugoslawien wurden bis zu 700.000 Tote genannt, obwohl die Regierung 1964 für ganz Jugoslawien nur knapp 600.000 Kriegsopfer namentlich nachweisen konnte. Die Statistiker Bogoljub Kočović und Vladimir Žerjavić kamen unabhängig voneinander auf bis zu 85.000 Opfer. Andere Angaben reichten von 30.000 bis 40.000 bei Franjo Tuđman bis zu mehr als einer Million bei Miodrag Bulatović.
Ein kroatisch-serbischer Historikerdialog einigte sich 2002 auf eine Größenordnung von ungefähr 60.000 bis 80.000 Toten. Das Standardwerk von Benz und Distel nannte 2009 zwischen 80.000 und 90.000. Weitere Einrichtungen und Historiker schätzen zwischen 77.000 und 100.000 Opfer. Das Bosniakische Institut veröffentlichte 1998 die Namen von 59.188 Opfern, bezeichnete die zugrunde liegende Erhebung von 1964 aber als unvollständig. Forscher des Belgrader Museums für Genozidopfer ermittelten 80.000 bis 90.000 Tote; Dragan Cvetković schätzt die Gesamtzahl dagegen auf 120.000 bis 130.000.
Auch die Gedenkstätten nennen unterschiedliche Zahlen: Donja Gradina hält an 700.000 fest, während die Gedenkstätte Jasenovac von etwa 80.000 ausgeht. Ihre bis zum 18. April 2010 erarbeitete, noch unvollständige Namensliste umfasst 83.145 Menschen: 47.627 Serben, 16.173 Roma, 13.116 Juden und 4.255 Kroaten sowie weitere Opfer. Wegen der lückenhaften Quellenlage darf diese Namensliste nicht ohne Weiteres als endgültige Gesamtzahl verstanden werden.
Nachdem die Lagerreste weitgehend verfallen waren, gestaltete der jugoslawische Architekt und Bildhauer Bogdan Bogdanović das Gelände von 1959 bis 1966 zu einer Gedenkstätte um. Ihr Mittelpunkt ist das Monument „Steinerne Blume“. Erdkrater markieren die Standorte ehemaliger Baracken; der Weg zum Denkmal ist mit Eisenbahnschwellen des früheren lagerinternen Transportwegs ausgelegt.